{"id":87919,"date":"2026-10-15T17:00:46","date_gmt":"2026-10-15T15:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=87919"},"modified":"2026-10-15T15:24:10","modified_gmt":"2026-10-15T13:24:10","slug":"acht-tage-durch-die-vielen-schlesien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/acht-tage-durch-die-vielen-schlesien\/","title":{"rendered":"Acht Tage durch die vielen Schlesien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wer von G\u00f6rlitz nach Gleiwitz f\u00e4hrt, legt auf der Karte keine gro\u00dfe Strecke zur\u00fcck. Historisch aber durchquert er Welten. Genau das wollte die diesj\u00e4hrige Reise des Deutschen Polen-Instituts (DPI) Darmstadt zeigen. Vom 26. September bis 3. Oktober 2026 f\u00fchrte sie unter dem Titel \u201eGestern und heute\u201c durch Schlesien.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die DPI-Reisen nach Polen gibt es seit knapp zehn Jahren. Organisiert und konzipiert werden sie von dem Schriftsteller, Publizisten und Polenexperten Matthias Kneip. Den Ansto\u00df, solche Reisen zu organisieren, gab ein Wechsel im Personalbereich des Instituts. \u201eWir haben einen neuen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer bekommen, der mit Polen gar nicht so viel zu tun hatte. Ulli Emig wollte das Land auch mal richtig kennenlernen, nicht nur am Schreibtisch\u201c, erinnert sich Kneip. Aus diesem Wunsch entstand die Idee, auch den Darmst\u00e4dtern eine M\u00f6glichkeit zu geben, nach Polen zu fahren.<\/p>\n<p>Die erste Fahrt stie\u00df auf gro\u00dfes Echo, und so wurde daraus ein fester Termin im Programmkalender des DPI. Seither geht es jedes Jahr auf einer anderen Route durch das Nachbarland, kulturell und historisch anspruchsvoll, aber auch sehenswert. Organisiert wird die Reise gemeinsam mit dem Krakauer Reiseveranstalter PolenPLAN von Marek Frysztacki, mit dem Kneip seit vielen Jahren zusammenarbeitet.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Reisen wecken Interesse bei Menschen, die bislang wenig oder keinen Bezug zu Polen haben \u2013 und genau das ist ja auch eine der Aufgaben des Deutschen Polen-Instituts.\u201c<br \/>\n<em>Matthias Kneip, Organisator der DPI-Reisen nach Polen<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Teilnehmenden kommen meistens aus der Region Darmstadt und Hessen, aber inzwischen kommen einige auch aus ganz Deutschland. Es sind Privatpersonen aus einem durchaus intellektuellen Umfeld, einige auch aus Institutionen. Beruflich haben die wenigsten jedoch mit Polen zu tun. Auch ein famili\u00e4rer Bezug zur bereisten Region ist die Ausnahme: Meist sind es zwei, drei G\u00e4ste, die ihn mitbringen. Kneip betont, dass die Reisen keine Heimwehtouren sind. \u201eDas sind keine Nostalgiereisen.\u201c Wer ein Dorf sucht, das zwei Kilometer neben der Route liegt, k\u00f6nne daf\u00fcr keinen Abstecher erwarten. Es gehe um Polen insgesamt \u201eund um die verschiedenen Ecken von Polen\u201c, die jeweils mit einem eigenen Schwerpunkt vorgestellt werden.<\/p>\n<p>Der Andrang ist so gro\u00df, dass es regelm\u00e4\u00dfig Wartelisten gibt. Kneip f\u00fchrt das auch darauf zur\u00fcck, dass die Reisen nicht beliebig austauschbar sind: \u201eDie Reisen sind nicht von der Stange.\u201c Dank seiner eigenen Reisen durch Polen, etwa f\u00fcr den Tagesspiegel, hat er viele Routen im Kopf. Mit dem DPI wurden sie in f\u00fcnf Jahren einmal durchgespielt. Inzwischen kehrt man zu fr\u00fcheren Zielen zur\u00fcck, aber mit ver\u00e4ndertem Programm. So k\u00f6nnen auch G\u00e4ste, die vor f\u00fcnf oder sechs Jahren dabei waren, wieder mitfahren. In diesem Jahr kam in Oppeln etwa das Dokumentationszentrum der Deutschen Minderheit hinzu, das es fr\u00fcher noch nicht gab.