Die Geschichten hinter der großen Geschichte

Studierende der Universität Danzig bewahren persönliche Erinnerungen von Angehörigen der deutschen Minderheit

25 September 2026, 11:30 Jugend

Geschichte steht nicht nur in Büchern. Sie lebt auch in den Erinnerungen von Menschen, die sie selbst erlebt haben. Genau diese persönlichen Erfahrungen standen im Mittelpunkt eines besonderen Projekts des Studiengangs „Deutschlandstudien“ an der Universität Danzig. Studierende der Germanistik und Geschichte führten Interviews mit Mitgliedern des Bundes der Deutschen Bevölkerung Gdingen und machten deren Lebensgeschichten zum Gegenstand eines rund 40-minütigen Films.

Das Projekt entstand im Rahmen des sprachpraktischen Unterrichts im Sommersemester und wurde gemeinsam mit dem Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Danzig durchgeführt. Die Studierenden entwickelten die Interviews selbstständig, führten die Gespräche, bearbeiteten anschließend das Filmmaterial und entschieden auch über die Form der Präsentation.

Die Initiative ging auf eine Begegnung zwischen dem Seminarleiter Maximilian Weiß, DAAD-Lektor an der Universität Danzig und Hannes Mundinger, dem Kulturreferenten des Generalkonsulats in Danzig, zurück. Mundinger hatte sich bei einer Veranstaltung mit Mitgliedern des Bundes der Deutschen Bevölkerung Gdingen unterhalten und war von deren Lebensgeschichten berührt. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese persönlichen Erinnerungen bald unwiederbringlich verloren gehen könnten.

„Da die Personen alle schon im fortgeschrittenen Alter sind, droht die biographische Erinnerung deutscher und pommerscher Personen in und um Danzig herum demnächst unwiderruflich verloren zu gehen“, erklärt Maximilian Weiß den Ausgangspunkt des Projekts.

Im Rahmen des Projekts führten die Studierenden Gespräche mit Angehörigen der deutschen Minderheit.
Foto: Maximilian Weiss

Für den Seminarleiter bot sich damit eine Möglichkeit, die sprachpraktische Ausbildung der Studierenden mit einem konkreten historischen und gesellschaftlichen Thema zu verbinden. „Da die Studierenden sprachlich fortgeschritten und inhaltlich an historisch-gesellschaftspolitischen Themen interessiert waren, schien mir ein klassischer, eng an einem Lehrbuch orientierter Unterricht nicht zielführend“, sagt Weiß.

Sprache, Geschichte und Begegnung

Im Seminar beschäftigten sich die Studierenden zunächst mit Erinnerungskultur und dem Konzept des kollektiven Gedächtnisses. Gleichzeitig setzten sie sich mit der Situation der deutschen Minderheit auseinander. Ein Treffen mit Hannes Mundinger sowie den Vorsitzenden des Bundes, Herrn Benedikt Reschke und Hilary Kohnke, gab ihnen die Möglichkeit, sich unmittelbar mit den Menschen und ihren Erfahrungen auseinanderzusetzen, die später interviewt werden sollten.

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Die Fragen für die Gespräche wurden gemeinsam im Rahmen des Seminars vorbereitet. Im Mai kam die Gruppe der Interviewpartner an die Universität Danzig. Dort fanden die Aufnahmen in einer angenehmen Atmosphäre statt.

Anschließend begann die zweite Phase des Projekts: die Bearbeitung des Materials. Die Studierenden übernahmen die Auswahl und den Schnitt der Aufnahmen und entwickelten gemeinsam die Idee, den Film in Form eines persönlichen Tagebuchs zu gestalten. Auch die historischen und kritischen Einordnungen in Form von Textfolien wurden von ihnen erarbeitet. Maximilian Weiß begleitete die Arbeit sprachlich und fachlich.

Für die Beteiligten war die Arbeit jedoch nicht nur eine praktische Übung im Umgang mit der deutschen Sprache. Sie führte sie unmittelbar an die Geschichte ihrer Region heran.

