Mit Historiker Thomas Oellermann sprach über die Geschichte des Fußballvereins DFC Prag, Martin Wycisk
neueswochenblatt.pl: Wie kam es zur Gründung des DFC Prag?
Thomas Oellermann: Prag war damals eine Stadt vieler Kulturen. Eine immer selbstbewusster werdende tschechische Mehrheitsgesellschaft begann sich in Vereinen zu organisieren. Die verschiedenen Minderheiten in Prag zogen nach, weil es eine gewisse Konkurrenz gab. Das betraf auch den Sport. 1893 wurden die großen tschechischen Sportvereine Sparta und Slavia gegründet. Die Gründung des DFC Prag im Jahr 1896 war sicherlich eine Antwort der deutschen Minderheit. Aber im Unterschied zu Sparta und Slavia, die als Clubs für Athletik gegründet wurden, war der DFC Prag von Anfang an ein dezidierter Fußballverein.
Der DFC Prag ist als erster deutscher Vizemeister bekannt. Wie konnte damals ein Verein aus Österreich-Ungarn an der deutschen Fußballmeisterschaft teilnehmen?
Die heutigen Strukturen gab es schlicht noch nicht. Der DFC Prag als Club der deutschen Minderheit schaute auch nach Deutschland und suchte den Anschluss an die dortige Fußballszene. Diese war unter anderem in Dresden und Leipzig sehr stark. Um 1900 machten sich die Clubs in Deutschland daran, den Deutschen Fußballbund (DFB) zu gründen, wobei der DFC Prag daran teilnahm und eine führende Rolle spielte. Der Vorsitzende des DFC, Ferdinand Hueppe, wurde sogar zum ersten DFB-Präsidenten gewählt.

Der DFC Prag wurde 1896 gegründet und 1939 aufgelöst. Seit 2016 gibt es wieder ein Verein mit dem gleichen Namen.
Foto: DFC Prag
Wie ist der sportliche Erfolg des DFC in dieser Frühphase des Fußballs zu erklären?
Der britische Fußball war damals auf einem deutlich höheren Niveau. Auf dem europäischen Kontinent aber war der DFC Prag sicherlich einer der stärksten Clubs. Ein wichtiger Faktor war die Stadt Prag. Die böhmische Metropole war ein Anziehungspunkt für viele Menschen, die aus Deutschland, aber auch aus Großbritannien zum Studium hierher kamen. Viele von ihnen fanden den Weg zum DFC. Das hat den Verein fußballerisch unglaublich bereichert, weil sie neue Ideen und Taktiken mitbrachten. Für den frühen DFC waren auch britische Spieler und Trainer wichtig, die das Niveau deutlich hoben.
Der DFC hat eine unglaubliche Geschichte mit vielen sportlichen Höhepunkten, aber auch mit schlimmen Katastrophen und tragischen Einzelschicksalen im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg.
Wie sahen zur Zeit der k.u.k. Monarchie die Beziehungen zu den anderen Prager Fußballvereinen aus?
Die deutsche Minderheit in Prag war anders als die deutsche Minderheit in den Grenzgebieten, im sogenannten Sudetenland. Hier waren die Deutschen eine sehr kleine Gruppe, der immer klar war, dass man mit der tschechischen Mehrheitsgesellschaft auskommen musste. Zudem war die Gemeinschaft stark von deutschsprachigen Juden geprägt. Viele von ihnen waren damals zweisprachig, was natürlich sehr dabei half, soziale Kontakte zu den tschechischen Nachbarn und Vereinen zu pflegen. Deswegen gab es in der Frühphase keine großen Konflikte zwischen den Clubs. Wechsel zwischen den Vereinen waren üblich, sodass auch Tschechen beim DFC spielten.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand die Tschechoslowakei. Wie wirkte sich dies auf den DFC aus?
Die Tschechoslowakei entstand 1918 und die hiesigen Deutschen, ungefähr 3,5 Millionen Menschen, wollten zunächst nicht Teil dieses Staates sein, sondern sich Österreich anschließen. Die Prager Deutschen hatten zu dieser Frage eine andere Einstellung. Es gab ein Bewusstsein dafür, dass man hier mitten in Prag von einer riesigen tschechischen Mehrheit umgeben war. Darum arrangierte man sich hier schnell mit der Situation, wodurch der DFC Prag schon unmittelbar nach Kriegsende den Spielbetrieb wieder aufnahm. Es wurde auch gegen eine Armeemannschaft gespielt, die nach dem damaligen Staatspräsidenten und Staatsgründer Masaryk benannt war. Das hatte eine starke Symbolik in einer Zeit, in der die Sudetendeutschen in den Grenzgebieten der Tschechoslowakei noch sehr abwartend und teilweise ablehnend eingestellt waren.

