Echte Schlesische Happen: Neumarkt von seiner leckersten Seite

13 Februar 2026 Geschichte

Kleine Stadt, großer Geschmack

Zu lange, beinahe viel zu lange, verharren wir an einem Fleck. Kälte kriecht in die Glieder, die Sonne bleibt aus, ein grauer Schleier liegt über allem. Umso befreiender war schließlich unser Aufbruch in Richtung Dziewin – einst Dieban. Punkt zwölf erreichten wir das Ziel, besichtigten eine kleine Sammlung historischer Artefakte und spazierten weiter zum sogenannten Napoleon-See, genauer gesagt zum Altwasser der Oder. Eine geschlossene Eisdecke spannte sich über das gesamte Flussbett und verlieh der Landschaft eine stille, beinahe entrückte Atmosphäre.

Von dort führte uns der Weg zu den Ruinen eines einstigen Schlosses, früher im Besitz des schlesischen Adelsgeschlechts von Schweinitz. Das Bild war ernüchternd: verfallene Mauern, zerstörte Kachelöfen – Relikte einer untergegangenen Welt, die dennoch Erinnerungen wachriefen.

Winterlicher Aufbruch und erste Eindrücke

Ursprünglich planten wir noch einen Abstecher nach Lubiąż (Lauban), doch schließlich zog es uns nach Środa Śląska – dem ehemaligen Neumarkt. Ein Ziel, das schon lange auf unserer Liste stand. Wir parkten im Zentrum, und sofort fiel der ungewöhnlich langgestreckte Marktplatz ins Auge. Der Unter- und Obermarkt wird noch immer von Bürgerhäusern gesäumt. Einst pulsierte hier das Leben, Geschäfte und Gasthäuser reihten sich aneinander. Sogar die private Neumarkter Kleinbahn querte den Platz und verband ihn mit dem rund vier Kilometer entfernten Hauptbahnhof an der Strecke Liegnitz–Breslau.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Neumarkt rund 6.000 Einwohner, heute sind es fast 10.000.
Foto: Michał Janik

Heute hält dort kein Zug mehr – stattdessen stehen auf dem Markt zwei Iglus. Ein überraschender Anblick. In ihrem Inneren können Gäste des Restaurants im Bürgerhaus Nummer 25 in außergewöhnlichem Ambiente speisen. So verlockend diese Szenerie auch war, wir entschieden uns für einen klassischen Tisch im Inneren: klein, gemütlich und geschmackvoll eingerichtet.

Moderne Küche mit schlesischem Herz

Die Speisekarte: angenehm überschaubar – ein klares Plus. Mexikanische Küche. Nicht unbedingt mein Favorit, doch Neugier siegt bekanntlich. Zumal hier die kreativen Interpretationen von Mariusz Komenda serviert werden, den ich vor einigen Jahren in einer Kochsendung verfolgte. Zwischen exotischen, durchaus verführerisch klingenden Gerichten entdeckte ich eine Suppe – und was für eine: die Neumarkter Sauerteigsuppe „Zalewajka“. Schlesisch durch und durch.

Erwähnenswert ist auch die Bäckerei von Herbert Mummert in der Breitestraße 9, bekannt für Zwieback, von Ärzten Rekonvaleszenten und Kindern empfohlen. Als Mädchen mit empfindlichem Magen kannte ich diesen Geschmack nur zu gut – Zwieback mit Minz- und Kamillentee. Wie gern würde ich heute jene historischen Diätbackwaren kosten.

Sie war schlichtweg hervorragend. Samtig, heiß, aromatisch – ein vielschichtiger Geschmack, der sich Löffel für Löffel entfaltete. Besonders beeindruckte mich der konsequente Einsatz regionaler Produkte, nicht nur in meiner Suppe, sondern im gesamten Menü. Wir probierten außerdem Burrito und Quesadilla – ebenfalls ein Genuss. Neugierig machten mich auch ein Salat mit geräucherter Ente sowie ein spektakulär präsentierter Nachtisch. Doch das bleibt dem nächsten Besuch vorbehalten – und der wird gewiss nicht lange auf sich warten lassen. Unser Mittagessen war reichhaltig, abwechslungsreich und zudem erfreulich preiswert. Die moderne Neumarkter Küche verbindet Kreativität mit der tief verwurzelten Tradition schlesischer Gastfreundschaft – eine klare Empfehlung.

