Auf literarischen Umwegen: Der blasphemische Joseph von Eichendorff

28 Februar 2026 Geschichte

Das Idealbild großer Dichter

Es gibt eine weitverbreitete Neigung, Menschen, die sich um Kultur, Kunst oder Wissenschaft verdient gemacht haben, als nahezu makellos zu betrachten. Wer große Werke geschaffen hat, so lautet die unausgesprochene Logik, war nicht nur ein großer Dichter, Denker oder Forscher, sondern auch ein großer Mensch. Viele von ihnen arbeiteten im Übrigen selbst sorgfältig an einem solchen Image. Man denke nur an Goethe, der einen Bildhauer anwies, seine Statue schlanker zu gestalten, weil ihm der realistisch wiedergegebene Bauch missfiel. Auch Heinrich Heine war in dieser Hinsicht kaum besser: ein notorischer Lebemann, Aufmerksamkeitsheischer und Neidhammel, der sogar den unschuldigen Papagei seiner Frau Mathilde tötete, weil dieser mehr Zuwendung erhielt als er selbst.

Doch nicht nur Episoden aus ihrem schillernden Leben können großen Künstlern im Nachhinein Kopfschmerzen bereiten. Mitunter schaffen sie auch Werke, an die sie sich später wohl nur ungern erinnern würden. Nehmen wir Joseph von Eichendorff. Allgemein verehrter Vertreter der Romantik, sprachsensibler Lyriker, berühmter Sänger der oberschlesischen Wälder, vorbildlicher Katholik. Niemand verstand es wie er, mit schlichten Worten das poetische Bild eines Sonnenuntergangs oder eines aufsteigenden Adlers zu zeichnen. Niemand traf mit einem einzigen Federstrich eine ganze Palette widersprüchlicher Gefühle. Und niemand hatte ein solches Gespür für Reim und Rhythmus. All das ist unbestreitbar. All das bleibt. Denn Eichendorff war ohne Zweifel ein großer Dichter. Und bei ihm finden wir alles, was in Oberschlesien so hoch geschätzt wird: die Liebe zur Heimat, die glühende Hingabe an Gott, die Verehrung Marias. Nicht umsonst sagte mir einmal ein Kursteilnehmer, selbst Eichendorffs Wälder rauschten genauso, wie man es von oberschlesischen Forsten in der Poesie erwarte. Auch das ist eine Stärke seines Werks: Trotz der verstrichenen Jahre erreicht es die Menschen noch immer und rührt ihre Herzen. Kein Wunder also, dass weiterhin Preise seinen Namen tragen und Stipendien gestiftet werden, auf denen er in goldenen Lettern eingraviert ist.

Der fromme Dichter und seine frühen Fantasien

Doch auch Eichendorff war einmal jung, und bevor er zum großen Dichter wurde, schrieb er die unterschiedlichsten Dinge. Darunter auch solche, die sich nur schwer mit seiner späteren, eher schwarz-weißen Weltsicht vereinbaren lassen. Wir wissen: Wo sündige Versuchung lauert, etwa in Gestalt einer dämonischen Venus, genügt ein Seufzer zu Gott, ein Kreuzzeichen oder ein frommes Gebet, und die trügerische Illusion verliert ihre Macht. Oder es sind Glockenklänge: Wenn Böses geschieht oder der Held im Begriff ist, seinen moralischen Kompass zu verlieren, ertönen sie und retten ihn. Ganz neu ist diese Idee übrigens nicht: Auch Goethe ließ die Osterglocken erklingen, als der lebensmüde Faust das Gift an die Lippen setzte.

Auch Eichendorff war einmal jung, und bevor er zum großen Dichter wurde, schrieb er die unterschiedlichsten Dinge. Darunter auch solche, die sich nur schwer mit seiner späteren, eher schwarz-weißen Weltsicht vereinbaren lassen.

Und doch: Obwohl er ein mustergültiger Katholik war, schrieb Eichendorff auch frivole Fantasien. Mehr noch: In diesen schwärmerischen Visionen sehnt sich das lyrische Ich nicht nach einer unbestimmten Geliebten, sondern ausgerechnet nach Maria. Und hier wird gleich jemand einwenden: Das ist Poesie, dort spricht ein lyrisches Ich, nicht der Autor. Und das stimmt. Verwechseln wir beides also nicht und schauen wir stattdessen darauf, was dieses lyrische Ich, erschaffen von der Vorstellungskraft des jungen romantischen Dichters, in seinen Fantasien erlebt.