Der DFC Prag wurde 1896 gegründet und 1939 aufgelöst. Seit 2016 gibt es wieder ein Verein mit dem gleichen Namen.
Foto: DFC Prag
In den 1930er Jahren wurden bei den Sudetendeutschen die Nationalsozialisten um Konrad Henlein immer beliebter. Wie sah dieses Milieu den DFC?
Die Henlein-Bewegung entstand 1933 und war faktisch ein Ableger der NSDAP. Wie im Dritten Reich hatte man den Anspruch, alle deutschen Institutionen aus allen Lebensbereichen in die Bewegung zu integrieren. Der DFC gehörte zu den Organisationen, die das ganz klar ablehnten. Im Verein war die politische Lage in Deutschland mit der dortigen antijüdischen Gesetzgebung bekannt, wodurch Henlein als Stellvertreter der NSDAP abgelehnt wurde. Dafür wurde der DFC von Henleins Anhängern angefeindet, was auch Spiele des Clubs im Sudetenland zunehmend schwierig machte. Anfeindungen gab es aber auch schon vorher. Das lag daran, dass der DFC Prag als bürgerlicher Hauptstadtverein gesehen wurde. Die Spannungen zwischen Provinz und Metropole vermischten sich dann in den 30er Jahren mit Antisemitismus und einem klaren Bekenntnis zum Nationalsozialismus Hitlers. Da hatte es der DFC wirklich schwer, im Grenzland Spiele zu bestreiten.
Wie wirkte sich die Besetzung Prags am 15. März 1939 durch die deutsche Wehrmacht auf den DFC aus?
Noch vor der Annexion des Sudetenlandes im Rahmen des Münchner Abkommens brachen im Sudetenland gewalttätige Unruhen aus. Unter diesen Umständen sahen die Vereinsmitglieder keinen Raum mehr für sich als einen Club der Deutschen und der deutschsprachigen Juden in Prag und stellten den Spielbetrieb ein. Der Verlust des Sudetenlandes führte zur Flucht zahlreicher dortiger Juden nach Prag, was die Lage in der Stadt zusätzlich verschlechterte. Viele Juden versuchten, in sichere Länder zu fliehen, und die Besetzung Prags war dann für die jüdische Gemeinschaft eine unmittelbare Bedrohung.

Der DFC Prag wurde 2016 neu gegründet.
Foto: DFC Prag
Nach 1945 konnte der DFC nicht wieder gegründet werden. Trotzdem gibt es den Verein seit 2016 wieder. Wie kam es dazu?
Die Neugründung 2016 geht auf ein Ereignis im Jahr 2015 zurück. Es gibt in Deutschland eine Reihe von Menschen, die sich für Fußballgeschichte interessieren, zum Beispiel die Leipziger Initiative 1903. Sie haben als Vereinszweck die Erinnerung an die allererste deutsche Meisterschaft des Jahres 1903, als der DFC gegen den VfB Leipzig verlor, aus dem später Lok Leipzig hervorging. 2015 besuchten Vertreter der Initiative 1903 Prag und damals habe ich ein Team aus deutschen und tschechischen Freunden zusammengestellt, um als DFC Prag anzutreten. So kam der Stein ins Rollen und ein Jahr später konnten wir den DFC neu gründen, inklusive Mitgliedschaft im heutigen tschechischen Fußballverband.
Wie funktioniert der Verein heute?
Wir konzentrieren uns auf die Jugendarbeit, was unter anderem mit den hohen Kosten im Seniorenbereich zusammenhängt. Die Jugendarbeit ist anspruchsvoll genug, weil es in der Metropole Prag viel Konkurrenz gibt. Diese reicht von großen Vereinen wie Slavia oder Sparta bis zu kleineren Jugendclubs mit sehr guter Nachwuchsarbeit oder Stadtteilmannschaften. Der DFC Prag gehört zu keiner dieser Kategorien, was für uns ein strukturelles Problem darstellt. Trotzdem wollen wir uns als Verein natürlich weiterentwickeln.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des DFC Prag? Wird es noch einmal etwas mit einer Meisterschaft?
Der DFC hat eine unglaubliche Geschichte mit vielen sportlichen Höhepunkten, aber auch mit schlimmen Katastrophen und tragischen Einzelschicksalen im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg. Neben dieser interessanten Geschichte, die auch für Aufmerksamkeit sorgt, muss man sich klar machen, dass es heute vor allem darum geht, dass Kinder und Jugendliche über den Platz rennen und versuchen, ein Tor zu schießen. Geschichte schießt keine Tore. Wir sind ein Verein mit einer großen Vergangenheit, aber am Ende des Tages geht es eben darum, auch an einem verregneten Novembermorgen Tore zu schießen und Gegentore zu verhindern.