{"id":85932,"date":"2026-09-11T17:00:34","date_gmt":"2026-09-11T15:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=85932"},"modified":"2026-09-10T12:23:22","modified_gmt":"2026-09-10T10:23:22","slug":"engel-und-teufel-das-schlesische-aschenputtel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/engel-und-teufel-das-schlesische-aschenputtel\/","title":{"rendered":"Engel und Teufel: Das schlesische Aschenputtel"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber das schlesische Aschenputtel, also Joanna\/Johanna von Schomberg-Godulla (1842\u20131920), geborene Gryczik, Gryzik, Griczyk oder Gryszczyk, verh. Schaffgotsch, ist bereits viel geschrieben worden. Sie ist eine beinahe legend\u00e4re Figur, nach wie vor faszinierend und zweifellos eine der werbewirksamsten schlesischen Marken.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein M\u00e4dchen aus den unteren sozialen Schichten z\u00e4hmt einen D\u00e4mon; dieser nimmt sie auf und setzt sie sp\u00e4ter als Erbin eines riesigen Verm\u00f6gens ein. Von bitterer Armut zu \u00fcberw\u00e4ltigendem Reichtum, aus den Elendsvierteln in die Salons. Das Leben Joannas Gryzik f\u00fcgt sich nahezu vollkommen in das Muster des Aschenputtelm\u00e4rchens ein: Das Gute siegt \u00fcber das B\u00f6se, Aschenputtel findet seinen Prinzen, steigt gesellschaftlich auf, und eine glanzvolle Hochzeit wird gefeiert. Danach vermehrt das unternehmungslustige Aschenputtel das geerbte Verm\u00f6gen weiter, ohne die \u00c4rmsten und Bed\u00fcrftigen zu vergessen, die es gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt. Und dann sind da noch die Pal\u00e4ste, heute zwar nicht mehr erhalten oder nur noch als Ruinen vorhanden, aber sie regen noch immer die Vorstellungskraft an. Diese m\u00e4rchenhafte Erz\u00e4hlung ist wohl am st\u00e4rksten im kulturellen Ged\u00e4chtnis Schlesiens verankert. Doch es gibt auch andere Erz\u00e4hlungen \u2013 die Wege der Literatur f\u00fchren zu ihnen. Zwei davon seien hier vorgestellt.<\/p>\n<div id=\"attachment_85933\" style=\"width: 971px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85933\" class=\"size-full wp-image-85933\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"961\" height=\"840\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-1.jpeg 961w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-1-300x262.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-1-768x671.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 961px) 100vw, 961px\" \/><p id=\"caption-attachment-85933\" class=\"wp-caption-text\">Darstellung Joannas Gryzik auf einer Informationstafel am nach ihr benannten Platz in Bytom-Szombierki\/Beuthen-Schomberg. Quelle: Privatarchiv<\/p><\/div>\n<h2>\u201eDie kleine Herrin von Schomberg\u201d<\/h2>\n<p>Hans Nowaks Roman \u201eZink wird Gold. Ein Roman des wirklichen Lebens\u201d (1937) ist im Grunde eine literarisch ausgestaltete Biografie des Zinkk\u00f6nigs Karl Godulla. Nat\u00fcrlich durfte darin seine Erbin nicht fehlen \u2013 eben jenes schlesische Aschenputtel. Als Erstes f\u00e4llt auf, dass es sich um eine Kindheitsgeschichte handelt: Die junge Heldin wird hier liebevoll Hannchen genannt. Dieses Kind ist jedoch konsequent als sogenanntes Wunderkind gestaltet, als ein au\u00dfergew\u00f6hnliches M\u00e4dchen, das weit \u00fcber das Durchschnittliche hinausw\u00e4chst. Dabei geht es nicht nur darum, dass es das verh\u00e4rtete Herz seines Pflegevaters, des m\u00e4chtigen Zinkk\u00f6nigs, erweichen kann. Von Anfang an scheint in ihm vielmehr weniger Kindliches als Erwachsenes zu stecken. Das elfj\u00e4hrige Hannchen spielt zwar gern mit Puppen, f\u00e4hrt ausgelassen Schlitten und l\u00e4uft mit ihren Freundinnen umher, doch die \u201eArt, wie sie blickte und fragte, der halb schon bewusste Anstand\u201d sowie \u201eihre oft unerwarteten, drastisch treffenden Bemerkungen\u201d lassen sie f\u00fcr ihr Alter erstaunlich reif erscheinen.