{"id":86384,"date":"2026-09-18T15:30:59","date_gmt":"2026-09-18T13:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=86384"},"modified":"2026-09-18T17:59:40","modified_gmt":"2026-09-18T15:59:40","slug":"sprache-als-pruefstein-europaeischer-minderheitenpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/sprache-als-pruefstein-europaeischer-minderheitenpolitik\/","title":{"rendered":"Sprache als Pr\u00fcfstein europ\u00e4ischer Minderheitenpolitik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der 70. Kongress der F\u00f6deralistischen Union Europ\u00e4ischer Volksgruppen (FUEN) findet in diesem Jahr in Helsinki statt. Das Schwerpunktthema 2026 lautet Sprache und damit eine Frage, die f\u00fcr viele der \u00fcber 100 Mitgliedsorganisationen der FUEN existenziell ist.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Finnland als Beispiel f\u00fcr gelebte Zweisprachigkeit<\/h2>\n<p>Gastgeberland Finnland liefert dabei selbst ein Beispiel: Obwohl die schwedischsprachige Minderheit nur rund f\u00fcnf Prozent der Gesamtbev\u00f6lkerung ausmacht, genie\u00dfen Finnisch und Schwedisch gleichen offiziellen Status. Finnland zeigt damit, dass zwei Sprachen nebeneinander bestehen k\u00f6nnen, ohne dass dies den nationalen Zusammenhalt schw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet wurde der Kongress von Daniel Sazonov, B\u00fcrgermeister von Helsinki, Henrik Wickstr\u00f6m, Abgeordneter und Vorsitzender des Folktinget, sowie FUEN-Pr\u00e4sidentin Olivia Schubert. In ihrer Er\u00f6ffnungsrede griff Schubert ein Bild der nordischen Landschaft auf, um die Lage der europ\u00e4ischen Minderheiten zu beschreiben: \u201eWer durch die nordische Landschaft reist, erkennt schnell ein charakteristisches Bild: unz\u00e4hlige Inseln, \u00fcber das Meer verstreut, f\u00fcr sich stehend und doch verbunden durch das Wasser, das sie umgibt. Dieses Bild spiegelt Europas nationale Minderheiten auf perfekte Weise wider. Jede Gemeinschaft verf\u00fcgt \u00fcber ihre eigene Sprache, Geschichte und Identit\u00e4t, und doch sind wir durch gemeinsame Werte und Solidarit\u00e4t miteinander verbunden.\u201c Sie erinnerte zugleich an die Minority-SafePack-Initiative, die mehr als eine Million Menschen mobilisiert und das Thema Minderheitenschutz fest auf der europ\u00e4ischen Agenda verankert habe \u2013 auch wenn der politische Prozess nicht zu den erhofften Ergebnissen gef\u00fchrt habe, blieben deren Ziele weiterhin Leitprinzipien der FUEN-Arbeit.<\/p>\n<p>Auch Henrik Wickstr\u00f6m betonte in seiner Rede die besondere Symbolik des Tagungsortes: Helsinki sei eine lebendige zweisprachige Hauptstadt, in der Schwedisch und Finnisch Seite an Seite bestehen, was ein Sinnbild f\u00fcr Offenheit und grenz\u00fcberschreitende Verst\u00e4ndigung darstelle. Der Schutz von Minderheitensprachen sei angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und Migration heute wichtiger denn je, so Wickstr\u00f6m, denn ohne aktive Unterst\u00fctzung und rechtlich verankerten Schutz k\u00f6nnten kleinere Sprachen zunehmend ihren Platz in Bildung, \u00f6ffentlichem Raum und digitaler Welt verlieren.<\/p>\n<h2>Minderheitensprachen in der digitalen Welt<\/h2>\n<p>Sprache, so der Tenor der Er\u00f6ffnung, m\u00fcsse in Schulen, Rath\u00e4usern, Krankenh\u00e4usern und zunehmend auch im digitalen Raum \u2013 etwa bei Spracherkennung und K\u00fcnstlicher Intelligenz \u2013 gelebt werden, nicht nur auf dem Papier existieren. Gerade bei digitalen Anwendungen zeigen sich neue H\u00fcrden f\u00fcr Minderheitensprachen, etwa bei Spracherkennungssoftware oder Schreibprogrammen. Die FUEN pl\u00e4diert daher f\u00fcr eine langfristige europ\u00e4ische Minderheitenstrategie, die nicht von der Gr\u00f6\u00dfe oder dem Grad der Repr\u00e4sentation einer Gruppe abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die deutsche Minderheit in Polen wird beim Kongress durch Rafa\u0142 Bartek vertreten, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen. Zum diesj\u00e4hrigen Sprachenschwerpunkt sagte er: \u201eGerade f\u00fcr die deutsche Minderheit, wo die Sprache, das Spracherlernen, das Sprachpflegen viele Jahre verboten war, spielt das nat\u00fcrlich umso eine wichtige Rolle heutzutage, wo sie einfach gef\u00e4hrdet ist, wo die Zukunft dieser Sprache gef\u00e4hrdet ist.