{"id":86847,"date":"2026-09-28T05:00:21","date_gmt":"2026-09-28T03:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=86847"},"modified":"2026-09-25T15:10:47","modified_gmt":"2026-09-25T13:10:47","slug":"nachbarschaft-verpflichtet-ueber-die-deutsch-polnischen-beziehungen-einmal-anders-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-ueber-die-deutsch-polnischen-beziehungen-einmal-anders-gedacht\/","title":{"rendered":"\u00dcber die deutsch-polnischen Beziehungen \u2013 einmal anders gedacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie k\u00f6nnten die deutsch-polnischen Beziehungen aussehen, wenn wir vertraute Denkmuster verlassen und auch einmal andere Wege denken? In seiner aktuellen Kolumne spielt Prof. Krzysztof Ruchniewicz ungew\u00f6hnliche Szenarien durch und zeigt, wie anders die Beziehungen aussehen k\u00f6nnten, wenn die Verantwortlichen beider L\u00e4nder andere Entscheidungen treffen w\u00fcrden.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vorschlagen, f\u00fcr einen Moment die Augen zu schlie\u00dfen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Worum es geht? Nun, tr\u00e4umen wir einfach einmal von den deutsch-polnischen Beziehungen. Wir schreiben das Jahr 2026, dunkle Wolken und entsprechende Nachrichten bedr\u00fccken viele von uns. K\u00f6nnte es auch anders sein? H\u00e4ngt noch etwas von uns ab?<\/p>\n<p>Als Historiker muss ich gleich zu Beginn eine Einschr\u00e4nkung machen: Ich bin kein Freund der kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Dennoch reizt es wohl jeden von uns, alternative Szenarien zu entwerfen. Der Unterschied ist grundlegend. Die kontrafaktische Geschichtsschreibung richtet den Blick auf die Vergangenheit und fragt, was h\u00e4tte geschehen k\u00f6nnen, wenn bestimmte Umst\u00e4nde sich anders entwickelt h\u00e4tten. Alternatives Denken geht dagegen von einem realen Ausgangspunkt aus, richtet den Blick aber auf die Zukunft und fragt: Sind noch andere Wege m\u00f6glich?<\/p>\n<h2>Neue Perspektiven auf die deutsch-polnische Nachbarschaft<\/h2>\n<p>Es scheint, als h\u00e4tten wir seit einiger Zeit die Augen vor solchen Alternativen verschlossen. Nat\u00fcrlich w\u00fcrdigen wir die gemeinsamen Erfolge, und dennoch beobachten wir recht passiv, wie die deutsch-polnischen Beziehungen in ein f\u00fcr beide Nationen sch\u00e4dliches Fahrwasser aus Abneigung und Vorurteilen geraten. Betrachten wir daher im Rahmen eines kleinen Gedankenexperiments einige m\u00f6gliche Szenarien.<\/p>\n<p>Meines Erachtens lassen sich grunds\u00e4tzlich vier Bereiche nennen, in denen eine solche Denkweise produktiv sein k\u00f6nnte: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Erinnerung.<\/p>\n<blockquote><p>Wir schreiben das Jahr 2026, dunkle Wolken und entsprechende Nachrichten bedr\u00fccken viele von uns. K\u00f6nnte es auch anders sein?<\/p><\/blockquote>\n<p>Seit einigen Jahren erleben wir eine Art Beschw\u00f6rungspolitik: wie gut unsere Beziehungen seien, wie viel Positives sich in ihnen ereignet habe und weiterhin ereigne, wie viele gemeinsame Projekte wir umsetzten \u2026 Die Regierungen treffen sich, die Ministerien vereinbaren Fahrpl\u00e4ne. Und doch schwebt \u00fcber all dem der Titel eines Podcasts \u2013 \u201eDeutschland in Tr\u00fcmmern\u201c.<\/p>\n<p>Nota bene: In Deutschland bin ich auf keinen Podcast \u00fcber Polen gesto\u00dfen, der in einem vergleichbaren Ton gehalten gewesen w\u00e4re. Wenn \u00fcberhaupt Beitr\u00e4ge \u00fcber unser Land erscheinen, handelt es sich eher um sachliche Informationen \u00fcber Polen, seine Gesellschaft und Wirtschaft sowie \u00fcber die Entwicklung der wechselseitigen Beziehungen.<\/p>\n<p>Wenn man bei uns also davon ausgeht, dass Deutschland in Tr\u00fcmmern liegt, warum sollten wir ihm nicht helfen? Das w\u00e4re in der Tat eine spektakul\u00e4re Umkehr der bisherigen Rollen. Etwas, das unseren Nationalstolz betr\u00e4chtlich st\u00e4rken k\u00f6nnte (schlie\u00dflich kann man ihn nicht ewig von vergangenen Niederlagen, also moralischen Siegen, n\u00e4hren).