Nur nicht an den Katzentisch!
Morawa, ein kleines Dorf, nur vier Kilometer von Striegau entfernt. Hier wurde Geschichte geschrieben – und wird es bis heute –, geprägt vom Leben und vom karitativen Wirken von Melitta Sallai, der zweiten Tochter von Hans Christoph von Wietersheim-Kramsta und Herta von Johnston. Im Oktober 1927 kam Melitta von Wietersheim-Kramsta im niederschlesischen Schloß Muhrau zur Welt und wuchs dort mit sechs Geschwistern auf – die älteste war Marie-Elisabeth, die jüngste Marie-Therese, genannt Tesi. Ihr Lebensweg könnte mehrere Biografien füllen.
Vielleicht am bemerkenswertesten ist es, dass sie mehr Zeit an ihrem Geburtsort in Muhrau verbrachte als irgendwo sonst. Mit siebzehn Jahren verließ sie 1945 gemeinsam mit ihrer Mutter und den Geschwistern das Schloss, um erst 1992 nach Niederschlesien zurückzukehren und dort die familiäre Tradition des wohltätigen Engagements fortzuführen.

Das Schloss Muhrau in Morawa: Schauplatz einer bewegten Familiengeschichte und eines gelebten schlesischen Erbes.
Foto: M. Janik
Die Familie von Wietersheim-Kramsta besaß einst zahlreiche Güter, darunter eine Zuckerfabrik und Viehzucht mit Rindern, Schweinen, Schafen und Geflügel. Dennoch waren die Mahlzeiten im Alltag erstaunlich schlicht und einfach. Sie sollten den Kindern vermitteln, dass sie sich – trotz adeliger Herkunft – nicht über andere erheben. Frau Melitta Sallai erzählte gern von ihrer Kindheit: vom Alltag, von Festtagen und vom Spielen mit den Kindern der Schlossangestellten und Dorfbewohner. Die Erziehung war streng, geprägt von Disziplin, Pünktlichkeit und einem früh eingeprägten Verantwortungsgefühl gegenüber anderen. Hausarbeiten und Pflichten gehörten selbstverständlich dazu – nicht immer zur Freude der Kinder, doch stets gewissenhaft auszuführen.
Unser Gespräch an jenem Samstag begann im Jagdzimmer – und damit war das Thema Jagd schnell gesetzt. Sie bildete einst die wichtigste Quelle für Fleisch. Zu den Jagden reisten oft Verwandte, Onkel und Tanten sowie Freunde des Vaters an. Jedes der Kinder hatte dabei seine Aufgabe.
Feste und kulinarische Erinnerungen
Auch die Feste strukturieren die Erinnerung: Weihnachten wurde gemeinsam im Schloss Muhrau gefeiert, Ostern hingegen in Arnsdorf (heute Miłkowice), dem Wohnsitz der Großmutter Marie Therese von Wietersheim-Kramsta, geborene von Colmar. Dort kam die Familie zusammen**,** und die Kinder verbrachten viel Zeit mit ihren Cousins und Cousinen. Im Garten suchten sie Ostereier, während am festlich gedeckten Tisch Wildgerichte, Kartoffeln oder schlesische Klöße und Gemüse serviert wurden. „Die Klöße mochten wir nicht besonders“, erinnert sich Melitta Sallai schmunzelnd. „Aber zum Nachtisch gab es Pudding – und den liebten wir. Schokoladenpudding mit Vanillesoße oder umgekehrt. Kuchen gab es in Arnsdorf nicht. Zum Essen tranken wir Malzkaffee mit Milch, und am Nachmittag saßen die Eltern bei frisch aufgebrühtem Tee zusammen.“

