Auf literarischen Umwegen: Cholonek

28 März 2026, 17:00 Geschichte 38

Weibliches Leiden in oberschlesischer Prägung

Der Name „Janosch“ hat eine besondere Anziehungskraft – zumindest, wenn es um Kinderliteratur geht. Für viele Oberschlesier dürfte er jedoch ein ebenso starker Anziehungspunkt sein, besonders für jene, die seinen heute schon kultigen Cholonek kennen. Dieser Roman hat eine riesige Fangemeinde und gilt nicht selten als Schlüsselwerk, ja als die einzig „wahre“ Erzählung über Oberschlesien: ein Werk, das schlesische Schicksale wie unter einem Brennglas sichtbar macht und treffsichere Porträts der Menschen dieser Region zeichnet. Man darf auch nicht vergessen, dass Cholonek eine Bühnenfassung erhielt, die im Kattowitzer Theater Korez seit über zwanzig Jahren mit großem Erfolg gespielt wird. Einst gab es sogar einen Preis – den „Janosch-Ziegel“ – für Verdienste um die schlesische Kultur. All das zeugt von der Kraft der Feder und der Botschaft des Schriftstellers aus Hindenburg. Die Gleichung Janosch = Schlesien scheint fest zementiert.

In diesem Roman findet sich tatsächlich alles, was zum gängigen Bild von Oberschlesien gehört: Schweineschlachtungen, Hinterhöfe, die typischen Familoki, die schlesischen Backstein-Mietskasernen, und eine Reihe von Schicksalsschlägen, die über eine kleine Arbeitersiedlung hereinbrechen – verursacht von der großen Geschichte, der man nicht entkommt und mit der man im Alltag irgendwie zurechtkommen muss. Die Figur der Frau Schwientek ist dafür ein Paradebeispiel: eine Frau fast wie ein weiblicher He-Man, eine She-Woman, die alles bewältigt – gegen alle Widerstände, gegen alle Menschen, gegen die eigene Familie und vielleicht sogar gegen sich selbst.

Doch in diesem farbigen Reigen skurriler und grotesker Gestalten lohnt es sich, den Blick auf eine Figur zu richten, die im Hintergrund bleibt und dennoch höchst bemerkenswert ist: Michcia, die Tochter der Frau Schwientek. Genau genommen ist sie die Hauptfigur des ersten Kapitels, das den Roman symbolisch und bedeutungsvoll eröffnet. Man muss sich nur vor Augen führen, dass dieser Abschnitt – er umfasst nur wenige Stunden – auf über hundert Seiten entfaltet wird. Janosch dehnt die Erzählzeit ins Unendliche und schildert das Warten auf die Geburt des Protagonisten Adolf Cholonek. Doch bevor er zur Welt kommt, sehen wir Michcia, die sich an die Umstände erinnert, unter denen der kleine Adolf gezeugt wurde.

Natürlich begegnen wir hier dem typischen Janosch-Ton: Humor, Derbheit, Groteske – aber auch präzisen Beobachtungen dessen, was „schlesisch“ ist oder dafür gehalten wird. Michcia steht kurz vor der Geburt, während ihre Mutter alles daransetzt, das Kind möge nicht an einem Schalttag zur Welt kommen – denn das bringe Unglück. Die Mühen der Frau Schwientek bleiben vergeblich: Der Junge kommt zu spät. Er ist also zum Unglück verurteilt. Und der Aberglaube bewahrheitet sich: Adolf Cholonek wird tatsächlich zum Opfer – zunächst seiner Familie und der gewalttätigen Mutter, später seiner Schulkameraden. Ein empfindsamer Junge hat keine Chance in einer Gemeinschaft, die brutal ums Überleben kämpft – um das eigene, aber auch darum, in den Augen der anderen besser dazustehen, mehr zu haben oder zumindest so zu wirken. Es spielt keine Rolle, dass man keinen Fernseher besitzt – entscheidend ist, dass draußen eine riesige Antenne prangt, die größte im ganzen Viertel. Janosch pointiert und überzeichnet diese Grenzland-Mentalität, die er so gut kannte.

