Echte schlesische Happen

Zwischen Heim, Hütte und Stadttafel: Tomatensuppe auf schlesische Art

26 September 2026, 05:00 Geschichte

Die Tomatensuppe erscheint uns heute als eines der vertrautesten Gerichte und erinnert an das Sonntagsessen, an Reis oder Nudeln und an jenen Geschmack, den man seit den Kindertagen kennt. Ihre Geschichte in Schlesien führt jedoch in eine etwas andere Richtung: in die Arbeiterstädte, die Werksküchen, Volksküchen, Restaurants und Haushaltungsschulen. In den alten schlesischen Städten war die Tomate längst nicht mehr bloß eine Kuriosität oder eine Beigabe zum Salat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielt sie immer deutlicher Einzug in den täglichen Speisezettel.

Ein Zeugnis dieses kulinarischen Wandels bietet unter anderem die Zeitschrift „Silesia“ aus dem Jahre 1914. In dem dort veröffentlichten Beitrag wird bemerkt, daß Tomaten „auf die verschiedenste Weise“ zubereitet würden: roh, gekocht und gebraten, und daß ihre Zahl der Freunde von Tag zu Tag zunehme. Man konnte sie ganz einfach – nur mit Salz und Pfeffer bestreut – auftragen oder mit Mayonnaise reichen. Ebenso erschienen sie in vornehmeren Zusammenstellungen: mit hartgekochten Eiern, die auf einer Schüssel rings um die Tomaten angeordnet und von Salatblättern umgeben wurden. Eine noch feinere Abart waren mit Sardellen und Mayonnaise gefüllte Tomaten.

„Tomatensuppe“ in der alten Presse – von der vegetarischen Küche bis zur Suppe mit Reis und Fleischeinlage. Schlesische Rezepte aus den Jahren 1928–1939. Dazu noch eine Prise Humor.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Bemerkenswert ist, daß die Tomate in demselben Beitrag auch zum Bestandteil eines Gerichtes wird, das wir heute als ausgesprochen häuslich empfinden würden – der Suppe. Das aus den Tomaten herausgenommene Mark sollte keineswegs verloren gehen. Am folgenden Tage verwendete man es zur Bereitung einer Tomatensuppe. Die Tomaten wurden mit Bouillon gekocht, durch ein Sieb gestrichen und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. Dazu kamen auf dem Teller geröstete Brotwürfel und, nach Belieben, etwas fein gehackte Petersilie. Hier zeigt sich eine ausgesprochen praktische Auffassung vom Kochen: Nichts soll verloren gehen, vielmehr sollen die Überreste eines Gerichtes zur Bereitung des nächsten Verwendung finden.

Die Geschichte der Tomatensuppe ist nicht allein die Geschichte eines Gerichtes, sondern auch die Geschichte der schlesischen Küche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Tomatensuppe in der Haushaltungsschule

Die Tomaten gelangten dabei nicht nur in die privaten Küchen. Ein wichtiger Ort ihrer kulinarischen Ausbildung waren die Haushaltungsschulen. In Zabrze hatte die Verwaltung der Donnersmarckhütte eine Reihe sozialer Einrichtungen geschaffen, zu denen auch eine Koch- und Haushaltungsschule gehörte. Dort wurden vor allem die Töchter der Arbeiter in den Fertigkeiten unterrichtet, die zur Führung eines Haushaltes erforderlich waren. Der erhaltene Bericht über die Prüfung vom 30. September 1907 zeigt, welchen Rang man dort der Kochkunst beimaß. Die Schülerinnen bereiteten ein mehrgängiges Mahl, das bei den geladenen Gästen Anerkennung fand. Unter den gereichten Speisen befand sich Tomatensuppe mit gerösteten Brotwürfeln, daneben Hammelbraten, Blumenkohl mit holländischer Sauce und Salzkartoffeln sowie ein Gericht aus Buttermilch. An anderen Tischen reichten die Schülerinnen unter anderem Bohnensuppe, Entenbraten, Rotkohl, Erbsensuppe mit Klößchen, Wiener Schnitzel und Paprikaschnitzel, Gemüse, Kompott und Eis.

Hier lernte man kochen und haushalten: die Haushaltungsschule der Donnersmarckhütte in Hin-denburg, 1938.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Die Tomatensuppe war also keineswegs eine zufällige Erscheinung. Sie gehörte sowohl in die alltägliche Küche als auch in jene Küche, die gutes, vernünftiges und sparsames Wirtschaften lehren sollte. In der Hindenburger Schule konnte sich das hergebrachte Bild der tüchtigen Hausfrau mit neuen Erzeugnissen und Rezepten verbinden. Die Tomatensuppe mit gerösteten Brotwürfeln fügte sich trefflich in diese Welt: Sie war nahrhaft, verhältnismäßig einfach zuzubereiten und bot doch Gelegenheit, die Kunstfertigkeit der Köchin zu zeigen.

