Kreisau: Ein symbolischer Ort zwischen Erinnerung und Herausforderung

2 April 2026, 15:00 Kolumne , Politik 237

Kommentar zum Treffen der Minister

Die Außenminister Polens und Deutschlands trafen sich am 30. März 2026 an einem symbolischen Ort. In Kreisau beschworen sie gemeinsame Geschichte, Verantwortung und europäische Werte – doch was bedeutet das konkret? In seinem Kommentar fragt Krzysztof Ruchniewicz, ob das Treffen über große Worte hinaus auch spürbare Auswirkungen auf die deutsch-polnischen Beziehungen haben wird.

Der Ort des Treffens war bewusst gewählt, um ein klares Signal zu senden. Als sich am 30. März 2026 die Außenminister Polens und Deutschlands, Radosław Sikorski und Johann Wadephul, in Kreisau trafen, sprach bereits die Wahl des Ortes für sich. Kreisau ist kein neutraler Ort. Es ist ein Raum der Erinnerung, der Versöhnung, aber auch der Verpflichtung gegenüber der Zukunft. Hier gaben sich im November 1989, nur drei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer, Premierminister Tadeusz Mazowiecki und Bundeskanzler Helmut Kohl während einer gemeinsamen Messe das Zeichen des Friedens. Die Umarmung der beiden Politiker ging weit über ein liturgisches Ritual oder eine politische Geste hinaus – sie wurde zum Symbol für den Beginn eines neuen Kapitels in den deutsch-polnischen Beziehungen.

Mehr als 35 Jahre später hat Kreisau offenbar nichts von seiner Bedeutung verloren – sonst hätten sich die Außenminister beider Länder kaum gerade hier getroffen. Der Besuch fand im Kontext des Jubiläums des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags von 1991 statt. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob ein weiteres Spitzentreffen sinnvoll ist, sondern was es tatsächlich bedeutet – und was nicht.

Die Geste und ihre Grenzen

Johann Wadephul begann seine Rede mit einer persönlichen Bemerkung: Er und sein polnischer Amtskollege seien beide im Februar 1963 geboren. Und beinahe zufällig – „das haben wir nicht abgesprochen“ – hätten beide ihre Ansprachen mit denselben Worten begonnen, mit derselben Erinnerung an die Friedensgeste von Kohl und Mazowiecki. Es war ein bemerkenswerter Moment: zwei Politiker, die sich auf denselben historischen Horizont beziehen, dieselbe Sprache verwenden und – zumindest in diesem Augenblick – dasselbe meinen. Wadephul sprach klar und ohne Umschweife über die deutsche Verantwortung:

„Niemand kann jemals das unfassbare Leid ungeschehen machen, das wir Deutschen durch Krieg und Besatzung über Polen gebracht haben.“

Dieser Satz fand ein breites Medienecho und wurde unter anderem von Onet, Polskie Radio, MDR und Deutsche Welle als die stärkste Aussage des Tages hervorgehoben. Er antwortete auf weiterhin bestehende polnische Erwartungen, die eng mit der zentralen Bedeutung der Jahre 1939–1945 im kollektiven Gedächtnis verbunden sind. Zugleich wurde er an einem Ort ausgesprochen, der infolge der von Deutschland entfesselten Katastrophe nicht mehr Teil dieses Staates ist – mit allen Konsequenzen für seine Bevölkerung.

Konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen blieben aus.

Sikorski wiederum betonte die europäische Dimension des Treffens. Er erinnerte an die Werte, für die Kreisau steht – Frieden, Versöhnung, Freiheit und Solidarität – und formulierte es so: „Das ist etwas, um das wir uns jeden Tag bemühen müssen.“

Er verwies auf die Arbeit der Stiftung Kreisau, erwähnte das gemeinsame deutsch-polnische Geschichtsbuch „Europa. Unsere Geschichte / Europa. Nasza historia“, dessen Entstehung er gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier initiiert hatte, und hob das Engagement der Stiftung für ukrainische Geflüchtete hervor. Damit verwies er sowohl auf die Geschichte als auch auf die Verpflichtungen, die aus ihr erwachsen.

Was fehlte

Und doch: Wer beide Reden genau liest und die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen der letzten Jahre verfolgt, erkennt auch, was nicht gesagt wurde. Gerade in Kreisau hätte man mehr erwarten können als die Wiederholung richtiger, aber längst bekannter Formeln.

Konkrete Vorschläge zur Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen blieben aus. Kein neuer Mechanismus, keine Initiative, kein ernsthafter Versuch, die Themen anzugehen, die das Verhältnis in den letzten Jahren tatsächlich belastet haben. Die Deutsche Welle brachte es nüchtern auf den Punkt: Das Treffen „brachte jedoch in keiner der strittigen Fragen einen Durchbruch“.

Kreisau uważane jest za ważne miejsce pamięci dla stosunków polsko-niemieckich i dlatego świadomie wybrano je na miejsce spotkania. 30 marca spotkali się tam wicepremier i minister spraw zagranicznych Radosław Sikorski oraz niemiecki minister spraw zagranicznych Johann Wadephul.
Foto: Marcin Maniewski/MSZ

Besonders auffällig war das Schweigen in zwei Punkten. Erstens: die Frage einer humanitären Geste gegenüber den noch lebenden Opfern deutscher Konzentrations- und Vernichtungslager – ein Thema, das in Polen häufig angesprochen wird und das der vor Ort anwesende CDU-Politiker Knut Abraham, Beauftragter der Bundesregierung für die deutsch-polnischen Beziehungen, lediglich andeutete, ohne es ausdrücklich zu benennen.

