{"id":86804,"date":"2026-09-26T05:00:34","date_gmt":"2026-09-26T03:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=86804"},"modified":"2026-09-25T15:49:39","modified_gmt":"2026-09-25T13:49:39","slug":"echte-schlesische-happen-tomatensuppe-auf-schlesische-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-tomatensuppe-auf-schlesische-art\/","title":{"rendered":"Zwischen Heim, H\u00fctte und Stadttafel: Tomatensuppe auf schlesische Art"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Tomatensuppe erscheint uns heute als eines der vertrautesten Gerichte und erinnert an das Sonntagsessen, an Reis oder Nudeln und an jenen Geschmack, den man seit den Kindertagen kennt. Ihre Geschichte in Schlesien f\u00fchrt jedoch in eine etwas andere Richtung: in die Arbeiterst\u00e4dte, die Werksk\u00fcchen, Volksk\u00fcchen, Restaurants und Haushaltungsschulen. In den alten schlesischen St\u00e4dten war die Tomate l\u00e4ngst nicht mehr blo\u00df eine Kuriosit\u00e4t oder eine Beigabe zum Salat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielt sie immer deutlicher Einzug in den t\u00e4glichen Speisezettel.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Zeugnis dieses kulinarischen Wandels bietet unter anderem die Zeitschrift \u201eSilesia\u201c aus dem Jahre 1914. In dem dort ver\u00f6ffentlichten Beitrag wird bemerkt, da\u00df Tomaten \u201eauf die verschiedenste Weise\u201c zubereitet w\u00fcrden: roh, gekocht und gebraten, und da\u00df ihre Zahl der Freunde von Tag zu Tag zunehme. Man konnte sie ganz einfach \u2013 nur mit Salz und Pfeffer bestreut \u2013 auftragen oder mit Mayonnaise reichen. Ebenso erschienen sie in vornehmeren Zusammenstellungen: mit hartgekochten Eiern, die auf einer Sch\u00fcssel rings um die Tomaten angeordnet und von Salatbl\u00e4ttern umgeben wurden. Eine noch feinere Abart waren mit Sardellen und Mayonnaise gef\u00fcllte Tomaten.<\/p>\n<div id=\"attachment_86814\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86814\" class=\"size-full wp-image-86814\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse.png\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse.png 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Tomatensuppe-in-der-Presse-1536x864.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-86814\" class=\"wp-caption-text\">\u201eTomatensuppe\u201c in der alten Presse \u2013 von der vegetarischen K\u00fcche bis zur Suppe mit Reis und Fleischeinlage. Schlesische Rezepte aus den Jahren 1928\u20131939. Dazu noch eine Prise Humor.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Bemerkenswert ist, da\u00df die Tomate in demselben Beitrag auch zum Bestandteil eines Gerichtes wird, das wir heute als ausgesprochen h\u00e4uslich empfinden w\u00fcrden \u2013 der Suppe. Das aus den Tomaten herausgenommene Mark sollte keineswegs verloren gehen. Am folgenden Tage verwendete man es zur Bereitung einer Tomatensuppe. Die Tomaten wurden mit Bouillon gekocht, durch ein Sieb gestrichen und mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt. Dazu kamen auf dem Teller ger\u00f6stete Brotw\u00fcrfel und, nach Belieben, etwas fein gehackte Petersilie. Hier zeigt sich eine ausgesprochen praktische Auffassung vom Kochen: Nichts soll verloren gehen, vielmehr sollen die \u00dcberreste eines Gerichtes zur Bereitung des n\u00e4chsten Verwendung finden.<\/p>\n<blockquote><p>Die Geschichte der Tomatensuppe ist nicht allein die Geschichte eines Gerichtes, sondern auch die Geschichte der schlesischen K\u00fcche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.