Literatur und das schwierige Erbe der Geschichte

Die deutsche Minderheit aus Pommern und Kujawien auf dem Kongress in Warendorf

1 Oktober 2026, 05:00 Geschichte

Vom 25. bis 27. September 2026 fand in der deutschen Stadt Warendorf (Nordrhein-Westfalen) der jährliche Westpreußen-Kongress statt. An der Veranstaltung, die den deutsch-polnischen Beziehungen in der Literatur gewidmet war, nahmen Delegationen der deutschen Minderheit aus Gdingen, Bromberg und Graudenz teil.

Das diesjährige Treffen stand unter dem Motto „Zwischen Gegnerschaft und Verständigung – Die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte im Spiegel der Literatur“. Das Programm umfasste neun wissenschaftliche Vorträge (darunter zwei von Referenten aus Polen vorbereitete), und die Organisatoren sorgten für eine vollständige Simultanübersetzung. Die Veranstaltung wurde mit einem Vortrag von Dr. Roland Borchers aus Berlin, Direktor des Dokumentationszentrums „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, eröffnet.

Literatur als Brücke zwischen den Völkern

Die Beratungen leitete der Vorsitzende der Westpreußischen Gesellschaft, Prof. Dr. Erik Fischer aus Bonn, in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Tilman Asmus Fischer aus Berlin. Prof. Fischer hielt zwei Vorträge: den Hauptvortrag über die Rolle der Literatur beim Aufbau gegenseitigen Verständnisses zwischen den Völkern sowie einen Vortrag über das Bild der deutschen „Weichselschlacht“ in der westpreußischen Literatur der Zwischenkriegszeit.

Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Gdingen überreichte die Delegation aus dieser Stadt Professor Fischer die Gedenkpublikation „Gdynia dawniej i dziś“ (Gdynia früher und heute).

Westpreußen-Medaille für den ehemaligen Kulturstaatsminister

Ein wichtiger Punkt des Kongresses war die Verleihung der Westpreußen-Medaille 2026. Die Auszeichnung erhielt Prof. Bernd Neumann, ehemaliger Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die Laudatio zu seinen Ehren hielt Dr. Peter Paziorek, ehemaliger Bundestagsabgeordneter.

Der ehemalige Kulturstaatsminister Prof. Bernd Neumann (geb. 1942 in Elbing) mit der Auszeichnung und einem kaschubischen Geschenk der Gdinger Delegation. Auf dem Foto sind auch Benedykt Reszke, Hilary Kohnke und Dr. Wojciech Pasko-Porys zu sehen.
Foto: privat

Professor Neumann wurde 1942 in Elbing geboren, von wo er im Januar 1945 mit seiner Familie auf dem Landweg evakuiert wurde. In seiner langjährigen öffentlichen Tätigkeit arbeitete er mehrfach mit polnischen Kulturvertretern zusammen, darunter mit den Ministern Bogdan Zdrojewski und Władysław Bartoszewski. Er engagierte sich unter anderem im Prozess der Schaffung des Berliner Dokumentationszentrums im Geiste der Verständigung mit der polnischen Seite und besuchte regelmäßig Pommern, darunter die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Stutthof.

Zeugnisse der Geschichte und die Rolle des Museums in Warendorf

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung befand sich der 97-jährige Günter Wittrin, geboren in Neustadt in Westpreußen, der seine familiären Wurzeln in Pommern erwähnte – seine polnisch sprechende Mutter sowie das Familienhaus und die Likörfabrik in der Nähe des Neustädter Marktplatzes. Im April 1945 wurde er als 16-jähriger Rekrut mit dem Schiff von Hela und Gdingen evakuiert.

Es sprach auch Dr. Martin Koschny, kommissarischer Leiter des Westpreußischen Landesmuseums in Warendorf und Historiker an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Münster. In seinem Vortrag erörterte er die Motive der „Vorfahren“ und „Kreuzritter“ im Kontext der nationalen Konflikte der Kaiserzeit. Das Museum in Warendorf ist eine zentrale wissenschaftliche und kulturelle Einrichtung, die mit vielen polnischen Museen zusammenarbeitet und unabhängig von der Westpreußischen Gesellschaft funktioniert.

Der Vorsitzende der Westpreußischen Gesellschaft, Prof. Dr. Erik Fischer, nimmt das Album über Gdingen aus den Händen des 91-jährigen Benedykt Reszke und Hilary Kohnke entgegen. Kongress in Warendorf, September 2026.
Foto: privat

Gedenken an die Operation „Hannibal“ und Ankündigung der Feierlichkeiten in Gdingen

Während der Beratungen wurde das Thema der jährlichen ökumenischen und zweisprachigen Gottesdienste angesprochen, die seit 31 Jahren in der Gdinger Seemannskirche unter Beteiligung des Generalkonsuls der Bundesrepublik Deutschland in Danzig organisiert werden. Diese Feierlichkeit gedenkt der Opfer der maritimen Evakuierung von 1945 (Operation „Hannibal“).

Es wurde zugesichert, dass eine ständige Information über die Gdinger Feierlichkeiten auf der Website des Westpreußischen Landesmuseums erscheinen wird. Bei der Übergabe eines Geschenks an den Vorsitzenden Fischer schlug Benedykt Reszke – Leiter des Bundes der Deutschen Bevölkerung in Gdingen und Hauptorganisator der lokalen Feierlichkeiten – vor, dass das Leitthema der nächsten Konferenz eben die maritime Evakuierung von 1945 sein sollte. Die Bedeutung dieser Frage betonte Dr. Wojciech Pasko-Porys, indem er daran erinnerte, dass die Operation „Hannibal“ über 2 Millionen evakuierte Personen umfasste. Während des Kongresses wurde auch das Buch von Tomasz Stachura „Gustloff, Steuben, Goya – droga śmierci“ vorgestellt, das ein Beispiel für das zeitgenössische Interesse an dieser Thematik unter anderem im Umfeld von Forschern und Tauchern darstellt.

Der 97-jährige Günter Wittrin und Dr. Wojciech Pasko-Porys (Galerie auf der Insel in Lauenburg) mit dem Buch von Tomasz Stachura „Gustloff, Steuben, Goya – droga śmierci“. Im Hintergrund der Leiter des Westpreußischen Landesmuseums, Dr. Martin Koschny. Kongress in Warendorf, 2026.
Foto: privat

Zur 32. Ausgabe der Gdinger Feierlichkeiten im Jahr 2027 wurden unter anderem der diesjährige Medaillenträger, Prof. Bernd Neumann, sowie Dr. Peter Paziorek eingeladen.

Ein Lauenburger Ausstellungsakzent

Eine Ergänzung zur Thematik der maritimen Evakuierung ist das Ausstellungsprojekt „Hannibal 1945 – maritime Rekonstruktionen“, das 20 Gemälde der Künstlerin Anastasija Fietysova umfasst. Die Arbeiten werden in der Galerie auf der Insel in Lauenburg präsentiert, die von Dr. Wojciech Pasko-Porys geleitet wird.

Die Einrichtung befindet sich auf einer Insel mit einer Deutschordensburg und besitzt die größte private Sammlung maritimer Antiquitäten in Polen. Unter den Exponaten im Zusammenhang mit den Katastrophen in der Ostsee von 1945 befindet sich unter anderem ein originales, drei Meter langes Holzgeländer von der Deckstreppe des Schiffes Wilhelm Gustloff, das von Jerzy Janczukowicz legal erworben wurde.

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