Zweitens: aktuelle Konflikte der Erinnerungspolitik in Deutschland, etwa im Zusammenhang mit der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ und Versuchen, die Geschichte der Vertreibungen aus dem Kontext nationalsozialistischer Verbrechen herauszulösen. Gerade Kreisau wäre ein geeigneter Ort gewesen, zumindest darauf hinzuweisen – schließlich berühren diese Fragen die Grundlagen eines gemeinsamen Geschichtsverständnisses.

Das Treffen blieb somit bewusst im Bereich des Unstrittigen. Das hat seine Logik – nach Jahren der Spannungen ist es mitunter notwendig, zunächst eine gemeinsame Sprache wiederherzustellen. Die Frage ist jedoch, ob diese auf Dauer ausreicht.

Kreisau und die Ukraine

Das dominierende Thema des Tages war die Ukraine – eine Schlüsselfrage für beide Staaten und für ganz Europa. Wadephul formulierte es unmissverständlich: Die Unterstützung der Ukraine sei „nicht nur eine sicherheitspolitische Konsequenz, sondern gleichzeitig die zwingende Konsequenz aus unserer Geschichte“.

Ein Satz, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet – und in Kreisau besondere Resonanz entfaltet.

Nach Jahren der Spannungen ist es mitunter notwendig, zunächst eine gemeinsame Sprache wiederherzustellen. Die Frage ist jedoch, ob diese auf Dauer ausreicht.

Während seiner Rede ertönten im Saal Warnsignale von Mobiltelefonen – Alarm-Apps, die vor russischen Angriffen auf die Ukraine warnen. Ein ungeplanter, aber eindrücklicher Moment: Der Krieg war keine abstrakte Ferne, sondern unmittelbar präsent.

Sikorski erinnerte daran, dass die Stiftung nach dem russischen Angriff rund hundert Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen hat. In diesem Sinne erscheint Kreisau nicht nur als Erinnerungsort, sondern als Raum gelebter Solidarität.

Das Geschichtsbuch – ein ungenutztes Potenzial

Ein Aspekt, der in der medialen Berichterstattung nur am Rande auftauchte, verdient besondere Aufmerksamkeit: das gemeinsame deutsch-polnische Geschichtsbuch „Europa. Unsere Geschichte“. Sikorski sprach von seinem „noch größeren Bildungspotenzial“.

Das ist eine treffende Diagnose – und zugleich eine ernüchternde. Das Projekt gehört zu den ambitioniertesten Vorhaben der deutsch-polnischen Zusammenarbeit der letzten Jahrzehnte. Es ist fachlich überzeugend und das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Historikern und Pädagogen beider Länder. Dennoch erreicht es bislang nur einen begrenzten Kreis von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften.

Es fehlt an Infrastruktur: an stabiler Finanzierung, digitalen Angeboten, Lehrerfortbildungen, Übersetzungen und Präsenz auch in der Diaspora. Wenn das Jubiläumsjahr 2026 einen konkreten Impuls bringen soll, dann liegt hier ein naheliegender Ansatzpunkt.

Kreisau als Maßstab

Die FAZ sprach nach dem Treffen von einem „Ort des Neuanfangs“, die Tagesschau von einem „Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit“. Das sind treffende Formulierungen – doch Kreisau verdient mehr als wohlklingende Worte.

Polski minister spraw zagranicznych Radosław Sikorski i jego niemiecki odpowiednik Johann Wadephul odwiedzili 30 marca 2026 roku Fundację Krzyżowa, która angażuje się w transgraniczną wymianę młodzieży.
Foto: Marcin Maniewski/MSZ

Die Stiftung Kreisau arbeitet seit Jahrzehnten konkret an der Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen – durch Bildungsprojekte, Jugendbegegnungen und internationale Kooperation. Gleichzeitig steht sie vor strukturellen Herausforderungen: begrenzten Ressourcen, sinkender Sichtbarkeit und der Schwierigkeit, jüngere Generationen zu erreichen. Politische Zusagen sind wichtig. Entscheidend wird jedoch sein, ob sie in konkrete finanzielle und institutionelle Maßnahmen übersetzt werden.

Ein Treffen ohne Durchbruch – und warum das noch kein Scheitern ist

Das Treffen in Kreisau sollte weder überschätzt noch unterschätzt werden. Es war kein Durchbruch, aber auch kein bedeutungsloses Ereignis.

Es war ein Signal: für Dialogbereitschaft, für den Bezug auf gemeinsame Werte, für das Offenhalten eines Rahmens. In Zeiten wachsender Spannungen ist das bereits von Bedeutung. Entscheidend ist jedoch, was folgt.

Kreisau wurde 1989 deshalb zu einem historischen Wendepunkt, weil auf das Symbol konkrete politische und gesellschaftliche Schritte folgten. Der Friedensgruß von Mazowiecki und Kohl war ein Anfang – nicht das Ende.

Auch Kreisau 2026 könnte eine ähnliche Rolle spielen – vorausgesetzt, dass aus Worten Taten werden, dass das Jubiläum genutzt und nicht nur begangen wird, dass Symbolik in politische Praxis übersetzt wird. Europäische Einheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Dasselbe gilt für die deutsch-polnischen Beziehungen. Kreisau erinnert daran – und verlangt mehr als Worte. Die Worte sind gesprochen. Jetzt braucht es Entscheidungen.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.

Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
„Jugend am Start 3.0“
Poprzedni artykuł

„Jugend am Start 3.0“

Niederschlesien: Schloss in Eckersdorf stürzt ein
Następny artykuł

Niederschlesien: Schloss in Eckersdorf stürzt ein