<\/p>\n<div id=\"attachment_87927\" style=\"width: 933px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87927\" class=\"size-full wp-image-87927\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-02-at-17.21.19-e1791974418334.jpeg\" alt=\"\" width=\"923\" height=\"1157\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-02-at-17.21.19-e1791974418334.jpeg 923w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-02-at-17.21.19-e1791974418334-239x300.jpeg 239w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-02-at-17.21.19-e1791974418334-817x1024.jpeg 817w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-02-at-17.21.19-e1791974418334-768x963.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 923px) 100vw, 923px\" \/><p id=\"caption-attachment-87927\" class=\"wp-caption-text\">Die industrielle Geschichte Schlesien konnte die Gruppe hautnah im Bergwerk Wujek kennenlernen.<br \/>Foto: DPI<\/p><\/div>\n<h2>Nicht ein Schlesien, sondern mehrere<\/h2>\n<p>Ein Gedanke zog sich durch die diesj\u00e4hrige Reise. Kneip wollte zeigen, dass es \u201edas Schlesien\u201c nicht gibt. Die Regionen zwischen G\u00f6rlitz und Gleiwitz unterscheiden sich in ihrer Geschichte, ihrer Pr\u00e4gung und ihrem heutigen Gesicht erheblich. Wer die Geschichte der Region verstehen will, muss sie differenzieren. Der Begriff \u201eSchlesien\u201c wird seiner Ansicht nach oft zu leichtfertig gebraucht, als beschreibe er eine einheitliche Landschaft mit einer einheitlichen Vergangenheit. Die Reise sollte das Gegenteil erfahrbar machen: Schlesien als Mosaik aus sehr verschiedenen Teilen.<\/p>\n<p>Das Programm l\u00e4sst sich als Beleg daf\u00fcr lesen. Es beginnt in G\u00f6rlitz, der \u00f6stlichsten Stadt Deutschlands, die nach der Sanierung ihrer mehr als 4.000 Baudenkm\u00e4ler als \u201eG\u00f6rliwood\u201c zur Filmkulisse geworden ist. Im Schlesischen Museum im Sch\u00f6nhof, einem der \u00e4ltesten Renaissancebauten Deutschlands, wurden neun Jahrhunderte schlesischer Geschichte und Kultur vorgestellt. Danach ging es ins Hirschberger Tal, eine Schl\u00f6sserlandschaft, wie es sie im 19. Jahrhundert nirgends in Europa in vergleichbarer Dichte gab. Von dort f\u00fchrte der Weg \u00fcber Hirschberg und Schreiberhau ins Riesengebirge auf den Spuren von Gerhart Hauptmann. Der Weg des Dichters ist dort gut zu verfolgen: Carl und Gerhart Hauptmann lie\u00dfen sich 1890 in Schreiberhau nieder. In Krummh\u00fcbel steht die aus Norwegen versetzte Stabkirche Wang, und auf dem Friedhof daneben liegt der polnische Dichter Tadeusz R\u00f3\u017cewicz begraben.<\/p>\n<h2>Adel, Widerstand und Weltkulturerbe<\/h2>\n<p>Am vierten Tag verlie\u00df die Gruppe das Tal und besuchte Schloss F\u00fcrstenstein, die Residenz der F\u00fcrsten von Hochberg und Pless und das drittgr\u00f6\u00dfte Schloss Polens. Dort lebte einst auch die als \u201eDaisy\u201c bekannte F\u00fcrstin. In Schweidnitz stand die Friedenskirche auf dem Programm, ein Weltkulturerbe. Danach folgte das Gut Kreisau der Familie von Moltke. Dort traf sich im Zweiten Weltkrieg der \u201eKreisauer Kreis\u201c, eine Gruppe von Gegnern des Nationalsozialismus. Heute ist Kreisau eine Begegnungs- und Gedenkst\u00e4tte der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Die \u00dcbernachtung war in Breslau.<\/p>\n<p>Breslau war mit einem ganzen Tag ein Schwerpunkt der Reise. Eine Stadtf\u00fchrung folgte den Spuren von Pers\u00f6nlichkeiten wie Joseph von Eichendorff, Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer. Dazu kamen der Marktplatz mit dem Rathaus, die von Max Berg entworfene und von der UNESCO gesch\u00fctzte Jahrhunderthalle und der j\u00fcdische Friedhof, auf dem unter anderem Ferdinand Lassalle begraben liegt. Der Abend blieb frei.