Koordinatorin Sybilla Dzumla spricht im Interview mit Anna Durecka über die Entwicklung des Projekts „Deutsch AG“, sinkendes Interesse am Deutschlernen und die Frage, warum gute Lehrer und gute Materialien für den Projekterfolg entscheidend sind.
Erinnern wir vielleicht kurz daran, was das Projekt Deutsch AG ausmacht.
Das Projekt Deutsch AG ist ein Sprachförderprojekt, dass wir in allen Regionen anbieten, in denen die deutsche Minderheit lebt. Es richtet sich an Kinder, die Deutsch als Minderheitensprache an ihren Grundschulen lernen und im Rahmen des Projekts zusätzliche Deutschstunden absolvieren können. Das Projekt startete bereits 2020, läuft also inzwischen im siebten Jahr, und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit unter den Grundschülern.
Am Anfang waren die siebten und achten Klassen unsere Zielgruppe. Später, in den Jahren der Diskriminierung des Deutschunterrichts, wurde die Zielgruppe um jüngere Schüler erweitert, nämlich um die vierten, fünften und sechsten Klassen der Grundschulen. Nachdem die Diskriminierung aufgehoben worden war, haben wir uns dennoch entschieden, die Zielgruppe noch einmal zu erweitern und auch die jüngsten Schüler der ersten, zweiten und dritten Klassen einzubeziehen.

Die Deutsch AG bietet zusätzliche Möglichkeiten, die deutschen Sprachkenntnisse zu erweitern.
Foto: Deutsch AG
Wir haben gesehen, welche Folgen die Diskriminierung hatte und wie das Niveau der Sprachkenntnisse bei den Kindern in den Grundschulen in dieser relativ kurzen Zeit gesunken ist. Es waren zwar nur zwei Jahre, aber immerhin hat sich das in dieser Zeit deutlich bemerkbar gemacht.
Kann man nun von einem Ausgleich sprechen? Ist das Niveau der Deutschkenntnisse unter den Schülern inzwischen wieder vergleichbar?
Genaue Daten dazu kennen wir nicht. Wir führen aber jedes Jahr am Ende des Semesters im Rahmen des Projekts einen Sprachtest durch. Und tatsächlich waren die Ergebnisse noch vor einem oder zwei Jahren deutlich schlechter als beispielsweise im Juni dieses Jahres, also nach Abschluss des letzten Schuljahres. Das heißt, dass das Niveau der Sprachkenntnisse langsam wieder ansteigt.
Aber das Niveau, das vor 2020 kontinuierlich erreicht werden konnte, haben wir noch lange nicht wieder erreicht. Wir liegen nach wie vor darunter. Das hängt, glaube ich, nicht nur damit zusammen, wie viele Stunden pro Woche unterrichtet werden. Mit dem Deutsch-AG-Projekt haben wir zusammen mit dem regulären Unterricht ein Volumen von fünf Deutschstunden pro Woche.
Wenn wir aber über die Ergebnisse sprechen, müssen wir natürlich vom Durchschnitt ausgehen. Und beim Durchschnitt sehen wir, dass das Interesse an der deutschen Sprache sinkt. Damit sinkt auch die Motivation, Deutsch über das Niveau hinaus zu lernen, das die Schüler beispielsweise benötigen, um die Abschlussprüfung nach der achten Klasse zu bestehen.
Früher war es tatsächlich so, dass wir sehr viele Schülerinnen und Schüler hatten, die damals nach der achten Klasse beziehungsweise nach dem Gymnasium das B1- oder B2-Niveau relativ problemlos erreichen konnten.
Jetzt sind das eher Ausnahmen. Bei der breiten Masse sind wir schon froh, wenn sie das A2-Niveau erreicht.
Wann wird der Fortschritt, den Sie sich vor der Erweiterung des Projekts um jüngere Jahrgänge erhoffen, tatsächlich „messbar“ sein?
Die jüngsten Kinder haben wir erst seit einem Jahr im Projekt. Über die Ergebnisse können wir deshalb erst in vier oder fünf Jahren sprechen, wenn diese Kinder die achte Klasse erreichen. Dann können wir ihre Ergebnisse mit denen der Achtklässler vergleichen und messen.
Das war auch der Grund, warum wir die Zielgruppe des Projekts überhaupt erweitert haben. Wir haben schon vor zwei Jahren beobachtet, dass die Sprachkenntnisse gesunken sind. Deshalb haben wir den Entschluss gefasst, mit der erweiterten Form früher anzufangen, also schon bei den jüngeren Schülern und nicht erst bei den Siebt- und Achtklässlern. Die Defizite bei der Sprachkompetenz, die wir beobachtet haben, lassen sich in diesen kurzen zwei Jahren nicht ausgleichen.