Kulinarische Spuren der Vergangenheit

Während wir auf unsere Bestellung warteten, stöberte ich in digitalen Archiven. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte Neumarkt rund 6.000 Einwohner, heute sind es fast 10.000. Gastronomiebetriebe gab es damals wie heute mehrere. Auf historischen Stadtplänen finden sich Hotels wie das „Hohes Haus“, zunächst im Besitz von Heinrich, später von Paul Franke. Am Markt Nr. 78 befand sich das Hotel „Kronprinz“, das laut Zeitungsannoncen gute bürgerliche Küche und erlesene Getränke bot, dazu Festsäle, Garagen und Räume zur Erholung. Ebenfalls am Markt wirkte die Restauration „Zu den 3 Kronen“ von Frau E. Schwerdt, während Paul Otto Pavel unter Nr. 79 die älteste Weinstube samt Laden führte.

Die private Neumarkter Kleinbahn querte einst den Unter- und Obermarkt und verband ihn mit dem rund vier Kilometer entfernten Hauptbahnhof an der Strecke Liegnitz–Breslau. Heute hält dort kein Zug mehr – stattdessen stehen auf dem Markt zwei Iglus.
Foto: Michał Janik

Ein Kalender von 1930 wirbt für das Gasthaus „Schießhaus“ gegenüber dem Landratsamt. Wirt Paul Kasper pries familiäre Atmosphäre, gute bürgerliche Küche, Festsaal, Fremdenzimmer sowie Garagen- und Fahrradstellplätze. Am Markt Nr. 60 betrieb Gertrud Ueberscher eine weitere familiengeführte Gaststätte mit solider Küche und hochwertigen Getränken. 1940 annonciert das „Gasthaus zum Schwarzen Adler“ von Rudolf Tesche – mit fließendem Wasser, Garage und sogar Kegelbahn in der Liegnitzer Straße 26.

Erwähnenswert ist auch die Bäckerei von Herbert Mummert in der Breitestraße 9, bekannt für Zwieback, von Ärzten Rekonvaleszenten und Kindern empfohlen. Als Mädchen mit empfindlichem Magen kannte ich diesen Geschmack nur zu gut – Zwieback mit Minz- und Kamillentee. Wie gern würde ich heute jene historischen Diätbackwaren kosten. In derselben Straße, Hausnummer 12, betrieb Herbert Krohn ein Lokal mit Destillaten, Bier und Wein – eine durchaus bemerkenswerte Nachbarschaft.

Neumarkter Sauerteigsuppe wird mit Eilage serviert.
Foto: Michał Janik

Anlässlich der 700-Jahr-Feier 1935 empfahl das Restaurant „St. Thomas“ von Konrad Kessel seine Säle und die familiäre Küche. Ein gemütlicher Garten lud zum Verweilen ein, ergänzt durch einen Schießstand – wohl eine Attraktion insbesondere für die Herren der Gesellschaft.

Gemessen an der Größe der Stadt war das kulinarische Angebot beachtlich, geprägt von bürgerlicher Küche. Suppen galten damals wie heute als besondere Stärke – zahlreiche Rezepte finden sich in Zeitschriften und Kochbüchern jener Zeit. Ich blättere gern darin, suche Inspiration, füge eine persönliche Note hinzu.

So entstand auch meine Interpretation: mild säuerlich, veredelt mit regionaler Wurst und Speck – ein Geschmack, der von einem winterlichen Ausflug erzählt und Geschichte auf den Teller bringt.

Neumarkter Sauerteigsuppe

Neumarkter Sauerteigsuppe.
Foto: Michał Janik

Zutaten

1,5 l Fleischbrühe
300 ml flüssiger Sauerteig
200 g schlesische Wurst
50 g Butter
4 braune Steinpilze (getrocknet)
4 Spiegeleier
1 EL Meerrettich
Salz, Pfeffer
500 g gekochte Kartoffeln
100 g Schinkenspeck
Schnittlauch / Lauchsprossen

Zubereitung

Einen Tag zuvor die Fleischbrühe kochen.
Den Speck in kleine Würfel schneiden und bei schwacher Hitze anbraten. Nach etwa 5–10 Minuten die Wurst in den Topf geben und weitere fünf Minuten mitbraten. Anschließend die zuvor zubereitete heiße Brühe in den Topf gießen, alles umrühren und den Topf mit einem Deckel abdecken. Bei geringer Hitze 10 Minuten köcheln lassen.
Danach die Wurst herausnehmen, in Scheiben schneiden und beiseitelegen. Zur Suppe einen Esslöffel geriebenen Meerrettich geben und auch den Roggensauerteig einrühren. Nach dem Aufkochen die Konsistenz prüfen und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Ohne Deckel bei sehr geringer Hitze etwa zwei Minuten weiterköcheln lassen. In dieser Zeit sollte die Suppe leicht andicken.
Mit einem Spiegelei und Stampfkartoffeln servieren, die mit angebratenem Speck und Schnittlauch oder Lauchsprossen bestreut sind.

Małgorzata Janik

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