{"id":87964,"date":"2026-10-17T17:00:39","date_gmt":"2026-10-17T15:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=87964"},"modified":"2026-10-14T13:51:24","modified_gmt":"2026-10-14T11:51:24","slug":"die-ordnung-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-ordnung-der-dinge\/","title":{"rendered":"Die Ordnung der Dinge"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich vermisse die Sch\u00fcrze. Und das Kopftuch. Die Jakla erlebt zwar gerade eine kleine Renaissance, hei\u00dft heute allerdings, ganz vornehm und auf Englisch, Cardigan. Und auch der Hut ist inzwischen vom Aussterben bedroht.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Meine Oma mochte Kopft\u00fccher nicht besonders. Ein paar hatte sie f\u00fcr die Arbeit \u2013 f\u00fcrs Feld oder den Garten. Aber jeder etwas festlichere Anlass verlangte nach einem Hut. Davon hatte sie \u00fcbrigens eine ganze Menge. Als Kind habe ich sie liebend gern anprobiert. Am sch\u00f6nsten war ein hellblauer mit breiter Krempe. Darin f\u00fchlte ich mich wie eine Prinzessin.<\/p>\n<p>Mantel und Hut \u2013 das war Omas Uniform f\u00fcr die Kirche und f\u00fcr festliche Anl\u00e4sse. Kopftuch und Sch\u00fcrze \u2013 die Hausuniform. Und diese beiden Outfits wurden nicht miteinander vermischt. Nat\u00fcrlich gab es noch Zwischenstufen. Eine Sonntagssch\u00fcrze oder ein Notfall-Kopftuch, falls das Wetter ausnahmsweise hutunfreundlich war.<\/p>\n<p>Hosen habe ich Oma \u00fcbrigens nie tragen sehen. Ich glaube, allein die Vorstellung, so etwas zu besitzen, w\u00e4re f\u00fcr sie undenkbar gewesen \u2013 vom Tragen ganz zu schweigen. Entsprechend schlief sie auch ausschlie\u00dflich in dramatisch langen und zelt\u00e4hnlichen Nachthemden. Au\u00dferdem besa\u00df sie eine stattliche Sammlung an Unterr\u00f6cken. Durchsichtige Kleidung hielt sie f\u00fcr eine absolut unakzeptable Erfindung.<\/p>\n<blockquote><p>Bei Oma hatte jedes Kleidungsst\u00fcck seinen Platz \u2013 und seine Aufgabe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch von Sportschuhen war Oma kein gro\u00dfer Fan. Mein Vater behauptete allerdings, Hausschuhe h\u00e4tten bei ihr eine ausgesprochen geringe Lebenserwartung, weil sie sie kurzerhand f\u00fcr durchaus sportliche Zwecke einsetzte \u2013 zum Beispiel bei ausgedehnten Spazierg\u00e4ngen durch den Garten. Diese Spazierg\u00e4nge f\u00fchrten nicht selten zu ungeplanter Gartenarbeit, und diese wiederum zur ungeplanten Zerst\u00f6rung der eigentlich f\u00fcr den Hausgebrauch vorgesehenen Hausschuhe. Omas Verh\u00e4ltnis zu ihrer Garderobe war also einerseits ziemlich inkonsequent, andererseits h\u00f6chst vorhersehbar.<\/p>\n<div id=\"attachment_87967\" style=\"width: 693px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87967\" class=\"size-large wp-image-87967\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/szafa-unsplash-683x1024.png\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/szafa-unsplash-683x1024.png 683w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/szafa-unsplash-200x300.png 200w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/szafa-unsplash-768x1152.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/szafa-unsplash.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><p id=\"caption-attachment-87967\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Fr\u00fcher hatte jedes Kleidungsst\u00fcck seinen Zweck, seine Zeit und seinen Ort. So war sie eben \u2013 die Ordnung der Dinge. Und der Kleider.&#8220;<br \/>Quelle: Unsplash<\/p><\/div>\n<p>Oma war eine elegante Frau und f\u00fcr l\u00e4ndliche Verh\u00e4ltnisse eine richtige Modedame, allerdings mit einer wichtigen Einschr\u00e4nkung: Ihr einziger modischer Ma\u00dfstab war sie selbst. Der Stoff muss gut sein, Strumpfhosen tr\u00e4gt man auch bei Hitze, tiefe Ausschnitte sind etwas f\u00fcr Damen mit zweifelhaftem Ruf, und die Handtasche muss zu den Schuhen passen. Und damit basta!<\/p>\n<p>Vielleicht deswegen diese Sehnsucht nach Sch\u00fcrze und Hut? Fr\u00fcher hatte jedes Kleidungsst\u00fcck seinen Zweck, seine Zeit und seinen Ort. So war sie eben \u2013 die Ordnung der Dinge. Und der Kleider.<\/p>\n<p>Doch auch sie, die regelkonformste und ordentlichste schlesische Oma, die es je gab, richtete ganze Generationen von Hausschuhen zugrunde, wenn sie wieder einmal vom Garten v\u00f6llig verschlungen wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich vermisse die Sch\u00fcrze. Und das Kopftuch. Die Jakla erlebt zwar gerade eine kleine Renaissance, hei\u00dft heute allerdings, ganz vornehm und auf Englisch, Cardigan. 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