Wort zum Sonntag von Bischofsvikar Dr. Peter Tarlinski

15 März 2026 Kirche

4. Sonntag der Fastenzeit

1. Lesung: 1 Sam 16, 1b.6–7.10–13b

2. Lesung: Eph 5, 8–14

Evangelium: Joh 9, 1–41

Der vierte Fastensonntag, der in der kirchlichen Tradition als Laetare-Sonntag bezeichnet wird, stellt einen besonderen Moment auf dem liturgischen Weg der Vorbereitung auf Ostern dar. Der Begriff Laetare stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „freue dich“. Es ist das erste Wort der Eingangsantiphon der Heiligen Messe: Laetare, Ierusalem – „Freue dich, Jerusalem“, entnommen aus dem Buch Jesaja (Jes 66,10). Die Liturgie dieses Sonntags bringt einen Ton der Freude mitten in eine Zeit, die von Natur aus reumütig und besinnlich ist. Die Farbe der liturgischen Gewänder (des vom Priester getragenen Messgewandes) kann rosa sein. Die Lesungen dieses Sonntags betonen die optimistische persönlichenWandlung im Rahmen der Vorbereitung auf das Fest der Auferstehung Christi. Wir erleben Freude, wenn wir aus der Dunkelheit ins Licht treten, wenn wir unser Augenlicht wiedererlangen und wenn wir mit dem Herzen sehen können.

Aus der Finsternis heraustreten

Der Text des heiligen Paulus, der an die Gläubigen in Ephesus gerichtet ist, ermahnt dazu, die Finsternis hinter sich zu lassen und die Werke der Finsternis aufzugeben. Obwohl sie in dem Abschnitt, der am 4. Fastensonntag gelesen wird, nicht aufgezählt werden, erwähnt der Völkerapostel sie bereits zuvor (5,3-5), wenn er vor Unzucht und Unreinheit, vor Habgier und Schändlichem, vor albernem Gerede und unanständigen Sprüchen warnt. Ähnlich wendet sich der heilige Paulus an die Römer (13,12-13): „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts! 13 Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht!“ Es gibt also viel zu bedenken. Vielleicht haben sich diese und ähnliche Verhaltensweisen auch in unser Leben eingeschlichen. Deshalb lautet die Ermahnung an die Epheser und an uns: „Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts! Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor. Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, deckt sie vielmehr auf!“ Wenn der Mensch aus der Finsternis heraustritt und das Böse hinter sich lässt, welches in der Finsternis entsteht und sich dort abspielt, muss er wissen, wo das Licht ist, wo er es sehen und wo er ihm begegnen kann. Der Brief an die Epheser stellt ohne zu zögern fest: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein.“

Das Augenlicht wiedererlangen

Man kann gesunde Augen haben, dank denen man sich sicher fortbewegen, Menschen und Gegenstände erkennen, weite Landschaften überblicken und kleine Details wahrnehmen kann. Das ist ein großes Geschenk. Ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium beschreibt die Heilung eines Mannes, der von Geburt an blind war. Die Jünger fragten Jesus, wer daran Schuld habe: der Blinde oder seine Eltern. Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern. Und er heilte ihn. Die Erzählung und Parabel von der Heilung des Blinden ist vielschichtig und reich an Inhalt.

Aus der spirituellen Tiefe, aus dem Inneren heraus, sieht man mehr, auch das, was vor den Sinnen verborgen ist. Mit dem Herzen erkennt man das Herz.

Wenden wir heute unsere Aufmerksamkeit der Verwandlung zu, die sich im Leben des Blinden zugetragen hat. Er lebte in der Dunkelheit und war durch seine Behinderung vom Licht abgeschnitten. Er konnte niemanden und nichts erkennen. Als Jesus ihm begegnete, formte er Schlamm, strich ihn dem Blinden auf die Augen und sagte: „Geh, wasche dich im Teich Siloah.“ Der Blinde befolgte den Befehl Jesu und erlangte sein Augenlicht. Bis zum Schluss verstand er jedoch nicht ganz, was geschehen war. Er erkannte denjenigen nicht, der ihn geheilt hatte. Für den Blinden war es ein Mann namens Jesus, der seine Jünger lehrte. Er war ein Prophet, denn er vollbrachte ein außergewöhnliches Wunder. Jesus fragte den Geheilten: „Glaubst du an den Menschensohn?“ Dieser antwortete: „Ich glaube, Herr!“ Erst jetzt wurde der Blinde vollständig sehend und gewann sein Augenlicht vollkommen zurück. Der Evangelist führt uns zu der Wahrheit, dass das Licht des Tages uns das Leben enorm erleichtert, aber erst das Licht, das Jesus ist, lässt uns den gesamten Sinn des Lebens erkennen.

Sehen und erkennen mit dem Herzen

Von der Fähigkeit, tief zu blicken und zur Wahrheit zu gelangen, handelt auch ein Text aus dem Buch Samuel, dessen Abschnitt die Salbung Davids zum König beschreibt. Er wurde unter den acht Söhnen Isais aus Bethlehem ausgewählt. Warum wurde David durch den Propheten Samuel gesalbt und nicht seine Brüder, die besser geeignet aussahen als er? Denn „der Mensch sieht nicht so, wie Gott sieht, denn der Mensch schaut auf das, was für die Augen sichtbar ist, der Herr aber schaut auf das Herz.“ Aus der spirituellen Tiefe, aus dem Inneren heraus, sieht man mehr, auch das, was vor den Sinnen verborgen ist. Mit dem Herzen erkennt man das Herz. In der Schule haben wir einen Auszug aus der Ballade „Romantyczność“ („Romantik“; 1822) von Adam Mickiewicz auswendig gelernt. Ihr Schlussabschnitt handelt von zwei Arten, die Wirklichkeit zu erkennen: einerseits durch den Verstand und anderseits durch das Herz, durch Gefühle, durch die geistige Intuition und den Glauben. Im Hinblick auf den heutigen Sonntag, der das Heraustreten aus der Dunkelheit und den Übergang ind Tiefe der Lebenswahrnehmung dank Christus betont, halte ich es für sinnvoll, Mickiewicz Worte zu zitieren (freie KI-Übersetzung):

Ein alter, weiser Mann Der alles im Gedanken wog und maß, Er suchte rings die Welt zu rechtfertigen Und fragte: Ist es Wahrheit – oder Traum?

Und ich sage euch, meine Lieben: Habt ein Herz und schaut ins Herz! Denn manchmal sieht das Herz viel weiter Als Augen, die nur alles messen.

Was nützt euch der Verstand, Wenn ihm das Fühlen fehlt? Die wahre Wahrheit ruht im Herzen, Nicht in kalter Rechnung, nicht in Worten.

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