Nachbarschaft verpflichtet: Der Beginn einer Debatte über das Bildungswesen der Minderheit?

4 März 2026 Politik

In einem jüngsten Artikel wies Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, anlässlich des 35-jährigen Bestehens des Nachbarschaftsvertrags auf die Notwendigkeit hin, eine spezialisierte Bildungseinrichtung für die Minderheit zu schaffen. Ein wichtiger Teil seiner Überlegungen betraf den minderheitensprachlichen Deutschunterricht und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieser Aufgabe: Mangel an entsprechend ausgebildetem Personal, unzureichende akademische Basis und begrenzte Möglichkeiten der Lehrerausbildung.

Beim Lesen dieser Bemerkungen kommen einem ähnliche Beobachtungen in den Sinn, die im Zusammenhang mit dem Unterricht der polnischen Sprache im Ausland gemacht wurden. Tatsächlich haben wir es hier mit einem umfassenderen Problem zu tun: Wie kann man ein dauerhaftes Interesse an einer Sprache gewährleisten, wie kann man für ihr Erlernen begeistern und wie kann man ihre Bedeutung verdeutlichen? Dabei wird allzu oft eine grundlegende Frage übersehen – was Sprache eigentlich ist und welche Rolle sie bei der Bildung unserer Vorstellung von uns selbst und von der Welt spielt.

Im Deutschunterricht lernten wir die Grundlagen der deutschen Literatur kennen. Bis heute erinnere ich mich an ein Zitat von J. W. Goethe: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft bist du Mensch“. Es ging dabei nicht nur um die Anzahl der beherrschten Sprachen, sondern auch um die Vielfalt der Perspektiven, die jede einzelne von ihnen eröffnet. In den 1980er Jahren war diese Denkweise besonders bedeutsam – Sprache erschien als Raum für die Überwindung von Grenzen, auch mentalen.

Rafał Barteks Text verdient zweifellos eine eingehende Diskussion. Ich glaube jedoch, dass ein Thema nicht ausreichend Beachtung fand: die Rolle von Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien für die Qualität des Unterrichts.

Die Bedeutung von Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien

Die Qualität der Bildung hängt nach wie vor maßgeblich von der Qualität der Lehrbücher und Unterrichtsmaterialien ab. In einer Zeit von Vereinfachungen, Stereotypen und Falschinformationen im Internet gewinnt dies an Bedeutung. Gute Lehrbücher vermitteln nicht nur Wissen, sondern fördern auch kritisches Denken und Dialog. Trotz vergangener Versuche, Unterrichtsmaterialien für die deutsche Minderheit in Polen zu erstellen, lässt sich kaum behaupten, dass dieses Ziel erreicht wurde. Auch ist es bisher nicht gelungen, ein Geschichtsbuch zu entwickeln, das – in Gebieten mit Minderheitenanteil – nicht nur als Lehrmittel, sondern auch als Plattform für den Dialog zwischen Minderheit und Mehrheit dienen könnte. Seit Jahren wird die Forderung nach einem separaten Lehrbuch oder ergänzenden Materialien laut, die die Besonderheiten einzelner Regionen und ihrer Bewohner berücksichtigen. Diese könnten sowohl in traditioneller Form als auch – vielleicht sogar effektiver – in einem leicht zugänglichen und flexibel nutzbaren digitalen Format verwendet werden.

Internationale Inspirationen

Ein interessantes Beispiel ist das digitale Geschichtsbuch für belgische Schulen, das von einem Team der Professur für Theorie und Didaktik der Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt entwickelt wurde. Das Projekt, u.a. unter der Leitung von Professorin Waltraud Schreiber, Dr. Marcus Ventzke und Dr. Florian Sochatzy, fand schnell Anerkennung bei den Nutzern. 2016 wurde es auf der Leipziger Buchmesse als bestes Lehrbuch ausgezeichnet.

Ich erinnere mich noch gut an ein Zitat von J. W. Goethe: „Wie viele Sprachen du sprichst, sooft bist du Mensch.“

Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass moderne, digitale Lehrmaterialien den Geschichtsunterricht in einem multikulturellen und mehrsprachigen Kontext effektiv unterstützen können.

Ein fertiges Werkzeug: „Europa. Unsere Geschichte“

Man muss sich jedoch nicht ausschließlich im Ausland inspirieren lassen. Das zweisprachige polnisch-deutsche Geschichtsbuch „Europa. Unsere Geschichte“ ist bereits seit einigen Jahren auf dem Markt, wird aber nach wie vor wenig beworben und selten im Unterricht eingesetzt.
Wäre es nicht sinnvoll, seinen Einsatz in Klassen mit hohem Minderheitenanteil zu fördern? Das Projekt verfügt über eine eigene Website, Unterrichtspläne und Begleitmaterialien. Das Lehrbuch deckt die Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart ab, ist zweisprachig und – was am wichtigsten ist – sowohl inhaltlich als auch didaktisch innovativ.

So enthält das Lehrbuch für die achte Klasse beispielsweise einen Abschnitt, der sich mit den Besonderheiten Oberschlesiens und Pommerns während des Zweiten Weltkriegs befasst. Dieser Ansatz zur Regional- und Transnationalgeschichte eröffnet Raum für die Diskussion über die Erfahrungen von Minderheiten und deren Bedeutung für die Geschichte Polens und Europas.

Hin zu institutioneller Unterstützung

Eine breitere Verwendung dieses Lehrbuchs in Klassen mit Minderheitenanteil könnte interessante Lernergebnisse hervorbringen und als Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung von Materialien dienen, die Minderheitenperspektiven einbeziehen. Gleichzeitig würde der von Rafał Bartek formulierte Vorschlag praktisch umgesetzt und konkretisiert.
Lehrkräfte benötigen eine angemessene Vorbereitung; Lehrbücher und Materialien müssen erstellt und kontinuierlich verbessert werden, und ihre Verwendung sollte einer systematischen Evaluation unterzogen werden. Genau hier ist eine spezialisierte Institution erforderlich, die Aktivitäten koordinieren, neue Projekte anstoßen und die Entwicklung moderner Unterrichtsmaterialien – auch in digitalen Formaten – unterstützen kann. Die Arbeit des Leibniz-Instituts für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig könnte hier als Vorbild dienen.

35. Jahrestag des Vertrags als Anlass zum Handeln

Dieses Jahr jährt sich die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zum 35. Mal – ein günstiger Zeitpunkt, um Worten Taten folgen zu lassen. Die Förderung und breitere Verwendung des bestehenden polnisch-deutschen Geschichtsbuchs wäre ein konkreter Schritt, der sich schnell umsetzen ließe – und ein wichtiges Signal dafür, dass die Bildungszusammenarbeit zwischen den beiden Ländern praktische Ergebnisse erzielen kann. Und dass es sich auch nach 35 Jahren noch lohnt, darin zu investieren.

Krzysztof Ruchniewicz

35 Jahre deutsch-polnische Verträge: Warum brauchen die Deutschen in Polen einen neuen Ansatz in der Sprachausbildung?

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