Echte Schlesische Happen

Wenn der Schlesier in den Wald zieht – Pilze, Platten und ein glückliches Händchen

3 Oktober 2026, 05:00 Geschichte , Kolumne

Wenn der Sommer geht und der Herbst „kokett“ vorbeischaut, zieht der Schlesier in den Wald. Er steht früh am Morgen auf, scheucht die Familie aus den Betten, greift zum Korb und vergisst natürlich auch das Messer nicht. Die Pilzsaison ist eröffnet – und unbedingt soll man den anderen Pilzliebhabern zuvorkommen.

Also zog auch ich los – bisher nur zweimal, und kehrte mit großer Ernte heim. Allerdings käme es mir nicht in den Sinn, mitten in der Nacht aus den Federn zu springen. Der Wald läuft schließlich nicht weg, und wer Pilze finden will, kann auch zu späterer Stunde Glück haben. So tauchte ich am Dienstagnachmittag in „meinem Wald“ auf und sammelte, mitten auf dem Weg herumtänzelnd, Steinpilze. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Wie war das möglich? Sie hatten wohl auf mich gewartet!

Ein Platten und ein Wald voller Pilze

Der zweite Versuch folgte am Samstag, und zwar noch später, denn unterwegs hatte ich, wie man so schön sagt, einen Platten. Mir war ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Doch es gibt auf dieser Welt gute Menschen, die bereit sind, einem Weib zu helfen, das an den Straßenrand gefahren ist und sich fragt, wie es denn bitte sein kann, dass sie jetzt nicht mehr weiterfahren kann. Eineinhalb Stunden dauerte der ungleiche Kampf mit dem Wagenheber und den festgerosteten Radschrauben. In dieser Zeit hat sicher jemand „meine“ Pilze in seinen Korb gesammelt! Und das hilfsbereite Ehepaar staunte nicht schlecht, als ich erklärte, dass ich trotz allem noch einen Abstecher in den Wald machen würde. Zum Weinen war mir zwar immer noch zumute, doch der Anblick der hübschen, in der September-Sonne glänzenden Maronenröhrlinge, Butterpilze, Reizker und natürlich Steinpilze vertrieb den Kummer. Den Ersatzreifen loszuwerden, wird wohl erst nach dem Wochenende möglich sein. Und so bin ich seit Montag stolze Besitzerin zweier neuer Vorderreifen – und habe trotzdem weiterhin vor, meinen kleinen Wald heimzusuchen: wegen der unzähligen winzigen Maronenröhrlinge, die ich da gesehen habe.

In einem Führer für Pilzfreunde aus dem Jahr 1909 findet man auch eine Beschreibung der Halli-masche. Ihre Hüte sind zwar schmackhaft, doch handelt es sich bei ihnen zugleich um parasitäre Pilze, die sich negativ auf den Baumbestand, auch auf gesunde Bäume, auswirken.
Quelle: Digitale Bibliothek der Medizinischen Universität Warschau

Angeblich wächst ein Pilz nicht mehr weiter, sobald man ihn entdeckt hat. Ich ließ sie trotzdem stehen. Solche Winzlinge gehörten schließlich noch in ihr grünes Moosbett. Und was mit meinen beiden Körben voller diesjähriger Köstlichkeiten passiert ist, davon später mehr.

Das Pilzesammeln ist ein Vergnügen der Natur und eine Art Leichtathletik.

