Zweiter Sonntag der Osterzeit:
Weißer Sonntag
Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit
1. Lesung: Apg 2, 42–47
2. Lesung: 1 Petr 1, 3–9
Evangelium: Joh 20, 19–31
Weißer Sonntag — Beginn des Weges
Im liturgischen Kalender der katholischen Kirche gibt es Momente, die nicht so sehr einen Abschnitt abschließen, als vielmehr einen Raum eröffnen, ihn tiefer zu durchleben. Einer davon ist der Weiße Sonntag — der auf den Sonntag nach dem Hochfest der Auferstehung des Herrn fällt.
Die Bezeichnung „Weißer Sonntag“ stammt aus der Tradition der ersten Jahrhunderte des Christentums. Die Neugetauften — die Katechumenen, die in der Osternacht die Taufe empfingen — trugen die ganze Woche hindurch weiße Gewänder als Zeichen des neuen Lebens, der Reinheit und der Wiedergeburt in Christus. Am achten Tag, an eben diesem Sonntag, legten sie diese feierlich ab und beendeten damit symbolisch die Zeit der Einführung in die Geheimnisse des Glaubens.
Das Weiß verschwand jedoch nicht aus ihrem Leben — es sollte fortan zu einer geistlichen Wirklichkeit werden. Das äußere Zeichen wurde zum Beginn eines Weges mit Christus, dem Lehrer und Meister, dem Licht und der Wahrheit, dem Sieger und Befreier aus der Finsternis der Sünde, aus der Herrschaft des Todes und den Verführungen Satans. Die Taufe ist für jeden, der sie empfangen hat, ein solcher Anfang, der zur Quelle geistlichen Wachstums werden soll.
Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit
Heute ist der Weiße Sonntag auch als Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit bekannt.
Der Kult der Göttlichen Barmherzigkeit, das heißt die in geordneter Weise vollzogene Verehrung Gottes unter besonderer Hervorhebung seiner barmherzigen Liebe, entwickelte sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine dynamische Ausbreitung steht in Verbindung mit der heiligen Faustyna Kowalska (1905–1938), einer Ordensschwester der Kongregation der Muttergottes der Barmherzigkeit.
Der Glaube entsteht aus dem Mut, durch Zweifel hindurchzugehen, bis sie sich in eine Begegnung mit Christus verwandeln.
In den Jahren 1934–1938, also in der letzten Phase ihres Lebens, hielt sie ihre mystischen Erfahrungen in Heften fest, die unter dem Titel „Tagebuch“ bekannt sind. Die Aufzeichnungen entstanden an verschiedenen Orten ihres Lebens (unter anderem in Vilnius und Krakau) und haben den Charakter eines persönlichen Zeugnisses geistlicher Erfahrungen, Visionen und Gespräche mit Jesus, dem Barmherzigen.
Diese Zeugnisse wurden von der Kirche als authentische Privatoffenbarungen anerkannt. Sie gaben einen bedeutenden Impuls für die Entwicklung des Kultes der Göttlichen Barmherzigkeit, dessen Hauptförderer und theologischer Interpret Johannes Paul II. war. Dieser Papst hat Schwester Faustyna nicht nur selig- (1993) und heiliggesprochen (2000), sondern im Jahr 2000 auch das Fest der Göttlichen Barmherzigkeit für die ganze Kirche eingeführt. Damit wurde diese Form der Spiritualität fest im offiziellen liturgischen Leben der Katholiken verankert.
Was sagt die Bibel über die Göttliche Barmherzigkeit?
Die theologischen Grundlagen des Kultes der Göttlichen Barmherzigkeit sind tief in der Heiligen Schrift verwurzelt. Das Alte Testament offenbart Gott als „barmherzig und gnädig, langmütig, reich an Huld und Treue“ (vgl. Ex 34,6).
Von besonderer Bedeutung sind dabei die hebräischen Begriffe hesed und rahamim. Wie wir etwa auf dem Portal https://www.faustyna.pl/zmbm/milosierdzie/ lesen können, bezeichnet hesed eine treue Liebe, die stets Güte und Gnade erweist, geprägt von Treue zu sich selbst (zum Bund mit dem Menschen) sowie von Verantwortung für die, die man liebt.