Am anderen Ende des städtischen Lebens stand das Restaurant. In Gleiwitz kam die Tomatensuppe auch im „Casino-Weinhaus“, Wilhelmstrasse 34, auf den Tisch – einer großen Weinwirtschaft, die sich in einem Eckhaus an der Wilhelm- und Kreidestrasse befand. Das Lokal verfügte über Gasträume, Klubzimmer, einen Speisesaal, vermietbare Zimmer sowie eine geräumige Eckveranda mit Tischen. Nach dem Umbau und der Modernisierung im Jahre 1912 gehörte es zu den bedeutenderen Lokalen der Stadt.

Zu Gast am Stadttisch: Tomatensuppe im Gleiwitzer „Casino-Weinhaus“.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Die Tomatensuppe überschritt somit die Grenzen von Stand und Lebensgewohnheit. Sie konnte ebenso auf der Speisekarte eines Restaurants stehen wie in der Küche einer Schule für Arbeiterstöchter. Sie konnte mit feinen Beigaben zubereitet werden oder auf äußerst sparsame Weise, unter Verwendung dessen, was von einer vorherigen Speise übriggeblieben war.

Ein Rezept aus dem Jahr 1937

Einige Jahrzehnte später, im Jahre 1937, empfahl die „Kattowitzer Zeitung“ eine kräftige Tomatensuppe mit Grießklößchen. Das Rezept erlaubt beinahe einen unmittelbaren Blick in die damalige Küche. Die Grundlage bildete eine hellbraune Mehlschwitze aus 40 Gramm Butter und 20 Gramm Mehl, die mit Tomatenwasser und einem halben Liter Rahm oder Milch verrührt wurde. Sodann gab man gekochten Reis und Stückchen gekochter Makkaroni hinzu. Vier Tomaten wurden in dünne Scheiben geschnitten, in Butter gedünstet, mit Salz und etwas Zitronensaft abgeschmeckt und gaben der Suppe den letzten Geschmack.

Die interessanteste Beigabe aber waren die Grießklößchen. Man bereitete sie aus ¼ Liter Milch, 60 Gramm Butter und Grieß; nach dem Erkalten wurde die Masse mit einem Ei, Salz, Muskatnuß und gehackter Petersilie vermengt. Aus kleinen Portionen formte man Klößchen, ließ sie fünf bis sechs Minuten in Salzwasser sieden und gab sie erst dann in die heiße Suppe.

An den großen Kesseln: die „Volksküche“ der Donnersmarckhütte und der Alltag im alten Hin-denburg.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Auf einer der erhaltenen Fotografien sehen wir noch einen anderen Ort der damaligen Gemeinschaftsverpflegung – die „Volksküche“, die bei der Donnersmarckhütte im damaligen Zabrze betrieben wurde. Frauen in hellen Schürzen arbeiten an großen Töpfen und Küchentischen. Es ist das Bild einer Welt, in der das Kochen nicht allein eine häusliche Tätigkeit am Herd war. Die Küche konnte zugleich ein Ort der Arbeit, der Ausbildung, der Fürsorge und der Verpflegung einer größeren Zahl von Menschen sein.

Eine Suppe zwischen Alltag und Wandel

Und gerade in dieser Landschaft des alten Schlesien gewinnt die Tomatensuppe eine besondere Bedeutung. Sie ist noch nicht ausschließlich jene „Suppe aus der Kindheit“, als die wir sie heute kennen. Sie ist vielmehr ein Zeugnis des Wandels in den Ernährungsgewohnheiten der Bewohner der sich entwickelnden Industriestädte. Ihre Geschichte ist daher nicht allein die Geschichte eines Gerichtes, sondern auch die Geschichte der schlesischen Küche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – einer Küche, in der sich Überlieferung, Sparsamkeit, neue Erzeugnisse, Arbeiterkost sowie die Ansprüche der bürgerlichen Tafel begegneten. Und über all dem lag der Duft von Tomaten, Butter, frisch gemahlenem Pfeffer und heißer Bouillon.

Teilen:
FUEN-Kongress diskutiert Zukunft der Minderheitensprachen
vorheriger Artikel

FUEN-Kongress diskutiert Zukunft der Minderheitensprachen

Jugendfest im Erinnerungsbuch
nächster Artikel

Jugendfest im Erinnerungsbuch

Werbung

Ansichtssache

Neues Wochenblatt - Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.