{"id":86060,"date":"2026-09-15T05:00:37","date_gmt":"2026-09-15T03:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=86060"},"modified":"2026-09-19T15:58:24","modified_gmt":"2026-09-19T13:58:24","slug":"auch-das-vergessen-gehoert-zur-europaeischen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/auch-das-vergessen-gehoert-zur-europaeischen-geschichte\/","title":{"rendered":"Auch das Vergessen geh\u00f6rt zur europ\u00e4ischen Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den polnischen Medien fand das Ereignis kaum ein Echo. Noch vor einem Jahr war das Interesse gr\u00f6\u00dfer gewesen. Eine Zeitung ver<\/strong><strong>\u00f6<\/strong><strong>ffentlichte sogar einen Artikel unter dem bezeichnenden Titel: \u201eDeutsche gedenken der Polen. Das Mickiewicz-Denkmal im Gestr\u00fcpp und M\u00fc<\/strong><strong>ll.<\/strong><strong>\u201c<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Im August dieses Jahres war der Platz, an dem das Weimarer Denkmal des polnischen Dichters am Rande des Parks an der Ilm gestanden hatte, bereits leer. Das Denkmal erhielt einen neuen, repr\u00e4sentativen Standort im Stadtzentrum und wurde auf den Burgplatz versetzt, zwischen die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und das Stadtschloss. Anlass f\u00fcr die feierliche Enth\u00fcllung am neuen Standort war der 35. Jahrestag des Weimarer Dreiecks, der in diesem Jahr in Goethes Stadt begangen wurde.<\/p>\n<p>Die Geschichte dieses Mickiewicz-Denkmals hat mich interessiert. Ein kurzer Blick auf die im Internet verf\u00fcgbaren Informationen \u00fcberzeugte mich davon, dass es sich um das einzige Denkmal dieser Art f\u00fcr den gro\u00dfen polnischen Romantiker in Deutschland handelt. Das Denkmal hat eine lange Geschichte, und die diesj\u00e4hrige Enth\u00fcllung war nat\u00fcrlich nicht die erste.<\/p>\n<p>Seine erste feierliche Pr\u00e4sentation fand am 1. September 1956 statt. Das war kein Zufall. Im gesamten Ostblock wurde das Mickiewicz-Jahr begangen, und die Pr\u00e4sentation des Denkmals in Weimar bildete den Abschluss dieser Feierlichkeiten in der DDR. Ma\u00dfgeblich an seiner Errichtung beteiligt war das Deutsche Mickiewicz-Komitee, dessen Vorsitzender der tschechisch-deutsche Schriftsteller Louis F\u00fcrnberg war.<\/p>\n<p>Ich war kurz nach der erneuten Enth\u00fcllung des Denkmals in Weimar. Am Sockel lagen noch Kr\u00e4nze mit entsprechenden Schleifen. Gegen\u00fcber, auf der anderen Stra\u00dfenseite, steht die B\u00fcste F\u00fcrnbergs. Sie wirkt vergessen. Zufall? Wohl kaum.<\/p>\n<p>Sowohl die Stadt als auch die polnische Seite m\u00f6chten dem Mickiewicz-Denkmal heute eine andere, st\u00e4rker europ\u00e4ische Bedeutung verleihen. Die Aufmerksamkeit auf die Gestalt F\u00fcrnbergs zu lenken, die heute eher marginalisiert wird und, wenn \u00fcberhaupt, vor allem im Zusammenhang mit den Worten der SED-Hymne \u201eLied der Partei\u201c erw\u00e4hnt wird, deren Text er verfasste, passt nicht unbedingt zum heutigen erinnerungspolitischen und europ\u00e4ischen Selbstverst\u00e4ndnis der Stadt.<\/p>\n<blockquote><p>Mitte der 1950er Jahre wurde Mickiewiczs Aufenthalt in Weimar f\u00fcr die Politik der DDR genutzt. Er sollte die Idee der Freundschaft zwischen den sozialistischen, \u201ebr\u00fcderlichen\u201c Nationen Polen und Deutschland st\u00e4rken. Das Denkmal war Teil dieser Erinnerungspolitik.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kann man aber heute eine Person mit einer so komplexen Biografie f\u00f6rdern? Wie soll man \u00fcber sie sprechen angesichts des gegenw\u00e4rtigen Drangs, Geschichte in Schwarz-Wei\u00df zu malen?