<\/p>\n<h2>Nach Oberschlesien<\/h2>\n<p>Mit der Fahrt nach S\u00fcdosten wechselte auch der Charakter der Reise. Erste Station war Lubowitz, wo Joseph von Eichendorff 1788 geboren wurde. Von seinem Schloss stehen noch Ruinen, die zu einer Begegnungsst\u00e4tte geh\u00f6ren. Dort f\u00fchrte Pawe\u0142 Ryborz die Gruppe durch das Oberschlesische Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum und brachte ihr die Geschichte des Ortes n\u00e4her. Weiter ging es zum Gleiwitzer Sender, jenem 112 Meter hohen Turm, an dem am 31. August 1939 der fingierte \u00dcberfall inszeniert wurde, mit dem Deutschland einen Vorwand f\u00fcr den Angriff auf Polen suchte. Dass solche Orte im Programm stehen, ist gewollt. Man habe immer wieder Aspekte dabei, \u201edie nicht auf den touristischen Routen der anderen Reiseanbieter stehen\u201c, sagt Kneip. Das mache die Reisen attraktiv, \u201eund deswegen spricht sich das auch rum\u201c.<\/p>\n<p>In Kattowitz folgten eine Rundfahrt durch die Industriemetropole, ein Besuch der Arbeitersiedlung Nikiszowiec und des Kohlebergwerks Wujek. Wer wollte, besuchte auch das Schlesische Museum. Hier zeigte sich Schlesien von einer ganz anderen Seite als im Hirschberger Tal: nicht Schl\u00f6sser und Gebirge, sondern Kohle, Stahl und Arbeiterkultur.<\/p>\n<h2>Ein Abschluss mit Aussagekraft<\/h2>\n<p>Den inhaltlichen Schlusspunkt bildete Oppeln. Dort besuchte die Gruppe das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen. Dass diese Station am Ende steht, ist kein Zufall. \u201eMit der deutschen Minderheit kann man die gesamte deutsch-polnische Kulturgeschichte und Politikgeschichte nach 1990 gut darstellen\u201c, erkl\u00e4rt Kneip. F\u00fcr ihn hat das Thema zudem eine pers\u00f6nliche Seite: Seine Familiengeschichte ist eng mit Schlesien verbunden, mit Annaberg und mit Oppeln. Im Bus erz\u00e4hlte er deshalb viel selbst \u2013 von der Geschichte, Kultur und dem Leben in Schlesien. Am Abend ging es noch zur\u00fcck nach Breslau, und am 3. Oktober flog die Gruppe nach Frankfurt.<\/p>\n<div id=\"attachment_87925\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87925\" class=\"size-full wp-image-87925\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-13-at-10.34.48-e1791974257837.jpeg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"1260\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-13-at-10.34.48-e1791974257837.jpeg 1200w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-13-at-10.34.48-e1791974257837-286x300.jpeg 286w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-13-at-10.34.48-e1791974257837-975x1024.jpeg 975w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WhatsApp-Image-2026-10-13-at-10.34.48-e1791974257837-768x806.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-87925\" class=\"wp-caption-text\">Pawe\u0142 Ryborz (links) mit Matthias Kneip (rechts).<br \/>Foto: DPI<\/p><\/div>\n<h2>Das Ziel bleibt dasselbe<\/h2>\n<p>Dass die Reise jedes Jahr aufs Neue stattfindet, wertet Kneip als Zeichen: \u201eDas zeigt schon, dass es da einen Bedarf, ein Interesse gibt und dass die Reisen, so wie sie geplant sind, auch funktionieren. Sie wecken Interesse bei Menschen, die bislang wenig oder keinen Bezug zum Nachbarland haben \u2013 und genau das ist ja auch eine der Aufgaben des Deutschen Polen-Instituts.\u201c Im n\u00e4chsten Jahr gehen die Planungen in Richtung Danzig. Der Anspruch d\u00fcrfte bleiben: Polen nicht als Schreibtischthema zu behandeln, sondern als ein Land, das sich nur vor Ort in seiner Vielfalt erfassen l\u00e4sst, beispielsweise Schlesien im Plural.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer von G\u00f6rlitz nach Gleiwitz f\u00e4hrt, legt auf der Karte keine gro\u00dfe Strecke zur\u00fcck. Historisch aber durchquert er Welten. Genau das wollte die diesj\u00e4hrige Reise des Deutschen Polen-Instituts (DPI) Darmstadt zeigen. Vom 26. September bis 3. 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