{"id":87320,"date":"2026-10-06T17:00:17","date_gmt":"2026-10-06T15:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=87320"},"modified":"2026-10-03T23:17:27","modified_gmt":"2026-10-03T21:17:27","slug":"die-plagwitzer-windmuehle-zeugin-der-befreiungskriege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-plagwitzer-windmuehle-zeugin-der-befreiungskriege\/","title":{"rendered":"Die Plagwitzer Windm\u00fchle: Zeugin der Befreiungskriege"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Napoleonischen Kriege hinterlie\u00dfen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch in Schlesien tiefe Spuren. Die Region wurde zum Schauplatz von K\u00e4mpfen, Truppendurchm\u00e4rschen und schweren Belastungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Eine besondere Rolle spielte dabei die Bockwindm\u00fchle in Plagwitz am Bober, von der aus General Gebhard Leberecht Bl\u00fccher die Bewegungen der Truppen beobachtete. W\u00e4hrend die M\u00fchle die K\u00e4mpfe \u00fcberstand, nahm ihre Geschichte fast hundert Jahre sp\u00e4ter ein tragisches Ende.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>\u201eWehe dem F\u00fcrsten, der aus Ehrgeiz einen Krieg anf\u00e4ngt! Wehe dem Volk, das ihm zu dienen hat!\u201c (Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht Bl\u00fccher, 1815)<\/strong><\/p>\n<p>Napoleon I. war nicht der Einzige, der ganz Europa unterwerfen wollte und dabei unterging \u2013 dies zu unbeschreiblichen Lasten der Bev\u00f6lkerung vieler L\u00e4nder. Ab 1806 breitete sich wieder ein verheerender Krieg aus, von Napoleon ausgel\u00f6st. Selbst die Besetzung Moskaus im Herbst 1812 erschien zun\u00e4chst unaufhaltsam, doch der Monarch gab angesichts der untersch\u00e4tzten Winterk\u00e4lte und der riesigen Hungersnot bald auf, um Wochen sp\u00e4ter in Preu\u00dfen und somit in Schlesien einzufallen. Der Russlandfeldzug hatte Napoleons Grande Arm\u00e9e sowieso schon auf die H\u00e4lfte reduziert; nun stie\u00df er wiederum auf einen entschlossenen Gegner unter General Bl\u00fcchers Oberbefehl \u00fcber die Vereinte Schlesisch-Russische Armee. Der bereits suspendierte Bl\u00fccher erf\u00fcllte ganz und gar die Erwartungen des Zaren Alexander I. und des K\u00f6nigs Friedrich Wilhelm III. Am 18. August 1813 trat diesem B\u00fcndnis \u00d6sterreichs Kaiser Franz I. bei, dessen Soldaten sich im Erzgebirge mit den unterlegenen Franzosen schlugen und sie besiegten.<\/p>\n<h2>Schlesien unter franz\u00f6sischer Besatzung<\/h2>\n<p>Die ber\u00fchmte Entschlossenheit und Opferbereitschaft der Schlesier erwuchsen daraus, dass sie \u2013 bildlich gesprochen \u2013 von den franz\u00f6sischen Truppen zweimal zur Ader gelassen wurden: bei deren Aufmarsch und beim erk\u00e4mpften R\u00fcckzug! Schlesische St\u00e4dte wie L\u00f6wenberg, Greiffenberg, L\u00e4hn, Friedeberg und Liebenthal haben Buch gef\u00fchrt, was die gehassten Besatzer von ihnen herausgepresst hatten, etwa Lebensmittel, Tierfutter, Handwerkerleistungen, Leder, Stoffe, Bindfaden, Schnaps und Bier \u2026 Nicht alle Schlachten auf schlesischem Boden gewann Bl\u00fcchers Vereinigtes Heer, jedoch die alles entscheidenden an der Katzbach bei Liegnitz und am Bober bei L\u00f6wenberg und Bunzlau. Am 1. September 1813 wurden die letzten Franzosen \u00fcber den Queis, seinerzeit die westliche Grenze Schlesiens mit der Mark Lausitz, getrieben.