<\/p>\n<p>Louis F\u00fcrnberg (1909\u20131957) war ein tschechisch-deutscher Schriftsteller, Dichter, \u00dcbersetzer und kommunistischer Aktivist. Seit 1928 war er mit der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verbunden. In den 1930er Jahren war er als Journalist und Agitator t\u00e4tig, und nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Deutschland verbrachte er Zeit in Gef\u00e4ngnissen und im Exil, unter anderem in Pal\u00e4stina. Nach dem Krieg \u00fcbte er diplomatische und kulturelle Funktionen in der Tschechoslowakei und in der DDR aus. 1954 lie\u00df er sich in Weimar nieder, wo er sich mit der deutschen Literatur sowie den Verbindungen der deutschen Kultur zu den slawischen L\u00e4ndern besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>F\u00fcrnberg interessierte sich schon vor seiner Ankunft in Weimar f\u00fcr Goethe. In Prag arbeitete er an einer mehrb\u00e4ndigen Ausgabe von dessen Werken f\u00fcr tschechische Leser. Er machte seinen Lesern Goethes <em>Faust<\/em>, seine Lyrik sowie seine Gespr\u00e4che mit seinem Freund, dem Schriftsteller und Dichter Johann Peter Eckermann, zug\u00e4nglich.<\/p>\n<div id=\"attachment_86061\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86061\" class=\"size-large wp-image-86061\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019-1024x680.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"680\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019-300x199.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019-768x510.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg019.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-86061\" class=\"wp-caption-text\">Die B\u00fcste von Louis F\u00fcrnberg in Weimar. Der Schriftsteller und kommunistische Funktion\u00e4r war Initiator des Baus des Mickiewicz-Denkmals.<br \/>Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<p>1952 ver\u00f6ffentlichte er die Novelle <em>Begegnung in Weimar<\/em> (<em>Spotkanie w Weimarze<\/em>), die in literarisierter Form an das mehrt\u00e4gige Treffen Goethes mit Adam Mickiewicz in der zweiten Augusth\u00e4lfte 1829 erinnerte. Dass er sich diesem Thema widmete, war kein Zufall. Es f\u00fcgte sich in die damalige Politik der DDR der \u00d6ffnung gegen\u00fcber Polen und der Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen ein. Man suchte nach positiven Beispielen f\u00fcr Kontakte zwischen den beiden Nationen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Die Pers\u00f6nlichkeiten Goethes und Mickiewiczs eigneten sich daf\u00fcr sehr gut.<\/p>\n<p>Drei Jahre nach der Ver\u00f6ffentlichung der Novelle, 1955, wurde F\u00fcrnberg Vorsitzender des Mickiewicz-Komitees, und seine Erz\u00e4hlung erschien in polnischer \u00dcbersetzung. Ein Jahr sp\u00e4ter nahm er an der Enth\u00fcllung des Mickiewicz-Denkmals in Weimar teil.<\/p>\n<p>Die Zeitung <em>Neue Zeit<\/em> berichtete am 4. September 1956, dass an der Feier der Botschafter der Volksrepublik Polen, Stanis\u0142aw Albrecht, sowie ein Vertreter des Ministeriums f\u00fcr Kultur der DDR, Peter Nell, teilnahmen. Die Initiative zur Errichtung ging vom Deutschen Mickiewicz-Komitee und vom Ministerium f\u00fcr Kultur der DDR aus. Die B\u00fcste Mickiewiczs schuf der junge Bildhauer Gerhard Thieme, der vor Beginn seiner Arbeit in Warschau, im Mickiewicz-Museum, die Werke des Dichters sowie die erhaltenen Bildnisse von ihm studiert hatte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Feier sprach auch F\u00fcrnberg. Er sagte:<\/p>\n<p>\u201e\u2026dass verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig fr\u00fch Ruhm, Ruf und Werk des polnischen Dichters nach Deutschland kamen und dass Mickiewicz bei seiner Reise nach Weimar Goethe seinen Respekt bezeugte. Die Erinnerung an den Aufenthalt des Genius des polnischen Volkes in der deutschen Klassikerstadt werde nie vergehen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcrnberg starb 1957 vorzeitig. Er wurde auf dem Historischen Friedhof in Weimar beigesetzt, unweit der F\u00fcrstengruft, in der sich die S\u00e4rge Goethes sowie der symbolische Sarg Schillers befinden.