{"id":86271,"date":"2026-09-19T05:00:00","date_gmt":"2026-09-19T03:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=86271"},"modified":"2026-09-19T08:16:42","modified_gmt":"2026-09-19T06:16:42","slug":"echte-schlesische-happen-altes-wissen-rund-um-den-essig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/echte-schlesische-happen-altes-wissen-rund-um-den-essig\/","title":{"rendered":"Vom schlesischen Ferment: Altes Wissen rund um den Essig"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt Dinge in der K\u00fcche, die auf den ersten Blick keine gro\u00dfe Geschichte zu verdienen scheinen. Essig. Ein paar Flaschen im Regal, vielleicht ein Glas irgendwo in der Ecke der Speisekammer. Eine saure Fl\u00fcssigkeit, mit der wir Salate betr\u00e4ufeln, Marinaden w\u00fcrzen oder Gurken einlegen. Und doch gen\u00fcgt ein Blick in die Geschichte des Essigs, um zu entdecken, dass er zu jenen K\u00fcchenprodukten geh\u00f6rt, die viel mehr erz\u00e4hlen, als man zun\u00e4chst vermuten w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf unserem K\u00fcchentisch stehen einige Flaschen mit selbstgemachten Essigen. Jeder ist ein wenig anders: eine andere Farbe, eine andere Klarheit, ein anderer Duft und \u2013 was am wichtigsten ist \u2013 eine andere Geschichte, die in ihm eingeschlossen ist. Sie haben ihren eigenen Charakter, manchmal etwas Bodensatz, manchmal eine zarte Tr\u00fcbung. Auf die Etiketten schreibe ich, was sich in den Flaschen befindet. Und vielleicht gerade deshalb mag ich sie lieber als die vollkommen klaren, gleichf\u00f6rmigen Flaschen aus dem Supermarkt. Diese Essige leben.<\/p>\n<h2>Essig mit Geschichte<\/h2>\n<p>Essig war seit jeher ein au\u00dferordentlich praktisches Produkt. In einem alten schlesischen Haushalt wurde er nicht nur in der K\u00fcche verwendet: Er diente zur Zubereitung von Salaten und Speisen, zum Konservieren von Fleisch und Wintervorr\u00e4ten, aber auch zum Reinigen und Desinfizieren. Alte Kochb\u00fccher beschr\u00e4nkten sich dabei keineswegs auf Weinessig. Sie erkl\u00e4rten, dass man Essig unter anderem aus Wein, Weingeist, Gerstenmalz, saurem Bier, Obstweinen, zerkleinerten Fr\u00fcchten, Honig, Zuckersirup und sogar aus Karotten oder Kartoffeln gewinnen konnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_86274\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86274\" class=\"size-full wp-image-86274\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-das-saure-buch-Zbior-przepisow-wykorzystujacych-wyroby-firmy-Streckenbach-i-Heinemann-Nadodrze-Kurkowa-32.png\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"797\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-das-saure-buch-Zbior-przepisow-wykorzystujacych-wyroby-firmy-Streckenbach-i-Heinemann-Nadodrze-Kurkowa-32.png 625w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-das-saure-buch-Zbior-przepisow-wykorzystujacych-wyroby-firmy-Streckenbach-i-Heinemann-Nadodrze-Kurkowa-32-235x300.png 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><p id=\"caption-attachment-86274\" class=\"wp-caption-text\">Die Firma Streckenbach &amp; Heinemann gab eine Rezeptsammlung heraus, in der die eigenen Weinessige, Essigsprit, Mostriche und Speise\u00f6l Verwendung fanden. 1920\u20131944<br \/>Quelle: polska-org.pl<\/p><\/div>\n<p>Faszinierend ist, wie sehr die heutige Begeisterung f\u00fcr die Fermentation zu Hause an die alte b\u00e4uerliche Haushaltskultur erinnert. Heute sprechen wir von Zero Waste, von der Verwertung von Resten, Regionalit\u00e4t und der eigenen Herstellung von Lebensmitteln. Unsere Vorfahren wussten dagegen ganz selbstverst\u00e4ndlich, dass nichts Wertvolles verschwendet werden sollte. Fallobst, unreife Fr\u00fcchte oder ein \u00dcberschuss der Ernte konnten als Essig ein zweites Leben bekommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_86281\" style=\"width: 1285px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86281\" class=\"size-full wp-image-86281\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-wydtwornia-octow-Budynek_nr_9_dawny_ul_Szkolna_Legnica_-Karta-pocztowa-Liegnitz-col.png\" alt=\"\" width=\"1275\" height=\"832\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-wydtwornia-octow-Budynek_nr_9_dawny_ul_Szkolna_Legnica_-Karta-pocztowa-Liegnitz-col.png 1275w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-wydtwornia-octow-Budynek_nr_9_dawny_ul_Szkolna_Legnica_-Karta-pocztowa-Liegnitz-col-300x196.