Wo der Zahn der Zeit sein Zeichen hinterließ
Verdeckte und mittlerweile auch wieder freigelegte deutsche Inschriften in Schlesien sind stumme Zeugen der Vergangenheit, die das Schlesische Museum zu Görlitz als Auseinandersetzung mit Geschichte und Kulturerbe bis September zeigt.
Am Freitag, dem 30. Januar, eröffnete das Schlesische Museum zu Görlitz die Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“ zu historischen Schriftzügen, die nach 1945 vielfach ausgelöscht werden sollten. Es ist die erste Ausstellung im doppelten Jubiläumsjahr dieser schlesischen Institution. Denn der Schönhof, der Sitz des Museums, feiert heuer seinen 500. Geburtstag. Gegründet wurde das Schlesische Museum in Görlitz nach der Wiedervereinigung Deutschlands vor 25 Jahren.
In der Präsentation „Zeichen der Zeit“ des Referats für Schlesien unter Federführung der Kulturreferentin Agnieszka Bormann werden Fotografien von Thomas Voßbeck (Berlin) von 2018 bis 2025 gezeigt. Diese sind durch Texte des Regionalforschers Dawid Smolorz (Gleiwitz) ergänzt.
Der Auslöser der „Inschriftenarchäologie“, die Smolorz und Voßbeck betreiben, ist auf der Internetplattform „Vergessenes Erbe / Vergessene Inschriften“ (Zapomniane dziedzictwo) zusammengetragen. Unterstützt wird dieses Portal vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) Gleiwitz/Oppeln.
Die Ästhetik des Morbiden
Aufgewachsen in den oberschlesischen Großstädten Hindenburg und Gleiwitz, stieß Smolorz sehr früh auf deutsche Inschriften auf alter Bausubstanz: „In den 80er-Jahren war ich Teenager und damals hatte der polnische Staat bereits größere Probleme in seinem Kampf gegen die optischen Relikte der deutschen Vergangenheit. So bin ich auf meinem Weg zur Schule zum Beispiel an Beschriftungen wie: ‚Löschwasserstelle 50 Meter’ vorbeigegangen“, erinnert sich der Journalist und Autor. „Ich empfand das als eine Art Nachrichten aus einer früheren Zeitepoche“, sagt er.

Zur Ausstellungseröffnung diskutierten im Podium: Kulturreferentin für Schlesien Agnieszka Bormann (Mitte), v.l.: Thomas Voßbeck, Dawid Smolorz, Daniel Gibski und Lucjan Dzumla.
Foto: K. Kandzia
Schnell merkte Smolorz, dass auch in anderen Städten in Nieder- und Oberschlesien noch zahlreiche solcher Überbleibsel sichtbar waren. Schon damals empfand er diese Schriftzüge als etwas Schönes. „Die Fraktur, die Buchstaben sind sehr ästhetisch.“ Es interessierte den späteren Germanisten und Übersetzer, welche Geschichten sich hinter diesen Inschriften verbargen.
Ähnlich neugierig und auf der Suche nach Geschichten von einst war der Fotograf Thomas Voßbeck. Als die beiden vor Jahren aufeinandertrafen, Smolorz übersetzte für den Berliner, hatte Voßbeck keine Ahnung, dass in Oberschlesien nach 1945 Deutsche geblieben und noch so viele Überreste des Deutschen in der Region zu finden waren. Es war ein Glücksfall für ihn, in Smolorz jemanden zu finden, der ihn durch die Geschichte Schlesiens führte. „Nach Jahren des gemeinsamen Reisens und Arbeitens ist Oberschlesien für mich eine zweite Heimat geworden“, bekennt der in Leipzig geborene Thomas Voßbeck.

Aus der Gemeinde Stubendorf reisten Artur und Sandra Hurek an.
Foto: K. Kandzia
Für den Oberschlesier Smolorz gilt die Regel: „Je schlechter der Zustand einer Stadt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass hinter dem alten Putz noch Spuren vergangener Zeiten zum Vorschein kommen.“ So sind Smolorz und Voßbeck im niederschlesischen Waldenburg auf Schilder der ehemaligen Bäckerei Max Griegers gestoßen. „Dies stellt ein deutliches Beispiel für eine ‚Entdeutschungspolitik’ dar, die an diesem Objekt scheinbar schludrig durchgeführt wurde. Denn die einzelnen Buchstaben wurden zwar abgeschlagen, aber der Text blieb trotzdem weitgehend lesbar“, so Smolorz. Die Bäckerei befand sich im Stadtteil Dittersbach (Dzietrzychów), der sich durch die Melchiorgrube (Mieszko) seit Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Bauern- und Weberdorf zu einem Industrieort entwickelte.
In Oberschlesien um Oppeln, wo nach dem Krieg die meisten Deutschen verblieben, sind Relikte deutscher Vergangenheit mühelos zu finden, sagt Smolorz: „Auf etlichen Dächern von Häusern oder Scheunen sind noch Aufschriften wie ‚Gott mit uns’ zu lesen.“
Doch Smolorz und Voßbeck dokumentieren auch kürzlich restaurierte Gebäude, bei denen die Inschriften saniert wurden. In der Hindenburger Bahnhofstraße (ul. Dworcowa) strahlt ein Ladenschild aus der Vorkriegszeit in altem Glanz. Auch bei der Renovierung eines Bürgerhauses in der Nähe des Gleiwitzer Bahnhofs wurde eine Inschrift freigelegt und nachgezogen. „Gottlob mehren sich solche guten Beispiele“, freut sich Smolorz.