<\/p>\n<p>Die anmutig knicksende \u201ekleine Herrin von Schomberg\u201d ist in diesem Sinne eine ausgezeichnete Partie f\u00fcr ihren k\u00fcnftigen Ehemann, der seinerseits konsequent als \u201ejunger Graf\u201d bezeichnet wird. Der Altersunterschied zwischen den Eheleuten \u2013 elf Jahre \u2013 wird dadurch erz\u00e4hlerisch entsch\u00e4rft. Der Roman endet mit einer Szene in der Pfarrkirche von Beuthen: Gefeiert wird die pr\u00e4chtige Hochzeit der sechzehnj\u00e4hrigen Johanna Gryzik, die vor Gl\u00fcck strahlt, mit dem siebenundzwanzigj\u00e4hrigen Grafen Schaffgotsch. Alles f\u00fcgt sich also vollkommen. Und vollkommen bleibt bis zuletzt auch Hannchen selbst: Vergeblich sucht man bei ihr nach Fehlern, inneren Konflikten oder schlicht jugendlichem Trotz. Zwar zeichnet sich f\u00fcr einen Moment Traurigkeit auf ihrem Gesicht ab, als sie ihre Freundinnen im Waisenhaus besucht, doch gerade diese Szene verst\u00e4rkt noch den Eindruck, dass wir es hier mit einem Kind, einer Frau und einem Engel zugleich zu tun haben \u2013 beinahe bereit, auf einen Sockel gestellt zu werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_85935\" style=\"width: 1103px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85935\" class=\"size-full wp-image-85935\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-2.png\" alt=\"\" width=\"1093\" height=\"636\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-2.png 1093w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-2-300x175.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-2-1024x596.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-2-768x447.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1093px) 100vw, 1093px\" \/><p id=\"caption-attachment-85935\" class=\"wp-caption-text\">Der heute nicht mehr erhaltene Palast in Schomberg\/Szombierki. Quelle: \u201eOberschlesien im Bild\u201d, 1930, Nr. 37 (Schlesische Digitale Bibliothek)<\/p><\/div>\n<h2>Die Hexe Joanna<\/h2>\n<p>Einen anderen Weg schl\u00e4gt Gustaw Morcinek in seinem Roman \u201ePok\u0142ad Joanny\u201d (1950) (\u201eSchacht Johanna\u201c, deutsch bereits 1953) ein. Er bildet geradezu den Gegenpol zur Erz\u00e4hlung vom schlesischen Aschenputtel. Diesmal gibt es darin nichts, worauf Schlesier stolz sein k\u00f6nnten. Stattdessen begegnen uns Ausschweifung, moralischer Verfall und sogar ein Pakt mit dem Teufel. Die erotisierte Johanna gibt im Schacht ihren Begierden nach und erscheint dabei wie eine Gottesanbeterin, die sich von einem unschuldigen Arbeiter n\u00e4hrt. Dieser kommt sp\u00e4ter \u2013 wie es die t\u00f6dliche Natur der femme fatale verlangt, mit der Johanna ebenfalls leicht in Verbindung gebracht werden kann \u2013 in eben diesem Schacht ums Leben. Einer nach dem anderen sterben dort auch weitere Bergleute, denn obwohl Johannas Schacht im Bergwerk der Wertvollste ist, wird er immer wieder von Katastrophen heimgesucht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Frau als Engel und die Frau als Teufelin sind zwei Seiten derselben Medaille: eines seit jeher wirksamen Bildes von Weiblichkeit, das aus m\u00e4nnlichen Fantasien hervorgeht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Schuld scheint offensichtlich: Es ist das Erbe des d\u00e4monischen Godulla, das seine Nachfolgerin, die Hexe Johanna, samt allen Belastungen \u00fcbernommen hat. Zwar zeigt auch Morcinek Johanna zun\u00e4chst als Kind \u2013 ein wenig verloren und leidend, wenn andere Kinder aus Ruda mit Pferdemist nach ihr werfen. Am Ende aber setzt sich das Bild Johannas als r\u00fccksichtsloser Kapitalistin durch, die sich am Leid anderer m\u00e4stet. Das verfluchte Erbe einer mit dem D\u00e4mon verb\u00fcndeten Frau verliert seine verh\u00e4ngnisvolle Macht erst, als die Heldin stirbt und ihr Schacht in den Besitz der Arbeiterschaft \u00fcbergeht. Von da an ereignet sich dort keine Katastrophe mehr; sogar der b\u00f6se D\u00e4mon Scharley verschwindet, der sich dort zuvor mit Vorliebe gezeigt hatte.<\/p>\n<div id=\"attachment_85937\" style=\"width: 1105px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85937\" class=\"size-full wp-image-85937\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"1095\" height=\"839\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3.jpeg 1095w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3-300x230.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3-1024x785.jpeg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-3-768x588.