Deutschland als Feind? Die Rückkehr eines alten Schemas

1 April 2026, 12:00 Kolumne , Politik 391

Die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki, sein Veto gegen das SAFE-Programm einzulegen, löste in Teilen der rechten Medien eine Reaktion aus, die hinsichtlich ihres Ausmaßes und ihrer Wortwahl überraschte. In der Berichterstattung eines Fernsehsenders tauchte fast augenblicklich eine Flut antideutscher Anspielungen auf. Auf dem Bildschirm war unter anderem zu lesen: „Deutsche sind an der polnischen Front gefallen“, „Deutsche Spezialoperation ‚Der SAFE‘ vom Präsidenten zerschlagen“, „Herr Tusk befiehlt dem Präsidenten der Republik Polen“, „Der Präsident als Schutzschild vor dem deutschen Einfall“, „Eine Bande von Verrätern und Volksdeutschen versucht, die Polen bei den Deutschen mit Milliarden Euro zu verschulden“ oder schließlich „Goebbelsche Propaganda greift den Präsidenten an“.

Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass wir es seit einigen Jahren mit der Rückkehr eines altbekannten Schemas zu tun haben: Deutschland als politischer und zivilisatorischer Gegner, als Feind, gegen den sich Polen mobilisieren muss. In diesem Narrativ geht es nicht einmal mehr um konkrete politische Entscheidungen oder Streitigkeiten mit dem heutigen deutschen Staat – einem Nachbarn und Mitglied derselben internationalen Organisationen. Deutschland wird vielmehr wieder zu einem symbolischen Gegner, zu einer Figur in einer politischen Erzählung über die Verteidigung einer angeblich bedrohten Souveränität.

Ist dies ein neues Phänomen?

In gewisser Hinsicht erinnert dies an aus der Geschichte bekannte Muster. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war die antideutsche Rhetorik Teil der offiziellen Staatspolitik. Sie hatte dabei ihre reale Begründung. Polen war ein Land, das durch den von Berlin ausgelösten Krieg schrecklich zerstört worden war, und die Bundesrepublik Deutschland erkannte lange Zeit die Grenze an Oder und Neiße nicht an. In einer solchen Atmosphäre war es leicht, das Bild von Deutschland als einem Staat der Rachegeister und Militaristen zu konstruieren. Doch schon damals wurde erkannt, dass es sich dabei in erster Linie um einen propagandistischen Schachzug handelte.

Ein Beispiel dafür ist ein Auszug aus einem Artikel von Jerzy Ambroziewicz und Edmund Gonczarski aus dem Jahr 1957, der in der Wochenzeitschrift „Po prostu“ veröffentlicht wurde. Die Autoren schrieben ironisch, dass, wenn man versuchen würde, ein Bild von Westdeutschland ausschließlich auf der Grundlage der damaligen polnischen Presse zu zeichnen, dieses wie folgt aussehen würde: „In den Kellern sitzen bei einem traditionellen Bier Rachekämpfer mit Hakenkreuzen auf den Schultern. Daneben Ruinen. Hinter den Ruinen die mächtigen Krupp-Waffenfabriken. Hinter den Stadttoren ziehen Truppen der Wehrmacht umher.“

Dieser Text war ein Versuch, sich von dem schwarz-weißen Bild Deutschlands zu distanzieren, das in der polnischen Propaganda des ersten Nachkriegsjahrzehnts vorherrschte. Schon damals wurden Stimmen laut, die bemängelten, dass ein solches Schema kein Verständnis der Realität ermögliche. Die Rückkehr zur harten antideutschen Propaganda während des Kriegsrechts (das berühmte Plakat mit Bundeskanzler Konrad Adenauer im Kreuzrittermantel) fand keinen allzu großen Anklang.

Die Kontakte der Polen zur BRD waren bereits zu zahlreich, und die Behörden der Volksrepublik Polen, die durch ihre Unfähigkeit diskreditiert wurden, verloren an gesellschaftlichem Ansehen.

