{"id":87500,"date":"2026-10-09T17:00:30","date_gmt":"2026-10-09T15:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=87500"},"modified":"2026-10-10T18:37:36","modified_gmt":"2026-10-10T16:37:36","slug":"goethe-und-die-goldene-ente","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/goethe-und-die-goldene-ente\/","title":{"rendered":"Goethe und die goldene Ente"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im September 1790 besuchte Johann Wolfgang von Goethe die Burg Tost, wo Graf Colonna ihn mit einem festlichen Mahl und einer sagenumwobenen goldenen Ente \u00fcberraschte. Zwischen \u00fcppiger Gastfreundschaft und einer geheimnisvollen Legende erlebte der Dichter einen Abend, der ganz im Zeichen schlesischer Geschichten und kulinarischer Besonderheiten stand. Doch was verbarg sich hinter der goldenen Ente, und welche Rolle spielte dabei ein sagenhafter Schatz?<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Die Legende von der goldenen Ente<\/h2>\n<p>\u201eAuf der Burg Tost hauste vor alten Zeiten ein Raubritter, der die vor\u00fcberfahrenden Handelsleute \u00fcberfiel und ihnen die Habe raubte. Er schleppte viele Sch\u00e4tze in der Burg zusammen und versteckte sie in einem unterirdischen Gange. Dort verbarg er sich auch mit seinen Knechten, wenn ihm die Feinde auf den Fersen waren. Dann war er pl\u00f6tzlich verschwunden, und alle meinten, die Erde habe ihn verschlungen.<\/p>\n<p>Da der Zugang im Gestr\u00fcpp verborgen lag, konnte er damals von niemandem gefunden werden. Heute kennen wir den Eingang. Er ist so hoch, da\u00df man leicht hineinkriechen kann. Gar mancher Schatzgr\u00e4ber hat schon nach dem Golde gesucht, es aber nicht gefunden. Der Schatz ist n\u00e4mlich nur einem Sonntagskind beschieden. Wenn ein solches um Mitternacht allein in den Keller hinabsteigt, \u00f6ffnet sich der Gang von selbst. Zuerst ist er sehr eng und finster, dann aber breitet er sich aus, und man sieht einen See, in dessen Mitte sich eine Insel befindet. Den See mu\u00df man dreimal durchschwimmen, dann darf man die Insel besteigen. Auf der Insel sitzt eine goldene Ente auf einem Nest mit elf silbernen Eiern, von denen jedes mit zwanzig Goldst\u00fccken gef\u00fcllt ist. Das alles geh\u00f6rt dem gl\u00fccklichen Sonntagskinde, das den Schatz findet.\u201c (Karl-Ernst Schellhammer: \u201eDie goldene Ente von Tost\u201c.)<\/p>\n<div id=\"attachment_87504\" style=\"width: 908px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87504\" class=\"wp-image-87504 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/2.-Goethe.jpeg\" alt=\"\" width=\"898\" height=\"1200\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/2.-Goethe.jpeg 898w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/2.-Goethe-225x300.jpeg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/2.-Goethe-766x1024.jpeg 766w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/2.-Goethe-768x1026.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 898px) 100vw, 898px\" \/><p id=\"caption-attachment-87504\" class=\"wp-caption-text\">Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1791. Kupferstich von Johann Heinrich Lips.<br \/>Quelle: Europeana (Museum of City History Leipzig)<\/p><\/div>\n<p>Wahrscheinlich war es diese Fassung der Legende von der goldenen Ente auf der Burg Tost, die der bedeutende deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe zu h\u00f6ren bekam, als er gemeinsam mit dem Weimarer Herzog Carl August eine Reise durch Schlesien und Polen unternahm. Die Oberschlesier wissen sehr wohl, dass er damals Tarnowitz besuchte, um die ber\u00fchmte, aus England herbeigeschaffte Dampfmaschine zu besichtigen, und dass er sich f\u00fcr die Gastfreundschaft mit einem weithin bekannten Vierzeiler bedankte, der bis heute f\u00fcr Kontroversen sorgt. Doch darum soll es hier nicht gehen. Denn bevor der gro\u00dfe Dichter und zugleich Bergbauminister nach Tarnowitz gelangte, machte er gemeinsam mit seinem Dienstherrn in Tost Station.