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-wydtwornia-octow-Budynek_nr_9_dawny_ul_Szkolna_Legnica_-Karta-pocztowa-Liegnitz-col-1024x668.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/polska-org-pl-wydtwornia-octow-Budynek_nr_9_dawny_ul_Szkolna_Legnica_-Karta-pocztowa-Liegnitz-col-768x501.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1275px) 100vw, 1275px\" \/><p id=\"caption-attachment-86281\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte aus Liegnitz, verschickt am 12. Mai 1900. Ansicht der Essigfabrik der Firma G. H. K\u00fchn, Schulstra\u00dfe 9 (heute ul. Szkolna), sowie der Probierstube. Kolorierte Aufnahme.<br \/>Quelle: polska-org.pl<\/p><\/div>\n<p>Auch in Schlesien war Essig keineswegs nur ein Produkt, das nebenbei hergestellt wurde. Nach den alten Quellen spezialisierten sich einzelne Regionen auf seine Herstellung, und hinter den Marken standen konkrete Namen. Erhaltene Inserate und Presseberichte zeigen, dass Essig ein tats\u00e4chlicher Bestandteil der regionalen Wirtschaft und des allt\u00e4glichen Handels war. Hinter jeder Flasche Essig stand einst ein Mensch. Sein Wissen, sein Fass, seine Fr\u00fcchte, sein Ort, die richtige Temperatur \u2013 und seine Geduld. Heute vergessen wir leicht, dass Geschmack auch eine Aufzeichnung der Zeit ist. Und gerade beim Essig spielt die Zeit eine grundlegende Rolle.<\/p>\n<h2>Die Fermentation kennt keinen Zeitdruck<\/h2>\n<p>Die Herstellung von Fruchtessig erforderte nach alten Rezepten viel Geduld. \u00c4pfel und Birnen mussten gr\u00fcndlich gewaschen, geputzt, zerkleinert und ausgepresst werden. Den gewonnenen Most lie\u00df man zun\u00e4chst in offenen F\u00e4ssern stehen und f\u00fcllte ihn sp\u00e4ter nur teilweise in Gef\u00e4\u00dfe um, damit ausreichend Luft an ihn gelangen konnte. Nach Abschluss der G\u00e4rung durfte der Essig noch viele Monate ruhen. Auf seiner Oberfl\u00e4che konnte sich eine charakteristische Haut bilden \u2013 die sogenannte Essigmutter.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Fermentation kennt jedoch kein \u201aJetzt sofort\u2018. Sie hat ihren eigenen Kalender.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Anstelle schwerer F\u00e4sser gibt es bei uns meine Gl\u00e4ser. Und vielleicht sind gerade sie der malerischste Teil des ganzen Vorhabens. Sie stehen in der K\u00fcche, in der Speisekammer oder im Keller, und ihr Inhalt ver\u00e4ndert sich langsam. Manchmal schaue ich neugierig hinein, manchmal auch ein wenig ungeduldig. Die Fermentation kennt jedoch kein \u201eJetzt sofort\u201c. Sie hat ihren eigenen Kalender.<\/p>\n<p>Meine Essigsaison beginnt im sp\u00e4ten Fr\u00fchjahr. Zuerst erscheinen die saftigen jungen Triebe der Nadelb\u00e4ume, dann Holunderbl\u00fcten, Lavendel, Bl\u00fctenbl\u00e4tter der Zuckerrose und die ersten \u00c4pfel. Im Herbst kommen Hagebutten und Wei\u00dfdorn an die Reihe \u2013 f\u00fcr mich der edelste Abschluss der Saison.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit beginnt die K\u00fcche anders zu duften. Sie ist nicht mehr nur der Ort, an dem Mahlzeiten zubereitet werden. Sie wird zu einem kleinen Fermentationslabor. Die Gl\u00e4ser stehen gut sichtbar da, und ihr Inhalt erinnert daran, dass Lebensmittel nicht immer innerhalb weniger Minuten entstehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_86276\" style=\"width: 1090px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86276\" class=\"size-full wp-image-86276\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Essig-1.png\" alt=\"\" width=\"1080\" height=\"1350\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Essig-1.png 1080w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Essig-1-240x300.png 240w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Essig-1-819x1024.png 819w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Essig-1-768x960.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px\" \/><p id=\"caption-attachment-86276\" class=\"wp-caption-text\">Die Essigfabriken im ehemaligen Schlesien warben f\u00fcr ihre Erzeugnisse in der lokalen Presse. Collage in Canva erstellt.