<\/p>\n<h2>Mehr Nachbarschaft, weniger Tagespolitik<\/h2>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re eine st\u00e4rkere bilaterale T\u00e4tigkeit polnischer politischer Stiftungen. Sie k\u00f6nnten unseren westlichen Nachbarn h\u00e4ufiger mit den Problemen Europas, der Demokratie und nat\u00fcrlich auch mit den deutsch-polnischen Beziehungen vertraut machen. Sie k\u00f6nnten gro\u00dfz\u00fcgig Stipendien finanzieren und Publikationen oder Portale f\u00f6rdern, die sich an ein deutsches Publikum richten. Solche Stiftungen gibt es bereits, neue m\u00fcssten also nicht gegr\u00fcndet werden. Eine Umwidmung eines Teils der Mittel, die seit Jahren so gro\u00dfz\u00fcgig an Institute flie\u00dfen, die in den Dienst der Geschichtspolitik gestellt wurden, w\u00fcrde zwar politische Entschlossenheit erfordern \u2013 aber nehmen wir in unserem Traum einfach einmal an, dass die Entscheidungstr\u00e4ger keine Weicheier sind.<\/p>\n<div id=\"attachment_86850\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86850\" class=\"size-large wp-image-86850\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-300x169.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-768x432.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/pexels-ana-benet-8243130-scaled-e1790341285286-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-86850\" class=\"wp-caption-text\">Sich vorzustellen, wie die deutsch-polnischen Beziehungen auch aussehen k\u00f6nnten, er\u00f6ffnet neue Perspektiven \u2013 und vielleicht auch neue Wege f\u00fcr ihre Zukunft.<br \/>Foto: Ana Benet\/Pexels<\/p><\/div>\n<p>Das wirtschaftlich prosperierende Polen k\u00f6nnte ebenfalls das schw\u00e4chelnde Deutschland unterst\u00fctzen. Alles im Namen guter Nachbarschaft und der Stabilit\u00e4t Europas. Was f\u00fcr eine Genugtuung w\u00e4re das! \u00dcber Jahrzehnte haben wir von der deutschen Infrastruktur profitiert \u2013 und tun es noch immer. Warum also nicht Kredite f\u00fcr die Sanierung eben dieser Autobahnen und die Modernisierung des Eisenbahnnetzes anbieten? Wenn wir selbst erst k\u00fcrzlich die \u201el\u00e4ngste Treppe des modernen Europas\u201c auf der A4 losgeworden sind, k\u00f6nnen wir nun auch die Sanierung der Bahnstrecke nach Berlin stemmen. Die Opfer der bisherigen permanenten Versp\u00e4tungen w\u00fcrden t\u00e4glich in mehreren Sprachen Dankgebete an uns richten.<\/p>\n<p>Eine weitere Herausforderung ist die Situation der Polen in Deutschland und der Deutschen in Polen. Notwendig ist nicht nur der Dialog \u2013 der zunehmend ritualisiert wird \u2013, sondern auch ein engerer allt\u00e4glicher Austausch und gemeinsame Arbeit. Doch woher sollen die Mittel daf\u00fcr kommen? Polen in Deutschland und Deutsche in Polen sowie alle interessierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger beider L\u00e4nder k\u00f6nnten freiwillig jedes Jahr einige symbolische Euro in einen gemeinsamen zivilgesellschaftlichen Bildungsfonds einzahlen \u2013 von Geschichte bis zur Sprache des Nachbarn. Ein zus\u00e4tzlicher Vorteil w\u00e4re, dass diese Aktivit\u00e4ten dem Einfluss der tagespolitischen Scharm\u00fctzel entzogen w\u00fcrden.<\/p>\n<h2>Der Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit<\/h2>\n<p>Und wenn wir schon bei der Geschichte sind \u2026 Vielleicht sollten wir endlich eine sogenannte m\u00e4nnliche Entscheidung treffen und den Zweiten Weltkrieg mitsamt seinen materiellen Folgen f\u00fcr beendet erkl\u00e4ren? Die Regelung von Reparationsfragen kommt \u00fcber Wunschdenken nicht hinaus (was die Kenner der Materie ja von Anfang an vorausgesagt haben!) und wird das Reich der Illusionen und die Heimat der verlorenen Milliardensummen wohl nicht verlassen.