Ein Kenner Polens wird neuer Direktor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

30 März 2026, 05:00 Politik 70

Einstimmige Wahl nach kontroverser Debatte

Nach Tagen intensiver Diskussionen und medialer Kritik ist die Entscheidung gefallen. Der Historiker Roland Borchers übernimmt künftig die Leitung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung – einstimmig gewählt vom Stiftungsrat. Ob damit auch der Streit über die künftige Ausrichtung der Einrichtung beigelegt ist, bleibt offen.

Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung hat einen neuen Direktor: Der Historiker Roland Borchers übernimmt die Leitung der Stiftung. Seine Wahl am Donnerstag, 26. März 2026, fiel einstimmig – ein Ergebnis, das nach den teils heftigen Diskussionen der vergangenen Tage keineswegs selbstverständlich war.

Noch kurz vor der Entscheidung hatte der Spiegel berichtet, dass aus dem Stiftungsrat heraus gefordert worden sei, das Auswahlverfahren neu zu starten. Dennoch einigte sich das Gremium schließlich auf Borchers, der derzeit stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Niederschöneweide ist.

Streit um künftige Ausrichtung

Im Vorfeld der Wahl war in deutschen und polnischen Medien intensiv über die Neubesetzung berichtet worden (mehr dazu lesen Sie hier). Beobachter werteten den Vorgang als Ausdruck eines grundlegenden Konflikts über die künftige Ausrichtung der Stiftung – insbesondere mit Blick auf die Dauerausstellung.

Kritik hatte vor allem die Entscheidung ausgelöst, den Vertrag der bisherigen Direktorin Gundula Bavendamm nicht zu verlängern und die Stelle neu auszuschreiben. Der Wissenschaftliche Beirat der Stiftung äußerte sich kritisch. Auch der polnische Historiker Piotr Madajczyk, Mitglied des Gremiums, hatte sich bereits im Januar in einem Gastbeitrag dazu geäußert.

„Mutmaßungen, es gehe dem BdV um eine Umdeutung wider europäische Interessen, weisen wir entschieden zurück.“
Stephan Mayer, Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV)

In der Berichterstattung wurden zudem Vorwürfe laut, der Bund der Vertriebenen (BdV) wolle gemeinsam mit der Unionsfraktion im Bundestag stärkeren Einfluss auf die Stiftung gewinnen. Der Tagesspiegel sprach in diesem Zusammenhang von einer möglichen „feindlichen Übernahme“.

Der BdV wies diese Darstellung zurück und kritisierte eine „deutliche Schlagseite“ in der medialen Berichterstattung. Zugleich betonte der Verband, es gehe bei der angestrebten Weiterentwicklung der Dauerausstellung darum, „den gesetzlichen Rahmen und die konzeptionelle Schwerpunktsetzung klarer zur Geltung zu bringen“ sowie den Versöhnungsauftrag stärker zu betonen und die Reichweite der Ausstellung zu erhöhen. Zudem kritisierte der BdV, dass interne Diskussionen die Öffentlichkeit gelangt seien.

Kritik und Rückzug eines Kandidaten

In den Berichten wurde insbesondere auf einen Brief des damaligen BdV-Präsidenten Bernd Fabritius Bezug genommen, in dem er unter anderem den Teil der Dauerausstellung kritisierte, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. In seiner Stellungnahme wies der aktuelle BdV-Präsident Stephan Mayer auch die in der medialen Berichterstattung geäußerten Bedenken zurück, die Neugestaltung könnte insbesondere im europäischen Ausland als Revisionismus interpretiert werden. Zudem verwies er auf die fortgesetzte Versöhnungsarbeit, die der BdV leiste und geleistet habe.

