Zwischen Geschichte und Politik: Der Streit um die künftige Ausrichtung der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung”

30 März 2026, 12:00 Politik 380

Die Entscheidung über die Wahl eines neuen Direktors der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin schließt eine wichtige Phase des Streits ab, beendet jedoch nicht die grundlegende Debatte über die Gestalt der deutschen Erinnerungskultur. Hinter den personellen Spannungen verbirgt sich eine weitaus wichtigere Frage: Wird die Geschichte der Zwangsmigrationen eine im europäischen Kontext verankerte Erzählung bleiben – oder erneut zum Bestandteil einer verengten nationalen Narrative?

Von umstrittenen Anfängen zur institutionellen Stabilisierung

In den vergangenen Wochen kommentierten deutsche und ausländische Medien lebhaft die Wahl des Direktors der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin. Für manche Beobachter mag dies überraschend gewesen sein – in den letzten Jahren herrschte um diese Institution relative Ruhe. Das war jedoch nicht immer so. Die Stiftung entstand in einer Atmosphäre von Konflikten, die weit über die innerdeutsche Debatte hinausgingen.

Das ursprüngliche Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“, das von Kreisen des Bundes der Vertriebenen stark unterstützt wurde, stieß vor allem in Polen, aber auch in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas auf Kritik. Als Ergebnis entschied man sich für die Form einer Bundesstiftung im Rahmen des Deutschen Historischen Museums, mit Beteiligung eines internationalen Expertenkreises.

Dennoch waren die ersten Jahre ihrer Tätigkeit nicht frei von weiteren Konflikten. Auseinandersetzungen über das Ausstellungskonzept und die Forschungsausrichtung führten zum Ausscheiden einiger Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats sowie zum Rücktritt des ersten Direktors, Prof. Manfred Kittel. Erst die Berufung von Dr. Gundula Bavendamm im Jahr 2016 brachte relative Stabilität.

Unter ihrer Leitung wurde der Prozess der Erarbeitung der Dauerausstellung abgeschlossen, die 2021 im renovierten Deutschlandhaus in Berlin eröffnet wurde. Die Eröffnung, an der u.a. Bundeskanzlerin Angela Merkel teilnahm, galt als wichtiger Moment in der deutschen Erinnerungspolitik und im Dialog mit den Nachbarn.

Die Ausstellung als Kompromiss

Die Dauerausstellung wurde als Versuch konzipiert, verschiedene Perspektiven zu verbinden. Auf zwei Ebenen wurde zunächst die globale Geschichte der Zwangsmigrationen im 20. und 21. Jahrhundert präsentiert – und erst nach dieser Einführung die Erfahrung der Deutschen, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flohen und danach vertrieben wurden.

Ein zentrales Element des Konzepts war die Einbettung des Schicksals der deutschen Vertriebenen in einen breiteren historischen Kontext – vor allem in die Vorgeschichte von Holocaust und NS-Verbrechen, in die Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden sowie in die Volksgruppen- und Besatzungspolitik des Dritten Reichs sowie in die vorangegangenen Zwangsmigrationen anderer Völker. Ohne diesen historischen Kontext ist das Phänomen der Vertreibungen nicht zu verstehen.

Die heutige Debatte ist kein Streit um ein neues Konzept, sondern um die Reinterpretation eines vor einigen Jahren erarbeiteten Kompromisses.

Diese Art der Präsentation verfolgte ein doppeltes Ziel: die Isolation der deutschen Erfahrung aus dem historischen Kontext zu vermeiden und die Ausstellung für zeitgenössische Gesellschaften verständlich zu machen – auch für Menschen mit eigener Migrationserfahrung. Wie die Historikerin Maren Röger, Mitglied des wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung, es formulierte: „Wir sind eine Einwanderungsgesellschaft, da bietet dieses Museum eine unglaubliche Chance, das Thema der Vertreibung anschlussfähig zu machen für heutige Realitäten.“ (Der Spiegel, 25.03.2026) Die ruhigen Reaktionen der Nachbarländer Deutschlands bestätigten, dass das Konzept als überzeugend angesehen wurde.