Im Gespräch: Lucjan Dzumla (HDPZ) und Fotograf Thomas Voßbeck (rechts).
Foto: K. Kandzia
Rekonstruieren oder nur sichern?
Die Präsentation „Zeichen der Zeit“ wurde mit einer Podiumsdiskussion eröffnet. Neben den Ausstellungsautoren diskutierten Lucjan Dzumla vom Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und Daniel Gibski, Denkmalschutzbeauftragter der Woiwodschaft Niederschlesien (Breslau). Letzterer erklärte dem zahlreich angereisten Publikum, wie sein Amt mit dem Inschriftenerbe umgeht.
Eine spezielle rechtliche Regulierung gebe es in Polen diesbezüglich nicht und deutsche oder lateinische Inschriften, so Gibski, seien einfach Teil eines historischen Objekts. „Ob es nun Brücken, Gebäude oder Mietshäuser sind, sie haben als historische Elemente eine enorme Bedeutung. Für mich, davon bin ich vollkommen überzeugt, heißt es, dass wir uns in Niederschlesien mit diesem Erbe versöhnen und dieses Erbe wie jedes andere behandeln müssen.“
Zu der neulich entbrannten Diskussion um die Wiederherstellung der deutschen Inschrift auf der Breslauer Kaiserbrücke (Most Grunwaldzki) vermutet Gibski, dass sich manche Breslauer mit dem Wort Kaiser schwer tun würden. Schließlich gab es bei der Wiederherstellung der deutschen Inschriften im Falle der drei Werderbrücken (Mosty Pomorskie) 2023 keinerlei Widerstand, so der Denkmalschutzbeauftragte. Auch würden die Breslauer sehr aktiv auf Spurensuche deutscher Vergangenheit sein, ob auf Friedhöfen oder überhaupt im öffentlichen Raum, sagt er. „Sie recherchieren nach Informationen darüber, wer die Menschen waren, die einst in ihren Häusern lebten, und was mit ihnen geschehen ist.“ Der Denkmalschutz in der Woiwodschaft Niederschlesien, für den Gibski seit mehr als 25 Jahren arbeitet, sei für die Konservierung historischer Inschriften in der Form, in der sie überdauerten. Gibski rät von einer Rekonstruktion, also einer Art Kopie, eher ab.

Interessiert sich für die Beuthner Heimatgeschichte: Student Robert Szczepanik.
Foto: K. Kandzia
Die Frage der Bewahrung historischer deutscher Inschriften bewegte viele im Publikum. Aus Zauche (Utrata) in der oberschlesischen Landgemeinde Stubendorf reisten Artur und Sandra Hurek nach Görlitz an. Sie engagieren sich im heimatlichen Deutschen Freundschaftskreis und sind derzeit dabei, deutsche Inschriften ihrer Umgebung zu dokumentieren. „Auch wenn bei uns noch eine starke deutsche Minderheit lebt, so verschwinden deutsche Inschriften dennoch zunehmend aus dem öffentlichen Raum“, bemängelt Hurek. „Wir haben eine kleine Präsentation, eine Broschüre zu deutschen Inschriften in unserer Gemeinde herausgebracht und wie wir damit umgehen wollen. Dabei tauchten eben Fragen auf, ob und wie deutsche Schriftzüge saniert und damit bewahrt werden sollen“, sagte Sandra Hurek. Die Hureks hoffen, dass die Görlitzer Präsentation bald auch in Oberschlesien gezeigt wird. Daran liegt es auch Lucjan Dzumla vom HDPZ. Er verriet, dass er bereits intensive Gespräche diesbezüglich führe.
Derweil ist die Ausstellung bis zum 13. September im Schlesischen Museum zu Görlitz zu sehen. Kulturreferentin Agnieszka Bormann bietet dazu ein Begleitprogramm an. Informationen gibt es auf www.schlesisches-museum.de
Klaudia Kandzia