<\/p>\n<div id=\"attachment_87332\" style=\"width: 841px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87332\" class=\"size-large wp-image-87332\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Blucher_nach_Gebauer-831x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"831\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Blucher_nach_Gebauer-831x1024.jpg 831w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Blucher_nach_Gebauer-243x300.jpg 243w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Blucher_nach_Gebauer-768x947.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Blucher_nach_Gebauer.jpg 1006w\" sizes=\"auto, (max-width: 831px) 100vw, 831px\" \/><p id=\"caption-attachment-87332\" class=\"wp-caption-text\">Gebhard Leberecht F\u00fcrst Bl\u00fccher von Wahlstatt.<br \/>Quelle: Wikipedia<\/p><\/div>\n<p>Zum vorabendlichen Dankgottesdienst in L\u00f6wenberg hatte der Pfarrer das Bibelwort \u201eTe Deum\/Der Sieg kommt vom Herrn\u201c gepredigt; gemeinsam wurde das Luther-Lied \u201eNun danket alle Gott \u2026\u201c angestimmt, denn Schlesien war nun wieder frei. Doch endg\u00fcltig besiegt wurde Napoleon erst in der Schlacht bei Ligny\/Belgien am 15. Juni 1815, wo Bl\u00fccher beinahe sein Leben verloren h\u00e4tte, wenn sein Adjutant, Oberst Graf von Nostitz aus Zobten am Bober, nicht wachsam gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<h2>Die Bockwindm\u00fchle von Plagwitz als Zeitzeugin<\/h2>\n<p>Der schlesische Freiheitskrieg gegen Napoleon besteht \u2013 wie anders k\u00f6nnte es sein \u2013 aus unz\u00e4hlbaren Einzelheiten, die nur zum Teil Einzug in die historische Literatur hielten. Jedoch nicht \u00fcbersehen wurde die legend\u00e4re Bockwindm\u00fchle in Plagwitz \u00fcber dem Bober bei L\u00f6wenberg, die sogar vielfach nachgewiesen ist. Was hatte es auf sich?<\/p>\n<p>Im Jahr 1756 errichtete ein Gutsherr auf der Plagwitzer Anh\u00f6he eine Bockwindm\u00fchle. Der Bau einer Windm\u00fchle wie hier war keine schlesische Besonderheit \u2013 sie wurden auf ann\u00e4hernd f\u00fcnfhundert gesch\u00e4tzt \u2013 und konnte allein damit keine historische Bedeutung erlangen. Diese trat erst Ende August 1813 mit den unerbittlichen Befreiungskriegen der von Bl\u00fccher gef\u00fchrten Preu\u00dfisch-Russischen Armee gegen das Heer Napoleons ein.<\/p>\n<blockquote><p>Die Bockwindm\u00fchle von Plagwitz wurde zu einem historischen Denkmal, das die Wirren der Befreiungskriege \u00fcberstanden hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir haben bereits betont, dass es am 29. August 1813 im Umfeld des Plagwitzer Windm\u00fchlenberges zur letzten, zur schwersten Schlacht gegen die Gro\u00dfe Armee kam, in deren Folge Schlesien endg\u00fcltig von den kaiserlich-franz\u00f6sischen Truppen befreit wurde. General Bl\u00fccher hielt sich mehrfach an besagter Plagwitzer Windm\u00fchle auf, um die Truppenbewegungen im Blick zu behalten und exakte milit\u00e4rische Befehle erteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dies sind tiefgreifende Ereignisse gewesen, die sich innerhalb weniger Tage und N\u00e4chte vollzogen haben \u2013 \u201eunsere\u201c historische Bockwindm\u00fchle von Plagwitz mittendrin, trotz der heftigen Gefechte mit wenigen Einsch\u00fcssen im Dach davongekommen und bald als Denkmal geltend.