Wymysiöeryś: Eine Sprache kehrt zurück

23 Februar 2026 Kultur , Kultur/Bildung

Zwischen Tanzschritten und Theaterproben lebt in einem Ort am Rande der Woiwodschaft Schlesien eine Sprache, die fast verstummt wäre: Wilmesaurisch. Jahrzehntelang verboten und von Traumata überschattet, erlebt sie heute eine unerwartete Wiederbelebung. Ein Besuch bei jenen, die Wilmesaurisch in die Zukunft tragen.

Die Leiterin der Tanzgruppe erhebt ihre Stimme. Im Saal mit dem dunklen Parkettboden wird es still, nur einzelne Gespräche werden noch gedämpft fortgeführt. Am hinteren Ende des Saales gibt es eine kurze Bühne. Die ist allerdings zu klein für die ganze Gruppe, die deshalb davor Aufstellung nimmt. Die Wand gegenüber ist vollständig verspiegelt, wie in einem Ballettsaal.

Die Tanzgruppe führt traditionelle Tänze zu wilmesaurischen Liedern auf.
Foto: M. Oliveira

Nun bittet die Leiterin die Tänzerinnen und Tänzer, Paare zu bilden. Dann setzt die Musik ein: Akkordeon und Trompete. Die Paare wirbeln im Kreis, drehen sich zugleich um die eigene Achse. Die Melodie scheint die kleinen, rhythmischen Hüpfer geradezu einzufordern. Die grünen oder schwarz-weiß gestreiften Schürzen, die einige der Tänzerinnen über der Alltagskleidung tragen, schwingen im Kreis.

Plötzlich erklingt Gesang – auf Wilmesaurisch. Die Gespräche vor Probenbeginn waren weitgehend auf Polnisch geführt worden. Für einen Moment frage ich mich, wer hier singt. Dann wird klar: Es sind die Tanzenden selbst – und auch jene, die gerade pausieren und auf den Stühlen am Rand sitzen. Die Tanzgruppe ist zugleich ein Chor.

Eine Kleinstadt mit eigener Sprache

Wilmesau ist ein Ort, an dem seit Jahrhunderten eine eigene Sprache gesprochen wird: Wilmesaurisch. Beinahe wäre diese Sprache im vergangenen Jahr als zweite Regionalsprache Polens anerkannt worden. Fast, denn nach der Anerkennung durch den Sejm legte Präsident Nawrocki sein Veto ein.

Wie konnte sich eine so kleine Sprache in dem Ort über mehrere Jahrhunderte halten? Und wie sieht die Zukunft für die kleinste Sprache Polens aus? Mit diesen Fragen reise ich nach Wilmesau. Ich möchte die Sprache dort hören, wo sie gesprochen wird. Als ich bei Kattowitz auf der Überholspur an schier endlosen Lastwagenkolonnen vorbeifahre, frage ich mich, wie viel ich verstehen werde. Wilmesaurisch ist eine germanische Sprache, unterscheidet sich aber von Deutsch so stark, dass sich in Wilmesau lange die Erzählung einer flämischen oder angelsächsischen Abstammung hielt.

Das Museum der Wilmesaurischen Kultur (wi.: Müzeum fu Wymysiöejer Kultür) zeigt in einer umfassenden Dauerausstellung die Geschichte der Kultur und der Sprache: von den Anfängen im Mittelalter über die dunklen Abschnitte des 20. Jahrhunderts bis hin zur Revitalisierung im 21. Jahrhundert.
Foto: M. Oliveira

Verabredet bin ich mit Tymoteusz Król (wi.: Tiöma fum Dökter) und Paweł Szutow (wi.: Śütow-Piöel fum Ćiöe). Król stammt aus Wilmesau, er ist Ethnologe und Soziolinguist am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften und an der Universität Ostrava, außerdem arbeitet er auch im örtlichen Museum (Müzeum fu Wymysiöejer Kultür), welches die Geschichte der Kultur und der Sprache in einer umfassenden Dauerausstellung zeigt. Szutow ist Linguist und schreibt bei Król eine Magisterarbeit über den bekanntesten Wilmesauer Schriftsteller Florian Biesik (wi.: Fliöera-Fliöera) – und er verfasst diese Abschlussarbeit in Wilmesaurischer Sprache.

