Wo Steine von Tragödie erzählen

3 April 2026, 17:00 Geschichte 10

„Wenn die menschliche Erinnerung verblasst, sprechen die Steine weiter“ – diese Worte von Kardinal Stefan Wyszyński, die sich auf einer der ersten Seiten des Buches Tam, gdzie pamięć trwa… (Wo die Erinnerung währt) finden, bringen die Mission dieser neuen Publikation, die die Spuren der Oberschlesischen Tragödie von 1945 dokumentiert, treffend zum Ausdruck. Es ist nicht nur ein Geschichtsbuch, sondern vor allem ein einzigartiger Wegweiser zu Leid und Identität Oberschlesiens.

Die Idee zu dem Buch reifte 2024 im Zentrum für Dokumentation der Deportationen der Oberschlesier in die UdSSR in Radzionkau. Wie die Mitautorin Małgorzata Laburda-Lis bestätigt, kam der Anstoß direkt vom Publikum. „Unser Haus sammelt seit Jahren Informationen über Orte, die mit der Oberschlesischen Tragödie in Verbindung stehen. Die Menschen kamen auf uns zu und teilten ihr Wissen darüber mit, was es zu diesem Thema gibt und wo sich diese Orte befinden. Wir haben dies jahrelang festgehalten“, erklärt die Autorin.

Der bevorstehende 80. Jahrestag der Ereignisse von 1945 gab den Anstoß zum Handeln. Ursprünglich war nur eine kleine Broschüre geplant. „Wir gingen von etwa dreißig Orten aus. Doch 2024 kamen viele neue Informationen ans Licht. Es stellte sich heraus, dass im Rahmen des Jahrestages zahlreiche neue Gedenkstätten errichtet wurden, während wir erst jetzt von anderen, längst vergessenen, erfuhren“, erinnert sich Laburda-Lis. Die Folge: Statt einer Broschüre entstand eine umfassende Publikation, die fast 80 Gedenkstätten dokumentiert.

Mehr als eine Adresse – Erinnerungen entdecken

Die Autorinnen wollten ein praktisches Hilfsmittel schaffen. Das Buch soll den Leser an die Hand nehmen. „Bestimmte Objekte zu finden, insbesondere auf großen Friedhöfen, war trotz der Hinweise schwierig. Deshalb entschieden wir uns, die genauen Standorte inklusive Sektornummern oder Alleen als Wegbeschreibungen anzugeben“, erklärt Małgorzata Laburda-Lis.

Die Publikation dokumentiert Denkmäler, Gedenktafeln, symbolische Gräber und die Standorte ehemaliger Lager wie Lamsdorf, Myslowitz und Schwientochlowitz-Eintrachthütte. Das Buch ist jedoch mehr als ein trockener Katalog – jeder Ort wird mit einer Beschreibung des historischen Kontextes und der lokalen Ereignisse versehen.

Foto: Manuela Leibig

Eine durch Erinnerung gespaltene Region?

Die Recherchen für das Buch brachten eine interessante, wenn auch schwierige Wahrheit über das heutige Oberschlesien ans Licht. Obwohl die Publikation das historische Gebiet der Region (die heutigen Woiwodschaften Schlesien und Oppeln) abdeckt, zeigt sich ein deutlicher Unterschied in der Kultur der Erinnerung. „Unsere Recherchen ergaben, dass in der Woiwodschaft Schlesien die Oberschlesische Tragödie leichter thematisiert wird und das Thema häufiger zur Sprache kommt. In der Woiwodschaft Oppeln hingegen ist sie vielerorts noch immer ein Tabu“, bemerkt die Autorin Laburda-Lis.

Der Entstehungsprozess der Publikation wurde auch im Dokumentarfilm Dla nas wojna nie skończyła się w 1945 (Für uns endete der Krieg nicht 1945) festgehalten. Dieser ermöglichte es, die Arbeit am Text und die methodischen Herausforderungen der Autorinnen zu dokumentieren – beispielsweise den Umgang mit Denkmälern, die vor Jahren ganz anderen Ereignissen gewidmet waren und nun der Opfer von 1945 gedenken.

„Wenn die menschliche Erinnerung verblasst, sprechen die Steine weiter“

Für die Bewohner der Region ist dieses Buch mehr als nur Lektüre. Es ist eine Einladung zu einer Reise – auf den Spuren ihrer Väter und Großväter, deren Schicksal jahrzehntelang dem Vergessen anheimfiel. Dank dieser Publikation werden die Steine auch dann noch sprechen, wenn die letzten Zeugen verstummen.

Tam, gdzie pamięć trwa… ist das Ergebnis der Arbeit von Małgorzata Laburda-Lis und Judyta Olszowska. Das Buch ist im Zentrum für Dokumentation der Deportationen der Oberschlesier in die UdSSR von 1945 sowie in ausgewählten Bibliotheken erhältlich.

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