\u201c Er verwies zugleich auf den europ\u00e4ischen Austausch als Chance: Man k\u00f6nne \u201ewirklich nur von anderen L\u00e4ndern lernen\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_86392\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86392\" class=\"size-full wp-image-86392\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-scaled.jpg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1673-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-86392\" class=\"wp-caption-text\">Der Kongress findet ganz zentral beim Hafen von Helsinki statt.<br \/>Foto: Andrea Polanski<\/p><\/div>\n<p>Ein zentraler Programmpunkt war die erste Podiumsdiskussion zum Thema Sprachplanung im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk und bei Minderheitensprachen. Auf dem Panel sa\u00dfen Stanis\u0142aw Wolny, stellvertretender Direktor von TVP3 Oppeln, Marit af Bj\u00f6rkesten, Intendantin des finnischen Rundfunks YLE, Daniela Dra\u0161tata, Chefredakteurin beim kroatischen Rundfunk HRT, sowie Bogna Koreng, Redakteurin beim MDR. Als positives Beispiel daf\u00fcr, wie Minderheiten eigene Medienformate gestalten k\u00f6nnen, wurde das Format \u201eSchlesien Journal\u201c vorgestellt.<\/p>\n<p>Rafa\u0142 Bartek ordnete die mediale Aufmerksamkeit f\u00fcr dieses Thema als wichtiges Signal ein: \u201eDie Tatsache, dass dies hier registriert und wahrgenommen wird, ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass man diesen Weg offen und offensiv angehen muss, wenn man im Sinne von Sprachen und Kulturen wirklich etwas gewinnen m\u00f6chte.\u201c Besonders begr\u00fc\u00dfte er, dass die Diskussion nicht beim Status quo stehen blieb, sondern auch die Frage aufwarf, wie junge Menschen erreicht werden k\u00f6nnen, die zunehmend weder klassisches Radio noch traditionelles Fernsehen nutzen und auch nicht zwangsl\u00e4ufig \u00fcber YouTube erreichbar sind: \u201eWie findet man Jugendliche, und wo? Man muss sie mitnehmen und in die Medienlandschaft einbeziehen und daf\u00fcr begeistern.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_86388\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86388\" class=\"size-full wp-image-86388\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-scaled.jpg 1920w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-768x1024.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_1703-2-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><p id=\"caption-attachment-86388\" class=\"wp-caption-text\">VdG-Vorsitzender Rafa\u0142 Bartek vertritt die Deutschen aus Polen beim FUEN-Kongress in Helsinki. Foto: Andrea Polanski<\/p><\/div>\n<h2>Sprache als gesellschaftlicher Mehrwert<\/h2>\n<p>Auch die gesellschaftliche Dimension von Mehrsprachigkeit sprach Bartek an. Minderheitensprachen seien kein Vorteil, der nur der jeweiligen Minderheit selbst zugutekomme: \u201eMinderheiten und ihre Sprachen sind ein Mehrwert f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft, in der sie lebt. Ich glaube, dieses Verst\u00e4ndnis ist zu wenig ausgepr\u00e4gt \u2013 nicht nur in Polen, auch in anderen L\u00e4ndern Europas sprechen wir zu wenig dar\u00fcber. Der erleichterte Zugang zu einer weiteren Sprache durch die Minderheit kann auch eine Bereicherung f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft bedeuten.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiteres Podium widmete sich der Sprachplanung im Sozial- und Gesundheitswesen \u2013 einem Bereich, in dem sprachliche Barrieren besonders unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag der Menschen haben. Bis Sonntag stehen zudem Themen wie \u201eGrenzen im Netz und Marken ohne Grenzen\u201c auf dem Programm, bei denen es um Geoblocking, den digitalen Binnenmarkt sowie das Spannungsfeld zwischen Verbraucherschutz und Markenmacht geht \u2013 inklusive eines R\u00fcckblicks darauf, wie sich die Lage seit dem FUEN-Kongress 2025 ver\u00e4ndert hat, bei dem ein Fokus auf Geoblocking gelegt wurde. Erg\u00e4nzt wird das Programm durch Treffen der FUEN-Arbeitsgemeinschaften, Studienbesuche bei Schulen und beim Rundfunk sowie die abschlie\u00dfende FUEN-Delegiertenversammlung.<\/p>\n<p>Der Kongress in Helsinki macht damit deutlich: Sprachpolitik f\u00fcr Minderheiten ist l\u00e4ngst keine reine Bewahrungsfrage mehr. Sie betrifft digitale Teilhabe, mediale Sichtbarkeit, junge Generationen und letztlich das Selbstverst\u00e4ndnis ganzer Gesellschaften \u2013 weit \u00fcber die jeweilige Minderheit hinaus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 70. 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