Bereits zum Zeitpunkt der Eröffnung tauchten jedoch Fragen auf, ob eine so „kühle“, distanzierte Narrative dauerhaft Besucher in Deutschland anziehen und ihre historische Vorstellungskraft ansprechen könne. Aus heutiger Sicht ist deutlich erkennbar, dass gerade dieser ausgewogene Charakter der Ausstellung im Laufe der Zeit zu einem der Hauptstreitpunkte geworden ist. Für die einen ist er eine Garantie für Seriosität und historische Verantwortung, für die anderen – ein Beweis für die unzureichende Darstellung der Erfahrungen deutscher Opfer. Die heutige Debatte ist daher kein Streit um ein neues Konzept, sondern um die Reinterpretation eines vor einigen Jahren erarbeiteten Kompromisses.

Die Rückkehr der Erinnerungspolitik

Im März 2026 wurde Dr. Roland Borchers zum neuen Direktor der Stiftung ernannt – bisher stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide, spezialisiert auf die Geschichte Osteuropas und die Zwangsarbeit im Dritten Reich. Seine Wahl hatte etwas Paradoxes: Der BdV wollte keine Vertragsverlängerung für Dr. Bavendamm, Kanzler Merz blockierte in letzter Minute die Kandidatur von Sven Oole – so blieb der dritte Kandidat auf der Shortlist übrig.

Dabei fügt sich das wissenschaftliche Profil von Borchers – als Forscher zur deutschen Besatzungspolitik und Zwangsarbeit – von Natur aus gut in die Logik der bisherigen Ausstellung ein: NS-Besatzungsterror als Ursache der Vertreibungen. Die Kreise von BdV und CDU/CSU, die wohl auf einen tüchtigen Manager ohne ausgeprägte historische Position gehofft hatten, mögen diesen Aspekt unterschätzt haben. Vom wissenschaftlichen Beirat unterstützt, hat Borchers allen Grund, sich mit der Zeit – ähnlich wie seine Vorgängerin – von der konservativen Fraktion im Stiftungsrat zu emanzipieren. Die Aktionen des BdV führten also auf Umwegen zu einem überraschenden, aber aus wissenschaftlicher Sicht durchaus akzeptablen Ergebnis.

Die Wahl Borchers‘ war jedoch von einem intensiven politischen Konflikt begleitet. Teile der mit dem BdV und CDU/CSU-Politikern verbundenen Kreise forderten eine Kursänderung der Stiftung und kritisierten die Ausstellung dafür, das Thema der Vertreibungen zu stark mit deutschen Kriegsverbrechen zu verknüpfen. Bernd Fabritius formulierte den Vorwurf in einem Brief an Dr. Bavendamm direkt: „An dieser Stelle wird der Kontext mit der Kausalität vermengt.“ (zit. nach: Felix Ackermann, Der Spiegel, 23.03.2026)

Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Blick in die Ständige Ausstellung.
Foto: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung/Markus Gröteke

Der Historiker Felix Ackermann bewertete dies als im Kern eine „Renationalisierung“ der Narrative – eine Ablösung der Vertreibungsgeschichte vom Besatzungskontext und ihre Einbettung in eine autonome Erzählung vom deutschen Leid. Also eine Rückkehr zu alten Positionen. Ähnliche Bedenken äußerte Prof. Maren Röger, die auf das Risiko politischer Einflussnahme auf den Ausstellungsinhalt und einen möglichen „konservativen Rollback“ in der deutschen Erinnerungskultur hinwies. Andreas Kilb schrieb von einem „Kompromiss statt Klüngel“ und betonte, dass der neue Direktor eine von inneren Widersprüchen zerrissene Institution übernehme – der Konflikt sei nicht gelöst, sondern lediglich vertagt (FAZ, 26.03.2026).

Die polnische Perspektive

Diese Debatte bleibt nicht ohne Bedeutung für die deutsch-polnischen Beziehungen. Wie Prof. Piotr Madajczyk, Mitglied des wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung, in Erinnerung rief, war die aktuelle Ausstellung das Ergebnis eines schwierigen Kompromisses, der eine Eskalation der Streitigkeiten verhinderte, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufgeflammt waren. Auf die Frage, ob eine Rückkehr zur Situation aus der Zeit von Erika Steinbach drohe, antwortete er direkt: „Takie niebezpieczeństwo niewątpliwie istnieje – diese Gefahr besteht zweifellos.“ (Deutsche Welle, 20.03.2026)

Madajczyk wies darauf hin, dass die bisherige Direktorin ihre schwierige Aufgabe gut erfüllt habe – es sei ihr gelungen, das Museum zu entpolitisieren, und die Besucherzahlen seien gestiegen. Die Durchsetzung eines politisch mit dem BdV-Umfeld verbundenen Kandidaten hätte eine Politisierung der Einrichtung und eine Änderung der Ausstellung nach dem Prinzip „weniger über eure Opfer, mehr über unsere“ riskiert.