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1095px) 100vw, 1095px\" \/><p id=\"caption-attachment-85937\" class=\"wp-caption-text\">Johanna-Skulptur auf dem nach ihr benannten Platz in Schomberg\/Szombierki. Quelle: Privatarchiv<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_85939\" style=\"width: 897px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85939\" class=\"size-full wp-image-85939\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-4.jpeg\" alt=\"\" width=\"887\" height=\"740\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-4.jpeg 887w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-4-300x250.jpeg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-4-768x641.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 887px) 100vw, 887px\" \/><p id=\"caption-attachment-85939\" class=\"wp-caption-text\">Kirche des Heiligsten Herzens Jesu in Szombierki\/Schomberg, zu einem gro\u00dfen Teil vom Ehepaar Schaffgotsch gestiftet. In der Krypta ist Karl Godulla bestattet; gegen\u00fcber der Kirche befindet sich der Johanna-Gryzik-Platz. Quelle: Privatarchiv<\/p><\/div>\n<h2>Stereotype Weiblichkeit<\/h2>\n<p>Die Engelsgestalt Johannas bei Nowak steht somit in starkem Gegensatz zur d\u00e4monischen Natur der Johanna bei Morcinek. Beide Bilder wirken stark auf die Vorstellungskraft, beide Romane lesen sich sehr gut. Doch beide sind, aus einer Gender-Perspektive betrachtet, durch und durch stereotyp. Die Frau als Engel und die Frau als Teufelin sind zwei Seiten derselben Medaille: eines seit jeher wirksamen Bildes von Weiblichkeit, das aus m\u00e4nnlichen Fantasien hervorgeht. Dar\u00fcber ist schon oft geschrieben worden. Zum Gl\u00fcck besteht Literatur nicht nur aus Stereotypen und nicht nur aus M\u00e4rchen. Vielleicht bekommt Johanna Gryzik \u2013 die findige oberschlesische Unternehmerin \u2013 eines Tages eine weniger stereotype Erz\u00e4hlung. Verdient h\u00e4tte sie sie ohne Zweifel.<\/p>\n<div id=\"attachment_85941\" style=\"width: 756px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85941\" class=\"size-full wp-image-85941\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-5.webp\" alt=\"\" width=\"746\" height=\"926\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-5.webp 746w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/rys.-5-242x300.webp 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 746px) 100vw, 746px\" \/><p id=\"caption-attachment-85941\" class=\"wp-caption-text\">Johanna Gryzik. Quelle: Wiek dziewi\u0119tnasty \u2013 Wiki \u2013 Fandom<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber das schlesische Aschenputtel, also Joanna\/Johanna von Schomberg-Godulla (1842\u20131920), geborene Gryczik, Gryzik, Griczyk oder Gryszczyk, verh. Schaffgotsch, ist bereits viel geschrieben worden. Sie ist eine beinahe legend\u00e4re Figur, nach wie vor faszinierend und zweifellos eine der werbewirksamsten schlesischen Marken.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":85937,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4580,5625],"tags":[10143,10144,10140,10141,10147,10142,5943,10145,10146],"redaktor":[10139],"class_list":["post-85932","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne-de","category-kultur-de","tag-aschenputtel","tag-das-schlesische-aschenputtel","tag-dr-habil-nina-nowara-matusik","tag-joanna","tag-joanna-gryzik-de","tag-johanna-von-schomberg-godulla","tag-oberschlesien-de","tag-schomberg-szombierki","tag-stereotype-weiblichkeit","redaktor-dr-habil-nina-nowara-matusik"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85932","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85932"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85932\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85944,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85932\/revisions\/85944"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/85937"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85932"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85932"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85932"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=85932"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}