<\/p>\n    <section class=\"newsy-widget\">\n        \n                                \n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/afd-wahlsieg-in-sachsen-anhalt-kann-eine-landtagswahl-die-deutsch-polnischen-beziehungen-beeintraechtigen\/\">\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/2026_AfD_Ulrich_Siegmund_160704907-150x150.jpg\" alt=\"Kann eine Landtagswahl die deutsch-polnischen Beziehungen beeintr\u00e4chtigen?\">\n                            <\/div>\n            <div class=\"newsy-card-text\">\n            \t\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt<\/span>\n                                      \t\n            \t\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Kann eine Landtagswahl die deutsch-polnischen Beziehungen beeintr\u00e4chtigen?<\/h3>\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\n            <\/div>\n        <\/a>\n            <\/section>\n    \n    <section class=\"newsy-widget\">\n        \n                                \n        <a class=\"newsy-card\" href=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nachbarschaft-verpflichtet-der-schlesier-in-warschau\/\">\n            <div class=\"newsy-card-thumb\">\n                                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/vernissage-150x150.jpg\" alt=\"Der Schlesier in Warschau\">\n                            <\/div>\n            <div class=\"newsy-card-text\">\n            \t\n                            <span class=\"slider-subtitle\" style=\"font-size: 0.7rem !important; text-transform: uppercase !important;\">Nachbarschaft verpflichtet<\/span>\n                                      \t\n            \t\n                <h3 class=\"newsy-card-title\">Der Schlesier in Warschau<\/h3>\n                <span class=\"newsy-card-more\">Mehr lesen &rarr;<\/span>\n            <\/div>\n        <\/a>\n            <\/section>\n    \n<p>Wenn die noch lebenden polnischen Opfer der deutschen Besatzung nicht auf Unterst\u00fctzung aus dem angeblich in Tr\u00fcmmern liegenden Deutschland warten k\u00f6nnen, k\u00f6nnte Polen sie selbst, ohne weitere, inzwischen doch recht peinliche Appelle an den westlichen Nachbarn, auf ehrenvolle Weise unterst\u00fctzen. Wir k\u00f6nnen uns das nicht leisten? Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir es. Alte und kranke Menschen zu Geiseln der politischen Handlungsunf\u00e4higkeit zu machen, widerspricht unserem eigenen Selbstbild. Sollen wir f\u00fcr deutsche Verbrechen bezahlen? Nat\u00fcrlich nicht. Wir k\u00fcmmern uns lediglich um die Opfer, um deren Schicksal sich unsere Politiker von rechts bis links angeblich so gro\u00dfe Sorgen machen.<\/p>\n<p>Diejenigen Leserinnen und Leser, die sich \u00fcber meine Fantasien emp\u00f6rt haben, kann ich beruhigen. Es handelt sich lediglich um die frommen W\u00fcnsche eines einzelnen Historikers. Daraus wird nichts werden. An den Spitzen der politischen F\u00fchrung beider L\u00e4nder sucht man wohl vergeblich nach Pers\u00f6nlichkeiten vom Format jener historischen Gestalten, die die Geschichte der deutsch-polnischen Verst\u00e4ndigung und Vers\u00f6hnung gepr\u00e4gt haben. Wenn nicht die Politiker \u2013 vielleicht dann die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger?<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\n                <div class=\"osoba-body\">\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\n                        <div class=\"osoba-image\">\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\n                            <\/div>\n                    <\/div>\n    <\/div>\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnten die deutsch-polnischen Beziehungen aussehen, wenn wir vertraute Denkmuster verlassen und auch einmal andere Wege denken? 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