Ich vermisse die Schürze. Und das Kopftuch. Die Jakla erlebt zwar gerade eine kleine Renaissance, heißt heute allerdings, ganz vornehm und auf Englisch, Cardigan. Und auch der Hut ist inzwischen vom Aussterben bedroht.
Meine Oma mochte Kopftücher nicht besonders. Ein paar hatte sie für die Arbeit – fürs Feld oder den Garten. Aber jeder etwas festlichere Anlass verlangte nach einem Hut. Davon hatte sie übrigens eine ganze Menge. Als Kind habe ich sie liebend gern anprobiert. Am schönsten war ein hellblauer mit breiter Krempe. Darin fühlte ich mich wie eine Prinzessin.
Mantel und Hut – das war Omas Uniform für die Kirche und für festliche Anlässe. Kopftuch und Schürze – die Hausuniform. Und diese beiden Outfits wurden nicht miteinander vermischt. Natürlich gab es noch Zwischenstufen. Eine Sonntagsschürze oder ein Notfall-Kopftuch, falls das Wetter ausnahmsweise hutunfreundlich war.
Hosen habe ich Oma übrigens nie tragen sehen. Ich glaube, allein die Vorstellung, so etwas zu besitzen, wäre für sie undenkbar gewesen – vom Tragen ganz zu schweigen. Entsprechend schlief sie auch ausschließlich in dramatisch langen und zeltähnlichen Nachthemden. Außerdem besaß sie eine stattliche Sammlung an Unterröcken. Durchsichtige Kleidung hielt sie für eine absolut unakzeptable Erfindung.
Bei Oma hatte jedes Kleidungsstück seinen Platz – und seine Aufgabe.
Auch von Sportschuhen war Oma kein großer Fan. Mein Vater behauptete allerdings, Hausschuhe hätten bei ihr eine ausgesprochen geringe Lebenserwartung, weil sie sie kurzerhand für durchaus sportliche Zwecke einsetzte – zum Beispiel bei ausgedehnten Spaziergängen durch den Garten. Diese Spaziergänge führten nicht selten zu ungeplanter Gartenarbeit, und diese wiederum zur ungeplanten Zerstörung der eigentlich für den Hausgebrauch vorgesehenen Hausschuhe. Omas Verhältnis zu ihrer Garderobe war also einerseits ziemlich inkonsequent, andererseits höchst vorhersehbar.

„Früher hatte jedes Kleidungsstück seinen Zweck, seine Zeit und seinen Ort. So war sie eben – die Ordnung der Dinge. Und der Kleider.“
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Oma war eine elegante Frau und für ländliche Verhältnisse eine richtige Modedame, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Ihr einziger modischer Maßstab war sie selbst. Der Stoff muss gut sein, Strumpfhosen trägt man auch bei Hitze, tiefe Ausschnitte sind etwas für Damen mit zweifelhaftem Ruf, und die Handtasche muss zu den Schuhen passen. Und damit basta!
Vielleicht deswegen diese Sehnsucht nach Schürze und Hut? Früher hatte jedes Kleidungsstück seinen Zweck, seine Zeit und seinen Ort. So war sie eben – die Ordnung der Dinge. Und der Kleider.
Doch auch sie, die regelkonformste und ordentlichste schlesische Oma, die es je gab, richtete ganze Generationen von Hausschuhen zugrunde, wenn sie wieder einmal vom Garten völlig verschlungen wurde.