Deutschland wird vielmehr wieder zu einem symbolischen Gegner, zu einer Figur in einer politischen Erzählung über die Verteidigung einer angeblich bedrohten Souveränität.

Heute ist die Lage völlig anders. Die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts brachten einen historischen Wendepunkt. Polen und Deutschland sind heute Mitglieder derselben politischen, wirtschaftlichen und militärischen Gemeinschaft – der Europäischen Union und der NATO. Seit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit sind bereits 35 Jahre vergangen. In dieser Zeit ist ein dichtes Netz an institutionellen, wissenschaftlichen, kommunalen und gesellschaftlichen Kontakten entstanden. Hunderttausende Polen leben in Deutschland, und in Polen gibt es eine deutsche Minderheit. Die Grenze verbindet mehr, als sie trennt (trotz der jüngsten Änderungen bei den Grenzübertrittsbestimmungen). Es scheint also, als hätten differenziertere Beschreibungen der Realität die früheren negativen Vorstellungen dauerhaft abgelöst.

Warum kehren die alten Bilder so leicht zurück?

Eine Antwort liegt in der Logik der heutigen politischen Kommunikation. In einem politischen Streit ist ein äußerer Gegner ein äußerst nützliches Instrument der Mobilisierung. Er ermöglicht es, die komplexe Realität auf eine simple, auf Stereotypen zurückgreifende Zweiteilung zu vereinfachen: wir und sie. In diesem Sinne werden die Deutschen weniger zu einem realen politischen Partner als vielmehr zu einem Symbol – einem bequemen Element der Rhetorik im innerpolnischen Streit.

Es gibt jedoch noch einen zweiten Grund. In den letzten Jahren betreibt der polnische Staat – was angesichts der Ausgaben für die sogenannte Geschichtspolitik paradox klingen mag – in immer geringerem Maße eine bewusste, vielschichtige und wirksame Erinnerungspolitik auf internationaler Ebene. Dies gilt auch für die deutsch-polnischen Beziehungen. Dies zeigte sich beispielsweise anlässlich der jüngsten Jahrestage zum Ende des Zweiten Weltkriegs oder im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe aus dem Jahr 1965 – ein Dokument von grundlegender Bedeutung für den Prozess der Versöhnung und Annäherung zwischen unseren Gesellschaften. Es lässt sich kaum leugnen, dass diese Jahrestage nicht angemessen genutzt wurden.

Infolgedessen bleibt der symbolische Raum oft leer. Und ein leerer Raum füllt sich schnell mit emotionalen und einseitigen Narrativen. Wo sind heute die Kreise und Institutionen, die jahrzehntelang den deutsch-polnischen Dialog aufgebaut haben? Wo sind die Experten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungsinstitute, die die Komplexität der Beziehungen zwischen beiden Ländern zu erklären vermochten? Und wo stehen in dieser Debatte die natürlichen Vermittler – die in Deutschland lebenden Polen und die deutsche Minderheit in Polen? Das Schweigen dieser Kreise ist kein Zufall – es resultiert zum Teil aus der Erschöpfung bisheriger Dialogformen und dem Fehlen neuer Sprachen zur Beschreibung dieser Beziehungen.

Je schwieriger es ist, einen neuen Ansatz für die Beziehungen zwischen beiden Ländern vorzuschlagen, desto leichter fällt es, zu alten Parolen und schwarz-weißen Feindbildern zurückzukehren. Die antideutsche Rhetorik, die heute in Teilen der Medien auftaucht, muss nicht unbedingt eine dauerhafte Wende in den deutsch-polnischen Beziehungen bedeuten – sie zeigt jedoch, wie leicht alte Reflexe ausgelöst werden können und wie schnell Bilder zurückkehren, die – wie es schien – bereits der Vergangenheit angehören.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.

Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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