Auf literarischen Umwegen: Über Gnomen und Huldren

13 Februar 2026 Geschichte

Arthur Silbergleits märchenhaftes Oberschlesien

Das stereotype Bild von Oberschlesien wird in der Literatur meist mit Realismus verbunden: mit Bergwerken, Hütten, harter Arbeit und einer komplizierten Geschichte. Mit Grenzland und Mehrsprachigkeit, mit nationalen und ethnischen Konflikten sowie mit dem Stolz auf die Heimat. Umso überraschender wirkt daher die Begegnung mit einem Text, in dem eben diese Region zu einem beinahe märchenhaften Raum wird – reich an Symbolen, durchweht von Geheimnis und Poesie.

Eine solche Vision Oberschlesiens finden wir bei Arthur Silbergleit, dem heute fast vergessenen Schriftsteller aus Gleiwitz. Schade eigentlich, denn er gehört zu den markantesten Stimmen der deutschsprachigen oberschlesischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Zwischen Romantik und Zeitlosigkeit

Silbergleit (1881–1943) war Lyriker und Prosaautor, und in seinen Werken finden sich kaum Hinweise auf konkrete Orte. Seine Texte sind durchdrungen von christlichen Werten, biblischen Gestalten und der romantischen Literatur – von Moses, Hiob, den Propheten und ungestillter Sehnsucht. Er beschreibt Räume, die zeitlos und universal sind, nur leicht berührt von der großen Geschichte.

Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass eines seiner Werke einen ausgesprochen konkreten Titel trägt: „Oberschlesien“. Es lohnt sich also, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Trotz seiner Konkretheit kündigt der Titel kein realistisches Bild der Region an. Im Gegenteil – Silbergleit entwirft eine Vision Oberschlesiens, die sich gängigen Mustern entzieht. Zwar tauchen Bergwerke, Hütten und Bergleute auf, ebenso typische Embleme der Bergmannswelt – Hammer, Eisen und Haut (die alte Bergmannskleidung) –, doch erscheinen sie in entrückter, verfremdeter Gestalt. Und all das geschieht im Bann des Märchens.

Der unterirdische Palast und die Brüder der Gnomen

In Silbergleits Text ist das Bergwerk nicht bloß ein Arbeitsplatz. Es verwandelt sich in einen unterirdischen Palast, in ein Labyrinth aus Stollen und Gängen, in denen die uralten Geheimnisse der Erde ruhen. Die Bergleute wirken wie märchenhafte Gestalten – „die Brüder verschollener Gnomen“, Hüter der Tiefen. Ihre Lampen durchbrechen die Finsternis wie magische Lichter, und die Arbeit unter Tage erhält einen fast sakralen Charakter.

In Silbergleits Text ist das Bergwerk nicht bloß ein Arbeitsplatz. Es verwandelt sich in einen unterirdischen Palast, in ein Labyrinth aus Stollen und Gängen, in denen die uralten Geheimnisse der Erde ruhen

Ebenso poetisch gestaltet ist die Welt an der Oberfläche. Die oberschlesische Landschaft erscheint bei Silbergleit als undurchdringlicher Wald, als geheimnisvolle Quelle, als Ruinen alter Schlösser und Burgen. Nachts treten Elfen und verwandte Wesen der germanischen Mythologie auf – die Huldren, weibliche Geister der Wälder und Berge. Wunderschöne Huldren tanzen im Mondlicht, verschmelzen beinahe mit der Natur, die atmet, singt und betet. Hörner, Flöten und Harfen klingen über die Lichtungen und schaffen eine Atmosphäre von Melancholie und Versenkung.

Oberschlesien als Ort der Initiation

Diese Welt erinnert unmittelbar an die Dichtung der deutschen Romantik, besonders an das Werk Joseph von Eichendorffs. Vergänglichkeit, Sehnsucht, religiöse Seufzer und die Nähe zur Natur formen eine Landschaft, in der Oberschlesien zu einem Raum poetischer, geistiger und – ja – intellektueller Erfahrung wird.

Das wohl außergewöhnlichste Element von Silbergleits Text ist jedoch der direkte Bezug auf Novalis’ Roman „Heinrich von Ofterdingen“, eines der Schlüsselwerke der deutschen Romantik. Der Gleiwitzer Dichter zitiert sogar einen Abschnitt aus dem Lied des alten Bergmanns – jenem Text, der bei Novalis die Einweihung in die unergründliche Natur und das metaphysische Erkennen symbolisiert.

Durch diesen Kunstgriff wird Oberschlesien in die große Tradition der europäischen romantischen Literatur eingeschrieben. Die Unterwelt der Bergwerke wird zum Ort der Initiation, das Hinabsteigen in die Erde zur Metapher der Begegnung mit dem Absoluten. So wird Oberschlesien selbst beinahe zu Poesie – befreit von historischer Verstrickung, nationaler Zerrissenheit und dem Imperativ der Traditionsbindung.

Arthur Silbergleits Vision besitzt zweifellos ein enormes interpretatorisches Potenzial. Sie ist vielschichtig, voller ambivalenter Bilder und in einer Sprache verfasst, die vor poetischem Glanz schimmert. Zugleich wimmelt es darin von unterschiedlichsten literarischen und kulturellen Anspielungen, die geradezu darauf warten, freigelegt und zutage gefördert zu werden. Denn Oberschlesien – das sind eben auch solche Bergwerke: die des Intellekts.

Univ.-Prof. Dr. habil. Nina Nowara-Matusik

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