{"id":85981,"date":"2026-09-13T05:00:06","date_gmt":"2026-09-13T03:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=85981"},"modified":"2026-09-14T13:28:38","modified_gmt":"2026-09-14T11:28:38","slug":"wort-zum-sonntag-von-pfarrer-dr-habil-peter-tarlinski-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wort-zum-sonntag-von-pfarrer-dr-habil-peter-tarlinski-5\/","title":{"rendered":"Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li>Lesung: Sir 27, 30 \u2013 28, 7 (27, 33 \u2013 28, 9)<\/li>\n<li>Lesung: R\u00f6m 14, 7\u20139<\/li>\n<\/ol>\n<p>Evangelium: Mt 18, 21\u201335<\/p>\n<p><strong>Die vergangenen Betrachtungen im \u201eWort zum Sonntag\u201c gingen grunds\u00e4tzlich von den Worten des Evangeliums aus. Heute, am 24. Sonntag im Jahreskreis, wollen wir uns der alttestamentlichen Weisheit aus dem Buch Jesus Sirach widmen. Sie steht in enger Verbindung mit den Worten Jesu aus dem Evangelium. Zusammen bilden die beiden Texte eine Gedankenkette: Zorn \u2013 Groll \u2013 Rache \u2013 Vergebung \u2013 Barmherzigkeit. Entscheidend ist das Vergeben, Verzeihen und die Barmherzigkeit.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Zorn und Groll<\/h2>\n<p>Im Buch Sirach lesen wir: \u201eGroll und Zorn, auch diese sind Gr\u00e4uel und ein s\u00fcndiger Mann h\u00e4lt an ihnen fest.\u201c Ein menschliches Verhalten, in dem Zorn und Groll sich eingenistet haben, wird entschieden abgelehnt. Umgangssprachlich w\u00fcrden wir sagen: \u201eDas geh\u00f6rt sich nicht; das passt nicht ins Leben; das solltest du lassen.\u201c Warum ist es so?<\/p>\n<p>Groll bedeutet einen tief sitzenden, lange festgehaltenen \u00c4rger \u00fcber erlittenes Unrecht. Er ist mehr als ein kurzer Zorn. Zorn kann aufflammen und wieder vergehen. Groll dagegen bleibt im Herzen. Der Mensch erinnert sich immer wieder an die Verletzung und kann sie innerlich nicht loslassen. Im Groll steckt oft der Gedanke: \u201eIch werde nicht vergessen, was du mir angetan hast.\u201c Daraus k\u00f6nnen Bitterkeit, Feindschaft oder der Wunsch nach Vergeltung entstehen. Man tr\u00e4gt die Vergangenheit gleichsam weiter mit sich.<\/p>\n<p>Im biblischen Sinn ist Groll deshalb gef\u00e4hrlich, weil er das Herz an die Verletzung bindet. Er nimmt dem Menschen innere Freiheit und erschwert die Vergebung. Darum sagt das Buch Sirach: \u201eGroll und Zorn \u2026 sind Gr\u00e4uel.\u201c Nicht die erste spontane Emp\u00f6rung \u00fcber das B\u00f6se wird verurteilt, sondern das bewusste Festhalten am Zorn.<\/p>\n<h2>Rache<\/h2>\n<p>Im gleichen Buch lesen wir weiter: \u201eWer sich r\u00e4cht, erf\u00e4hrt Rache vom Herrn; seine S\u00fcnden beh\u00e4lt er gewiss im Ged\u00e4chtnis.\u201c Rache bedeutet: Ich will dem anderen das Leid zur\u00fcckgeben, das er mir zugef\u00fcgt hat. Die eigene Verletzung soll durch eine neue Verletzung \u201eausgeglichen\u201c werden. Gerade darin liegt ihre Gefahr. Rache heilt die Wunde nicht \u2013 sie gibt sie weiter. Aus Schmerz entsteht neuer Schmerz. Aus Unrecht w\u00e4chst neues Unrecht. So beginnt eine Kette, in der am Ende oft alle verlieren.