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Meine Methode f\u00fcr selbstgemachten Essig ist einfach. Etwa zwei Drittel des Glases f\u00fclle ich mit den jeweiligen Zutaten \u2013 Fr\u00fcchten, Bl\u00fcten oder anderen Pflanzenteilen \u2013 und gie\u00dfe sie mit Honigwasser auf. Auf einen Liter abgekochtes lauwarmes Wasser kommen vier Essl\u00f6ffel Honig. Das Glas decke ich mit Gaze ab und r\u00fchre den Ansatz t\u00e4glich um. Dabei achte ich darauf, dass Fr\u00fcchte oder Pflanzenteile nicht \u00fcber die Fl\u00fcssigkeitsoberfl\u00e4che hinausragen. Sobald sie zu Boden gesunken sind, gie\u00dfe ich den Essig ab und lasse ihn sich kl\u00e4ren. Das kann unterschiedlich lange dauern: Manchmal gen\u00fcgen einige Tage, manchmal braucht es zwei Wochen. Danach filtere ich die Fl\u00fcssigkeit in Flaschen und bringe sie in den Keller, wo sie in aller Ruhe weiterreifen darf.<\/p>\n<p>Und genau dieses \u201ein aller Ruhe weiterreifen\u201c ist vielleicht das Wichtigste. In der heutigen K\u00fcche sind wir an Unmittelbarkeit gew\u00f6hnt. Wir wollen alles schnell haben: Brot in wenigen Minuten, eine Sauce aus dem fertigen Glas, Gem\u00fcse zu jeder Jahreszeit. Der Essig erinnert uns dagegen daran, dass sich manche Dinge nicht beschleunigen lassen, ohne ihren Charakter zu verlieren.<\/p>\n<p>Ich mag auch, dass ein selbstgemachter Essig nicht perfekt sein muss. Er darf leicht tr\u00fcb sein. Er darf Bodensatz haben. Je nach Jahr, Fr\u00fcchten und Bedingungen kann er eine andere Farbe annehmen. Jedes Glas ist ein kleines Experiment \u2013 und zugleich gr\u00fcndet es auf sehr altem Wissen.<\/p>\n<h2>Ein kulinarisches Tagebuch<\/h2>\n<p>Fr\u00fcher reiften Essige in Holzf\u00e4ssern, und auch die Holzart beeinflusste ihren Geschmack. Heute ist eine solche L\u00f6sung in einem kleinen Haushalt kaum vorstellbar \u2013 die Mengen w\u00e4ren schlicht zu gro\u00df. Gl\u00e4ser sind wesentlich praktischer und sehen dabei noch ausgesprochen sch\u00f6n aus. Sie k\u00f6nnen die Aufmerksamkeit unserer G\u00e4ste st\u00e4rker auf sich ziehen als so mancher dekorative Gegenstand.<\/p>\n<div id=\"attachment_86279\" style=\"width: 733px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86279\" class=\"size-large wp-image-86279\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260620_120653MJ-723x1024.png\" alt=\"\" width=\"723\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260620_120653MJ-723x1024.png 723w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260620_120653MJ-212x300.png 212w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260620_120653MJ-768x1088.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260620_120653MJ.png 922w\" sizes=\"auto, (max-width: 723px) 100vw, 723px\" \/><p id=\"caption-attachment-86279\" class=\"wp-caption-text\">Vom Duft der Rose bis zur Kraft der Hagebutte \u2013 aus fast allem l\u00e4sst sich ein eigener Essig zaubern.<br \/>Foto: Katarzyna Czarnecka<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich schaue also auf meine Flaschen und denke, dass Essig ein wenig wie ein kulinarisches Tagebuch ist. Er h\u00e4lt die Jahreszeit fest, die Pflanzen, die gerade gebl\u00fcht haben, die Fr\u00fcchte, die wir im Garten oder bei einem Spaziergang gesammelt haben \u2013 und auch unsere eigene Geduld. Die eine Flasche erinnert an den Sommer, die andere an den Herbst. Eine duftet nach Bl\u00fcten, eine andere nach Fr\u00fcchten. Jede hat ihre eigene Verwendung, aber keine ist blo\u00df eine saure Zugabe zum Salat. Denn ein guter Essig kann aus einem einfachen Gericht etwas ganz Besonderes machen. Ein paar Tropfen \u00fcber ger\u00f6stetes Gem\u00fcse, in eine Sauce, Marinade, einen Salat oder eine Suppe k\u00f6nnen den Geschmack heben und Aromen hervorholen, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Essig sollte nicht dominieren. Er sollte der letzte Akzent sein \u2013 wie ein Pinselstrich, der einem Bild pl\u00f6tzlich Tiefe verleiht.<\/p>\n<p>Vielleicht sehe ich deshalb so gerne auf diese Flaschen. Sie sind ein wenig Labor, ein wenig Speisekammer und ein wenig Erinnerung an ein altes Zuhause. Sie erinnern mich daran, dass eine K\u00fcche nicht immer mit einem Rezept beginnen muss. Manchmal beginnt sie mit der Frage: Was kann ich aus dem machen, was ich gerade habe?<\/p>\n<p>Und die Antwort kann einige Monate brauchen. Genau deshalb lehrt uns Essig eine der schwierigsten kulinarischen K\u00fcnste: Respekt vor dem Produkt \u2013 und Geduld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Dinge in der K\u00fcche, die auf den ersten Blick keine gro\u00dfe Geschichte zu verdienen scheinen. Essig. Ein paar Flaschen im Regal, vielleicht ein Glas irgendwo in der Ecke der Speisekammer. Eine saure Fl\u00fcssigkeit, mit der wir Salate betr\u00e4ufeln, Marinaden w\u00fcrzen oder Gurken einlegen. 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