Dieses Problem kennt wohl jeder. Man versucht, sich an einen Namen, ein Geburtsdatum oder die Umstände eines wichtigen Ereignisses zu erinnern. Und dann schlaflose Nächte, in denen man versucht, die Namen ehemaliger Freunde, die Gesichter von Freunden und ihre Worte im Gedächtnis wiederherzustellen. Oder Streitigkeiten mit anderen Zeugen derselben Ereignisse, die sich jedoch völlig anders daran erinnerten.
Schlimmer noch: Mit den Jahren verstärken sich diese Erfahrungen. Alte Fotos, Briefe, Tagebücher und Kalender können hilfreich sein. Kurz gesagt: ein privates Archiv. Auch wenn es selbst für diejenigen, die ihr Leben sehr bewusst dokumentieren, nicht alle Antworten liefert oder alle Lücken füllt, lohnt es sich aus vielen Gründen, solche Sammlungen anzulegen.
Dasselbe gilt für ganze gesellschaftliche Gruppen, wie beispielsweise die deutsche Minderheit in Polen. Seit mehreren Jahren baut das Forschungszentrum der Deutschen Minderheit (FZDM) ein Archiv auf, das Dokumente, Fotografien, Erinnerungen und Presseartikel sammelt. All dies, was bereits das kollektive Gedächtnis unserer Gemeinschaft bildet, wird mit jedem Jahr als Quellensammlung für wissenschaftliche Studien über in Polen lebende Deutsche immer wertvoller. Dieses „Gedächtnis“ weist jedoch auch Lücken auf, die einerseits auf die Regierungspolitik vor 1990 und andererseits auf die weitverbreitete Zerstreuung oder Vernichtung von Materialien aus späteren Jahren zurückzuführen sind.
Seit mehreren Jahren baut das FZDM ein Archiv auf, das Dokumente, Fotografien, Erinnerungen und Presseartikel sammelt.
In den folgenden Ausgaben von „Neues Wochenblatt.pl“ werde ich auf diese Sammlungen zurückgreifen und einige davon detaillierter vorstellen. Im heutigen Feuilleton möchte ich die Leser jedoch auf eine der neuesten (und umfangreichsten) Publikationen des FZDM aufmerksam machen, die ohne die noch vor dem Zweiten Weltkrieg zusammengetragenen archivalische Pressesammlungen nicht möglich gewesen wäre. Das von Sebastian Rosenbaum herausgegebene Werk trägt den Titel „Das wahre Deutschtum ist nicht in den Reihen des Nationalsozialismus. Auswahl der Publizistik der Kattowitzer Wochenzeitung ‚Der Deutsche in Polen‘ 1934–1939“. Auf fast 700 (!) Seiten enthält es eine Sammlung von Texten in Originalsprache, die von Autoren der deutschen Minderheit in Polen unter der Führung von Eduard Pant, der der damaligen Situation in Deutschland oppositionell gegenüberstand, veröffentlicht wurden; von kritisch denkenden Minderheitenvertretern in anderen Ländern; von Emigranten aus dem Dritten Reich; und schließlich von meist anonym schreibenden Intellektuellen, die unter der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes lebten. Heutige Leser werden oft von der ausgezeichneten Übersicht der Autoren und der Präzision ihrer kritischen, mitunter fast prophetischen Perspektive überrascht sein.

Das von Sebastian Rosenbaum herausgegebne Werk enthält eine Sammlung von Orignialtexten aus den Jahren 1934-1939.
Foto: Krzysztof Świerc
Im Januar 1939 schrieb ein anonymer Autor in einem Text, der sechs Jahre NSDAP-Herrschaft zusammenfasste und ihren unvermeidlichen Zusammenbruch voraussagte: „Wir können jedoch nur hoffen, dass die Katastrophe, die dann kommen wird, […] nicht auch das Deutsche Reich und die deutsche Nation unter den Trümmern des Regimes begräbt.“ Die Gemeinschaft um Pant und „seine“ Zeitschrift war (leider) nicht die vorherrschende Strömung innerhalb der deutschen Minderheit in Polen in den 1930er Jahren. Umso wichtiger ist es, jener Menschen zu gedenken, die trotz allmächtiger Propaganda in schwierigen Zeiten unabhängiges Denken, Feingefühl und Treue zu ihren Überzeugungen bewiesen. Sie verstanden es, sich anständig zu verhalten.
Die Publikation ist kostenlos in der Geschäftsstelle des FZDM (Oppeln, ul. Szpitalna 7a) erhältlich oder kann per E-Mail bestellt werden (biuro@fzentrum.pl). Die Veröffentlichung wurde durch einen Zuschuss des Ministeriums für Inneres und Verwaltung ermöglicht.
Dr. Michał Matheja