Maria in den jugendlichen Gedichten

Nehmen wir das Gedicht „Frühlingsandacht“, entstanden vermutlich zwischen 1807 und 1810. Eichendorff ist damals ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren. Schon hier tauchen Motive auf, die ihn sein Leben lang begleiten werden: Frühling, Wanderschaft, der einsam durch Wälder streifende Sänger, der Klang eines Horns. Das Gedicht zeigt deutlich, wie die Natur erwacht und mit ihr die Menschen, die einander begegnen, feiern und tanzen wollen. Wenn die Sonne scheint und alles blüht, blüht auch die Lebenslust. In diese freudige Frühlingsbegeisterung mischt sich jedoch ein dissonanter Ton: Das lyrische Ich bleibt allein. Allein durchstreift es die Wälder, allein lauscht es dem Hornklang. Es sucht etwas, weiß aber selbst nicht, was. Und da kommt ihm die Natur, ja die Transzendenz selbst, zu Hilfe: Damit er nicht länger weine, erscheint ihm eine wunderschöne Blume. Doch es ist keine gewöhnliche, einfach hübsche Blume. Aus ihr tritt, „im Glorienscheine“, niemand Geringeres als die „ewige Jungfrau“ hervor, die den einsamen Wanderer an ihre „mütterliche Brust“ drückt und ihm „tausend Küsse“ schenkt. Man könnte nun einwenden: Aber hier fällt doch nirgends das Wort Gottesmutter oder Maria. Natürlich nicht. Stattdessen begegnen wir äußerst gelungenen Euphemismen. Und außerdem: Eine „ewige Jungfrau“, die zugleich Mutter ist, diese Vorstellung ist in der christlichen Bilderwelt wohl nur einer einzigen Gestalt vorbehalten, nämlich Maria.

In einer zweiten jugendlichen Fantasie Eichendorffs, „Selige Wehmut“, wird Maria immerhin im Untertitel genannt. Das Gedicht entfaltet sich als kurzer Dialog zwischen zwei Figuren, verteilt auf zwei Strophen. Zuerst spricht eine geheimnisvolle Gestalt, deren Haupt ein Kranz schmückt und die in einen Schleier aus „Blumenduft“ gehüllt ist. Diese stereotypen Attribute lassen sie daher eindeutig als Frau erkennen. Sie hebt den Schleier und fordert ihr Gegenüber auf, sich zu ihr zu setzen, ihr seine Sorgen anzuvertrauen und auszusprechen, was es begehrt, dann werde sie wegen seines Leids weinen. Die zweite Strophe bringt die Antwort: Der andere Gesprächspartner erklärt, er müsse nun auf „ewig […] schweigen“, denn „wohl niemand darf es wissen“, was „die Wünsche lang verschließen“. Aber trotz dieser Beteuerung werden die Wünsche doch noch ausgesprochen: Er möchte sie „recht herzlich grüßen“, „den Mund, den süßen“ berühren und, „so im Küssen“, gerne sterben. Wie im ersten Gedicht entfacht der Frühling Fantasie und Sinne. Wie dort wird auch hier nirgends eindeutig gesagt, dass es sich bei der Gesprächspartnerin um die Gottesmutter handelt. Wieder sind es nur vielsagende Anspielungen: Kranz, Schleier, „himmlisches Blau“, das der andere im Herzen trägt. Und doch: Der Untertitel tut sein Übriges. Vielleicht ist das zu wenig, um die ätherische Frau eindeutig mit Maria gleichzusetzen. Vielleicht aber reicht es völlig, um das Gedicht als eine erotische Vision mit Maria in der Hauptrolle zu lesen.

Man kann sich also empören, in heiligen Zorn geraten und behaupten, das sei Überinterpretation und Manipulation am Bild eines großen Dichters. Oder man akzeptiert schlicht, dass selbst ein großer Dichter und vorbildlicher Katholik blasphemisch sein kann. Weil er es kann. Und weil genau das gute Literatur ausmacht: dieses freie Spiel der Möglichkeiten.

Dr. Habil. Nina Nowara-Matusik

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