{"id":85898,"date":"2026-09-10T17:00:33","date_gmt":"2026-09-10T15:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=85898"},"modified":"2026-09-10T09:43:04","modified_gmt":"2026-09-10T07:43:04","slug":"die-paradoxe-identitaet-der-familie-kwapis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/die-paradoxe-identitaet-der-familie-kwapis\/","title":{"rendered":"Die paradoxe Identit\u00e4t der Familie Kwapis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie f\u00fchlt es\u00a0sich an, wenn\u00a0sich Grenzen ver\u00e4ndern, ohne dass man\u00a0selbst seinen Wohnort\u00a0ver\u00e4ndert? Johannes Kwapis\u00a0hat\u00a0im Oppelner Dokumentations- und Ausstellungszentrum\u00a0der Deutschen in\u00a0Polen (DAZ) aus\u00a0seiner Familiengeschichte\u00a0erz\u00e4hlt. Drei Generationen, drei Armeen und\u00a0drei verschiedene politische\u00a0Systeme zeigen, wie\u00a0kompliziert die Identit\u00e4t\u00a0der Oberschlesier sein\u00a0konnte \u2013 und wie\u00a0oft sie sich\u00a0nicht freiwillig f\u00fcr eine\u00a0Seite entscheiden konnten.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Erinnerungen an die\u00a0Erinnerungen<\/h2>\n<p>Im Oppelner Dokumentations- und Ausstellungszentrum\u00a0der Deutschen in\u00a0Polen (DAZ) &#8211; eine Au\u00dfenstelle der Woiwodschaftsbibliothek E. Smo\u0142ka in Oppeln &#8211; \u00a0erz\u00e4hlte\u00a0Johannes Kwapis \u00fcber\u00a0seine Familiengeschichte. Eigentlich, sagt\u00a0er, sei \u201eFamiliengeschichte\u201c vielleicht schon ein\u00a0zu gro\u00dfes Wort. Trotzdem wurde ihm\u00a0irgendwann\u00a0klar, dass die\u00a0vielen Geschichten, die\u00a0er aus seiner\u00a0Familie kannte, nicht\u00a0einfach verschwinden durften.<\/p>\n<p>\u201eDas sind, wie\u00a0ich hier geschrieben\u00a0habe, auch Erinnerungen\u00a0an meine Erinnerungen. Sogar bei mir\u00a0ist schon sehr\u00a0viel abhanden gegangen\u201c,\u00a0sagt\u00a0Kwapis. Erst kurz\u00a0vor seinem Ruhestand\u00a0hat er sich\u00a0deshalb vorgenommen, die\u00a0Geschichten aufzuschreiben. \u201eIch habe\u00a0gesagt, man k\u00f6nnte\u00a0das eigentlich aufschreiben, weil das sind\u00a0sehr interessante Sachen. Da sind drei\u00a0Generationen, wo wir\u00a0alle\u00a0Wurzeln hier in Schlesien haben.\u201c<\/p>\n<blockquote><p>\u201eOhne einen Wohnsitz zu \u00e4ndern, pl\u00f6tzlich in Polen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist eine\u00a0Geschichte, in der\u00a0sich die gro\u00dfen\u00a0politischen\u00a0Ver\u00e4nderungen des 20. Jahrhunderts unmittelbar\u00a0im Leben einer\u00a0Familie widerspiegeln.\u00a0Grenzen werden verschoben, Staaten entstehen\u00a0und verschwinden, M\u00e4nner\u00a0werden in unterschiedliche\u00a0Armeen eingezogen und Menschen\u00a0werden pl\u00f6tzlich B\u00fcrger\u00a0eines anderen Landes, ohne ihr Haus\u00a0verlassen zu haben.<\/p>\n<p>Angefangen hat\u00a0die Geschichte mit dem Gro\u00dfvater von Johannes Kwapis, noch\u00a0im Kaiserreich.<\/p>\n<h2>Drei Generationen, drei\u00a0Uniformen<\/h2>\n<p>Besonders deutlich wird\u00a0die komplizierte Geschichte\u00a0der Familie an\u00a0den M\u00e4nnern aus\u00a0drei Generationen. Kwapis&#8216; Gro\u00dfvater diente noch\u00a0im Deutschen Kaiserreich\u00a0in der Leibgarde\u00a0von Kaiser Wilhelm\u00a0II. in Spandau\u00a0bei Berlin.<\/p>\n<p>Eine Generation sp\u00e4ter\u00a0sah die Welt\u00a0vollkommen anders aus. Der \u00e4lteste Sohn\u00a0seines Gro\u00dfvaters diente\u00a0in der Wehrmacht. Ein\u00a0weiterer Sohn fand\u00a0sich nach dem\u00a0Krieg in der\u00a0polnischen Armee wieder.<\/p>\n<div id=\"attachment_85902\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85902\" class=\"size-full wp-image-85902\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1928\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-300x226.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-768x578.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-1536x1157.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_095519742.MP_-2048x1542.