Ein solches Szenario würde nicht nur einen historiographischen Streit bedeuten, sondern auch ein ernstes politisches Problem, das die deutsch-polnischen Beziehungen belasten würde – und, wie Madajczyk treffend anmerkte, „radikale Kräfte in beiden Ländern würden eine solche Gelegenheit sicher nutzen, um die Stimmung anzuheizen.“

Die Institution zwischen Wissenschaft und Politik

Die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ bewegt sich von Anfang an im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Einerseits soll sie ein Ort der Forschung, Bildung und historischen Reflexion sein, andererseits nimmt sie die Rolle einer staatlichen Institution wahr, eingebettet in die breitere Erinnerungspolitik des deutschen Staates. Diese Zweideutigkeit bleibt unauflösbar.

Das Berliner Dokumentationszentrum ist mehr als ein Museum. Es ist ein Test für die Reife der deutschen Erinnerungskultur – und zugleich für ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Nachbarn, vor allem Polens, wo die Sensibilität in diesem Bereich nach wie vor sehr hoch ist.

Die Frage betrifft eher die Proportionen: Inwieweit sollten Entscheidungen über den Ausstellungsinhalt und die Forschungsausrichtung in den Händen der Wissenschaft bleiben, und inwieweit politischen Einflüssen unterliegen?

Andreas Kilb formulierte es präzise: „Nur unabhängige Historiker sollten eine gesamtstaatliche Präsentation zum Thema Flucht und Vertreibung gestalten dürfen.“ (FAZ, 26.03.2026) Diese Betonung der Rolle von Fachleuten hat in Zeiten zunehmender Instrumentalisierung von Vergangenheitsfragmenten nicht nur eine innerdeutsche Bedeutung.

Schluss

Der Streit um die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ ist kein bloßer Personal- oder Institutionenkonflikt. Es ist im Kern ein Streit um die Art des Geschichtenerzählens – ob Geschichte vor allem der Bestätigung eigener Erfahrungen und Emotionen, der Stärkung von Identität dienen soll, oder vielmehr ihrer Konfrontation mit einem breiteren, auch unbequemen Kontext – im Namen der Aufarbeitung der Geschichte für die Zukunft.

In diesem Sinne ist das Berliner Dokumentationszentrum mehr als ein Museum. Es ist ein Test für die Reife der deutschen Erinnerungskultur – und zugleich für ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Nachbarn, vor allem Polens, wo die Sensibilität in diesem Bereich nach wie vor sehr hoch ist.

Der Versuch, diese Erzählung zu verengen, sie aus dem Kontext der Gewalt und der Politik des Dritten Reichs herauszureißen, würde nicht nur eine Änderung der Narrative bedeuten, sondern auch einen Rückschritt im langen Prozess der Europäisierung der historischen Erinnerung. Es wäre auch ein Schlag gegen die Errungenschaften der schwierigen Debatten über die jüngste Geschichte, die nach 1989 geführt wurden.

Die Entscheidung, Dr. Roland Borchers die Leitung zu übertragen, schließt daher eine Phase des umfassenderen Streits ab, löst ihn jedoch nicht. Der neue Direktor übernimmt keine ruhige Institution, sondern – wie Andreas Kilb treffend feststellte – ein „Schiff im Sturm“. (FAZ, 26.03.2026)

Der heutige Streit zeigt auch, wie zerbrechlich Kompromisse sind, die mit so großer Mühe über Jahre erarbeitet wurden. Wird die Stiftung ein Ort der Vertiefung europäischer Reflexion über Zwangsmigrationen – oder wird sie der Versuchung erliegen, die Perspektive auf eine nationale Narrative zu verengen? Die Antwort auf diese Frage reicht weit über die Mauern des Berliner Deutschlandhauses hinaus.

Auf diese Problematik bin ich ausführlicher in meinem Text „Spokojny finał wielkiej kontrowersji“ (2021) eingegangen, in dem ich das Konzept und die Rezeption der Ausstellung zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung analysiert habe.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.

Von 2010 bis 2015 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
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