<\/p>\n<h2>Der dramatische Untergang der Windm\u00fchle<\/h2>\n<p>Haben wir somit zu dieser Getreidem\u00fchle alles gesagt? Nein, bei weitem nicht, denn ihr Schicksal und das des arbeitsamen Besitzers Wilhelm Knappe zweiundneunzig Jahre nach Bl\u00fcchers Orientierungspunkt ist unbeschreiblich, dramatisch, teuflisch:<\/p>\n<p>In der Nacht des 10. Juni 1905 brannte pl\u00f6tzlich auf dem Plagwitzer Windm\u00fchlenberg ein Wirtschaftsgeb\u00e4ude lichterloh, dessen Flammen rasch auf die Bockwindm\u00fchle \u00fcberschlugen, so dass diese rettungslos niederbrannte. Morgens fand man den verkohlten Leichnam des wohlhabenden M\u00fchlenbesitzers Knappe, neben sich einen Revolver, den er immer bei sich hatte, denn er war nachts allein in seiner M\u00fcllerstube, Feise genannt.<\/p>\n<p>Der Tod des M\u00fcllermeisters ergriff ganz Schlesien und Preu\u00dfen; es wurden Vermutungen zu T\u00e4ter(n) und Motiven ge\u00e4u\u00dfert. Wie eine Nachbarin dem ermittelnden Kommissar berichtete, habe ihr Walter Knappe erz\u00e4hlt, dass in zur\u00fcckliegender Nacht (9. Juni 1905) ein erfolgloser Einbruch \u00fcber das M\u00fchlendach ver\u00fcbt worden sei. In der Folgenacht hatte man dann das M\u00fchlenfenster eingeschlagen. Knappe wurde im Bett erstickt, um ihn skrupellos ausrauben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese grausame Tat war wenige Wochen nach Arbeitsbeginn des neuen M\u00fcllergesellen August Sternickel und seiner Komplizen-Br\u00fcder Lorenz und Walter Pietsch ver\u00fcbt worden. Erst acht Jahre nach der Ermordung des Wilhelm Knappe konnten die T\u00e4ter \u00fcberf\u00fchrt werden. Am 30. Juli 1913 wurde Sternickel hingerichtet.<\/p>\n<h2>Die Windm\u00fchle lebt als Modell weiter<\/h2>\n<p>Weil es heutzutage vor Ort keine Hinweise auf die einstige historische Windm\u00fchle am Bober bei L\u00f6wenberg in Schlesien gibt, hat Modellbauer Rainer Dierchen, Heidenau, zu unserer gro\u00dfen Freude viel Geschick und reichlich Ausdauer in die detailgetreue Nachbildung des Windm\u00fchlenberges im Verh\u00e4ltnis 1\/87 gelegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_87325\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87325\" class=\"size-large wp-image-87325\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-1024x563.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-1024x563.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-300x165.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-768x422.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-1536x845.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Windmuhle-Plagwitz-Modell1-Rainer-2048x1126.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-87325\" class=\"wp-caption-text\">Modell-Diorama zur Plagwitzer Windm\u00fchle, gebaut von Rainer Dierchen.<br \/>Quelle: W. Guder<\/p><\/div>\n<p>Entstanden sind nach unz\u00e4hligen Arbeitsstunden drei gleichartige Schaust\u00fccke \u2013 eines hat er unserem polnischen Freund Robert und eines mir geschenkt.<\/p>\n<p>Somit erinnern wir uns der Plagwitzer Windm\u00fchle, ihrer milit\u00e4rischen Bedeutung und ihres schicksalhaften Untergangs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Napoleonischen Kriege hinterlie\u00dfen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch in Schlesien tiefe Spuren. Die Region wurde zum Schauplatz von K\u00e4mpfen, Truppendurchm\u00e4rschen und schweren Belastungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Eine besondere Rolle spielte dabei die Bockwindm\u00fchle in Plagwitz am Bober, von der aus General Gebhard Leberecht Bl\u00fccher die Bewegungen der Truppen beobachtete. 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