Zwischen Repression und Wiederbelebung

Als ich schließlich am Museum in Wilmesau ankomme, wartet Król bereits. Er schlägt vor, zunächst essen zu gehen. Die Sonne scheint, es ist milder als in den Tagen zuvor. In den Gärten liegen letzte, grau verfärbte Schneereste. Das Restaurant am Marktplatz verfügt über drei Säle, die Hölle, Fegefeuer und Himmel genannt werden, wie Król erklärt. Wir nehmen im „Himmel“ Platz. Kurz darauf kommt Szutow hinzu; die beiden begrüßen sich auf Wilmesaurisch.

Beim Hinausgehen spricht Król einen älteren Mann an, der in der „Hölle“ ein Bier trinkt. Er beginnt auf Wilmesaurisch, der Mann antwortet auf Polnisch – wechselt dann aber doch noch für einen kurzen Satz ins Wilmesaurische. Król freut sich sichtlich.

„Uns geht es nicht darum, dass alle hier jeden Tag nur Wilmesaurisch sprechen, sondern darum, dass es für diejenigen, die mitmachen wollen, diese Möglichkeit gibt.“
Tymoteusz Król

Die mittlere Generation, erklärt er später, sei traumatisiert. Während der deutschen Besatzung mussten sich die Wilmesauer in die Volksliste eintragen. Nach 1945 galten sie vielen Polen als Deutsche und waren Repressionen ausgesetzt – und Wilmesaurisch zu sprechen wurde von der sozialistischen Regierung verboten. Viele der damals Aufgewachsenen verstehen die Sprache noch, sprechen sie aber nicht mehr. „Sie haben zwar keine Angst mehr“, sagt Król, „aber das Trauma bleibt.“

Die „ältere Generation“ dagegen, wie Król sie nennt, war die Generation, die vor dem Krieg sozialisiert wurde. Viele von ihnen verwendeten Wilmesaurisch bis ins hohe Alter. Als die Mitglieder dieser Vorkriegsgeneration immer weniger wurden, drohte die Sprache zu verstummen. Dass es anders kam, ist auch Król zu verdanken. Als Jugendlicher begann er, Gespräche mit älteren Sprecherinnen und Sprechern aufzuzeichnen. Über 2000 Stunden Tonmaterial mit rund 100 Personen sind so entstanden. „Damals dachte ich, dass wir die Sprache nur noch dokumentieren könnten und dann würde sie leider sterben“, sagt er. „Aber Gott sei Dank hat es sich anders entwickelt.“

Junge Stimmen für eine alte Sprache

Wilmesaurisch wird inzwischen unterrichtet: im Museum in Wilmesau und an der Universität Warschau, wo Szutow Kurse gibt. Er spricht neben Polnisch und Wilmesaurisch auch Russisch, Deutsch sowie Tschechisch und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Schlesischen und polnischen Dialekten. 2018 kam er erstmals nach Wilmesau – aus einem Besuch wurde ein langfristiges Engagement. „Es ist für mich sehr wichtig, dass eine Sprache, die ich lerne, schön klingt“, erklärt er. „Wilmesaurisch ist für mich eine der schönsten Sprachen der Welt.“

Inzwischen hat Szutow ein Wörterbuch verfasst, das im Unterricht verwendet wird. Auch die wilmesaurische Fassung des Theaterstücks, das gerade im Mehrzwecksaal des Museums geprobt wird, stammt von ihm. In der Theatergruppe sind die meisten Mitwirkenden unter 30. Ein Vater spielt nimmt mit seinen beiden Kindern teil. Im Gegensatz zu den anderen Schauspielern verwenden die Mädchen keinen Spickzettel – sie können ihren Text bereits auswendig.

Die Theatergruppe bringt einmal pro Jahr ein Stück in wilmesaurischer Sprache auf die Bühne. Teilweise schreiben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Stücke selbst, teilweise übersetzen sie bekannte Werke.
Foto: M. Oliveira

In dem Raum wurden gerade noch Holzrahmen zusammengeschraubt, es liegen Späne auf den Tischen. Das Bühnenbild steht noch nicht, als Requisiten verwenden die Schauspielerinnen und Schauspieler, was gerade zur Hand ist.

