Lichtdurchflutet, mit Ruderraum im Pavillon
Das Magdalenengymnasium in Breslau war bis 1945 eines der beiden traditionsreichen evangelischen Gymnasien der Stadt Breslau. Seit der Gründung als Lateinschule im 13. Jahrhundert wurden für die Schule drei Neubauten errichtet. Das jüngste dieser Schulgebäude steht noch heute. In der Nähe von Zoo und Jahrhunderthalle findet man das letzte stumme Zeugnis einer fast 700-jährigen Institution.
Unweit der Breslauer Jahrhunderthalle steht an der ul. Parkowa ein dunkelroter Backsteinbau, dessen Bedeutung sich dem nicht ortskundigen Passanten kaum erschließt. Wer am Zaun vorbeigeht, könnte vermuten, dass sich hier eine Schule befindet – im umzäunten Vorhof ist ein Basketballfeld zu sehen. Aber nichts weist darauf hin, dass der Z-förmige Bau mit seinen langen Reihen weißer Fenster einst die Heimat eines traditionsreichen Gymnasiums war.
Eine kleine Tafel am Zaun erklärt, dass hier 1981 eine Szene für den Film „Wielki bieg“ gedreht wurde. Dass sich in dem Gebäude seit 1946 das II Liceum Ogólnokształcące im. Piastów befindet erfährt man nur, wenn man genauer hinsieht.

In der Hinteren Predigergasse (heute Świętej Marii Magdaleny), südlich der Kirche St. Maria Magdalena, befand sich von 1710 bis 1930 das Magdalenengymnasium. Blick von Osten auf die heutige ul. Świętej Marii Magdaleny.
Foto: M. Oliveira
Hier befand sich der letzte Standort des Maria-Magdalena-Gymnasiums – über Jahrhunderte eine der wichtigsten Bildungsstätten Breslaus. Zwar war es nicht das älteste Gymnasium der Stadt – das Elisabeth-Gymnasium trug diesen Titel länger –, doch war das Magdalenäum über Jahrhunderte eine der wichtigsten Bildungsstätten Breslaus. Zu seinen Schülern gehörten bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Christian Morgenstern, der Philosoph Christian Wolff, der Mikrobiologe Ferdinand Julius Cohn sowie Paul Ehrlich, Nobelpreisträger und Entdecker eines der ersten wirksamen Medikamente gegen bakterielle Infektionen.

Ausschnitt aus dem „Plan von Breslau und den angrenzenden Ortschaften“ aus dem Jahre 1865 (erstellt von August Hoffmann, Selbstverlag des Magistrats). Auf dem Plan sind die damaligen Schulgebäude verzeichnet. Im Ausschnitt zu sehen: 1. Gymnas. St. Elisabeth, 2. Gymnas. St. Mar. Magdal., 5. Realgym. z. heil. Geist, 9. Höhere Mädchenschule und Elem.-Schule 3, 10. Mädchen-Mittelsch. 1, 13. Ev. 2, 19. 11,17,II, 21. 16, 50, I.
Quelle: Biblioteka Cyfrowa Uniwersytetu Wrocławskiego/The Digital Library of Wrocław University.
Die Ursprünge der Schule reichen bis ins Jahr 1267 zurück. Die deutschen Händler und Kaufleute, die sich nach der Neugründung der Stadt nach Magdeburger Recht im Gebiet des heutigen Rings (Rynek) angesiedelt hatten, baten einen damals in Breslau weilenden Kardinal um die Erlaubnis, eine Schule zu gründen. In der Gründungsurkunde wird erwähnt, dass der Weg zur einzigen bestehenden Schule nahe dem Dom für jüngere Schüler zu gefährlich sei – die Brücken zur Dominsel galten als baufällig. Die neue Schule befand sich in einem hölzernen Bau nördlich der Kirche zu St. Maria-Magdalena an der Albrechtstraße (heute: Wita Stwosza) – von der Kirche wurde auch der Name auf die Schule übertragen.
Vom kirchlichen Unterricht zum städtischen Gymnasium
Wie viele mittelalterliche Schulen diente auch diese zunächst der kirchlichen Ausbildung. Die Schüler lernten Latein und Gesang, um bei Gottesdiensten und im Kirchenchor mitzuwirken. Erst mit der Reformation änderte sich die Situation grundlegend: Nachdem Breslau im 16. Jahrhundert mehrheitlich lutherisch geworden war, übernahm der Stadtrat die Aufsicht über Schulen und Kirchen. Man muss sich die Magdalenenschule in dieser Zeit als allgemeine Bildungeinrichtung vorstellen, die jenen, die es wollen und vermögen, die grundlegende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und den alten Sprachen verschafft. Unter ihnen befanden sich mitunter auch Erwachsene. Überliefert ist etwa der Fall eines etwa 28-jährigen Schuhmachergesellen aus dem Jahre 1641. In den Aufzeichnungen heißt es: „Er will deutsch lernen, lesen und schreiben.“ Der damalige Moderator Klose nimmt ihn auf.
Der Neubau von 1930 war das erste Schulgebäude in Breslau, bei dem die Prinzipien des „Neuen Bauens“ konsequent umgesetzt wurden – funktional, hell und auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten.
1643 wurde die Magdalenen-Schule schließlich zum Gymnasium erhoben und damit dem Elisabeth-Gymnasium gleichgestellt. Dieses war bereits 81 Jahre früher zum Gymnasium geworden. Der Unterricht blieb stark von den klassischen Sprachen geprägt und bereitete vor allem auf ein Theologiestudium vor. Doch schon früh verlangten Bürger auch praktischere Inhalte – schließlich sollte ein gebildeter junger Mann sich „bei allen Nationibus im Kaufen und Verkaufen“ verständigen können, wie es in einer Beschwerde des 18. Jahrhunderts heißt.

