Masure aus Leidenschaft
Seit Mitte März hat der deutsche Kultur- und Sozialverein in Lötzen einen neuen Vorstand. An seiner Spitze steht Oliver Geis, der die Organisation für die nächsten vier Jahre leiten wird.
seiner Spitze steht Oliver Geis, der die Organisation für die nächsten vier Jahre leiten wird.
Der neue Vorstand besteht, wie der vorherige, aus fünf Personen. Zwei seiner Mitglieder waren zuvor bereits in der Vereinsführung tätig. Die bisherige Vorsitzende, Barbara Rużewicz, kandidierte nicht. Sie hatte bereits angekündigt, dass sie aufgrund ihres Alters und Gesundheitszustands das Amt der Vorsitzenden nicht weiterführen werde. Sie leitete den Verein 28 Jahre lang.
Der neue Vorsitzende, Oliver Geis, war der einzige Kandidat für dieses Amt. Welche Pläne hat die neue Führung der deutschen Minderheit in Lötzen?
„Vor allem wollen wir unsere Organisation wiederbeleben. Wir sind uns bewusst, dass dies keine leichte Aufgabe sein wird, da unsere 127 Mitglieder zwischen 60 und 90 Jahre alt sind, die meisten im Altersbereich zwischen 70 und 85 Jahren. Ihre aktivste Zeit haben sie bereits hinter sich. Viele ihrer erwachsenen Kinder, die unseren Verein verstärken könnten, leben jedoch in Warschau, Danzig oder Deutschland“, berichtet Oliver Geis.
Belebung des Vereins und Zusammenarbeit mit der Kultur
Wie will der neue Vorstand den Verein beleben?
„Wir möchten ihn offener für die polnische Seite gestalten und stärker auf soziale Aspekte ausrichten, statt ihn strikt auf die deutsche Minderheit zu beschränken. Wir planen, den Fokus stärker auf Geschichte und Kultur zu legen – erstens, um die deutschen Spuren in Masuren zu bewahren, und zweitens, um alle anzusprechen, die sich für die Geschichte und Kultur der Region interessieren, unabhängig von ihrer Herkunft. Wir werden Vorträge, Begegnungen mit interessanten Menschen, Ausflüge und Touren durch die Region organisieren – zum Beispiel auf den Spuren deutscher Schriftsteller. Die nächsten Ausflüge planen wir zum Elbinger Kanal mit seinen Schleusen und nach Rößel, wo es ein interessantes Schloss und ein Foltermuseum gibt. Bei solchen Ausflügen erfahren die Teilnehmer viel über die Geschichte der Region.“
„Wir planen, den Fokus stärker auf Geschichte und Kultur zu legen – erstens, um die deutschen Spuren in Masuren zu bewahren, und zweitens, um alle anzusprechen, die sich für die Geschichte und Kultur der Region interessieren, unabhängig von ihrer Herkunft.“
Oliver Geis
„Eine weitere Idee zur Belebung des Vereins ist eine engere Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum in Lötzen. Wir können ihnen unsere Kultur anbieten, die unter anderem durch unseren Chor „Masurenklang“ repräsentiert wird, und sie verfügen über Räumlichkeiten und große organisatorische Möglichkeiten. Deshalb planen wir, unseren Chor zu verstärken“, fügt der Vorsitzende hinzu.
Auch das Erlernen der deutschen Sprache liegt ihm sehr am Herzen
„Ich habe festgestellt, dass die meisten unserer Mitglieder Schwierigkeiten haben, sich frei auf Deutsch zu verständigen. Es fehlt ihnen der sprachliche Kontakt, und da sie nicht täglich sprechen, vergessen sie vieles von dem, was sie bereits wissen.“ Bereits im vergangenen Jahr leitete er ehrenamtlich einen Sprachkurs für die Mitglieder.
„Es handelte sich um einen Präsenzkurs. 20 Personen nahmen daran teil, hauptsächlich aus der mittleren Generation. Jüngere Teilnehmer waren am seltensten vertreten. Für sie wäre ein Online-Kurs am besten, aber wir wissen noch nicht, ob und wie wir diesen organisieren können.“
Seine Idee ist es, Sprachworkshops mit dem Studium der Geschichte Ostpreußens zu verbinden. Wie er bemerkt, haben nicht nur die Einwohner von Lötzen in diesem Bereich erhebliche Wissenslücken.

Die ehemalige Vorsitzende Barbara Rużewicz übergibt die Unterlagen an ihren Nachfolger Oliver Geis. Foto: Lötzen
Masure aus Überzeugung
Der neue Vorsitzende des masurischen deutschen Kultur- und Sozialvereins in Lötzen ist kein Masure von Geburt an. Sein Vater stammte aus dem Ruhrgebiet, seine Mutter aus Schlesien. Masure wurde er „aus Leidenschaft“. Er besuchte Masuren zum ersten Mal 1977. Es gefiel ihm dort sehr gut. Später führte ihn das Schicksal zu Renata – einer Masurin aus der Nähe von Lötzen. Mit ihr besuchte er ihre Heimat immer wieder. Nach einem der Urlaube beschloss er, dass er in Masuren leben möchte.
„Lange Zeit war das unmöglich. Mit der Zeit kauften wir ein Haus in Pierkunowen, renovierten es und besuchten es wie unser eigenes. 2016 ging ich in Rente und damals ließen wir uns in Masuren nieder. Seitdem engagiere ich mich im deutschen Verein“, erzählt er kurz seine Lebensgeschichte.
Oliver Geis wurde 1958 geboren, hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitete in der Logistik des Luftfahrtkonzerns Airbus. Er spricht Englisch, Französisch und Spanisch und lernt weiterhin Polnisch. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Von Beruf ist er auch Theologe und wirkt als Prediger in der evangelischen Kirche.