Wild wachsende Zwetschgenbäume sind in der schlesischen Landschaft nichts Ungewöhnliches. Man kann ganz zufällig auf sie stoßen – irgendwo in der Umgebung von Grünberg, zwischen alten Sorten von Zwetschgen, die nach der Sonne suchen, klein, aber außergewöhnlich süß, vor allem am Ende der Saison.
Es gibt auch verlassene Obstgärten. Etwa diejenigen in der Nähe von Bunzlau, Steinau an der Oder oder im Katzengebirge können zu dieser Jahreszeit reichlich Früchte hervorbringen, die einfach zu Boden fallen. Ein Teil davon wird von Wildtieren gefressen, ein Teil verfault, und einen Teil kann man schließlich mit nach Hause nehmen und daraus etwas richtig Leckeres machen.
Vielleicht mag ich gerade deshalb diese alten Rezepte so gern. Sie erzählen nicht nur vom Essen. Sie erzählen davon, was rund ums Haus wuchs, was auf den Markt kam, was in der Zeitung beworben wurde und was eine Hausfrau aus dem zubereiten konnte, was sie gerade zur Hand hatte.
Jedes Mal, wenn ich diese Obstbäume sehe, wundere ich mich ein wenig darüber, dass sich niemand um sie kümmert. Niemand schneidet die Kronen zurück, niemand entfernt die zahlreichen jungen Wildtriebe, niemand bekämpft Schädlinge. Und trotzdem tragen sie Früchte. Und was für welche! Die Früchte sind gesund, aromatisch und oft erstaunlich groß und saftig. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Alte Sorten brauchen keine besondere Pflege, um zu überleben. Ein wenig Sonne und ein Stück Erde genügen ihnen. Moderne Pflaumensorten sind oft größer, stattlicher und zweifellos schön, doch in Geschmack und Widerstandsfähigkeit können sie mit den alten Sorten nur schwer mithalten. Leicht angetrocknet und am Stielansatz schon etwas runzelig, eignen sie sich hervorragend für Marmelade oder Kompott. Man kann sie zu Fleisch servieren, für eine Sauce verwenden oder Schweinefleisch damit spicken. Man kann sie trocknen, räuchern – und wer an die schlesische Küche denkt, sollte den „Schlesischen Himmel“ nicht vergessen, der ohne Pflaumen eigentlich nicht dasselbe Gericht wäre.

Körbe mit frisch gepflückten Zwetschgen, 1940.
Foto: Gremmler, Karl Theodor
Quelle: SLUB Dresden
Pflaumen zwischen Sage und Kriegswirtschaft
Die Pflaume hat in Schlesien übrigens ihre eigenen Geschichten. Eine davon findet man in den 1930 veröffentlichten „Sagen vom Rübezahl, dem Herrscher des Riesengebirges“. Im siebten Kapitel geht es um außergewöhnliche Pflaumen, die nur an einem einzigen Ort am Fuß des Riesengebirges wuchsen. Sie waren besonders süß, saftig und schmackhaft. Viele Gärtner versuchten, sie zu vermehren, jedoch ohne Erfolg. Die Kerne, die man anderswo einpflanzte, wollten einfach keine Früchte gleicher Art hervorbringen. Eines Tages begegnete ein Jäger hoch oben in den Bergen einem erschöpften und hungrigen alten Mann. Der Mann hatte sich auf der Suche nach Arbeit verirrt und war bereits dem Hungertod nahe. Der Jäger zeigte ihm einen außergewöhnlichen Pflaumenbaum, der ganz in der Nähe wuchs, und gab ihm einige Früchte. Der Alte aß sie mit großem Appetit und kam schnell wieder zu Kräften. Als der Jäger sah, wie wunderbar die Pflaumen wirkten, riet er ihm, die Kerne zu sammeln und sie rund um seine Hütte einzupflanzen. So sollte der Alte für seine Nahrung sorgen und sich darum kümmern, dass die außergewöhnlichen Früchte direkt vor seinem Haus wuchsen.
Ob es tatsächlich so gekommen ist? Das verrate ich nicht. Schließlich möchte ich die Freude an der alten Geschichte nicht verderben. Nur so viel sei gesagt: Ihr Ende ist längst nicht so eindeutig, wie man vielleicht erwarten würde.
Die Pflaumen spielten jedoch nicht nur in Sagen eine Rolle. Während des Ersten Weltkriegs wurden sie, ebenso wie anderes Obst, beschlagnahmt, und ihre Verwendung war auf den Bedarf des eigenen Haushalts beschränkt. In der alten Presse findet man zahlreiche Bekanntmachungen und Hinweise auf Sanktionen für den Fall, dass die Anordnungen der Behörden nicht befolgt wurden. Selbst eine ganz gewöhnliche Pflaume konnte also irgendwann Teil der Kriegswirtschaft werden.

