Glosse: Freiheit auf zwei Rädern

14 März 2026 Kolumne

Ein historisch völlig unterschätztes Fahrzeug auf dem Land ist das Fahrrad. Dieser Gedanke kam mir heute Morgen, als ich wieder eine rüstige Seniorin bemerkte, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit (ein Elektrofahrrad?) meine kleine Straße entlangsauste. Kein Verkehrsmittel gibt älteren Menschen ein so starkes Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung wie das gute alte Fahrrad. Wer ein Fahrrad besitzt, dem steht die Welt offen!

Ich erinnere mich, wie meine Urgroßmutter, damals schon deutlich über achtzig, auf ihr klappriges Fahrrad stieg und für lange Stunden verschwand. Niemand wusste, wo sie war und was sie machte. Und sie hatte auch nicht die Absicht, irgendjemandem über diese Abwesenheit Rechenschaft abzulegen. Vielleicht fuhr sie zur Kirche, vielleicht auf den Friedhof, vielleicht zum Laden. Das haben wir nie erfahren. Bis sie eines Tages vom Fahrrad fiel und sich die Hand brach. Doch bis dahin war sie nicht zu bremsen. Und übrigens: Mit den Metallschrauben im Knochen lebte sie noch viele Jahre in guter Gesundheit. Allerdings wurde ihr das Fahrrad weggenommen.

Quelle: pinterest

Jeder, der ältere Eltern hat, weiß, wie schwer es ist (natürlich zu ihrem eigenen Wohl), ihre Reiselust ein wenig zu zügeln. Erklärungen wie: Es ist zu rutschig, zu dunkel, die Gesundheit und die Augen sind nicht mehr die besten – landen dort, wo alle unerwünschten Ratschläge landen: im Niemandsland, wo sie keiner braucht. Fahrrad bedeutet nun mal Unabhängigkeit. Und Unabhängigkeit bedeutet würdevolles Altern. Deswegen kann ich nur darüber schmunzeln, wenn meine liebe Schwiegermutter zum vierten Mal am selben Tag auf ihr Fahrrad steigt und Richtung Wer-weiß-es-schon verschwindet.

Foto: Anna Durecka

Und überhaupt: Kann sich jemand ein Dorf ohne die unaufhaltsamen Fahrradfahrerinnen vorstellen? Sie bringen Bewegung in jede sonst müde Ortschaft. Auf ihren Fahrrädern transportieren sie nicht nur Einkäufe, sondern auch den neuesten Klatsch und Tratsch. Und vor allem jede Menge Lebenslust.

Foto: Anna Durecka

 

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