<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0\u201eRache heilt die Wunde nicht \u2013 sie gibt sie weiter. Aus Schmerz entsteht neuer Schmerz. Aus Unrecht w\u00e4chst neues Unrecht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Bildhaft gesagt: Rache ist wie gl\u00fchende Kohle, die man festh\u00e4lt, um sie auf einen anderen zu werfen. Zuerst verbrennt sie die eigene Hand. Aus christlicher Sicht bedeutet Verzicht auf Rache nicht, Unrecht gutzuhei\u00dfen. Es bedeutet vielmehr: Ich \u00fcberlasse das letzte Urteil Gott und verweigere dem B\u00f6sen, mein Herz zu beherrschen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem darf aus christlicher Sicht dieser Vers nicht so verstanden werden, als w\u00fcrde Gott aus verletztem Zorn \u201ezur\u00fcckschlagen\u201c. Gemeint ist vielmehr: Wer sich an der Rache festh\u00e4lt, stellt sich selbst au\u00dferhalb der Logik der Barmherzigkeit. Er will f\u00fcr sich Vergebung, verweigert sie aber dem anderen. Dadurch verschlie\u00dft er sein eigenes Herz f\u00fcr die heilende Gnade Gottes. \u201eDer Herr r\u00e4cht\u201c bedeutet in biblischer Sprache daher vor allem: Gott l\u00e4sst das Unrecht nicht einfach bedeutungslos stehen. Er ist der gerechte Richter. Der Mensch soll deshalb das letzte Urteil nicht selbst in die Hand nehmen.<\/p>\n<h2>Vergebung<\/h2>\n<p>Sirach stellt eine schlichte und zugleich radikale Frage: Wie kann ein Mensch bei Gott um Vergebung bitten und gleichzeitig einem anderen jede Barmherzigkeit verweigern?<\/p>\n<p>Hier ber\u00fchrt der Text das Zentrum des christlichen Lebens. Der Apostel Petrus richtet an Christus eine schlichte Frage: \u201eHerr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich s\u00fcndigt? Bis zu siebenmal?\u201c Jesus sagte zu ihm: \u201eIch sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.\u201c Jesus lehrte seine J\u00fcnger beten. In dem uns bekannten Gebet \u201eVater unser\u201c kommt die Bitte vor: \u201eVergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.\u201c Gottes Vergebung und unsere Bereitschaft zur Vers\u00f6hnung geh\u00f6ren zusammen. Wer sich von Gott vergeben l\u00e4sst, kann nicht auf Dauer so leben, als gelte Barmherzigkeit nur f\u00fcr ihn selbst.<\/p>\n<p>Jeder Mensch lebt von Vergebung. Niemand steht vor Gott mit vollkommen reinen H\u00e4nden. Diese Erkenntnis ver\u00e4ndert den Blick auf den anderen. Sie macht das erfahrene Unrecht nicht kleiner. Aber sie bewahrt uns davor, uns selbst zum endg\u00fcltigen Richter \u00fcber einen Menschen zu machen.<\/p>\n<h2>Barmherzigkeit<\/h2>\n<p>Christliche Vergebung bedeutet auch nicht immer sofortige Vers\u00f6hnung. Vertrauen kann zerst\u00f6rt worden sein. Beziehungen k\u00f6nnen Schutz und klare Grenzen brauchen. Manche Wunden brauchen lange Zeit, um zu heilen. Dennoch kann im Herzen ein erster Schritt geschehen: Ich verzichte auf Hass. Ich w\u00fcnsche dem anderen nicht das B\u00f6se. Ich \u00fcberlasse ihn der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes.<\/p>\n<p>Gott sieht die Not und die Schuld des Menschen und wendet sich ihm dennoch in Liebe zu. Sie verharmlost das B\u00f6se nicht, sondern schenkt die M\u00f6glichkeit zu Umkehr, Heilung und Neubeginn. Wer Barmherzigkeit erf\u00e4hrt, ist gerufen, selbst barmherzig zu werden: zu vergeben, den Schwachen beizustehen und dem anderen seine W\u00fcrde nicht zu nehmen. In Jesus Christus bekommt diese Barmherzigkeit ein menschliches Gesicht.<\/p>\n<p>Wer an Zorn und Groll festh\u00e4lt und wer Rache sucht, bindet sich an das B\u00f6se. Wer vergibt, \u00fcbergibt das Urteil Gott und macht sein Herz frei f\u00fcr seine Barmherzigkeit. Ein barmherziger Mensch wird frei f\u00fcr Vergebung und Vers\u00f6hnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesung: Sir 27, 30 \u2013 28, 7 (27, 33 \u2013 28, 9) Lesung: R\u00f6m 14, 7\u20139 Evangelium: Mt 18, 21\u201335 Die vergangenen Betrachtungen im \u201eWort zum Sonntag\u201c gingen grunds\u00e4tzlich von den Worten des Evangeliums aus. Heute, am 24. Sonntag im Jahreskreis, wollen wir uns der alttestamentlichen Weisheit aus dem Buch Jesus Sirach widmen. 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