Auf der einen Seite der Bühne stehen zwei Stuhlreihen sich gegenüber, auf der anderen ebenso. In der Mitte ist ein Pult – rot verkleidet – platziert. Hinter dieser stilisierten Bar steht Piotr, einer der Sprachschüler Króls, mit einer weißen Schürze. Einem der Reisenden wurde die Diskussionen im Abteil offenbar zu viel, er möchte sich im Restaurantwagen eine Erfrischung genhmigen. Piotr wendet sich mit schnarrender Stimme an den eintretenden Fahrgast – offensichtlich geht es darum, was und wie viel davon dieser haben möchte. Nachdem Piotr unterschiedlich große Gläser präsentiert hat, schlüpft der Gast aus seiner Rolle und stellt sich selbst hinter die Bar. Er erklärt Piotr, dass er das riesige Bierglas erst nach einer Kunstpause hervorholen solle. Die Szene wird noch einmal begonnen – dieses Mal mit Kunstpause. Die Gläser helfen mir in dieser Szene zu erschließen, was gesprochen wird. Von den reinen Dialogen verstehe ich weniger, als mir lieb ist.

Ein Kulturleben für die Zukunft

Szutow hat mir erklärt, dass Revitalisierung immer auch Weiterentwicklung bedeutet. Die meisten der letzten Muttersprachler wuchsen in einer anderen Welt auf; neue Begriffe müssen gefunden werden. Ich frage mich, ob sich das Vokabular der Wilmesauer Zugreisenden von einst von dem unterscheidet, das die Theatergruppe verwendet.

Als die Probe des Theaterstücks beendet ist, eilen viele der Beteiligten weiter zur Tanzgruppe nebenan. Der Darsteller, der in der Bistro-Szene den Gast spielte, wirkt zufrieden, obwohl die Premiere des Stücks in einer guten Woche stattfindet. Die Gruppe habe Erfahrung damit, in kurzer Zeit bühnenreif zu werden, sagt er.

Paweł Szutow hat 2018 angefangen Wilmesaurisch zu lernen. Mittlerweile unterrichtet er die Sprache in Warschau und ist Autor eines didaktischen Wörterbuchs.
Foto: M. Oliveira

Wilmesaurisch erscheint hier nicht als museales Relikt, sondern als gelebte Kultur. Auch wenn das Interesse eines Tages nachlassen sollte, wäre die Sprache dank des umfangreichen Tonkorpus abgesichert, meint Szutow: „Sogar wenn Leute, wie Tymoteusz Król oder ich einmal nicht mehr da sein sollten, werden die, die nach uns kommen, mit Hilfe der Materialien sprechen lernen können.“

Doch weder für ihn noch für Król ist das ein Grund, sich zurückzulehnen. Szutow plant ein umfassendes wissenschaftliches Wörterbuch. Und Król verfolgt die Vision einer lebendigen lokalen „Subkultur“. „Uns geht es nicht darum, dass alle hier jeden Tag nur Wilmesaurisch sprechen“, erläutert er das Ziel der Sprachvitalisierung, „sondern darum, dass es für diejenigen, die mitmachen wollen, diese Möglichkeit gibt.“

Eine offizielle Anerkennung als Regionalsprache würde zusätzliche Handlungsmöglichkeiten eröffnen – etwa durch Unterricht an Schulen oder zweisprachige Ortsschilder. Doch im Tanzsaal mit der Spiegelwand wirkt es, als trüge sich diese Kultur bereits selbst. Paweł Szutow stimmt als Solist die wilmesaurische Fassung von „Der Kuckuck und der Esel“ an, Tymoteusz Król sorgt auf dem Akkordeon für die Musik.

Mauro Oliveira


Mehr Informationen zu Sprachkursen, dem aktuellen Kulturprogramm in Wilamowice und den Ausstellungen des Museums ist auf der Internetseite des Musesums der Wilmesauer Kultur muzeum.wilamowice.pl zu finden.

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