Gänse, Flaum und schlesische Tradition
Im Seniorenclub in Nakel (Nakło) floss die Zeit letzte Woche ein wenig anders. In der Luft schwebte feiner Flaum, und der Raum war erfüllt von Erzählungen im schlesischen Dialekt, Gesang und Lachen. Genau hier wurde eine der schönsten dörflichen Traditionen wieder zum Leben erweckt – das Federnschleißen, auch „Szkubanie“ oder „darcie pierza“ genannt.
Die Veranstaltung, organisiert vom Seniorenclub Nakel (der dem Verein der Freunde von Nakel untersteht), wurde durch die Unterstützung der Wohltätigkeitsgesellschaft der Deutschen in Schlesien sowie durch die Finanzierung des Bundesministeriums des Innern ermöglicht. Diese Aktion war nicht nur eine Gelegenheit zur Arbeit, sondern vor allem ein großes Fest der generationenübergreifenden Integration.
Von Frühling bis Winter – die Vorbereitungen
Die Tradition des Federnschleißens beginnt lange vor dem ersten Frost. Wie Dorota Wrzeciono, Vorsitzende des Clubs und Vorstandsmitglied des DFK Nakel, erklärt: „Zuerst bitten wir unsere Klubfreundin, Gänse zu halten, denn damit muss man schon im Frühjahr beginnen. Sie sammelt dann die Federn, bewahrt sie auf, und wir warten auf den Winter, um dann – meist in der Fastenzeit – eine Woche für das Federnschleißen zu reservieren.“

Gemeinsame Arbeit am Tisch bietet die perfekte Gelegenheit, alte Geschichten im schlesischen Dialekt zu erzählen.
Foto: Manuela Leibig
Die Seniorinnen und Senioren erinnern sich wehmütig an die Zeiten, als Gänse ein untrennbarer Bestandteil der Landschaft von Nakel waren.
„Das sind alte Zeiten, wirklich. Wir waren alle Kinder, und im Dorf hatte jeder Gänse. Denn man musste Federbetten für die nächste Generation vorbereiten, die gerade heranwuchs“, erinnert sich Elfryda Małek, Mitglied des Seniorenclubs. Irena Kucharska fügt hinzu: „Die Gänse wurden bei uns zu zwei Teichen im Dorf getrieben, wo sie badeten. Niemand musste sie bewachen. Sie wussten genau, wann sie nach Hause gehen mussten. Das wundert mich bis heute. Die Federn waren durch das Baden weiß und sauber.“
„Weder niesen noch pusten“ – die Kunst des Schleißens
Das Federnschleißen ist eine Präzisionsarbeit, die strenge, wenn auch oft amüsante Regeln erfordert. Am Tisch gaben die Senioren Anweisungen weiter:
„Man muss gut schleißen. Die ‚Koduchy‘, also die harten Federkiele, kommen in Kissen für die Küchenstühle, und der ‚Kwap‘, also der feinste Flaum, kommt ins Kopfkissen“, erklärt Teresa Chluba, Mitglied des Seniorenclubs und des DFK Nakel.

Präzision der Hände und Geduld. Genau hier, in einer Wolke aus weißem Flaum, wird die lokale Geschichte wieder lebendig.
Foto: Manuela Leibig
Der größte Feind beim Federnschleißen ist… das Niesen. „Oh, wenn jemand geniest hat, dann war was los! Alle Federn flogen in die Luft“, lacht Krystyna Cichoń während der Arbeit mit dem kostbaren Gut. Dorota Wrzeciono fügt hinzu: „Man muss vorsichtig sein. Man darf nicht zu stark pusten oder sich zu schnell bewegen. Selbst wenn man Witze erzählt, muss man beim Lachen das Gesicht wegdrehen, um den Flaum nicht zu verwehen.“
Das Federbett als Schatz und Aussteuer
Früher war ein ordentliches Federbett ein Zeichen für den Status und den Fleiß der Hausfrau. Für ein Federbett (160×200 cm) benötigte man etwa 6 bis 7 kg Federn.
„Fünf Mädels im Haus zu haben, war eine echte Herausforderung! Jede musste ein Federbett bekommen, also musste die Mutter für Gänse sorgen, praktisch seit der Geburt der Tochter“, erzählt Grażyna Młynarczyk.

