Nachbarschaft verpflichtet

„Die Geschichte ist nicht vorbei“

9 Juli 2026, 05:00 Kolumne , Politik

Seit drei Monaten wohne ich in den Gästezimmern der Ruhr-Universität Bochum, die sich auf dem Gelände des Schlossparks Bochum-Weitmar befinden. Ein außergewöhnlicher Ort. Von der mittelalterlichen Burg ist nur eine malerische Ruine erhalten geblieben – die äußeren Mauern stehen noch, und zwischen ihnen wurde vor einigen Jahren ein moderner, kubischer Baukörper errichtet.

So entstand eine ungewöhnliche architektonische Komposition, in der Geschichte und Gegenwart buchstäblich miteinander verschmelzen. Hier befinden sich eine Kunstgalerie, ein kleines Café sowie Gästezimmer der Universität. Einige Dutzend Meter weiter liegen die Ruinen des ehemaligen Klosters und der Sitz des Museums unter Tage – eines Museums für zeitgenössische Kunst, das unterirdisch untergebracht ist.

Ins Museum kam ich eigentlich durch Zufall. Ein Kollege vom Bochumer Historischen Institut nahm an einer Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung „Die Kids sind nicht alright!” teil, und so verabredeten wir uns und besuchten sie gemeinsam. Die Ausstellung mit dem faszinierenden Titel zeigt Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die in der Spätphase der DDR aufgewachsen oder um das Wendejahr 1989 in Ostdeutschland geboren wurden.

„Die Vergangenheit existiert nicht nur in Archiven, sondern auch in Familienerzählungen, Verschweigen, Emotionen und Konflikten zwischen den Generationen.”

Es ist eine Generation, die die DDR-Existenz nicht bewusst miterlebt hat, aber im Schatten dieses Erbes aufgewachsen ist. Sie erzählt nicht von eigenen Erinnerungen, sondern setzt sich mit den Erinnerungen der Eltern- und Großelterngeneration auseinander. In mehreren Sälen sind Videoinstallationen, Fotografien, Skulpturen und konzeptuelle Arbeiten versammelt. Jede von ihnen erzählt eine andere Geschichte über Erinnerung, Identität und die Erfahrung der Transformation.

Eine Arbeit fesselte meine Aufmerksamkeit besonders lange. Auf einem kleinen Sockel steht eine schwarze Metallurne. Darauf eine schlichte Aufschrift: „Stasi-Akten Familie Donath“. Der erste Gedanke stellt sich fast automatisch ein. Befinden sich darin verbrannte Familienakten? Erst der begleitende Kommentar zur Installation klärt auf, dass die Urne … leer ist.

Die Künstlerin Susan Donath war zehn Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Zwanzig Jahre später beschloss sie, sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen. Sie wollte Zugang zu den Stasi-Akten ihrer Eltern und Großeltern erhalten und sie anschließend – nach der Lektüre – verbrennen, die Asche in einer Urne sammeln und diese auf dem Familiengrundstück begraben. Diese Geste sollte den symbolischen Abschluss eines Kapitels der Familiengeschichte markieren.

Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Das Vorhaben ließ sich jedoch nicht verwirklichen. Die Eltern verweigerten die Zustimmung zur Herausgabe ihrer Akten. Der Vater, der vor 1989 der SED angehört hatte und den die Stasi zur Zusammenarbeit zu bewegen versucht hatte, war von der Frage seiner Tochter überrascht und erbat sich Bedenkzeit. Schließlich lehnte er ebenso ab wie die Mutter der Künstlerin, die auf die Idee noch emotionaler reagierte und ihrer Tochter zugleich an die „guten Seiten“ des Lebens in der DDR erinnerte. Nur die Großmutter entschied sich, ihre Akten zu beantragen. In der Familie begannen Gespräche, Auseinandersetzungen und immer neue Fragen. Die Künstlerin selbst erhielt die – im Übrigen vorhersehbare – Antwort, dass … sie keine eigene Akte besitze.

Die Urne blieb also leer. Und gerade deshalb ist sie so vielsagend.

Den wichtigsten Satz für das gesamte Projekt findet man weder auf dem Sockel noch in der Installation selbst, sondern im begleitenden Wandtext. Susan Donath schreibt dort: „…weil die Geschichte nicht vorbei ist.“

Dieser Satz betrifft nicht nur die DDR. Er betrifft alle Gesellschaften, die versuchen, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit unter einer Diktatur auseinanderzusetzen. Als Historiker begann ich mich zu fragen, ob ähnliche Projekte auch in Polen entstanden sind. Es geht nicht um Ausstellungen zum Kommunismus oder zur Tätigkeit des Sicherheitsapparats – davon gab es viele.

Es geht um den künstlerischen Versuch, die eigene Familiengeschichte zu erkunden und den engsten Angehörigen Fragen zu einer gemeinsamen Vergangenheit zu stellen. Vielleicht gibt es solche Arbeiten bereits, und ich kenne sie einfach nicht – ich würde gerne davon erfahren. Sollte es sie tatsächlich nicht geben, ist der Grund dafür selbst eine Überlegung wert.

Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Historiker glauben gewöhnlich, dass sich Antworten in Archiven finden lassen. Susan Donath zeigt das Gegenteil. Das Archiv schließt die Geschichte nicht ab – manchmal öffnet es sie erst. Akten können familiäre Konflikte neu entfachen, indem sie verstaubte, vergessene oder verdrängte Stränge neu aufreißen.

Aus der Erzählung der Großmutter ging hervor, dass sie in einer bestimmten, kleinen Angelegenheit von einem nahen Verwandten angezeigt worden war… Dies bewegte den Großvater so sehr, dass auch er beschloss, seinen Antrag beim Archiv zurückzuziehen. Er kam zu dem Schluss, dass er sich einer Konfrontation mit dem Familienmitglied nicht gewachsen fühle…

Die leere Urne wurde für mich zu einer der eindrücklichsten Metaphern dieser Ausstellung. Sie steht für eine Vergangenheit, die sich bis heute nicht abschließen lässt, obwohl die Mittel zur Erkenntnis und zum „Abschluss“ der Erfahrungen dieser einen Familie durchaus vorhanden wären. Ihre Mitglieder sind nach wie vor nicht in der Lage, die Last der Rückkehr zu den früheren Ereignissen und ihrer persönlichen Aufarbeitung zu tragen. Die Vergangenheit lässt sich noch nicht symbolisch begraben. Die Geschichte erwies sich als stärker als die künstlerische Geste.

Die Ausstellung „Die Kids sind nicht alright!“ liefert keine einfachen Antworten. Sie zeigt jedoch, welch enormes Erkenntnispotenzial in der zeitgenössischen Kunst steckt. Junge Künstlerinnen und Künstler stellen Fragen, die Historiker nicht immer zu erkennen vermögen, weil sie sich zu sehr auf Fakten, Dokumente und Chronologie sowie auf eingefahrene Erklärungsmuster und Deutungsrahmen konzentrieren. Sie erinnern daran, dass die Vergangenheit nicht nur in Archiven existiert, sondern auch in Familienerzählungen, Verschweigen, Emotionen und Konflikten zwischen den Generationen.

„Die Geschichte ist nicht vorbei“, schreibt Susan Donath.

Gerade deshalb lohnt es sich, von Zeit zu Zeit ein Museum für zeitgenössische Kunst zu besuchen – nicht nur, um Kunst zu betrachten, sondern auch, um Geschichte und Gegenwart besser zu verstehen.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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