<\/p>\n<div id=\"attachment_87506\" style=\"width: 730px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87506\" class=\"wp-image-87506 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/3.-Ruiny-zamku-w-Toszku.png\" alt=\"\" width=\"720\" height=\"526\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/3.-Ruiny-zamku-w-Toszku.png 720w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/3.-Ruiny-zamku-w-Toszku-300x219.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><p id=\"caption-attachment-87506\" class=\"wp-caption-text\">Tost \u2013 Burgruine mit davor liegendem Schlossteich.<br \/>Quelle: Auf nach Tost! (Schlesische Digitale Bibliothek)<\/p><\/div>\n<h2>Goethe in Tost<\/h2>\n<p>Es war September 1790. Tost \u2013 damals noch ein Prachtbau \u2013 befand sich im Besitz des Grafen Colonna, genauer gesagt Philipp Norbert Colonna von Fels, des Eigent\u00fcmers mehrerer Landg\u00fcter \u2013 unter anderem in Gro\u00df Strehlitz und Tworog \u2013 sowie eines Industriemagnaten, der die Ortschaft Collonowska und das Eisenwerk an der Malapane gegr\u00fcndet hatte. Der Graf hatte die hochrangigen G\u00e4ste bereits auf ihrer Fahrt von Breslau nach Tost begleitet. Wahrscheinlich traf die \u00fcberaus heitere Reisegesellschaft (Colonna war ein ausgesprochener Bonvivant) in vornehmer Gesellschaft \u2013 unter den Begleitern befand sich auch Graf Friedrich Wilhelm von Reden \u2013 am 3. September auf der Burg ein.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\n        \n                                \n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auf-literarischen-umwegen-dorothea-bruening-eine-ungewoehnliche-herstory-der-beuthener-oberbuergermeistergattin\/\">\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/2.-Dorothea-i-Georg-na-tablicy-informacyjnej-w-Bytomiu-150x150.jpeg\" alt=\"Dorothea Br\u00fcning: eine (un)gew\u00f6hnliche Herstory der Beuthener Oberb\u00fcrgermeistergattin\">\n                            <\/div>\n            <div class=\"newsy-card-text\">\n            \t\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Auf literarischen Umwegen<\/span>\n                                      \t\n            \t\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Dorothea Br\u00fcning: eine (un)gew\u00f6hnliche Herstory der Beuthener Oberb\u00fcrgermeistergattin<\/h3>\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\n            <\/div>\n        <\/a>\n            <\/section>\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\n        \n                                \n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/engel-und-teufel-das-schlesische-aschenputtel\/\">\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3-150x150.jpeg\" alt=\"Engel und Teufel: Das schlesische Aschenputtel\">\n                            <\/div>\n            <div class=\"newsy-card-text\">\n            \t\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Auf literarischen Umwegen<\/span>\n                                      \t\n            \t\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Engel und Teufel: Das schlesische Aschenputtel<\/h3>\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\n            <\/div>\n        <\/a>\n            <\/section>\n    \n<p>Was sich ihnen trotz der sp\u00e4ten Stunde darbot, muss auf die Herren einen betr\u00e4chtlichen Eindruck gemacht haben. Um den seinen dreiunddrei\u00dfigsten Geburtstag begehenden