Genuss auf Schienen

Genuss auf Schienen und der „Schlesien-Express“

11 Juli 2026, 05:00 Kolumne

Passagiere, die mit dem Zug durch das einstige Schlesien reisten, konnten sich auf ein elegantes Mittagessen mit Bedienung am Tisch freuen. Allerdings musste man wissen, wann der Speisewagen geöffnet war, in welcher Wagenklasse sich die Reise besonders lohnte und vor allem sollte man nicht zu lange am gedeckten Tisch verweilen. Die schlesische Presse der Vorkriegszeit ist voller Berichte über Speisewagen – von den Anfängen der Gastronomie auf Schienen über exquisite, wenn auch recht kostspielige Menüs bis hin zu amüsanten Erlebnissen der Reisenden.

Vom Bahnhofsrestaurant zum Speisewagen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Eisenbahnreisen immer schneller. Gleichzeitig stellte sich bei langen Fahrten die Frage nach der Verpflegung der Passagiere. Zunächst nahm man die Mahlzeiten während längerer Aufenthalte auf den Bahnhöfen ein. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verkürzten sich jedoch die Haltezeiten zunehmend. Wie ein zeitgenössischer Journalist bemerkte, hatten die Reisenden kaum noch Gelegenheit, ihr Mittagessen in Ruhe zu beenden, bevor der Schaffner bereits wieder das Abfahrtssignal gab. Die Lösung waren spezielle Speisewagen, die nach und nach auf den wichtigsten Bahnstrecken eingesetzt wurden. In Schlesien wurden sie rasch zu einem Symbol modernen Reisens, denn die Züge, die durch Breslau, Beuthen, Liegnitz oder Görlitz verkehrten, boten ihren Fahrgästen die Möglichkeit, eine warme Mahlzeit einzunehmen, ohne den Zug verlassen zu müssen.

 

In den MITROPA-Speisewagen wurde großer Wert auf den Komfort der Reisenden gelegt.
Foto: „Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe”, 1929
Quelle: SLUB Dresden

MITROPA – ein Restaurant auf Rädern

Seit 1916 war in Deutschland die Gesellschaft MITROPA für den Betrieb der Speise- und Schlafwagen verantwortlich. Dabei sorgte sie nicht nur für die Bewirtung der Reisenden, sondern prägte zugleich die Kultur und die kulinarischen Trends des Reisens. In der Zwischenkriegszeit gehörten die charakteristischen bordeauxrot-cremefarbenen Wagen von MITROPA zum vertrauten Bild der Fernzüge, die Schlesien durchquerten. Besonderen Wert legte das Unternehmen auf sein Erscheinungsbild und die Qualität des Service. Die angehenden Kellner wurden deshalb in ausgemusterten Speisewagen ausgebildet. Dort übten die Nachwuchskräfte das fachgerechte Eindecken der Tische, das Servieren von Speisen, das Merken umfangreicher Bestellungen und sogar das Nachspielen kleiner Theaterszenen. Darüber hinaus mussten sie die korrekte Schreibweise sämtlicher Gerichte und Getränke auf der Speisekarte beherrschen. Das Ziel war eindeutig: Der Fahrgast sollte das Gefühl haben, nicht in einem Schnellzug, sondern in einem erstklassigen Restaurant zu speisen.

Ein Speisewagen konnte schon vor hundert Jahren die Aufmerksamkeit seiner Gäste so sehr fesseln, dass dabei die wirklich wichtigen Dinge aus dem Blick gerieten.

Zum zwanzigjährigen Bestehen des Unternehmens entstand zudem ein außergewöhnliches Erinnerungsbuch mit dem Titel „Gästebuch der 600 Millionen Kilometer“. Auf Speisekarten hinterließen Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Olympiasieger und ganz gewöhnliche Reisende ihre Einträge. So notierte ein Fahrgast am 13. November 1930 auf einer Speisekarte seine Begeisterung mit den Worten, dies sei „das beste Restaurant auf Schienen“. Dank dieser erhaltenen Karte wissen wir auch, was an jenem Tag serviert wurde: Steinbutt sowie gepökelter Schweinenacken mit Sauerkraut – ein Menü, das heute einen faszinierenden Einblick in die kulinarische Welt des Reisens im Schlesien der Zwischenkriegszeit gewährt.