<\/p>\n<div id=\"attachment_86063\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-86063\" class=\"size-large wp-image-86063\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017-1024x680.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"680\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017-300x199.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017-768x510.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/26-08-31-weimar-mickiewicz-fuernberg017.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-86063\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Krzysztof Ruchniewicz<\/p><\/div>\n<p>Mitte der 1950er Jahre wurde Mickiewiczs Aufenthalt in Weimar f\u00fcr die Politik der DDR genutzt. Er sollte die Idee der Freundschaft zwischen den sozialistischen, \u201ebr\u00fcderlichen\u201c Nationen Polen und Deutschland st\u00e4rken. Das Denkmal war Teil dieser Erinnerungspolitik.<\/p>\n<p>Im Jahr 2026, 70 Jahre nach jenem Ereignis, hat seine Pr\u00e4senz bereits eine andere Bedeutung. Es soll ein Symbol der gemeinsamen europ\u00e4ischen Geschichte und der Zusammenarbeit Polens, Deutschlands und Frankreichs sein. Sollten wir aber die Entstehungsgeschichte des Monuments vergessen? Sollten nicht auch die Bem\u00fchungen der Vorg\u00e4nger Teil unserer Erinnerung sein \u2013 selbst wenn wir ihr sonstiges Handeln heute kritisch betrachten?<\/p>\n<p>Das F\u00fcrnberg gewidmete Denkmal wurde 1961 enth\u00fcllt. Heute stehen beide Denkm\u00e4ler \u2013 das Mickiewicz- und das F\u00fcrnberg-Denkmal \u2013 auf beiden Stra\u00dfenseiten, fast einander gegen\u00fcber. Das eine erinnert an den bedeutenden polnischen Dichter, der 1829 nach Weimar kam. Das andere erinnert an den Mann, der einhundertdrei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter versuchte, daf\u00fcr zu sorgen, dass man sich an dieses Treffen erinnert.<\/p>\n<p>Vielleicht lohnt es sich also, auch F\u00fcrnberg einen Platz in unserer Erinnerung einzur\u00e4umen. Nicht, um ihm seine fr\u00fchere Stellung zur\u00fcckzugeben oder sein politisches Engagement zu verschweigen. Es geht darum, die deutsch-polnischen Beziehungen in ihrer ganzen Komplexit\u00e4t zu betrachten. Auch das geh\u00f6rt zur europ\u00e4ischen Geschichte.<\/p>\n    <div class=\"osoba-widget\">\n                    <h4 class=\"osoba-naglowek\">\u00dcber den Autor<\/h4>\n                <div class=\"osoba-body\">\n            <div class=\"osoba-text\"><p>\nProf. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universit\u00e4t Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum t\u00e4tig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum f\u00fcr Deutschland- und Europastudien der Universit\u00e4t Breslau; in den Jahren 2024\/2025 war er Beauftragter des polnischen Au\u00dfenministers f\u00fcr die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und fr\u00fchen 21. Jahrhundert.<br \/>\nF\u00fcr unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelm\u00e4\u00dfig die politische Kolumne \u201eNachbarschaft verpflichtet\u201c, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.<\/p>\n<\/div>\n                        <div class=\"osoba-image\">\n                <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Krzysztof-Ruchniewicz_af.png\" alt=\"\u00dcber den Autor\">\n                            <\/div>\n                    <\/div>\n    <\/div>\n    \n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den polnischen Medien fand das Ereignis kaum ein Echo. Noch vor einem Jahr war das Interesse gr\u00f6\u00dfer gewesen. Eine Zeitung ver\u00f6ffentlichte sogar einen Artikel unter dem bezeichnenden Titel: \u201eDeutsche gedenken der Polen. 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