Was bleibt und was bleibt zu tun?

Das 31. Schlesienseminar widmet sich dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag

16 Oktober 2026, 14:02 Kultur , Nachrichten

Ende Oktober und Anfang November findet das 31. Schlesienseminar in Groß Stein, Oppeln und – zum ersten Mal – auch in Gleiwitz statt. Das vielfältige Programm steht unter dem Titel „Nicht gegeneinander, sondern miteinander. 35 Jahre Vertrag über gute Nachbarschaft: Versöhnung, Vertrauen, Bilanz und aktuelle Herausforderungen“.

Vor dem Konsulat der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln präsentierten die Konsulin Marlen Sulzer und der Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit Lucjan Dzumla am Donnerstag während einer Pressekonferenz das Programm des Seminars. Die Konsulin Marlen Sulzer verortet die Entstehung des Nachbarschaftsvertrags in der Zeit des Umbruchs der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Sie verweist auf Michail Gorbatschows Konzept des gemeinsamen europäischen Hauses: „Damals sagte der Präsident der UdSSR Michael Gorbatschow, es sei ein europäisches Haus zu schaffen. Und diese Worte fanden tatsächlich ihren Ausdruck in diesem Vertrag.“

Das Schlesienseminar, das dieses Jahr zum 31. Mal stattfindet, möchte die Bilanz der 35 Jahre Nachbarschaftsvertrag mit einem Blick auf die aktuellen deutsch-polnischen Beziehungen verbinden.

Ein Vertrag als Fundament der Versöhnung

Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag wurde am 17. Juni 1991 in Warschau unterzeichnet und trat 1992 in Kraft. Zusammen mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag stellte er die Beziehungen zwischen beiden Ländern nach dem politischen Umbruch in Polen und der Wiedervereinigung Deutschlands auf eine neue Grundlage. Er trug wesentlich dazu bei, das sehr schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und Polen auf den Weg einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zu bringen.

35 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zieht das Schlesienseminar Bilanz und diskutiert Perspektiven für die Zukunft.
Foto: M. Ballhausen

Konsulin Marlen Sulzer bezeichnet den Nachbarschaftsvertrag vor dem Hintergrund der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs als ein Wunder. Bei der Präsentation des Seminarprogramms sagte sie: „Was Deutschland Polen angetan hat, ist ohne Beispiel. Deshalb haben wir es heute mit dem Nachbarschaftsvertrag mit einem Wunder zu tun.“

Der Nachbarschaftsvertrag regelt verschiedenste Bereiche der Zusammenarbeit von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bis zur Verteidigung. Er setzte aber insbesondere auch im Bereich des Minderheitenschutzes wichtige neue Standards. Er schuf einen vertraglichen Rahmen für den Schutz der deutschen Minderheit in Polen und der Menschen in Deutschland, die sich der polnischen Sprache, Kultur und Tradition verbunden fühlen. Im Laufe der Jahre wurden die Regelungen des Vertrags durch nationale und internationale Normen ergänzt und erweitert. Dennoch bildet der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag weiterhin ein Fundament der deutsch-polnischen Beziehungen.

„Spannend ist dieses Jahr, dass wir mehr in die Diskussion gehen. Es wird also öfter nur kurze Inputs geben und dann werden die Experten und auch das Publikum gemeinsam diskutieren.“
Lucjan Dzumla, Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit

Von einem zweiten Wunder spricht Konsulin Marlen Sulzer im Zusammenhang mit Artikel 38 des Vertrags: „Dieser Vertrag war zunächst zehn Jahre nur gültig und sollte sich stillschweigend verlängern, wenn niemand etwas dagegen einzuwenden hat. Das zweite Wunder besteht darin, dass wir in unseren Beziehungen immer weiter vorangeschritten sind, dass wir Freundschaft geschlossen haben. Aus deutscher Sicht erfüllt mich das persönlich auch mit großer Dankbarkeit.“

Bisweilen wurde diskutiert, ob der Vertrag noch zeitgemäß ist oder ob es einer neuen Grundlage für die deutsch-polnischen Beziehungen bedarf. Das Schlesienseminar wird sich auch mit den aktuellen Herausforderungen auseinandersetzen.