Er erklärte: „Mutmaßungen, es gehe dem BdV um eine Umdeutung wider europäische Interessen, weisen wir entschieden zurück. Gerade der BdV und seine Landsmannschaften haben noch zu Zeiten des Warschauer Paktes und nach dessen Zerfall maßgeblich zur grenzüberschreitenden Verständigung beigetragen – zunächst auf der Ebene von Mensch zu Mensch und später immer stärker auch auf institutioneller Ebene. Dies prägt unseren Einsatz bis heute.“

Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung.
Foto: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung/Markus Gröteke

Für Brisanz sorgte im Vorfeld der Wahl aber auch die Kandidatenliste. Neben Bavendamm und Borchers gehörte auch der Bundestagsabgeordnete Sven Oole dazu, Geschäftsführer der Arbeitsgruppe für Vertriebene, Aussiedler und deutsche Minderheiten der CDU/CSU-Fraktion. Medienberichten zufolge galt er als Favorit des BdV. Kritiker bemängelten jedoch fehlende Erfahrung im musealen Bereich sowie eine unzureichende wissenschaftliche Expertise im Themenfeld der Stiftung.

Einen Tag vor der Wahl zog Oole seine Kandidatur zurück. Laut dem bereits genannten Bericht des Spiegels soll Bundeskanzler Friedrich Merz bei einem Treffen mit Politikern der CDU/CSU-Fraktion darauf gedrängt haben, die deutsch-polnischen Beziehungen nicht zu gefährden.

Ein Direktor mit Vermittlungspotenzial

Mit Roland Borchers fiel die Wahl schließlich auf einen Kandidaten, dem Beobachter eine vermittelnde Rolle zutrauen. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit polnischen Zeitzeugenberichten zur NS-Zwangsarbeit. Neben Geschichte und Politikwissenschaft studierte er auch Polonistik und sammelte früh Erfahrungen in Polen, unter anderem durch ein Praktikum im Sejm.

Diese internationale Perspektive könnte sich als Vorteil erweisen – gerade angesichts der politischen Sensibilität des Themas. Auch der BdV hob Borchers’ Qualifikationen hervor. Verbandspräsident Stephan Mayer erklärte auf Anfrage, Borchers bringe „fachliche Kompetenz, internationale Erfahrung und die Bereitschaft zum offenen Dialog“ mit. Die einstimmige Wahl sei ein wichtiges Signal.

Der Historiker Krzysztof Ruchniewicz sieht in der Personalentscheidung ebenfalls ein Zeichen der Beruhigung – zumindest vorläufig. In seinem Kommentar für Neues Wochenblatt.pl schreibt er, dass die grundlegenden Differenzen über die künftige Ausrichtung der Stiftung damit jedoch nicht endgültig gelöst seien.

Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde 2008 durch ein Bundesgesetz gegründet und untersteht organisatorisch der Stiftung Deutsches Historisches Museum. Grundlage war eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag der Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD aus dem Jahr 2005. Ziel war es, „in Berlin ein sichtbares Zeichen“ zu setzen, um an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern.

Dem gingen seit den 1990er-Jahren intensive gesellschaftliche Debatten voraus, auch über mögliche Standorte und Konzepte eines Erinnerungsortes.

Sitz der Stiftung ist das Deutschlandhaus nahe dem Anhalter Bahnhof in Berlin-Kreuzberg. Der Umbau begann 2013, die offizielle Eröffnung des Dokumentationszentrums erfolgte am 21. Juni 2021 im Beisein der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Dauerausstellung widmet sich Zwangsmigrationen, insbesondere in Europa im 20. Jahrhundert. Ein Schwerpunkt liegt auf Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs. Ergänzt wird das Angebot durch Sonderausstellungen, eine Bibliothek und ein Archiv.

Geleitet wird die Stiftung von einer Direktorin oder einem Direktor. Von 2016 bis 2026 hatte Gundula Bavendamm dieses Amt inne. Über grundlegende Fragen entscheidet ein Stiftungsrat. In diesem Gremium sind Vertreter der Politik (Bundestag, Auswärtiges Amt, Innenministerium und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien), des Bundes der Vertriebenen, der Kirchen (evangelisch, katholisch, Zentralrat der Juden) sowie die Präsidenten der beiden Stiftungen „Deutsches Historisches Museum“ und „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ vertreten.

Der Stiftungsrat wählt auch die Direktorin oder den Direktor. Ihm steht ein wissenschaftlicher Beirat beratend zur Seite. In diesem internationalen Gremium sind auch Wissenschaftler aus Polen vertreten. Aktuell übt Piotr Madajczyk vom Instytut Studiów Politycznych PAN in Warschau diese Funktion aus.

Mauro Oliveira

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