Anlässlich der Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag der Oberschlesischen Tragödie schlug der Kreisrat des Landkreises Neustadt, Dragomir Rudy, vor, an das historische Ereignis der Jahre 1945–1946 zu erinnern, als die deutsche Bevölkerung zwangsweise in das Neustädter Ghetto eingewiesen wurde und unter sehr schwierigen Bedingungen auf ihre Aussiedlung wartete – unter Hunger und beengten Verhältnissen, die besonders für Säuglinge und ältere Menschen tödlich waren. Zu einer Gedenkveranstaltung kam es jedoch nicht! In der vergangenen Woche lehnten die Mitglieder des Stadtrats von Neustadt eine offizielle Gedenkform für die rund 8.000 Menschen ab, die an diesem Ort festgehalten wurden. Die Abstimmung darüber fand am 13. Juli statt. Warum und wie ist es dazu gekommen? Im Gespräch mit Krzysztof Świerc berichtet der stellvertretende Landrat von Neustadt, Janusz Siano (Schlesische Kommunalpolitiker), der auch betonte, dass die Schlesischen Kommunalpolitiker dieses Vorhaben von Anfang an unterstützt, die Schirmherrschaft dafür übernommen und sich stark damit identifiziert haben.
Wie haben Sie sich auf das Konzept einer Gedenkveranstaltung für das historische Ereignis der Jahre 1945–1946 vorbereitet?
Wir haben den Direktor des Neustädter Landesmuseums, Marcin Husak, der für sein umfassendes Wissen und seine Akribie bekannt ist, um Unterstützung gebeten. Er griff auf eine Reihe von Quellenmaterialien zurück, unter anderem auf die Kirchenbücher von Pfarrer Picz, dem damaligen Pfarrer von Neustadt, sowie auf die Aufzeichnungen des ersten Bürgermeisters von Neustadt im bereits befreiten Polen. Das war für uns entscheidend, denn aus diesen Materialien ging hervor, dass ein solches Ghetto existierte. Außerdem wurde der Begriff „Ghetto“ selbst, der Kontroversen auslöste, geklärt, und es konnte bestätigt werden, dass genau dieser Begriff damals verwendet wurde. Es wurde auch nachgewiesen, dass das Ghetto knapp zwei Jahre bestand, von den sowjetischen Behörden eingerichtet und später von den polnischen Behörden weitergeführt wurde.
Anschließend wurde das entsprechend aufbereitete historische Material in einer Sitzung des Kreisrats in Form einer Präsentation, mit gründlichen Erläuterungen und gestützt auf Dokumente, vorgestellt, damit alle erfuhren, mit welchem Thema sie es zu tun hatten.
Dadurch wurde auch ein genaues Konzept erarbeitet, wie die Erinnerung an dieses Ereignis gestaltet werden soll.
Ja. Konkret sollte an einem der drei historischen Toreingänge zum damaligen Ghettogelände eine Bronzeleiste mit der Aufschrift „Symbolische Grenze des Ghettos in Prądnik“ (Anm. d. Red.: mittelalterlicher Name von Neustadt/Prudnik) angebracht werden. Sie sollte zu einer kleineren Steintafel führen, auf der die Aufschrift „Zum Gedenken an die Einwohner von Neustadt“ (Ortsname von Prudnik bis 1945) sowie ein QR-Code angebracht werden sollten, der nach dem Scannen zur Geschichte des Ghettos selbst führen würde. Diese historische Information sollte in polnischer, deutscher, tschechischer und englischer Sprache angebracht werden.
„Es geht hier nicht um große Denkmäler, sondern darum, dass ein Teil der Neustädter Geschichte und die damit verbundenen menschlichen Schicksale einen sichtbaren Platz im Gedächtnis erhalten.“
An welchem Punkt trat das Problem auf?
Genau in dem Moment, als wir festlegten, wo diese bescheidene, symbolische Ehrung und Kennzeichnung dieses Abschnitts der Neustädter Geschichte stattfinden sollte. Es stellte sich heraus, dass dies im Gebiet der Stadt Neustadt geschehen sollte, was bedeutet, dass die zuständige Stelle für die Genehmigung der Anbringung dieser Gedenkelemente die Gemeinde Neustadt ist, also der Bürgermeister von Neustadt (Grzegorz Zawiślak).
Es wurde jedoch ein entsprechendes Schreiben versandt?
Ja, aber es stellte sich heraus, dass die Formulierung selbst bei einigen Ratsmitgliedern auf Widerspruch stieß. Gleichzeitig wurde ich vom Bürgermeister informiert, dass er die Meinung der Ratsmitglieder einholen müsse, um bei der Entscheidung ein gutes Gewissen zu haben. Ich wiederum bat darum, dass dieselbe Präsentation, die der Museumsdirektor in unserer Sitzung vorgestellt hatte, auch in der Sitzung des Neustädter Stadtrats gezeigt werden sollte.

Janusz Siano
Foto: Archiv
Warum?
Mir lag daran, dass die Ratsmitglieder ein solides, auf Quellen basierendes Material erhalten. Damit es keine überflüssige Diskussion gäbe und wir alle das gleiche Wissen über dieses Fragment der Neustädter Geschichte hätten.
Zu einer solchen Präsentation kam es jedoch nicht.