Eine Ausstellung über 35 Jahre Nachbarschaftsvertrag

Die Bedeutung des Vertrags und seine Wirkung bis in die Gegenwart stehen auch im Mittelpunkt einer Ausstellung, die zum Jubiläum unter dem Titel „Nicht gegeneinander, sondern miteinander. 35 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag“ entstanden ist. Sie wird in Groß Stein im Rahmen des Seminars eröffnet und ist bereits jetzt und noch den ganzen Oktober am Zaun des Deutschen Konsulats in Oppeln zu sehen.

Die Ausstellung „Nicht gegeneinander, sondern miteinander“ erinnert an 35 Jahre deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag und zeigt dessen Bedeutung für die Zusammenarbeit beider Länder.
Foto: M. Ballhausen

Wie der Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, Lucjan Dzumla, erklärt, ist das kein Zufall: „Wir wollen extra, dass die Ausstellung zur Zeit als Schlesienseminar in Oppeln da ist, dass sie auch zu sehen sein wird“, sagt er. Auf 17 Tafeln werden die Inhalte und vor allem die Ergebnisse des Vertrags dargestellt, mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Minderheit und des regionalen Kontexts. Konsulin Marlen Sulzer sagt zur Ausstellung: „Es ist ganz natürlich, dass diese Ausstellung hier am Deutschen Konsulat hängt, weil wir jeden Tag uns verpflichtet sehen, diesen Vertrag mit Leben zu erfüllen.“

Eine weitere Station der Ausstellung ist die Bibliothek der Schlesischen Technischen Universität in Gleiwitz. Dort wird sie vom 4. bis zum 18. November zu sehen sein.

Von der historischen Bilanz zur gemeinsamen Zukunft

Das Programm des Seminars bietet einerseits einen Rückblick auf die Entstehung des Vertrags und die vergangenen 35 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaft. Andererseits richtet es den Blick auf die Zukunft: Vorträge und Diskussionen befassen sich mit den aktuellen politischen, gesellschaftlichen und historischen Herausforderungen. Dabei setzt das Seminar dieses Mal stärker auf den Austausch. Lucjan Dzumla erklärt: „Spannend ist dieses Jahr, dass wir mehr in die Diskussion gehen. Es wird also öfter nur kurze Inputs geben und dann werden die Experten und auch das Publikum gemeinsam diskutieren.“

Bilanz in Groß Stein

Den Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Ein Vertrag, der Europa veränderte? Polen und Deutschland nach 1989“ hält am 27. Oktober in Groß Stein Professor Krzysztof Ruchniewicz von der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Wrocław. Er zeichnet auch für das Gesamtprogramm des Seminars verantwortlich.

Für die anschließende Eröffnungsdiskussion konnten mit Prof. Jerzy Sułek und Prof. Jan Barcz zwei Experten gewonnen werden, die an den deutsch-polnischen Vertragsverhandlungen selbst beteiligt waren. Sułek war der polnische Hauptverhandlungsführer des Nachbarschaftsvertrags von 1991. Barcz ist Jurist und Diplomat und gehörte dem Verhandlungsteam für die deutsch-polnischen Verträge von 1990 und 1991 an. Ergänzt wird die Runde durch Prof. Witold Góralski, Jurist und Diplomat, der damals an der polnischen Botschaft in Bonn tätig war, sowie Prof. Dr. habil. Klaus Ziemer, einen deutschen Politologen und Historiker mit Schwerpunkt auf der neueren polnischen Geschichte und den deutsch-polnischen Beziehungen. Moderiert wird die Diskussion von Prof. Krzysztof Ruchniewicz.

 

Ausblicke in Oppeln

Am 28. und 29. Oktober findet das Seminar in der Öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln statt. Am 28. Oktober geht es unter anderem um die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen und die Zusammenarbeit in Europa. Ein weiteres Panel widmet sich den aktuellen Herausforderungen für die deutsche Minderheit in Polen.

An der Diskussion nehmen Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Michał Kokot, Deutschlandkorrespondent der Gazeta Wyborcza, Dr. Marek Mazurkiewicz, Politikwissenschaftler und Deutschlandexperte an der Universität Oppeln und am Schlesischen Institut in Oppeln, sowie Bernard Gaida, Beauftragter des VdG für internationale Zusammenarbeit und ehemaliger Vorsitzender des Verbands sowie der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) teil. Die Moderation übernimmt Krzysztof Ogiolda.