„Die Erinnerungen wirkten wie gestern“

Wojciech Hinz, der an den Interviews mitwirkte und die historischen Kommentare vorbereitete, war vor allem von der unmittelbaren Begegnung mit den persönlichen Erfahrungen der Gesprächspartner beeindruckt. Besonders nahe ging ihm, dass es sich um Menschen aus der Region handelte, aus der er selbst stammt.

„Am stärksten war für mich, direkt die Zeugnisse über schwierige Ereignisse aus der Region zu hören, aus der ich selbst komme. Geschichte konzentriert sich oft auf berühmte Persönlichkeiten und die Auswirkungen ihrer Handlungen. Dabei werden die persönlichen Erfahrungen der ,gewöhnlichen‘ Menschen leicht übersehen. Sie können aber genauso faszinierend sein und bleiben häufig nur als Familiengeschichten erhalten. Manche davon sind erschütternd, wie etwa die Erinnerungen von Herrn Reschke an sowjetische Soldaten. Andere wiederum sind berührend, etwa die Geschichte von Herrn Labudda, der in den Wirren der Nachkriegszeit seine Familie wiederfand. Auch Frau Spirowskas Erzählung über ihre Verlobung mit ihrem späteren Ehemann und ihr gemeinsames Engagement für das Gedenken an die Opfer von Kriegsverbrechen im der Spengawsken-Wald in Kociewie hat mich sehr bewegt“, erzählt Hinz.

Studierende der Universität Danzig bei der Arbeit am Filmprojekt.
Foto: Maximilian Weiss

Gerade diese unterschiedlichen persönlichen Perspektiven machten für ihn den besonderen Wert der Gespräche aus. Sie ergänzten die bekannte historische Darstellung um Erfahrungen, die sonst häufig nur innerhalb von Familien weitergegeben werden.

Auch Mateusz Duda, der die Interviews führte, war von der Lebendigkeit der Erinnerungen beeindruckt. Die zeitliche Distanz zu den geschilderten Ereignissen schien in den Gesprächen teilweise zu verschwinden.

„Mich hat beeindruckt, wie lebendig die Interviewpartner ihr Leben schildern konnten. Trotz der vergangenen Zeit wirkten die Erinnerungen wie gestern. Ereignisse, die wir aus der Geschichte kennen, wurden aus der Perspektive von Menschen erzählt, die sie selbst erlebt haben, und dadurch auf ganz besondere Weise lebendig. Die Jahrzehnte der Geschichte, die unsere Gäste erlebt haben, waren immer präsent: Familie, Arbeit, Jugend, Reisen und persönliche Lebensentscheidungen. Gleichzeitig traten Politik und die sogenannte ,große Geschichte‘ in den Hintergrund und machten dem Alltag Platz“, sagt Duda.

Mateusz Duda: „Hinter der großen Geschichte stehen immer Menschen mit ihrem Alltag und ihren ganz persönlichen Herausforderungen.“

In den Erzählungen erkannte er dabei auch vieles wieder, was er aus seiner eigenen Familie kennt.

„Vieles erinnerte mich an die Geschichten meiner Großeltern. Gerade darin lag für mich eine besondere Erfahrung: Die Gespräche zeigten, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der Herkunft, des Geburtsortes oder der Nationalität grundlegende Erfahrungen gibt, die Menschen miteinander verbinden. Hinter der großen Geschichte stehen immer Menschen mit ihrem Alltag und ihren ganz persönlichen Herausforderungen“, fügt Duda hinzu.

„Die Gespräche waren sehr emotional“

Für die technische und kreative Umsetzung war unter anderem Bianka Browczuk verantwortlich. Sie arbeitete als Kamerafrau, Cutterin und Tonregisseurin. Besonders beeindruckt hat sie die emotionale Seite der Gespräche.

„Mich hat berührt, mit wie viel Emotion die Gäste von ihren Lebenserfahrungen erzählt haben – von traurigen, aber manchmal auch von humorvollen Erlebnissen. Insgesamt haben wir rund vier Stunden Rohmaterial aufgenommen. Dadurch war es später nicht einfach, die wichtigsten und aussagekräftigsten Geschichten auszuwählen. Viele der Erzählungen waren interessant und zeigten unterschiedliche persönliche Erfahrungen, sodass die Auswahl für den fertigen Film eine große Herausforderung war“, erzählt Browczuk.