Postkarte mit Blick auf den Tauentzienplatz in Breslau. Unter der Nummer 9 verkaufte Carl Sowa 1906 seine Pflaumenmarmeladen.
Quelle: Polona
Später kamen die Anzeigen hinzu. Im „Amtlichen Kreisblatt für den Kreis Freystadt“ wurde 1927 das Pflanzenfett „Palmin“ beworben, das sich hervorragend für Pflaumenkuchen, aber auch für „Pflaumen im Schlafrock“ eignen sollte. Dr. Oetker warb in der „Rybniker Zeitung“ und anderen schlesischen Zeitungen für einen Obstkuchen mit Herbstfrüchten – mit Äpfeln oder entsteinten Pflaumen. Und in der „Schlesischen Zeitung“ warb Carl Sowa bereits 1906 für seine Pflaumenmarmeladen. Kaufen konnte man sie im damaligen Breslau am Tauentzienplatz 9, gegen Barzahlung oder per Nachnahme. Die Ware wurde per Post oder Bahn ohne zusätzliche Kosten verschickt. Dabei versicherte Sowa, dass die Qualität seines deutschen Erzeugnisses so gut sei, dass selbst englische Produkte ihr nichts anhaben könnten.

Anzeige in der Zeitung „Der Oberschlesische Wanderer“, 1927.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek
Vom Pflaumenbaum zu den Pflaumenknödeln
Am besten gefällt mir jedoch eine Bemerkung, die ich in der „Kattowitzer Zeitung“ gefunden habe. Der Autor schwärmt von dem Vergnügen, einen jungen Pflaumenbaum kräftig zu schütteln, damit die reifen Früchte zu Boden fallen. Seiner Meinung nach gibt es nichts Köstlicheres als eine reife, duftende Pflaume. Was sind dagegen die Pflaumen, die auf dem Markt auf einen Käufer warten?
Und dann noch etwas: Pflaumenkuchen! Und gleich danach: Pflaumenknödel. Der Autor räumt zwar ein, dass Pflaumenknödel eine wahre Gaumenfreude sind, dem Magen jedoch durchaus zu schaffen machen können, weil man immer mehr davon isst, als man eigentlich verdauen kann.
Dem kann ich nur zustimmen. Vor allem, wenn sie nach Pflaumen, Butter und gerösteten Semmelbröseln duften.

Frauen beim Sortieren von Zwetschgen, 1940.
Foto: Gremmler, Karl Theodor
Quelle: SLUB Dresden
Meine letzte Ernte wilder Pflaumen war eigentlich eher zufällig. Einen großen Vorrat an Pflaumen wollte ich gar nicht anlegen, deshalb habe ich nur wenige Früchte gesammelt, aber gerade genug für einen Kuchen, Kompott und natürlich für Pflaumenknödel. Und genau dann griff ich zu einem Rezept, das fast hundert Jahre alt ist. Im Jahr 1932 veröffentlichte die „Zeitschrift der Landwirtschaftskammer Niederschlesien“ eine eigene Kolumne rund um die Pflaume. Sie trug den schlichten und vielversprechenden Titel: „Allerlei aus Pflaumen“. Darunter fand sich auch ein Rezept für Pflaumenknödel.
Für den Teig wurden ½ kg gekochte Kartoffeln, ein Ei und ½ kg Mehl verwendet. Anschließend rollte man den Teig auf einem gut bemehlten Nudelbrett etwa einen halben Zentimeter dick aus und schnitt ihn in Quadrate von fünf mal fünf Zentimetern. In die Mitte jedes Quadrats kam eine Pflaume. Dann wurde der Teig rund um die Frucht zusammengedrückt und zu einer Kugel geformt.
Es gab auch einen kleinen Trick für besonders saure Pflaumen. Man konnte den Stein entfernen und stattdessen ein Stückchen Zucker hineinlegen.
Die Knödel wurden in Salzwasser gekocht – etwa fünf bis sechs Minuten – und anschließend mit in Butter gerösteten Semmelbröseln übergossen.
Und das war’s.
Keine komplizierten Zutaten, keine ausgeklügelten Techniken. Kartoffeln, Mehl, Pflaumen, etwas Salz, Butter und Semmelbrösel.
Vielleicht mag ich gerade deshalb diese alten Rezepte so gern. Sie erzählen nicht nur vom Essen. Sie erzählen davon, was rund ums Haus wuchs, was auf den Markt kam, was in der Zeitung beworben wurde und was eine Hausfrau aus dem zubereiten konnte, was sie gerade zur Hand hatte.
Und manchmal genügt es einfach, einen alten Feld- oder Waldweg entlangzugehen, an einem Pflaumenbaum zu rütteln und darauf zu warten, dass ein paar reife Früchte direkt vor die Füße fallen. Der Rest beginnt dann in der Küche.