{"id":87162,"date":"2026-10-03T05:00:28","date_gmt":"2026-10-03T03:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=87162"},"modified":"2026-10-02T13:37:23","modified_gmt":"2026-10-02T11:37:23","slug":"pilze-platten-und-ein-glueckliches-haendchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/pilze-platten-und-ein-glueckliches-haendchen\/","title":{"rendered":"Wenn der Schlesier in den Wald zieht \u2013 Pilze, Platten und ein gl\u00fcckliches H\u00e4ndchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn der Sommer geht und der Herbst \u201ekokett\u201c vorbeischaut, zieht der Schlesier in den Wald. Er steht fr\u00fch am Morgen auf, scheucht die Familie aus den Betten, greift zum Korb und vergisst nat\u00fcrlich auch das Messer nicht. Die Pilzsaison ist er\u00f6ffnet \u2013 und unbedingt soll man den anderen Pilzliebhabern zuvorkommen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Also zog auch ich los \u2013 bisher nur zweimal, und kehrte mit gro\u00dfer Ernte heim. Allerdings k\u00e4me es mir nicht in den Sinn, mitten in der Nacht aus den Federn zu springen. Der Wald l\u00e4uft schlie\u00dflich nicht weg, und wer Pilze finden will, kann auch zu sp\u00e4terer Stunde Gl\u00fcck haben. So tauchte ich am Dienstagnachmittag in \u201emeinem Wald\u201c auf und sammelte, mitten auf dem Weg herumt\u00e4nzelnd, Steinpilze. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Wie war das m\u00f6glich? Sie hatten wohl auf mich gewartet!<\/p>\n<h2>Ein Platten und ein Wald voller Pilze<\/h2>\n<p>Der zweite Versuch folgte am Samstag, und zwar noch sp\u00e4ter, denn unterwegs hatte ich, wie man so sch\u00f6n sagt, einen Platten. Mir war ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Doch es gibt auf dieser Welt gute Menschen, die bereit sind, einem Weib zu helfen, das an den Stra\u00dfenrand gefahren ist und sich fragt, wie es denn bitte sein kann, dass sie jetzt nicht mehr weiterfahren kann. Eineinhalb Stunden dauerte der ungleiche Kampf mit dem Wagenheber und den festgerosteten Radschrauben. In dieser Zeit hat sicher jemand \u201emeine\u201c Pilze in seinen Korb gesammelt! Und das hilfsbereite Ehepaar staunte nicht schlecht, als ich erkl\u00e4rte, dass ich trotz allem noch einen Abstecher in den Wald machen w\u00fcrde. Zum Weinen war mir zwar immer noch zumute, doch der Anblick der h\u00fcbschen, in der September-Sonne gl\u00e4nzenden Maronenr\u00f6hrlinge, Butterpilze, Reizker und nat\u00fcrlich Steinpilze vertrieb den Kummer. Den Ersatzreifen loszuwerden, wird wohl erst nach dem Wochenende m\u00f6glich sein. Und so bin ich seit Montag stolze Besitzerin zweier neuer Vorderreifen \u2013 und habe trotzdem weiterhin vor, meinen kleinen Wald heimzusuchen: wegen der unz\u00e4hligen winzigen Maronenr\u00f6hrlinge, die ich da gesehen habe.<\/p>\n<div id=\"attachment_87169\" style=\"width: 733px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87169\" class=\"size-large wp-image-87169\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WUM-Fuhrer-fur-Pilzfreunde-1909-723x1024.png\" alt=\"\" width=\"723\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WUM-Fuhrer-fur-Pilzfreunde-1909-723x1024.png 723w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WUM-Fuhrer-fur-Pilzfreunde-1909-212x300.png 212w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WUM-Fuhrer-fur-Pilzfreunde-1909-768x1088.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/WUM-Fuhrer-fur-Pilzfreunde-1909.png 820w\" sizes=\"auto, (max-width: 723px) 100vw, 723px\" \/><p id=\"caption-attachment-87169\" class=\"wp-caption-text\">In einem F\u00fchrer f\u00fcr Pilzfreunde aus dem Jahr 1909 findet man auch eine Beschreibung der Halli-masche. Ihre H\u00fcte sind zwar schmackhaft, doch handelt es sich bei ihnen zugleich um parasit\u00e4re Pilze, die sich negativ auf den Baumbestand, auch auf gesunde B\u00e4ume, auswirken.<br \/>Quelle: Digitale Bibliothek der Medizinischen Universit\u00e4t Warschau<\/p><\/div>\n<p>Angeblich w\u00e4chst ein Pilz nicht mehr weiter, sobald man ihn entdeckt hat. Ich lie\u00df sie trotzdem stehen. Solche Winzlinge geh\u00f6rten schlie\u00dflich noch in ihr gr\u00fcnes Moosbett. Und was mit meinen beiden K\u00f6rben voller diesj\u00e4hriger K\u00f6stlichkeiten passiert ist, davon sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<blockquote><p>Das Pilzesammeln ist ein Vergn\u00fcgen der Natur und eine Art Leichtathletik.