Herzog mit wahrhaft k\u00f6niglichen Ehren zu empfangen, hatte Graf Colonna die gesamte Dienerschaft angewiesen, mit Fackeln Spalier zu stehen und dem hochverehrten Jubilar ehrfurchtsvoll zuzujubeln. Und um die vornehmen G\u00e4ste noch st\u00e4rker zu beeindrucken, lie\u00df er sogar Tiere aus dem nahe gelegenen Wald in den Burgpark bringen. (Man fragt sich nebenbei, ob er auch anordnete, s\u00e4mtliche T\u00fcren zu \u00f6len, um den Dichter nicht zu ver\u00e4rgern, der gew\u00f6hnlich mit einem Fl\u00e4schchen \u00d6l reiste, da ihn quietschende T\u00fcren in Gasth\u00f6fen au\u00dferordentlich irritierten.) Beim Anblick der frei im Park umherstreifenden Rehe und Hirsche geriet Goethe in gro\u00dfes Staunen. Nat\u00fcrlich gab Colonna nicht zu, dass dies eine eigens f\u00fcr diesen Anlass vorbereitete Attraktion war und kein allt\u00e4glicher Anblick. Der gro\u00dfe Dichter verlie\u00df also sein Haus in seliger Unwissenheit.<\/p>\n<div id=\"attachment_87508\" style=\"width: 488px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87508\" class=\"wp-image-87508 size-full\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/4.-rekonstrukcja-zamku-w-Toszku.png\" alt=\"\" width=\"478\" height=\"468\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/4.-rekonstrukcja-zamku-w-Toszku.png 478w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/4.-rekonstrukcja-zamku-w-Toszku-300x294.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><p id=\"caption-attachment-87508\" class=\"wp-caption-text\">Rekonstruktion der alten Burg Tost.<br \/>Quelle: \u201eOberschlesien im Bild\u201c (Nr. 33\/1934; Schlesische Digitale Bibliothek)<\/p><\/div>\n<h2>Der H\u00f6hepunkt des Abends<\/h2>\n<p>Bevor es jedoch so weit war, erwartete ihn noch die Hauptattraktion des Abends. Im Speisesaal der Burg wurde ein gro\u00dfes Festmahl veranstaltet, und auf dem Tisch thronte eine gebratene goldene Ente \u2013 eine Spezialit\u00e4t des Hauses. Bei dieser Gelegenheit wurde den G\u00e4sten auch etwas f\u00fcr den Geist serviert: die Legende von der goldenen Ente. Dabei soll Goethe gesagt haben: \u201eWirklich: ein zehnfach interessantes Land, dieses Schlesien! Es war durchaus keine \u00fcbliche Schmeichelei, als ich dies meinem Freunde Herder nach Weimar schrieb. Wir fallen von einer \u00dcberraschung in die andere!\u201c Colonna lie\u00df sich seinerseits nicht lumpen und konterte mit einem Bonmot: \u201eJa, Herr Rat, lieber auf die Ente als auf den Hund kommen!\u201c Der Graf wusste n\u00e4mlich, dass der Weimarer Koryph\u00e4e panische Angst vor Hunden hatte; zweifellos war also die Ente \u2013 und dazu eine goldene \u2013 ein in jeder Hinsicht sicheres Thema. W\u00e4re nun mit der Burg Tost \u2013 Gott bewahre! \u2013 eine Legende von einem schwarzen Hund verbunden gewesen, w\u00e4re der Abend vermutlich nicht ganz so gelungen verlaufen. Schlie\u00dflich war es wegen eines St\u00fccks \u00fcber einen Hund, dass der ver\u00e4rgerte Goethe 1817 die Leitung des Weimarer Theaters aufgab, dem er sechsundzwanzig Jahre seines Lebens gewidmet hatte.<\/p>\n<p>Gut also, dass der Dichter die goldene Ente verspeiste und die Legende von der goldenen Ente zu h\u00f6ren bekam. Denn danach konnten alle noch lange und gl\u00fccklich leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 1790 besuchte Johann Wolfgang von Goethe die Burg Tost, wo Graf Colonna ihn mit einem festlichen Mahl und einer sagenumwobenen goldenen Ente \u00fcberraschte. Zwischen \u00fcppiger Gastfreundschaft und einer geheimnisvollen Legende erlebte der Dichter einen Abend, der ganz im Zeichen schlesischer Geschichten und kulinarischer Besonderheiten stand. 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