In Morawa erzählt das Schloss Muhrau von einer vergangenen Epoche – zwischen Adel, Alltag und Verantwortung.
Foto: M. Janik
Dass Frau Melitta Sallai – inzwischen 99 Jahre alt – eine Vorliebe für Süßes hat, wusste ich bereits. Umso schöner war der Moment, als wir gemeinsam das Dessert probierten, das ich zum Nachmittagskaffee mitgebracht hatte: Lebkuchentörtchen, geschichtet mit Schokoladenpudding und Vanilleschaum, überzogen mit dunkler Schokolade und gekrönt von einer weißen Joghurtpraline.
„Am Tisch mussten wir uns stets gut benehmen. War das nicht der Fall, hörte ich: ‚Johann, Melitta geht an den Katzentisch!‘ “
Melitta Sallai
Beim Gespräch war auch Frau Urszula anwesend, die nach der Rückkehr von Frau Melitta drei Jahrzehnte lang die Schlossküche leitete. Mit großer Detailfreude berichtete sie von Gerichten für besondere Anlässe. Eines davon war ein langsam gebratener Hirschrücken, serviert mit feinen grünen Bohnen in Butterschmalz, kunstvoll entlang des Fleisches auf einer großen ovalen Platte angerichtet, umgeben von gebackenen Birnenhälften mit Schale und Stiel. Dazu gab es Sellerie- oder Kartoffelpüree mit Sahne.
Disziplin und Erziehung
Nach dem Dessert kehrte Frau Melitta noch einmal zu den Tischsitten zurück: „Am Tisch mussten wir uns stets gut benehmen. War das nicht der Fall, hörte ich: ‚Johann, Melitta geht an den Katzentisch!‘ Dann nahm Johann mein Besteck und meinen Teller und stellte alles an einen kleinen Tisch in der Ecke. Dort mussten wir nicht selten allein sitzen – eine unangenehme Strafe.“

Unser Treffen verging wie im Flug. Mit Wünschen für ein friedliches Osterfest verabschiedete ich mich dankbar für die geteilten Erinnerungen. Auf dem Heimweg dachte ich lange über diese Begegnung nach – und über das Geheimnis der Langlebigkeit von Frau Melitta Sallai: ihre Ruhe, ihre Heiterkeit und ihre tiefe Bescheidenheit haben mich nachhaltig beeindruckt.
Das Rezept: „Melittas Törtchen“
Es war eine besondere Zeitreise in das alte Schlesien. Und um die Stimmung dieses Tages festzuhalten, würde ich das heutige Dessert schlicht „Melittas Törtchen“ nennen.
Die Zubereitung ist eine große Freude: Für 4 Personen benötigt man acht dünne runde Lebkuchen. Vier davon werden mit Quittengelee bestrichen, anschließend jeweils mit Schokoladencreme und Vanilleschaum geschichtet und mit einem zweiten Lebkuchen bedeckt. Die Oberfläche wird mit dunkler Schokolade überzogen und mit einer Joghurtpraline gekrönt.

Schokoladenpudding, Vanilleschaum und Lebkuchen – ein Rezept, das Erinnerungen lebendig macht.
Foto: M. Janik
Schokoladenpudding
400 ml Milch
40 g Kartoffelstärke
100 g Zartbitterschokolade
1 EL Butter
1 EL Rohrzucker
2 TL Gelatine
350 ml Milch erhitzen, die restlichen 50 ml mit Stärke verrühren. Schokolade in die heiße Milch geben und schmelzen lassen. Zucker und Stärke hinzufügen und unter Rühren eindicken. Zum Schluss die aufgelöste Gelatine einrühren und abkühlen lassen.
Vanilleschaum
400 g Frischkäse
2 EL Rohrzucker
1 TL Zitronenschale
1 Vanilleschote
1 EL Gelatine
Alles cremig rühren, die Gelatine langsam einarbeiten und kalt stellen, bis die Masse leicht fest wird.
Joghurtpralinen
100 ml Joghurt mit 1 TL Puderzucker und Gelatine (¾ TL, aufgelöst in 50 ml Wasser) verrühren, in Förmchen füllen und kalt stellen.
Die fertigen Törtchen vor dem Servieren kühlen, die Praline erst kurz vor dem Anrichten aufsetzen – und am besten mit kräftigem Kaffee genießen.
Małgorzata Janik