Die erste Hälfte des Jahres 1989 brachte immer deutlichere Zeichen eines Umbruchs in der Situation der deutschen Minderheit in Oberschlesien, dessen eines der Symbole die erste öffentliche deutschsprachige Messe nach dem Krieg auf dem St. Annaberg war.
In den letzten Monaten hatte ich die Möglichkeit, in den Spalten von „Neues Wochenblatt.pl“ das Bild der Tätigkeit der ersten DFKs zu präsentieren, das in den ab Mitte der 1980er Jahre herausgegebenen Bulletins festgehalten ist. Von diesen Exemplaren, die in den Beständen des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit erhalten werden konnten, stammt das letzte in der bisherigen Form erschienene Bulletin aus dem vierten Quartal 1988. Das ist ein gewisses Paradox, wenn man bedenkt, dass die folgenden Monate eine wahre Fülle von Ereignissen mit sich brachten, deren Krönung die offizielle Anerkennung der Existenz der deutschen Minderheit war.
Vielleicht wurde die Herausgabe des Bulletins Anfang 1989 tatsächlich eingestellt – wegen der Fülle anderer Pflichten und ständiger personeller Veränderungen in der Redaktion. Und vielleicht sind wir einfach noch nicht auf diese Materialien gestoßen. Doch über die Schlesier deutscher Abstammung wurde in dieser Zeit immer häufiger in der Presse berichtet. Werfen wir diesmal einen Blick in einige deutsche Artikel aus der ersten Hälfte des Jahres 1989.
Ende Januar berichtete Thomas Meyer vom Kölner Stadt-Anzeiger über die Situation nach dem Besuch des polnischen Premierministers Mieczysław Rakowski in Deutschland: „Die polnische Seite wiederum hat Bereitschaft signalisiert, über die Verbesserung der Lage der deutschstämmigen Minderheit mit sich reden zu lassen, so in der Frage des Deutschunterrichts an Schulen.“
Zur selben Zeit schrieb Stefan Dietrich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Ein anderer vielgenannter Wunsch kam in der offiziösen Verlautbarung des Warschauer Außenministeriums nicht vor. (…) Eine deutsche Minderheit darf es nach offizieller Lesart nicht geben.“
Am 9. Mai 1989 erschien in der FAZ ein Bericht über die Rede des FDP-Vorsitzenden vor der Bundestagsfraktion der Freien Demokraten. Otto Graf von Lambsdorff stellte einen Bericht von seiner Reise (im Rahmen einer Regierungsdelegation) nach Polen vor: „Warschau sei bereit, deutschen Vereinen eine Organisationsfreiheit zuzubilligen und deutschen Gottesdienst, deutschsprachigen Unterricht, Publikationen in deutscher Sprache und die Gründung von Vereinigungen (…) zu gewähren.“

Hans-Dietrich Genscher (links) und Otto Graf von Lambsdorff im Jahr 1989.
Foto: Sepp Spiegl/IMAGO
Ein weniger optimistisches Bild ergibt sich aus dem Anfang Juni in den Schlesischen Nachrichten veröffentlichten Interview mit dem aus Schlesien stammenden CDU-Politiker Helmut Sauer, der ebenfalls an den Gesprächen mit den polnischen Behörden teilnahm. Bezeichnend ist schon der Titel: Kein polnisches Entgegenkommen für die Oberschlesier. Sauer beschrieb die Haltung des polnischen Premierministers so: „Es ist unannehmbar und nicht akzeptabel, wenn Rakowski von den in der Heimat ausharrenden Landsleuten verächtlich von Volkswagen-Deutschen spricht.“
Nur drei Tage nach der Veröffentlichung dieses Interviews wurde Mieczysław Rakowski bei den ersten teilweise freien Parlamentswahlen nicht zum Abgeordneten gewählt, und zwei Monate später trat er von seinem Amt als Premierminister zurück.
Am Tag der Wahlen, dem 4. Juni 1989, fand auf dem St. Annaberg ein anderes historisches Ereignis statt. An diesem für die Oberschlesier so wichtigen Ort wurde zum ersten Mal seit Kriegsende eine öffentliche Heilige Messe in deutscher Sprache gefeiert.
Auf die formelle Registrierung der Vereine musste man noch über ein halbes Jahr warten.