Der Barockbau aus dem Jahre 1710 an der Hinteren Predigergasse. Quelle: Lehrerkollegium der Anstalt (Hg.): Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des Gymnasiums zu St. Maria Magdalena zu Breslau am 30. April 1893, Breslau 1893.
Mit der Erhebung zum Gymnasium setzte ein starker Andrang ein. Bald genügte das alte Schulgebäude mit seinen zwei Räumen den Ansprüchen nicht mehr. Deshalb wurde 1710 südlich der Magdalenen-Kirche an der Hinteren Predigergasse (heute: Świętej Marii Magdaleny) ein Neubau errichtet. Aus Anlass des Neubaus wurde eine silberne Gedenkmünze geprägt.
18. Jahrhundert: Vergrößerung der Schule und die erste Schule für Mädchen
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts gewannen die Naturwissenschaften, die sogenannten Realien, zunehmend an Bedeutung. 1765 eröffnete in Breslau die erste Realschule nach dem Vorbild ähnlicher Schulen in Berlin. Ein Jahr später wurde auch dem Magdalenen-Gymnasium eine Realschule angegliedert. Ab diesem Zeitpunkt wurden zudem die modernen Sprachen Französisch, Polnisch, Englisch und Italienisch gelehrt. Es wurden außerdem sehr praxisorientierte Fächer wie Landwirtschaft, Buchhalten oder Glasschleifen eingeführt. Schließlich führte das Gymnasium ab 1767 die Bezeichnung „Realgymnasium“.
Gleichzeitig wurde zum ersten Mal der Bildung von Mädchen gedacht – 500 Jahre nach der Gründung der Schule. Eine höhere Töchterschule mit zwei Klassen wurde dem Gymnasium angegliedert. Auch ein Pensionat wurde im alten Schulgebäude an der Albrechtstraße untergebracht.
Die Schülerzahl des Gymnasiums schwankte in den folgenden Jahren stark. 1779 erreichte das Gymnasium mit 385 Schülern seinen Höchststand – nur elf Jahre später waren es weniger als 90. Es wurden gewisse Reformen vorgenommen, wieder hin zu einer stärkeren Gewichtung der theoretischen Bildung. Im Zuge dieser Bemühungen wurde 1810 aus dem Realgymnasium wieder schlicht ein „Gymnasium“.
Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs Breslau rasant, und auch der Andrang auf die städtischen Gymnasien stieg. 1867 wurde das Schulgebäude abgerissen und am gleichen Ort bis 1869 ein Neubau im klassizistischen Stil errichtet.