Im Gespräch über unsere Wochenendbeschäftigungen teilte ein guter Freund ein Bild mit mir, das ihn begeistert hatte – mich übrigens ebenfalls. Der Autor heißt Edward Okuń und in der der Kunst und dem Leben gewidmeten Wochenzeitschrift „Jugend“ (11.1906) wurde seine Illustration zu einer Erzählung veröffentlicht, die den Titel „Wo die Buchen dämmern“ trug. Sie zeigt eine symbolistisch-märchenhafte Szene mit Figuren, die an Fliegenpilze erinnern, inmitten einer Waldlandschaft. Der spätere Titel der erwähnten Grafik lautet „Pilzfamilie“. Es ist eine wunderschöne Darstellung im Jugendstil und passt geradezu perfekt zu den ganzen Familien hübscher, leuchtend roter Fliegenpilze, die sich in den Strahlen der untergehenden Sonne badeten. Ihre mit weißen Punkten übersäten Hüte prahlten mit einem ausgesprochen attraktiven Gewand: schneeweiße Lamellen und ein weißer Stiel, unten von einer schuppigen Knolle abgeschlossen und oben mit einem zarten Ring geschmückt. Sie mit Milch und Zucker zuzubereiten, hieße, die Fliegen auf einen süßen Tod zu schicken – daher soll der Pilz auch seinen Namen haben. Fliegenpilze habe ich natürlich nicht gesammelt. In der deutschen Kultur ist der Fliegenpilz schließlich ein Glückssymbol: ein „Glückspilz“. Und genau so fühle ich mich trotz einiger Schikanen, die mir das Schicksal in den vergangenen Tagen zugedacht hat. Vermutlich sollte es einfach so sein. Deshalb überlege ich sogar, diese entzückende Grafik in meiner Küche aufzuhängen – als Erinnerung an die Pilzsuche anno Domini 2026.

Von der Pilzernte auf den Teller

Zurück zu meiner Ausbeute: Wie jedes Jahr habe ich einen Teil der schönsten Exemplare zum Trocknen beiseitegelegt, einen Teil kurz abgekocht und anschließend mit Zwiebeln und Tomaten in Gläser eingemacht. Im Winter werden sie gerade recht kommen. Doch getreu einer der Regeln guter Ernährung, die in der historischen „Schaffgotsch Werks-Zeitung“ von 1937 veröffentlicht wurde und mit dem Industriekonzern des schlesischen Adelsgeschlechts Schaffgotsch verbunden war, bevorzuge ich die Verwendung regionaler Lebensmittel – und zwar passend zur jeweiligen Jahreszeit. Demzufolge bereitete ich ein Pilzgericht nach einem Rezept zu, das 1930 von der „Kattowitzer Zeitung“ empfohlen wurde. Es handelt sich um:

Pilzkoteletten

400 Gramm frische Steinpilze werden vorbereitet, weichgekocht und fein gehackt. Man dünstet sie mit geriebener Zwiebel in Butter, lässt sie abkühlen, rührt sie mit Salz und Pfeffer ab und mengt sie mit ca. 30 Gramm geriebene Semmel und 1 ganzen Ei. Dann formt man die Masse in ovale Stücke, paniert und brät sie. Vor dem Anrichten streut man etwas Petersilie darüber.

Dieses Rezept habe ich allerdings ein wenig verändert und eine Mischung von frischen Waldpilzen mit einem hohen Anteil an Steinpilzen verwendet. Die Koteletts waren weich und ausgesprochen zart. Zum Abendessen servierte ich sie auf dunklem Brot und setzte damit zugleich die siebte Empfehlung der bereits erwähnten Regeln in die Tat um. Als geschmacklichen Kontrapunkt gab es dazu saure Gurken. Zum Fingerlecken!

Wenn die Schlesierin mit einem Korb voller Pilze aus dem Wald zurückkommt, ist klar: Die Pilze werden nicht nur getrocknet. Diesmal wanderten sie in einen Bratling – und der landete auf einer Scheibe dunklen Brotes.
Foto: Małgorzata Janik

Und wenn ich schon wieder einen Blick in die Presse des vergangenen Jahrhunderts werfe, kann ich mich den Worten des Redakteurs Viktor Kaluza über die Pilzsuche nur mit beiden Händen anschließen. Er schrieb 1920 im „Oberschlesier“:

„Das Suchen nach Pilzen ist ein wahres Vergnügen. Wenn man einmal auf den Geschmack dieser Leidenschaft gekommen ist, wird das Pilzesammeln für einen zu dem, was für den Förster die Jagd ist.

… War das nicht eine gesunde Anstrengung aller Sinne und Muskeln? Ja, das Pilzesammeln ist ein Vergnügen der Natur und eine Art Leichtathletik.“

Ihre sportliche Feuilletonistin
Małgorzata Janik

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