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Gespr\u00e4ch \u00fcber unsere Wochenendbesch\u00e4ftigungen teilte ein guter Freund ein Bild mit mir, das ihn begeistert hatte \u2013 mich \u00fcbrigens ebenfalls. Der Autor hei\u00dft Edward Oku\u0144 und in der der Kunst und dem Leben gewidmeten Wochenzeitschrift \u201eJugend\u201c (11.1906) wurde seine Illustration zu einer Erz\u00e4hlung ver\u00f6ffentlicht, die den Titel \u201eWo die Buchen d\u00e4mmern\u201c trug. Sie zeigt eine symbolistisch-m\u00e4rchenhafte Szene mit Figuren, die an Fliegenpilze erinnern, inmitten einer Waldlandschaft. Der sp\u00e4tere Titel der erw\u00e4hnten Grafik lautet \u201ePilzfamilie\u201c. Es ist eine wundersch\u00f6ne Darstellung im Jugendstil und passt geradezu perfekt zu den ganzen Familien h\u00fcbscher, leuchtend roter Fliegenpilze, die sich in den Strahlen der untergehenden Sonne badeten. Ihre mit wei\u00dfen Punkten \u00fcbers\u00e4ten H\u00fcte prahlten mit einem ausgesprochen attraktiven Gewand: schneewei\u00dfe Lamellen und ein wei\u00dfer Stiel, unten von einer schuppigen Knolle abgeschlossen und oben mit einem zarten Ring geschm\u00fcckt. Sie mit Milch und Zucker zuzubereiten, hie\u00dfe, die Fliegen auf einen s\u00fc\u00dfen Tod zu schicken \u2013 daher soll der Pilz auch seinen Namen haben. Fliegenpilze habe ich nat\u00fcrlich nicht gesammelt. In der deutschen Kultur ist der Fliegenpilz schlie\u00dflich ein Gl\u00fcckssymbol: ein \u201eGl\u00fcckspilz\u201c. Und genau so f\u00fchle ich mich trotz einiger Schikanen, die mir das Schicksal in den vergangenen Tagen zugedacht hat. Vermutlich sollte es einfach so sein. Deshalb \u00fcberlege ich sogar, diese entz\u00fcckende Grafik in meiner K\u00fcche aufzuh\u00e4ngen \u2013 als Erinnerung an die Pilzsuche anno Domini 2026.<\/p>\n<h2>Von der Pilzernte auf den Teller<\/h2>\n<p>Zur\u00fcck zu meiner Ausbeute: Wie jedes Jahr habe ich einen Teil der sch\u00f6nsten Exemplare zum Trocknen beiseitegelegt, einen Teil kurz abgekocht und anschlie\u00dfend mit Zwiebeln und Tomaten in Gl\u00e4ser eingemacht. Im Winter werden sie gerade recht kommen. Doch getreu einer der Regeln guter Ern\u00e4hrung, die in der historischen \u201eSchaffgotsch Werks-Zeitung\u201c von 1937 ver\u00f6ffentlicht wurde und mit dem Industriekonzern des schlesischen Adelsgeschlechts Schaffgotsch verbunden war, bevorzuge ich die Verwendung regionaler Lebensmittel \u2013 und zwar passend zur jeweiligen Jahreszeit. Demzufolge bereitete ich ein Pilzgericht nach einem Rezept zu, das 1930 von der \u201eKattowitzer Zeitung\u201c empfohlen wurde. Es handelt sich um:<\/p>\n<h2><strong>Pilzkoteletten<\/strong><\/h2>\n<p>400 Gramm frische Steinpilze werden vorbereitet, weichgekocht und fein gehackt. Man d\u00fcnstet sie mit geriebener Zwiebel in Butter, l\u00e4sst sie abk\u00fchlen, r\u00fchrt sie mit Salz und Pfeffer ab und mengt sie mit ca. 30 Gramm geriebene Semmel und 1 ganzen Ei. Dann formt man die Masse in ovale St\u00fccke, paniert und br\u00e4t sie. Vor dem Anrichten streut man etwas Petersilie dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Dieses Rezept habe ich allerdings ein wenig ver\u00e4ndert und eine Mischung von frischen Waldpilzen mit einem hohen Anteil an Steinpilzen verwendet. Die Koteletts waren weich und ausgesprochen zart. Zum Abendessen servierte ich sie auf dunklem Brot und setzte damit zugleich die siebte Empfehlung der bereits erw\u00e4hnten Regeln in die Tat um. Als geschmacklichen Kontrapunkt gab es dazu saure Gurken. Zum Fingerlecken!<\/p>\n<div id=\"attachment_87163\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87163\" class=\"size-large wp-image-87163\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-300x200.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-768x512.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/AAD_2333Ma-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-87163\" class=\"wp-caption-text\">Wenn die Schlesierin mit einem Korb voller Pilze aus dem Wald zur\u00fcckkommt, ist klar: Die Pilze werden nicht nur getrocknet. Diesmal wanderten sie in einen Bratling \u2013 und der landete auf einer Scheibe dunklen Brotes.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<p>Und wenn ich schon wieder einen Blick in die Presse des vergangenen Jahrhunderts werfe, kann ich mich den Worten des Redakteurs Viktor Kaluza \u00fcber die Pilzsuche nur mit beiden H\u00e4nden anschlie\u00dfen. Er schrieb 1920 im \u201eOberschlesier\u201c:<\/p>\n<p><em>\u201eDas Suchen nach Pilzen ist ein wahres Vergn\u00fcgen. Wenn man einmal auf den Geschmack dieser Leidenschaft gekommen ist, wird das Pilzesammeln f\u00fcr einen zu dem, was f\u00fcr den F\u00f6rster die Jagd ist.<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026 War das nicht eine gesunde Anstrengung aller Sinne und Muskeln? Ja, das Pilzesammeln ist ein Vergn\u00fcgen der Natur und eine Art Leichtathletik.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ihre sportliche Feuilletonistin<\/em><em><br \/>\n<\/em><em><strong>Ma\u0142gorzata Janik<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Sommer geht und der Herbst \u201ekokett\u201c vorbeischaut, zieht der Schlesier in den Wald. Er steht fr\u00fch am Morgen auf, scheucht die Familie aus den Betten, greift zum Korb und vergisst nat\u00fcrlich auch das Messer nicht. 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