Bianka Browczuk: „Die Gespräche haben gezeigt, wie vielfältig persönliche Erinnerungen sein können und wie viel sich aus den einzelnen Lebensgeschichten über die Geschichte einer Region erfahren lässt.“

„Gerade beim Schnitt wurde deutlich, wie viel man über die unterschiedlichen regionalen und individuellen Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen erfahren kann. Die Gespräche haben gezeigt, wie vielfältig persönliche Erinnerungen sein können und wie viel sich aus den einzelnen Lebensgeschichten über die Geschichte einer Region erfahren lässt.“

Für Browczuk ist das zugleich ein Grund, solche Gespräche möglichst bald zu führen.

„Die Interviews sollten möglichst früh geführt werden, denn die Zahl der Menschen, die aus eigener Erfahrung über diese Zeit berichten können, wird immer kleiner. Das wurde auch im Gespräch mit Herrn Reschke deutlich. Die Zahl der wertvollen Zeitzeugen, die mit der Geschichte des Bundes der Deutschen Bevölkerung Gdingen verbunden sind, nimmt stetig ab.“

Lernen, indem man selbst etwas gestaltet

Für Maximilian Weiß liegt ein weiterer Wert des Projekts darin, dass die Studierenden ihre Sprachkenntnisse nicht nur im Unterricht einsetzten, sondern damit selbst ein konkretes Ergebnis schufen.

„Die Arbeit der Studierenden an ihren Sprachkenntnissen wird handlungs- und produktionsorientiert eingebunden, sodass sie selbst sehen, wie sie mit Sprache wirksam werden können“, erklärt der Seminarleiter. Gleichzeitig entwickelten sie Fähigkeiten in der konzeptionellen Arbeit, Kreativität, Zusammenarbeit und im Umgang mit den Möglichkeiten der Postproduktion.

Die Studierenden bereiten die Interviews mit den Zeitzeugen vor.
Foto: Maximilian Weiss

Doch auch die Begegnung zwischen den Generationen war für ihn ein wesentlicher Bestandteil des Projekts. Die Studierenden konnten erfahren, auf welchen historischen Erfahrungen das deutsch-polnische Verhältnis teilweise aufbaut und welche Vermittlungsaufgaben ihnen möglicherweise künftig zukommen werden.

„Die Studierenden haben eindrucksvoll und ganz authentisch erlebt, auf welchen Bedingungen das deutsch-polnische Verhältnis auch aufbaut und welche Vermittlungsaufgaben auf sie als zukünftige Kulturmittler zukommen“, sagt Weiß.

Dabei lernten nicht nur die Studierenden etwas. Auch für den Seminarleiter selbst war die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte eine wichtige Erfahrung.

Persönliche Erinnerungen bewahren

Besonders wichtig ist für Weiß die Perspektive der Minderheit. Viele Angehörige der deutschen Minderheit im Norden Polens befinden sich bereits im letzten Lebensabschnitt und haben nur noch wenige Möglichkeiten, ihre persönliche Sicht auf die Geschichte weiterzugeben.

Das Projekt sollte deshalb nicht nur ein Film für die Gegenwart sein. Es ging auch darum, persönliche Erinnerungen zu bewahren und sie für Menschen zugänglich zu machen, die sich künftig mit der Geschichte der Region beschäftigen werden.

„Der Wandel zum Besseren lebt durch den Austausch und das Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden“, betont Weiß. Viele der Befragten hätten unverschuldet großes Leid erfahren und schwere Identitätskrisen überwinden müssen. Gerade die persönliche Begegnung könne dazu beitragen, die Folgen solcher Erfahrungen besser zu verstehen und daraus für kommende Generationen zu lernen.

Den Film kann man auf der Internetseite des Germanistischen Instituts der Universität Danzig abrufen: https://fil.ug.edu.pl/wydzial/instytuty/instytut-filologii-germanskiej-institut-fur-germanistik/informacje-dla-studentow-informationen-fur-studierende/inicjatywy-studenckie-studentische-initiativen

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