Ein Lächeln und farbenfrohe Kopftücher – in Nakel ist das Federnschleißen (Szkubanie) nicht nur Arbeit, sondern vor allem Freude an der Zusammenkunft und die Pflege der Tradition.
Foto: Manuela Leibig
Nichts wurde verschwendet. Aus den härtesten Flügelfedern wurden „Mazaczki“ (Federwische) hergestellt, um Kuchen mit Eiweiß oder Backbleche mit Fett zu bestreichen. „Zusammengebundene Federn dienten als Pinsel in der Küche, und ganze Flügel als Handfeger am Ofen oder für die Ecken im Haus. Wir lebten sehr ökologisch, alles wurde sinnvoll genutzt. Die abgenutzten Flügel oder Mazacki wurden verbrannt“, betont Krystyna Książek, eine Seniorin, die einen Teil des Jahres in Deutschland lebt: „Ich konnte es mir nicht entgehen lassen, zum Federnschleißen nicht zu kommen. Ich wollte mich an meine Kindheit erinnern, ich musste einfach dabei sein.“
„Die Hausfrau musste wissen, wann sie die Gänse ‚podszkubać‘ (leicht rupfen) konnte. Wenn sie es nicht tat, verlor die Gans die Federn ohnehin von selbst, und an diesen Stellen wuchsen neue nach, die Federn wären verschwändet gewesen. Das betraf nur Gänse, Enten wurden nicht gerupft“, erklärt Róża Chmiel vom Seniorenclub Nakel.
Eine Geschichtsstunde für die Jüngsten
Der Mittwoch war ein besonderer Tag – nacheinander besuchten alle acht Klassen der Grundschule in Nakel den Club. Die Kinder beobachteten neugierig die Arbeit der Seniorinnen, stellten Fragen zu den Details und versuchten sich selbst im Schleißen.
„Wir laden die Schüler ein und erzählen ihnen im schlesischen Dialekt, wie es früher war. Gestern hat uns die erste Klasse Lieder vorgesungen und ein Gedicht aufgesagt – das war ‚zwei in einem‘: Federnschleißen und ein Auftritt der Kinder“, sagt Dorota Wrzeciono stolz.

Das Federnschleißen erfordert Geduld.
Foto: Manuela Leibig
Für die Senioren ist dies eine Gelegenheit, an ihre eigene Kindheit zu denken, als sie als kleine „Lauscher“ in der Ecke oder unter dem Tisch saßen und den Geschichten der Erwachsenen zuhörten. „Man belauschte Gespräche über den Krieg, über Geister… Und wenn die Frauen nicht wollten, dass die Kinder verstehen, worüber sie sprachen, wechselten sie ins Deutsche“, erinnert sich schmunzelnd Hildegarda Szlapa.
Das Finale: Der Federball
Den krönenden Abschluss der dreitägigen Arbeit bildete am Donnerstag der „Federball“ – das traditionelle Fest nach getaner Arbeit. Die Senioren bereiteten einen kräftigen Bigos vor, und auch hausgemachter Kuchen, gebacken von den Mitgliedern des Seniorenclubs, durfte nicht fehlen. Früher war dies ein ganz besonderer Moment.

Nach der Arbeit ist Zeit für das große Aufräumen.
Foto: Manuela Leibig
„Ich erinnere mich, dass ich beim Federball zum ersten Mal in meinem Leben ‚Bohnkafee‘, also echten Bohnenkaffee, getrunken habe. Normalerweise tranken wir Getreidekaffee, aber beim Federball gab es echten Bohnkafee. Der Federball war ein großes Fest. Normalerweise bereitete die Hausfrau, bei der geschlissen wurde, jeden Tag eine kleine Stärkung vor, es gab Napfkuchen (Gugelhupf) oder ‚Sznity‘ (belegte Brote). Aber zum Federball gab es immer etwas Besonderes: Kartoffelsalat, warme Wurst, Hefekuchen und Kaffee. Was ganz besonderes war Hefekuchen mit Mohn…. Mohn konnte man nicht so leicht kaufen wie heute. Und schon in der nächsten Woche ging man zur nächsten Nachbarin zum Schleißen“, erzählt Grażyna Młynarczyk.

Das Federnschleißen erfordert Geduld.
Foto: Manuela Leibig
Das Treffen endete mit gemeinsamem Gesang und Gesprächen. Wie die Vorsitzende Dorota Wrzeciono betont: „Wir pflegen die Traditionen, und unsere Enkel und Kinder freuen sich, dass wir das weitermachen. Wir zeigen unseren schlesischen Brauch und beweisen, dass im Seniorenclub kein Platz für Langeweile ist.“
Fotogalerie
- Gemeinsame Arbeit am Tisch bietet die perfekte Gelegenheit, alte Geschichten im schlesischen Dialekt zu erzählen. Foto: Manuela Leibig
- Ein Lächeln und farbenfrohe Kopftücher – in Nakel ist das Federnschleißen (Szkubanie) nicht nur Arbeit, sondern vor allem Freude an der Zusammenkunft und die Pflege der Tradition. Foto: Manuela Leibig
- Präzision der Hände und Geduld. Genau hier, in einer Wolke aus weißem Flaum, wird die lokale Geschichte wieder lebendig. Foto: Manuela Leibig
- Das Federnschleißen erfordert Geduld. Foto: Manuela Leibig
- Das Federnschleißen erfordert Geduld. Foto: Manuela Leibig
- Aus diesen Federn entstehen die legendären, warmen Federbetten. Foto: Manuela Leibig
- Nach der Arbeit ist Zeit für das große Aufräumen. Foto: Manuela Leibig















