Im September 1790 besuchte Johann Wolfgang von Goethe die Burg Tost, wo Graf Colonna ihn mit einem festlichen Mahl und einer sagenumwobenen goldenen Ente überraschte. Zwischen üppiger Gastfreundschaft und einer geheimnisvollen Legende erlebte der Dichter einen Abend, der ganz im Zeichen schlesischer Geschichten und kulinarischer Besonderheiten stand. Doch was verbarg sich hinter der goldenen Ente, und welche Rolle spielte dabei ein sagenhafter Schatz?
Die Legende von der goldenen Ente
„Auf der Burg Tost hauste vor alten Zeiten ein Raubritter, der die vorüberfahrenden Handelsleute überfiel und ihnen die Habe raubte. Er schleppte viele Schätze in der Burg zusammen und versteckte sie in einem unterirdischen Gange. Dort verbarg er sich auch mit seinen Knechten, wenn ihm die Feinde auf den Fersen waren. Dann war er plötzlich verschwunden, und alle meinten, die Erde habe ihn verschlungen.
Da der Zugang im Gestrüpp verborgen lag, konnte er damals von niemandem gefunden werden. Heute kennen wir den Eingang. Er ist so hoch, daß man leicht hineinkriechen kann. Gar mancher Schatzgräber hat schon nach dem Golde gesucht, es aber nicht gefunden. Der Schatz ist nämlich nur einem Sonntagskind beschieden. Wenn ein solches um Mitternacht allein in den Keller hinabsteigt, öffnet sich der Gang von selbst. Zuerst ist er sehr eng und finster, dann aber breitet er sich aus, und man sieht einen See, in dessen Mitte sich eine Insel befindet. Den See muß man dreimal durchschwimmen, dann darf man die Insel besteigen. Auf der Insel sitzt eine goldene Ente auf einem Nest mit elf silbernen Eiern, von denen jedes mit zwanzig Goldstücken gefüllt ist. Das alles gehört dem glücklichen Sonntagskinde, das den Schatz findet.“ (Karl-Ernst Schellhammer: „Die goldene Ente von Tost“.)

Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1791. Kupferstich von Johann Heinrich Lips.
Quelle: Europeana (Museum of City History Leipzig)
Wahrscheinlich war es diese Fassung der Legende von der goldenen Ente auf der Burg Tost, die der bedeutende deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe zu hören bekam, als er gemeinsam mit dem Weimarer Herzog Carl August eine Reise durch Schlesien und Polen unternahm. Die Oberschlesier wissen sehr wohl, dass er damals Tarnowitz besuchte, um die berühmte, aus England herbeigeschaffte Dampfmaschine zu besichtigen, und dass er sich für die Gastfreundschaft mit einem weithin bekannten Vierzeiler bedankte, der bis heute für Kontroversen sorgt. Doch darum soll es hier nicht gehen. Denn bevor der große Dichter und zugleich Bergbauminister nach Tarnowitz gelangte, machte er gemeinsam mit seinem Dienstherrn in Tost Station.

Tost – Burgruine mit davor liegendem Schlossteich.
Quelle: Auf nach Tost! (Schlesische Digitale Bibliothek)
Goethe in Tost
Es war September 1790. Tost – damals noch ein Prachtbau – befand sich im Besitz des Grafen Colonna, genauer gesagt Philipp Norbert Colonna von Fels, des Eigentümers mehrerer Landgüter – unter anderem in Groß Strehlitz und Tworog – sowie eines Industriemagnaten, der die Ortschaft Collonowska und das Eisenwerk an der Malapane gegründet hatte. Der Graf hatte die hochrangigen Gäste bereits auf ihrer Fahrt von Breslau nach Tost begleitet. Wahrscheinlich traf die überaus heitere Reisegesellschaft (Colonna war ein ausgesprochener Bonvivant) in vornehmer Gesellschaft – unter den Begleitern befand sich auch Graf Friedrich Wilhelm von Reden – am 3. September auf der Burg ein.
Was sich ihnen trotz der späten Stunde darbot, muss auf die Herren einen beträchtlichen Eindruck gemacht haben. Um den seinen dreiunddreißigsten Geburtstag begehenden Herzog mit wahrhaft königlichen Ehren zu empfangen, hatte Graf Colonna die gesamte Dienerschaft angewiesen, mit Fackeln Spalier zu stehen und dem hochverehrten Jubilar ehrfurchtsvoll zuzujubeln. Und um die vornehmen Gäste noch stärker zu beeindrucken, ließ er sogar Tiere aus dem nahe gelegenen Wald in den Burgpark bringen. (Man fragt sich nebenbei, ob er auch anordnete, sämtliche Türen zu ölen, um den Dichter nicht zu verärgern, der gewöhnlich mit einem Fläschchen Öl reiste, da ihn quietschende Türen in Gasthöfen außerordentlich irritierten.) Beim Anblick der frei im Park umherstreifenden Rehe und Hirsche geriet Goethe in großes Staunen. Natürlich gab Colonna nicht zu, dass dies eine eigens für diesen Anlass vorbereitete Attraktion war und kein alltäglicher Anblick. Der große Dichter verließ also sein Haus in seliger Unwissenheit.

Rekonstruktion der alten Burg Tost.
Quelle: „Oberschlesien im Bild“ (Nr. 33/1934; Schlesische Digitale Bibliothek)
Der Höhepunkt des Abends
Bevor es jedoch so weit war, erwartete ihn noch die Hauptattraktion des Abends. Im Speisesaal der Burg wurde ein großes Festmahl veranstaltet, und auf dem Tisch thronte eine gebratene goldene Ente – eine Spezialität des Hauses. Bei dieser Gelegenheit wurde den Gästen auch etwas für den Geist serviert: die Legende von der goldenen Ente. Dabei soll Goethe gesagt haben: „Wirklich: ein zehnfach interessantes Land, dieses Schlesien! Es war durchaus keine übliche Schmeichelei, als ich dies meinem Freunde Herder nach Weimar schrieb. Wir fallen von einer Überraschung in die andere!“ Colonna ließ sich seinerseits nicht lumpen und konterte mit einem Bonmot: „Ja, Herr Rat, lieber auf die Ente als auf den Hund kommen!“ Der Graf wusste nämlich, dass der Weimarer Koryphäe panische Angst vor Hunden hatte; zweifellos war also die Ente – und dazu eine goldene – ein in jeder Hinsicht sicheres Thema. Wäre nun mit der Burg Tost – Gott bewahre! – eine Legende von einem schwarzen Hund verbunden gewesen, wäre der Abend vermutlich nicht ganz so gelungen verlaufen. Schließlich war es wegen eines Stücks über einen Hund, dass der verärgerte Goethe 1817 die Leitung des Weimarer Theaters aufgab, dem er sechsundzwanzig Jahre seines Lebens gewidmet hatte.
Gut also, dass der Dichter die goldene Ente verspeiste und die Legende von der goldenen Ente zu hören bekam. Denn danach konnten alle noch lange und glücklich leben.