Das Wort rahamim (abgeleitet von rehem – dem Mutterschoß) hebt dagegen Züge hervor, die der Liebe einer Frau und Mutter eigen sind. Es äußert sich in den zärtlichsten Regungen sowie in einer völligen Hingabe im Helfen für andere, selbst unter Tränen des Mitgefühls. Es bedeutet eine unentgeltlich geschenkte, unverdiente Liebe, die aus dem Herzen entspringt und gekennzeichnet ist durch Güte, Zärtlichkeit, Geduld, Verständnis und die Bereitschaft zur Vergebung.
Im Neuen Testament erreicht die Offenbarung der Barmherzigkeit ihre Fülle in der Person Jesu Christi, der nicht nur über die Barmherzigkeit lehrt (etwa in den Gleichnissen vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater oder vom barmherzigen Samariter), sondern selbst ihre Verkörperung ist.
Bezeichnend ist die Antwort Christi an die Jünger Johannes’ des Täufers, die fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Lk 7,19). Jesus sprach zu ihnen: „Geht und berichtet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird die Frohe Botschaft verkündet“ (vgl. Lk 7,22f.). Mit anderen Worten: Die Barmherzigkeit Gottes ist in der Welt gegenwärtig.
Am vollkommensten jedoch wurde die barmherzige Liebe Gottes durch den Sohn Gottes in den Stunden seines Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung offenbart. Besonders eindrücklich bleibt der Bericht vom Tod Jesu, den der Evangelist Johannes überliefert:
Als „sie zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, (…) stieß einer der Soldaten mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus“ (Joh 19,34).
Das durchbohrte Herz Christi zeigt symbolisch die Quelle der Gnade und der Barmherzigkeit für die ganze Welt. Der Mensch – als sündiges Wesen – kann sich nicht selbst erlösen; deshalb bedarf er des großzügigen Geschenks der Gnade in Gestalt von Vergebung, Versöhnung und einer Neuschöpfung durch die barmherzige Liebe Gottes.
Suchend, fragend – den Sinn findend
Ein weiterer Gedanke dieses Sonntags findet sich im Evangelium, das die Person des Apostels Thomas in den Mittelpunkt stellt. Es ist keine Erzählung vom Zweifel, sondern vom Weg zum Glauben, der keine Angst vor Fragen hat.
Thomas lehnt die Wahrheit der Auferstehung nicht ab — er möchte sie persönlich erfahren. Seine Haltung des Fragens zeigt vielmehr, dass der Glaube eine Prüfung durchlaufen muss: eine innere Vergewisserung, eine Läuterung, die schließlich zur Gewissheit wird.
In den Worten des Apostels Thomas: „Wenn ich nicht sehe … werde ich nicht glauben“ liegt keine Geringschätzung oder Ablehnung, sondern eine tiefe Ehrlichkeit. Es ist die Stimme eines Menschen, der sein Leben nicht auf bloßes Hörensagen gründen will.
Gerade deshalb wird die Begegnung mit dem Auferstandenen so entscheidend — Jesus weist seine Zweifel nicht zurück, sondern tritt in sie ein. Er bestätigt somit, dass die Wahrheit sich vor der menschlichen Suche nicht fürchtet.
Der auferstandene Jesus lässt sich berühren und sagt: Überzeuge dich, berühre die Wunden der Kreuzigung — „und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“.
Thomas antwortete ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ Jesus sprach zu ihm: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
So wird Thomas dem heutigen Menschen nahe: nicht vollkommen, aber authentisch in seiner Suche nach der Wahrheit und in seinem tiefen Vertrauen, als er sie erkannt hat.
Der Glaube entsteht aus dem Mut, durch Zweifel hindurchzugehen, damit diese sich in eine Begegnung mit Christus verwandeln können, der dem menschlichen Dasein seinen Sinn gibt.
Bischofsvikar Dr. Peter Tarlinski