Doch zurück zu Michcia. Wiederholen wir: Über hundert Seiten lang wird das Warten auf die Geburt geschildert. Was geschieht in dieser zeitlichen Schwebe, in diesen wenigen Stunden, die sich in so viele Worte ausdehnen? Michcia leidet – sie bringt ihr Kind ohne jede Unterstützung zur Welt: ohne emotionale oder körperliche Hilfe, von medizinischer ganz zu schweigen. Der einzige Rat ihrer Mutter lautet, sie solle ihren Intimbereich mit Nivea-Creme einreiben.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was in diesem Moment in Michcia vorgeht, denn Janosch gewährt uns – glücklicherweise – Einblick in ihre Gedanken und Gefühle. Das Erste, was auffällt, ist ihr Verhältnis zum eigenen Körper: Sie sträubt sich davor, die intime Stelle zu berühren – das sei Sünde, das gehöre sich nicht. Dass sie schwanger ist und mit Stanik, dem Vater des Kindes, geschlafen hat, spielt keine Rolle. Der Gedanke an ihren eigenen Körper versetzt sie in tiefe Scham.

Zweitens: Michcia leidet, wie jede Frau während der Geburt leidet. Und Janosch beschreibt das, was in ihrem Kopf geschieht, mit einer gelungenen Analogie. Sie blickt sich in der Stube um und entdeckt an der Wand das Bild einer anderen leidenden Frau – der heiligen Maria Magdalena. Doch Maria Magdalena ist im Zustand der Gnade dargestellt, denn – so erklärt es sich Michcia – ihr Blick ist gen Himmel gerichtet. Auf ihrem Gesicht liegt Schmerz. Und in diesem Moment erlebt Michcia einen Moment fast mystischer Erkenntnis: Sie identifiziert sich sofort mit der Heiligen. Nur wenig fehlt, damit sie die Schönheit, die aus dem Leiden erwächst, auch auf sich selbst überträgt. So sieht sich die leidende Michcia selbst als eine Art Heilige, ganz nah am Himmel – sie leidet so schön, dass sie in Selbstverzückung gerät. Vielleicht wünscht sie sich sogar, selbst auf einem solchen Bild zu erscheinen, mit demselben Ausdruck – entrückt und leidend.

Penitent Magdalene. Foto: Tycjan – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH/ Wikimedia

Janosch zeigt sich in dieser Szene als feiner Psychologe. Und das Phänomen, das er hier illustriert, hat eine andere hervorragende Psychologin präzise beschrieben: Natalia de Barbaro. Michcias Verhalten ist eine Form von Märtyrertum, verbunden mit einer gehörigen Portion Narzissmus. In ihrem vielgelesenen Buch „Czuła przewodniczka. Kobieca droga do siebie“ unterscheidet die polnische Psychologin verschiedene Frauentypen, darunter die Sanfte, die Schneekönigin und die Märtyrerin – eine Frau, die wortwörtlich und im übertragenen Sinn leidet, auf vielfältige Weise. Sie arbeitet sich zu Tode, kümmert sich um Kinder, Ehemann, Haushalt, Küche, vielleicht auch um Großeltern und alle anderen – nur nicht um sich selbst. Für sich selbst zu sorgen, gilt nicht als schicklich – eine Leidende muss leiden, und am besten ist es, wenn alle es sehen und bewundern. Wie schön es ist zu leiden, wie erhaben – wie nah man dem Himmel kommt.

Doch die Märtyrerin ist dadurch eine zutiefst unglückliche Frau, denn sie nährt sich – narzisstisch – vom Blick der anderen: von der Bewunderung für ihr unerschütterliches Aushalten, ihr Durchhalten trotz aller Schläge. Sie lebt davon – und löscht sich selbst aus.

Geschieht das auch mit Michcia? Leider ja. Denn Michcia wiederholt später – völlig unreflektiert – all jene Muster, die sie von zu Hause kennt. Sie ist grausam zu ihrem eigenen Kind, achtet vor allem auf den äußeren Schein und baut keine einzige echte Beziehung auf. Ihr Mann betrügt und schlägt sie, und obwohl es ihnen materiell immer besser geht, wirkt ihr Leben wie eine bloße Fassade, die schon ein Windstoß umwerfen könnte.

Ist das die typische schlesische Haltung? Die typische schlesische Familie? Die typische schlesische Frau? Natürlich nicht, wird man sagen – schließlich herrsche in Oberschlesien seit jeher ein Matriarchat, und die schlesischen Frauen seien stark und stolz. Michcias Leiden sei eben ihre Stärke. Wirklich? Oder ist es schlicht die Macht eines Stereotyps?

Diese Frage bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen. Denn genau darin liegt die Stärke – guter Literatur.

An der niederschlesischen Tafel im Schloss Kamnitz
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Wort zum Sonntag von Bischofsvikar Dr. Peter Tarlinski
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