<\/p><\/blockquote>\n<h2>Tomatensuppe in der Haushaltungsschule<\/h2>\n<p>Die Tomaten gelangten dabei nicht nur in die privaten K\u00fcchen. Ein wichtiger Ort ihrer kulinarischen Ausbildung waren die Haushaltungsschulen. In Zabrze hatte die Verwaltung der Donnersmarckh\u00fctte eine Reihe sozialer Einrichtungen geschaffen, zu denen auch eine Koch- und Haushaltungsschule geh\u00f6rte. Dort wurden vor allem die T\u00f6chter der Arbeiter in den Fertigkeiten unterrichtet, die zur F\u00fchrung eines Haushaltes erforderlich waren. Der erhaltene Bericht \u00fcber die Pr\u00fcfung vom 30. September 1907 zeigt, welchen Rang man dort der Kochkunst beima\u00df. Die Sch\u00fclerinnen bereiteten ein mehrg\u00e4ngiges Mahl, das bei den geladenen G\u00e4sten Anerkennung fand. Unter den gereichten Speisen befand sich Tomatensuppe mit ger\u00f6steten Brotw\u00fcrfeln, daneben Hammelbraten, Blumenkohl mit holl\u00e4ndischer Sauce und Salzkartoffeln sowie ein Gericht aus Buttermilch. An anderen Tischen reichten die Sch\u00fclerinnen unter anderem Bohnensuppe, Entenbraten, Rotkohl, Erbsensuppe mit Kl\u00f6\u00dfchen, Wiener Schnitzel und Paprikaschnitzel, Gem\u00fcse, Kompott und Eis.<\/p>\n<div id=\"attachment_86810\" style=\"width: 1264px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86810\" class=\"size-full wp-image-86810\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Haushaltungsschule.png\" alt=\"\" width=\"1254\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Haushaltungsschule.png 1254w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Haushaltungsschule-300x258.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Haushaltungsschule-1024x882.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Haushaltungsschule-768x661.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1254px) 100vw, 1254px\" \/><p id=\"caption-attachment-86810\" class=\"wp-caption-text\">Hier lernte man kochen und haushalten: die Haushaltungsschule der Donnersmarckh\u00fctte in Hin-denburg, 1938.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Die Tomatensuppe war also keineswegs eine zuf\u00e4llige Erscheinung. Sie geh\u00f6rte sowohl in die allt\u00e4gliche K\u00fcche als auch in jene K\u00fcche, die gutes, vern\u00fcnftiges und sparsames Wirtschaften lehren sollte. In der Hindenburger Schule konnte sich das hergebrachte Bild der t\u00fcchtigen Hausfrau mit neuen Erzeugnissen und Rezepten verbinden. Die Tomatensuppe mit ger\u00f6steten Brotw\u00fcrfeln f\u00fcgte sich trefflich in diese Welt: Sie war nahrhaft, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig einfach zuzubereiten und bot doch Gelegenheit, die Kunstfertigkeit der K\u00f6chin zu zeigen.<\/p>\n<p>Am anderen Ende des st\u00e4dtischen Lebens stand das Restaurant. In Gleiwitz kam die Tomatensuppe auch im \u201eCasino-Weinhaus\u201c, Wilhelmstrasse 34, auf den Tisch \u2013 einer gro\u00dfen Weinwirtschaft, die sich in einem Eckhaus an der Wilhelm- und Kreidestrasse befand. Das Lokal verf\u00fcgte \u00fcber Gastr\u00e4ume, Klubzimmer, einen Speisesaal, vermietbare Zimmer sowie eine ger\u00e4umige Eckveranda mit Tischen. Nach dem Umbau und der Modernisierung im Jahre 1912 geh\u00f6rte es zu den bedeutenderen Lokalen der Stadt.<\/p>\n<div id=\"attachment_86812\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86812\" class=\"size-full wp-image-86812\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz.png\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz.png 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz-300x169.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz-1024x576.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz-768x432.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Canva-Casino-Weinhaus-Gleiwitz-1536x864.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-86812\" class=\"wp-caption-text\">Zu Gast am Stadttisch: Tomatensuppe im Gleiwitzer \u201eCasino-Weinhaus\u201c.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Die Tomatensuppe \u00fcberschritt somit die Grenzen von Stand und Lebensgewohnheit. Sie konnte ebenso auf der Speisekarte eines Restaurants stehen wie in der K\u00fcche einer Schule f\u00fcr Arbeiterst\u00f6chter. Sie konnte mit feinen Beigaben zubereitet werden oder auf \u00e4u\u00dferst sparsame Weise, unter Verwendung dessen, was von einer vorherigen Speise \u00fcbriggeblieben war.