Der Neorenaissance-Bau des Magdalenengymnasiums von 1869 (Fotografie aus dem Jahre 1898). Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Foto: Eduard van Delden/Wikimedia Commons
Bereits in der Festschrift zum 250-jährigen Jubiläum von 1893 – also keine 30 Jahre später – wurde zwar die große Aula gelobt, aber auch gewisse Merkmale des Baus von 1869 bemängelt: „Der Raum in demselben war vortrefflich benutzt, eine prachtvolle Aula für Schulandachten und Schulfeste geschaffen, leider sind nur die Lichtverhältnisse in einigen Klassenzimmern, besonders im Erdgeschoss, so ungünstig, dass dieselben den Anforderungen, welche die Gesundheitspflege heutzutage mit Recht stellt, nicht mehr entsprechen.“ Mit der Vergrößerung der Fenster wurde versucht, diesen Mangel zu beheben.
Anfang des 20. Jahrhunderts entschied man sich für einen radikalen Schritt: Das Gymnasium sollte aus der dicht bebauten Altstadt in eine grünere Umgebung verlegt werden. Der neue Standort entstand jenseits der Oder, in der Nähe des Scheitniger Parks. 1927 begann die Planung, drei Jahre später war der Neubau fertig.
Ein Schulbau der Moderne
Die Sportplätze, die heute sofort ins Auge springen, sind kein Zufall. Auf die körperliche Ertüchtigung wurde großes Gewicht gelegt: Auf der Vorderseite des Hauptbaus gibt es eine offene Wandelhalle, im zur alten Oder hin führenden Seitenflügel befindet sich eine Turnhalle und – im daran anschließenden Pavillon – sogar ein Ruderraum. Die Klassenzimmer lagen im Hauptbau, während naturwissenschaftliche Fachräume, Musikräume und andere Spezialräume in den Seitenflügeln untergebracht waren. Große Fenster ließen viel Licht in die Klassenräume, deren Wände farbig gestaltet waren. Es war der erste Schulbau Breslaus, in dem die Prinzipien des „Neuen Bauens“ konsequent umgesetzt wurden – funktional, hell und auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten.

Fotodokumentation zum Neubau des Jahres 1930. Der Stil der Dokumententation entspricht den Prinzipien „neuen Fotografie“. Quelle: Schlesische Illustrierte Zeitung 1929, Nr. 41, S. 8.
Der Geist der Moderne prägte bald auch das Schulleben. Es gab eine Schülerselbstverwaltung, die 1931/32 unter anderem eine Schülerzeitung veröffentlichte. In ihrem ersten Heft vom November 1931 schrieb Direktor Konrad Linder, die Schülerzeitung solle mithelfen, von den eingeführten Neuerungen Zeugnis abzulegen: „Das Leben, das durch unsere Einrichtung ausgelöst worden ist (Landheim, Photo-Arbeitsgemeinschaft, Turnverein, Ruderverein, Schülerselbstverwaltung, die Umstellung unseres ganzen Unterrichts auf Gegenwartsnähe), soll in diesen Blättern seinen Wiederhall finden und den Unsern erzählen, daß wir nicht faul geworden, sondern im Grunde genommen dieselben geblieben sind, wenn sich auch die Zeiten geändert haben.“

Im Pavillon des hinteren Flügels war unter anderem ein Ruderraum untergebracht.
Foto: M. Oliveira
Gemäß Berichten ehemaliger Schüler war Linder während des gesamten Zweiten Weltkriegs bemüht, die Tradition der humanistischen Bildung an seinem Gymnasium fortzuführen. Er gehörte der Bekennenden Kirche an, die sich den Gleichschaltungsbestrebungen der Kirchen durch die NSDAP widersetzte. 1937 wurde er dennoch Mitglied der Partei.
Nachdem Breslau 1945 zur Festung erklärt worden war, mussten sich die meisten älteren Schüler und die Lehrer zum Volkssturm melden. Der Schulbetrieb wurde eingestellt und im Gebäude ein Lazarett eingerichtet. Das Gebäude selbst überstand die Belagerung. Das ehemalige Schulhaus hinter in der Hinteren Predigergasse dagegen wurde zerstört.
Mauro Oliveira
Verwendete Quellen:
- Meister, Ferdinand: „Beiträge zur Geschichte des Gymnasiums zu St. Maria Magdalena“, in Lehrerkollegium der Anstalt (Hg.): Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des Gymnasiums zu St. Maria Magdalena zu Breslau am 30. April 1893, Breslau 1893.
- Störtkuhl, Beate: „Schulbauten in Breslau 1918-1933“, in: Maria Zwierz (Hg.): Breslauer Schulen. Geschichte und Architektur, Wrocław 2005, S. 221-230, DOI: 10.11588/diglit.38676#0235.
- Magdalenäum Monatszeitschrift für die Schüler des Gymnasiums zu St. Maria Magdalena, Breslau, 1931/1932, Jg. 1, H. 1.