Erinnerungen aus der Schublade

Oppelner Germanistikstudenten entdecken Familiengeschichten

25 September 2026, 05:00 Geschichte

Eine alte Puppe, Porzellangefäße, Bücher, Dokumente und gestrickte Socken: Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, erzählt in der Sonderausstellung „Aus der Erinnerungskiste meiner Großeltern“ von persönlichen Erinnerungen und Familiengeschichte. Erarbeitet wurde sie von Studierenden der Germanistik an der Universität Oppeln im Rahmen des Seminars „Management und Führung von Kulturprojekten“.

Auf der Suche nach vergessenen Dingen

Die Idee entstand in Anknüpfung an ein großes Identitätsprojekt des Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen in Polen. Professorin Gabriela Jelitto-Piechulik, Dozentin an der Universität Oppeln, entwickelte die Ausstellung gemeinsam mit den Studierenden im Rahmen des Seminars: „Wir haben uns mit den Studenten entschlossen, etwas für uns, also für unsere Region, auch für die Geschichte unserer Region zu machen“, erzählt sie.

„Das Wichtigste war, dass es sich um originale historische Gegenstände handeln sollte. Manche Stücke lagen auf dem Dachboden: etwa Porzellangefäße aus den 1920er- und 1930er-Jahren oder eine alte Puppe, für die eine Studentin neue Kleidung genäht hat. Auch alte Bücher und Dokumente haben wir in die Ausstellung aufgenommen“, sagt Jelitto-Piechulik. Andere Objekte sind auf Fotografien dokumentiert, darunter alte Familienhäuser aus der Gegend von Kandrzin-Cosel oder Kreuzburg.

Wenn Gegenstände Geschichten erzählen

Hinter den Gegenständen stehen Geschichten. Die Studierenden sprachen mit älteren Menschen und führten Interviews. So wurde aus der Suche nach historischen Dingen auch eine Suche nach der eigenen Familiengeschichte. Professorin Gabriela Jelitto-Piechulik spricht von einer „mentalen, emotionalen Sphäre“, die die Studierenden dabei neu entdecken konnten: „Ich glaube, das war auch eine zusätzliche Bereicherung für die Studenten, weil sie eben diesen Weg zu sich selbst gefunden haben, zu den eigenen Wurzeln.“

Prof. Gabriela Jelitto-Piechulik erzählt bei einem Treffen im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen über die Entstehung der Ausstellung „Aus der Erinnerungskiste meiner Großeltern“.
Foto: Mika Ballhausen

Eine solche Geschichte steckt etwa hinter einem Paar alter Socken. Eine alleinstehende Tante hatte sie für den Vater einer Studentin gestrickt – als Geburtstagsgeschenk: „Weil man in den 40er- und 50er-Jahren eigentlich nichts anderes zum Geburtstag schenken konnte“, erzählt Jelitto-Piechulik. Für die Studierenden wurden solche Fundstücke zu Ausgangspunkten für persönliche Nachfragen. Sie führten Interviews und fragten ältere Menschen nach der Geschichte ihrer Familien.

Die Geschichten hinter den Gegenständen stellten die Studierenden auch bei einer Veranstaltung vor. Dabei wurde deutlich, wie intensiv sie sich mit den Erinnerungen auseinandergesetzt hatten: „Das waren manchmal wirklich berührende Erzählungen. Man konnte sehen, wie emotional diese Erfahrung für sie war.“

Ausstellung als praktische Erfahrung

Für die Studierenden des Instituts für Literaturwissenschaft der Universität Oppeln war das Projekt zugleich eine praktische Erfahrung. Sie konnten eine Ausstellung vorbereiten, sich bei der Eröffnung präsentieren und erste Erfahrungen in einem möglichen Berufsfeld sammeln. Auch das war ein Ziel des Seminars.

Einblick in die Sonderausstellung „Aus der Erinnerungskiste meiner Großeltern“ im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen in Oppeln.
Foto: Mika Ballhausen

Jelitto-Piechulik verweist auf Walter Benjamin und dessen Gedanken zu „Spur und Aura“. Die historischen Gegenstände sind für sie Spuren, die die Frage aufwerfen, wie Erinnerungen lebendig gehalten werden können. Die Studierenden haben diese Spuren in ihrer Umgebung gesucht – und dabei auch ihre eigenen Familiengeschichten neu betrachtet.

„Aus der Erinnerungskiste meiner Großeltern“ ist noch bis Ende September im Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, einer Außenstelle der Öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek E. Smołka in Oppeln, ul. Szpitalna 11, zu sehen.

 

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