Konsulin Marlen Sulzer und Lucjan Dzumla, Generaldirektor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, stellten das Programm des 31. Schlesienseminars am Deutschen Konsulat in Oppeln vor.
Foto: M. Ballhausen

Im Rahmenprogramm findet außerdem ein historischer Stadtspaziergang mit Aneta Lissy-Kluczny statt. Unter dem Titel „Oppeln – eine Stadt, die es nicht gibt?“ geht es um die deutsch-polnische Geschichte der Stadt und um die Spuren des früheren Oppeln im heutigen Stadtbild.

Ein weiterer Teil des Begleitprogramms richtet sich an Jugendliche. Lucjan Dzumla erläutert: „Da sind Jugendliche aus den weiterführenden Schulen, aus den Lyzeen eingeladen und wir werden mit den Jugendlichen sprechen, wie sie sich die deutsch-polnischen Beziehungen vorstellen.“ Die Diskussion findet unter dem Titel „Vertrag 2041. Welche deutsch-polnische Nachbarschaft wünscht sich die junge Generation?“ statt.

Am 28. Oktober steht am Abend die Frage nach einer neuen Grundlage der deutsch-polnischen Beziehungen im Mittelpunkt. Die Diskussionsveranstaltung „Was kommt nach dem Vertrag? Deutsch-polnische Beziehungen auf der Suche nach einer neuen Formel“ findet in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung statt. Moderiert wird sie von Marta Zawilska-Florczuk, Programmkoordinatorin und Deutschlandexpertin bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen. Mitdiskutieren werden Lidia Gibadło, Analystin für deutsche Außen- und Europapolitik am Zentrum für Oststudien (OSW), und Dr. Tomasz Morozowski, Politikwissenschaftler und Analyst am West-Institut in Posen.

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Am 29. Oktober steht die deutsch-polnische Versöhnung im Zentrum. Im Panel „Bilanz des Versöhnungsprozesses? Neue Herausforderungen für die deutsch-polnische Nachbarschaft“ diskutieren unter anderem Dr. Jacek Stawiski, Chefredakteur der Wochenzeitschrift Tygodnik Powszechny, Prof. Violetta Julkowska von der Universität Adam Mickiewicz in Posen und Michał Czapliński, Mitbegründer der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. Die Moderation übernimmt Dr. habil. Joanna Kulska von der Universität Oppeln.

Den Abschluss des Seminars bildet ein Gespräch mit Eugeniusz Smolar unter dem Titel „Trumpismus und Europa: Auf der Suche nach Quellen der Sicherheit und Entwicklung“. Moderiert wird es von Prof. Krzysztof Ruchniewicz und Dr. Jacek Stawiski.

Gleiwitzer Tag am 4. November

Zum ersten Mal findet dieses Jahr auch ein Teil des Schlesienseminars in Gleiwitz statt. Der Gleiwitzer Tag des 31. Schlesienseminars steht am 4. November unter dem Motto „Wie erzählen wir unsere gemeinsame Geschichte? Kultur, Erinnerung und gute Nachbarschaft in Schlesien“. Veranstaltungsort ist die Bibliothek der Schlesischen Technischen Universität.

Den Einführungsvortrag hält Dr. Robert Żurek von der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. Im Anschluss geht es in zwei Gesprächsrunden um die Darstellung des multikulturellen Schlesiens in Kunst und Kultur sowie um die Frage, wie sich schwierige Geschichte so vermitteln lässt, dass Verständigung möglich wird. Zu den Beteiligten gehören unter anderem der Gleiwitzer Museumsdirektor Leszek Jodliński, der Theaterregisseur und Intendant Robert Talarczyk sowie die Literaturwissenschaftlerin Dr. Karolina Pospiszil.

Der Gleiwitzer Tag soll nach dem Wunsch von Lucjan Dzumla in den kommenden Jahren zu einem festen Bestandteil des Seminars werden. Zum Begleitprogramm gehört außerdem eine Filmvorführung: Am Abend des 4. November wird „Coffee in Berlin“ im Kino Roma in Zabrze gezeigt.

Teilnahme und Anmeldung

Die Teilnahme am Schlesienseminar ist kostenlos. Das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit bittet um Anmeldung bis zum 24. Oktober 2026.

Kontakt:

Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit

Telefon +48 77 407 95 15

E-Mail: haus@haus.pl.

Das vollständige Programm ist auf der Internetseite des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit zu finden.

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