In der ersten Sitzung des Neustädter Stadtrats, an der ich teilnahm, gelang es nicht, einen Auftritt des Direktors des Neustädter Landesmuseums, Marcin Husak, zu organisieren, der in dieser Sache sehr gerne helfen wollte. Daraufhin bat ich darum, dass der Stadtrat einer Verschiebung der Diskussion zu diesem Thema und des Auftritts des Museumsdirektors auf August 2026 zustimmt, und … es gelang, dies durchzusetzen. Daraufhin vereinbarte ich sofort mit Direktor Marcin Husak einen Termin für die August-Sitzung des Stadtrats. Er sollte seinerseits die historischen Grundlagen und Quelleninformationen darlegen, und meine Aufgabe war es, den Teil zur Verfahrensweise vorzustellen, die der Landkreis verabschiedet hatte.
Diese Pläne sind jedoch gescheitert! Welche Faktoren standen dem im Weg?
Während meines Urlaubs in Deutschland erhielt ich vom Bürgermeister von Neustadt die Information, dass er für Montag, den 13. Juli, eine außerordentliche Sitzung des Stadtrats plane und das Thema, über das wir sprechen, in dieser Sitzung behandeln wolle. Er betonte dabei, dass er im August im Urlaub sein werde. Ich wiederum teilte ihm mit, dass ich mich derzeit im Urlaub befinde und erst am 13. Juli zurückkehren werde, allerdings erst am Nachmittag. Folglich könne ich an dieser Sitzung des Neustädter Stadtrats nicht teilnehmen. Außerdem wusste ich, dass Direktor Marcin Husak, der für mich in dieser Angelegenheit eine große fachliche Unterstützung im Hinblick auf die historischen Fakten war, ebenfalls im Urlaub war und ebenfalls nicht anwesend sein würde. Das Ergebnis? Wir wissen, wie die Sache ausgegangen ist …
In der ganzen Angelegenheit hat der Begriff „Ghetto“ besondere Emotionen hervorgerufen.
Ich verstehe die Sensibilität von Personen polnischer Nationalität gegenüber bestimmten Begriffen und Formulierungen, was aus der Geschichte des Zweiten Weltkriegs resultiert, daher verstehe ich auch die damit verbundenen Emotionen. Mit dem Begriff „Ghetto“ verbinden sie hauptsächlich das Warschauer und das Lodzer Ghetto und können sich nur schwer vorstellen, ein Lager für die deutsche Bevölkerung als Ghetto zu bezeichnen. Die Wahrheit ist jedoch, dass auch die polnischen Behörden diesen Begriff verwendeten und diesen Ort so bezeichneten! Ich möchte daher an dieser Stelle betonen, dass wir vielleicht eine Chance auf eine rationalere und vernünftigere Herangehensweise an das Thema gehabt hätten, wenn wir das vollständige Wissen darüber präsentiert hätten.
Sind Sie da sicher? Mir scheint, dass selbst mit vollständigem Wissen kein anderes Abstimmungsergebnis garantiert gewesen wäre.
Bitte verstehen Sie mich richtig. Meine Absicht war es, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit die Ratsmitglieder, die in dieser Sache entscheiden sollten, über vollständige Informationen verfügten. Leider muss ich mit Bedauern feststellen, dass sie diese Informationen nicht erhalten haben. Ich möchte hinzufügen, dass meine Versuche, dieses Thema während meines ersten Besuchs in der Sitzung des Neustädter Stadtrats anzusprechen, darauf hindeuteten, dass die Diskussion darüber auf einem sehr allgemeinen Niveau stattfinden würde. Das heißt, sie würde sich auf das konzentrieren, was in Diskussionen über den Zweiten Weltkrieg üblicherweise thematisiert wird – auf Bestialität, Konzentrationslager usw. – also auf Dinge, die diese Angelegenheit im Allgemeinen gar nicht betreffen.
Das stimmt. In dieser Sache konzentrierte man sich auf die historische Tatsache und das Gedenken an die Bewohner, die das Ghetto in Neustadt durchlebt haben.
Und das war und ist uns sehr wichtig, weil wir uns darüber im Klaren sind, dass zumindest die Nachkommen der Personen, die das Ghetto in Neustadt durchlebt haben, irgendwo leben, vielleicht sogar in Neustadt. Deshalb denke ich, dass es sich gelohnt hätte, diese etwa zwei Jahre der Neustädter Geschichte zu zeigen. Die Tatsache, dass dies nicht geschah, hat dazu geführt, dass wir jetzt eine historische Lücke haben.

Auch hier, in der ul. Chrobrego, befand sich das Ghetto für etwa 8.000 Deutsche.
Foto: Włodek K1/Wikipedia
Wie geht es weiter mit dem Gedenken an die deutschen Einwohner von Neustadt, die sich im Nachkriegsghetto befanden?
Im Moment haben wir eine schwierige Situation. Es gibt einen Beschluss des Rates, der, wie ich vermute, eine negative Stellungnahme des Bürgermeisters von Neustadt bezüglich der Erteilung der Genehmigung zur Anbringung der Gedenkelemente auf dem der Gemeinde unterstehenden Gebiet zur Folge haben wird. Daher vermute ich, dass wir eine negative Antwort erhalten werden und uns nur noch bleibt, auf die nächste Chance zu warten.
Wann könnte sich eine solche ergeben?
Vielleicht wechselt der Bürgermeister. Vielleicht wechseln die Ratsmitglieder, und in der nächsten Wahlperiode des Rates gelingt es uns, dieses Thema durchzusetzen. Ich glaube daran und bin der Meinung, dass ein solches Gedenkelement, das einen kleinen Ausschnitt der Neustädter Geschichte und die damit verbundenen menschlichen Schicksale zeigt, seinen Platz haben sollte! Es geht hier nicht um große Denkmäler, sondern darum, dass etwas Bleibendes zu diesem Thema hervorgehoben wird.