Hyperinflation und kuriose Reisegeschichten

Zahlkellner beim Kassieren im Mitropa-Speisewagen, 1935
Foto: Fritz Eschen
Quelle: SLUB Dresden

Im Jahr 1923, auf dem Höhepunkt der Hyperinflation, veröffentlichte die schlesische Presse regelmäßig die aktuellen Preise in den Speisewagen. So kosteten Kaffee oder Tee mit Butterbrot 40.000 Mark. Für ein Frühstück mit zwei Gängen und Dessert waren 90.000 Mark zu bezahlen, ein dreigängiges Mittagessen mit Suppe und Dessert kostete 100.000 Mark, während ein Kotelett mit Kartoffeln für 50.000 Mark angeboten wurde. Eine Tasse schwarzer Kaffee schlug mit 7.000 Mark zu Buche, Tee kostete 5.000 Mark. Darüber hinaus stand den Reisenden eine separate Speisekarte mit einzelnen Gerichten zur Verfügung. Ein belegtes Brot kostete 25.000 Mark, eine Bouillon 10.000 Mark, ein Rindersteak mit Kartoffeln oder Tomatensauce 50.000 Mark und ein Kalbskotelett 45.000 Mark. Roastbeef, Schinken oder kaltes Kalbfleisch wurden für jeweils 40.000 Mark serviert. Besonders bemerkenswert war der Preis für Gemüse, das mit 80.000 Mark zu Buche schlug – eine damals erstaunlich hohe Summe. Für ein Omelett mit Konfitüre und Milchkaffee mussten die Gäste 44.000 Mark bezahlen. Fünfstellige Beträge auf einer Speisekarte wirken heute beeindruckend, doch sie waren eine unmittelbare Folge der Hyperinflation. In der Praxis bedeutete dies nahezu tägliche Preiserhöhungen und einen Geldwert, der von Stunde zu Stunde schwand. Für Liebhaber der gepflegten Eisenbahngastronomie waren dies zweifellos keine guten Zeiten.

Wenn man es sich im Speisewagen zu bequem macht und nicht merkt, dass der eigene Wagen – samt Gepäck – längst in eine andere Richtung abgekuppelt wurde.
Foto: „Oberschlesien im Bild”, Nr. 47/1928
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Doch auch der Humor kam in den Speisewagen nicht zu kurz. In den schlesischen Zeitschriften findet sich unter anderem ein amüsanter Text über einen angesehenen Bürger aus Beuthen. Auf der Heimreise ließ er sich sein Essen im Speisewagen so ausgiebig schmecken, dass er gar nicht bemerkte, wie sein Wagen mit dem Reisegepäck während eines Rangiermanövers in Kandrzin vom Zug getrennt wurde und anschließend weiter nach Oels fuhr. Er selbst erreichte zwar wohlbehalten Beuthen, doch seine Koffer traten eine ganz andere Reise an. Diese Begebenheit zeigt eindrucksvoll, dass ein Speisewagen schon vor hundert Jahren die Aufmerksamkeit seiner Gäste so sehr fesseln konnte, dass dabei die wirklich wichtigen Dinge aus dem Blick gerieten. Ein allzu langer Aufenthalt am Restauranttisch konnte daher mitunter unangenehme und unerwartete Folgen haben. Verlorenes Gepäck ist somit keineswegs eine Erscheinung unserer Zeit, sondern begleitet den Eisenbahnverkehr bereits seit Generationen.

Rezept: „Schlesien-Express“ – Bauernbrot mit gebratenem Schweinebraten, eingelegten roten Zwiebeln und aromatischem Apfel

Schlesien-Express”, Bauernbrot mit gebratenem Schweinebraten, eingelegten roten Zwiebeln und aromatischem Apfel
Foto: Michał Janik

Zutaten

Für das Sandwich

  • 2 dicke Scheiben dunkles Sauerteigbrot

  • 2 TL Butter

  • 2 Salatblätter

  • ca. 140 g gebratener Schweinebraten (Schweinenacken oder Schweinelende, in Scheiben)

  • einige gebratene oder gegrillte Apfelscheiben

  • 2–3 Gewürzgurken

  • 1 Knoblauchzehe

Für die eingelegten roten Zwiebeln

  • 1 rote Zwiebel

  • 2 EL Apfelessig

  • 1 TL Honig

  • 2 EL Olivenöl

  • 1 Prise Salz

  • frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Zubereitung

Für die eingelegten Zwiebeln Apfelessig, Honig, Olivenöl, Salz und Pfeffer in einer Schüssel verrühren. Die Zwiebel in feine halbe Ringe schneiden, hinzufügen und alles sorgfältig vermengen. Etwa 20 bis 30 Minuten ziehen lassen, damit die Zwiebeln weich werden und ihr angenehm süß-säuerliches Aroma entwickeln.

Den gebratenen oder gegrillten Schweinebraten in einer Pfanne oder im Backofen vorsichtig erwärmen. Die Knoblauchzehe durch eine Presse drücken und mit etwas Olivenöl verrühren. Die Fleischscheiben damit bestreichen oder sie ein bis zwei Minuten zusammen mit dem Knoblauch anbraten. Mit frisch gemahlenem Pfeffer abschmecken.

Die Brotscheiben mit Butter bestreichen. Anschließend nacheinander Salatblätter, die Scheiben Schweinebraten, einige gebratene Apfelscheiben und eine großzügige Portion der eingelegten roten Zwiebeln darauflegen. Nach Belieben mit einigen Tropfen der Marinade beträufeln.

Dazu passt

  • Krautsalat aus jungem Weißkohl,

  • Gewürzgurken,

  • verschiedenes eingelegtes Gemüse.

Am besten schmeckt das Sandwich mit einem dunklen Bier.

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