Deutschlernen steht im Mittelpunkt der zusätzlichen Unterrichtsstunde.
Foto: Deutsch AG
Wir hoffen deshalb, dass sich die Entscheidung, die wir vor einem Jahr getroffen haben, auszahlen wird und dass wir in vier oder fünf Jahren wieder das Niveau von 2020 erreichen können.
Die Tendenz ist wahrscheinlich, dass Kinder allgemein nicht mehr so gerne lernen – nicht nur die deutsche Sprache, oder?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Aber was feststeht – und dazu gibt es auch Untersuchungen und Analysen des Goethe-Instituts –, ist, dass generell das Interesse an der deutschen Sprache in Polen sinkt. Das betrifft auch die Regionen, in denen die deutsche Minderheit lebt.
Nicht nur polenweit, wo Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird, sondern auch innerhalb der deutschen Minderheit müssen wir immer wieder aufs Neue für die Teilnahme an einem solchen Projekt werben. Wir müssen den Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass eine Teilnahme an einem solchen Projekt große Chancen, Perspektiven und Möglichkeiten bietet. Das ist die eine Seite der Medaille.

Im Unterricht verbinden die Schülerinnen und Schüler das Deutschlernen mit praktischen Übungen.
Foto: Deutsch AG
Die andere ist, dass die Sprache auch ein Identitätsträger für uns als Minderheit ist. Das ist allerdings eher ein Appell an die Eltern als an die Schüler. Grundschulkinder beschäftigen sich mit dem Thema Identität eher noch nicht. Das ist ein komplexes Thema, das eher für höhere Klassen und für junge Erwachsene relevant ist, aber weniger für Kinder.
Wie sehen Sie die Zukunft des Projekts? Was ist das Ziel für die kommenden Jahre?
Selbstverständlich stelle ich mir als Koordinatorin, die seit sieben Jahren für das Projekt zuständig ist, immer wieder die Frage: Wie lange wird es diesen Bedarf für das Projekt noch geben? Der Bedarf ist das eine, aber genauso wichtig ist die Frage, wie lange das Interesse bestehen bleibt.
Aus diesem Grund wollen wir ein Alleinstellungsmerkmal für das Projekt schaffen. Und unser Alleinstellungsmerkmal ist die Qualität. Dazu gehören auch die Materialien, die wir im Rahmen des Projekts entwickeln – Arbeitsmaterialien und Arbeitsblätter, die wir den Lehrern zur Verfügung stellen.
„Die Sprache spielt für uns als Minderheit eine große Rolle, wenn es um unsere Identität geht, und ist nicht nur auf dem Arbeitsmarkt von Bedeutung.“
Denn das Projekt Deutsch AG besteht nicht nur aus zwei zusätzlichen Deutschstunden. Es umfasst auch fertige Arbeitsmaterialien und eine didaktische Betreuung der Lehrer. Diese Unterstützung wird den Lehrern und damit auch den Schülern im Rahmen des Projekts garantiert.

Koordinatorin Sybilla Dzumla betreut das Projekt „Deutsch AG“ bereits seit sieben Jahren und setzt sich intensiv für die Sprachförderung von Grundschulkindern ein.
Foto: Deutsch AG
Wir versuchen deshalb, unser Angebot immer besser und umfangreicher zu gestalten. Die Zielgruppe soll nicht nur wegen der zwei zusätzlichen Stunden an dem Projekt teilnehmen wollen, sondern auch wegen der sehr guten Materialien und Methoden, die wir anbieten.
Unser Ziel ist es also, die Arbeitsmaterialien und das didaktische Angebot immer weiterzuentwickeln und zu verbessern, damit das Projekt noch attraktiver wird – sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer, die wir natürlich jedes Jahr aufs Neue für das Projekt gewinnen müssen.
Wenn sich ein Schüler noch für eine Deutsch AG anmelden möchte, kann er das noch machen?
Schüler können sich noch anmelden. Die Gruppen für dieses Semester stehen allerdings schon fest. Allerdings werden aber noch in diesem Jahr, im Dezember, einen neuen Rekrutierungsprozess starten. Es steht also nichts im Wege, dass eine Schule, die erst jetzt von dem Projekt erfahren hat, ab Januar oder Februar nächsten Jahres an dem Projekt teilnimmt.
Ich empfehle deshalb, die Beiträge auf unserer Homepage zu verfolgen, also auf www.vdg.pl, und auch unserem Facebook-Konto zu folgen. Dort informieren wir auch über die neue Rekrutierung, die ganz bestimmt noch in diesem Jahr, im Dezember, stattfinden wird.
Das Projekt Deutsch AG wird aus den Mitteln des Bundesministeriums des Innern finanziert.