<\/p>\n<h2>Ein Rezept aus dem Jahr 1937<\/h2>\n<p>Einige Jahrzehnte sp\u00e4ter, im Jahre 1937, empfahl die \u201eKattowitzer Zeitung\u201c eine kr\u00e4ftige Tomatensuppe mit Grie\u00dfkl\u00f6\u00dfchen. Das Rezept erlaubt beinahe einen unmittelbaren Blick in die damalige K\u00fcche. Die Grundlage bildete eine hellbraune Mehlschwitze aus 40 Gramm Butter und 20 Gramm Mehl, die mit Tomatenwasser und einem halben Liter Rahm oder Milch verr\u00fchrt wurde. Sodann gab man gekochten Reis und St\u00fcckchen gekochter Makkaroni hinzu. Vier Tomaten wurden in d\u00fcnne Scheiben geschnitten, in Butter ged\u00fcnstet, mit Salz und etwas Zitronensaft abgeschmeckt und gaben der Suppe den letzten Geschmack.<\/p>\n<p>Die interessanteste Beigabe aber waren die Grie\u00dfkl\u00f6\u00dfchen. Man bereitete sie aus \u00bc Liter Milch, 60 Gramm Butter und Grie\u00df; nach dem Erkalten wurde die Masse mit einem Ei, Salz, Muskatnu\u00df und gehackter Petersilie vermengt. Aus kleinen Portionen formte man Kl\u00f6\u00dfchen, lie\u00df sie f\u00fcnf bis sechs Minuten in Salzwasser sieden und gab sie erst dann in die hei\u00dfe Suppe.<\/p>\n<div id=\"attachment_86808\" style=\"width: 847px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86808\" class=\"size-full wp-image-86808\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Volkskueche.png\" alt=\"\" width=\"837\" height=\"687\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Volkskueche.png 837w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Volkskueche-300x246.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Donnersmarckhuette-1938-Volkskueche-768x630.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 837px) 100vw, 837px\" \/><p id=\"caption-attachment-86808\" class=\"wp-caption-text\">An den gro\u00dfen Kesseln: die \u201eVolksk\u00fcche\u201c der Donnersmarckh\u00fctte und der Alltag im alten Hin-denburg.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Auf einer der erhaltenen Fotografien sehen wir noch einen anderen Ort der damaligen Gemeinschaftsverpflegung \u2013 die \u201eVolksk\u00fcche\u201c, die bei der Donnersmarckh\u00fctte im damaligen Zabrze betrieben wurde. Frauen in hellen Sch\u00fcrzen arbeiten an gro\u00dfen T\u00f6pfen und K\u00fcchentischen. Es ist das Bild einer Welt, in der das Kochen nicht allein eine h\u00e4usliche T\u00e4tigkeit am Herd war. Die K\u00fcche konnte zugleich ein Ort der Arbeit, der Ausbildung, der F\u00fcrsorge und der Verpflegung einer gr\u00f6\u00dferen Zahl von Menschen sein.<\/p>\n<h2>Eine Suppe zwischen Alltag und Wandel<\/h2>\n<p>Und gerade in dieser Landschaft des alten Schlesien gewinnt die Tomatensuppe eine besondere Bedeutung. Sie ist noch nicht ausschlie\u00dflich jene \u201eSuppe aus der Kindheit\u201c, als die wir sie heute kennen. Sie ist vielmehr ein Zeugnis des Wandels in den Ern\u00e4hrungsgewohnheiten der Bewohner der sich entwickelnden Industriest\u00e4dte. Ihre Geschichte ist daher nicht allein die Geschichte eines Gerichtes, sondern auch die Geschichte der schlesischen K\u00fcche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert \u2013 einer K\u00fcche, in der sich \u00dcberlieferung, Sparsamkeit, neue Erzeugnisse, Arbeiterkost sowie die Anspr\u00fcche der b\u00fcrgerlichen Tafel begegneten. Und \u00fcber all dem lag der Duft von Tomaten, Butter, frisch gemahlenem Pfeffer und hei\u00dfer Bouillon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tomatensuppe erscheint uns heute als eines der vertrautesten Gerichte und erinnert an das Sonntagsessen, an Reis oder Nudeln und an jenen Geschmack, den man seit den Kindertagen kennt. Ihre Geschichte in Schlesien f\u00fchrt jedoch in eine etwas andere Richtung: in die Arbeiterst\u00e4dte, die Werksk\u00fcchen, Volksk\u00fcchen, Restaurants und Haushaltungsschulen. 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