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-85902\" class=\"wp-caption-text\">Zusammen mit Monika Wittek zeichnet Kwapis anhand historischer Dokumente die Geschichte nach. Foto: Mika Ballhausen<\/p><\/div>\n<p>\u201eDer \u00e4lteste Sohn\u00a0war bei der\u00a0Wehrmacht\u00a0und der Dritte, schon nach dem\u00a0Krieg, in der\u00a0polnischen Armee. Also\u00a0innerhalb von einer\u00a0Familie die engsten\u00a0Familienangeh\u00f6rigen schon\u00a0bei verschiedenen Verb\u00e4nden, verschiedenen Herren\u201c<\/p>\n<p>Gerade diese Konstellation\u00a0macht f\u00fcr Kwapis\u00a0deutlich, wie wenig\u00a0sich die Lebensgeschichten\u00a0der Oberschlesier mit\u00a0einfachen Kategorien erkl\u00e4ren\u00a0lassen.<\/p>\n<p>\u201eDas sind drei\u00a0Generationen\u00a0in drei verschiedenen\u00a0L\u00e4ndern\u201c, sagt er. Und hinter den\u00a0unterschiedlichen Uniformen\u00a0standen nicht unbedingt\u00a0unterschiedliche \u00dcberzeugungen. Oft war\u00a0es schlicht das\u00a0Ergebnis der politischen\u00a0Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<h2>Eine Grenze, die\u00a0\u00fcber das Haus\u00a0hinweggeht<\/h2>\n<p>Besonders eindrucksvoll\u00a0erz\u00e4hlt Kwapis die\u00a0Geschichte seines Vaters. Dieser wurde\u00a0noch vor den\u00a0schlesischen Aufst\u00e4nden\u00a0in Lubschau\u00a0(Lubsza) bei Woischnik (Wo\u017aniki), geboren.<\/p>\n<p>\u201eEr ist, ohne seinen Wohnsitz zu \u00e4ndern, nach den Aufst\u00e4nden, nach den Jahren 1922, pl\u00f6tzlich in Polen.\u201c<\/p>\n<p>Der Satz\u00a0beschreibt eines der\u00a0gro\u00dfen Paradoxa der\u00a0oberschlesischen Geschichte: Der Mensch\u00a0bleibt am selben\u00a0Ort, aber der\u00a0Staat um ihn\u00a0herum ver\u00e4ndert sich.<\/p>\n<p>\u201eOhne einen Wohnsitz\u00a0zu \u00e4ndern,\u00a0wie mein Opa\u00a0dreimal, pl\u00f6tzlich nach\u00a0den Aufst\u00e4nden, nach\u00a0den Jahren 1922\u00a0wohnte er in\u00a0Polen.\u201c<\/p>\n<p>Auch der Zweite\u00a0Weltkrieg brachte f\u00fcr\u00a0seinen Vater eine\u00a0neue Z\u00e4sur. Er\u00a0diente in der\u00a0Wehrmacht und geriet\u00a0anschlie\u00dfend in Gefangenschaft. Nach dem Krieg\u00a0wurde er polnischer\u00a0Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>F\u00fcr Johannes Kwapis sind\u00a0solche Lebensl\u00e4ufe\u00a0kein Einzelfall, sondern\u00a0ein Schl\u00fcssel zum\u00a0Verst\u00e4ndnis der oberschlesischen\u00a0Identit\u00e4t. Menschen konnten\u00a0sich als Deutsche\u00a0f\u00fchlen, in dem 1922 zu dem neu entstandenen Staat Polen eingegliederten Teilen Schlesiens\u00a0leben und dennoch\u00a0in einer deutschen\u00a0Armee dienen\u00a0m\u00fcssen. Andere Familienmitglieder\u00a0fanden sich sp\u00e4ter\u00a0in der polnischen\u00a0Armee wieder.<\/p>\n<h2>Dreimal die Uniform\u00a0gewechselt<\/h2>\n<p>Besonders bewegt erz\u00e4hlt\u00a0Kwapis die Geschichte\u00a0seines Onkels Johann. W\u00e4hrend des Zweiten\u00a0Weltkriegs wechselte dieser\u00a0gleich\u00a0dreimal die Armee\u00a0\u2013 und jedes Mal\u00a0unter Umst\u00e4nden, die\u00a0er selbst kaum\u00a0beeinflussen konnte.<\/p>\n<p>Als der Krieg\u00a0im September 1939\u00a0ausbrach, lebte die\u00a0Familie bereits in\u00a0Polen. Obwohl sie\u00a0zur deutschen Minderheit\u00a0geh\u00f6rte, wurde der\u00a0Onkel zun\u00e4chst in\u00a0die polnische Armee\u00a0eingezogen.<\/p>\n<p>\u201eEr kam in\u00a0die polnische Armee\u00a0im September 1939\u00a0beim Ausbruch des\u00a0Krieges, weil sie\u00a0 nach den\u00a0Aufst\u00e4nden, wie gesagt, in Polen wohnten, obwohl\u00a0sie der deutschen\u00a0Minderheit angeh\u00f6rt haben.\u201c<\/p>\n<p>Schon nach einer\u00a0Woche geriet er\u00a0in deutsche Gefangenschaft. Dort zeigte er\u00a0seinen Ausweis der\u00a0deutschen Minderheit.<\/p>\n<p>\u201eDie haben gesagt, alles\u00a0gut und klar. Die haben ihn\u00a0nur in eine\u00a0andere Uniform gesteckt, aus der Gefangenschaft\u00a0war er raus.\u201c<\/p>\n<p>Damit war seine\u00a0Geschichte aber noch\u00a0lange nicht beendet. Er musste anschlie\u00dfend\u00a0in die deutsche\u00a0Armee und kam\u00a0bis nach Moskau, wo er in\u00a0sowjetische Gefangenschaft\u00a0geriet.<\/p>\n<p>Dort bekam er\u00a0erneut eine Entscheidung\u00a0vorgesetzt, die eigentlich\u00a0keine wirkliche Entscheidung\u00a0war: Lager in\u00a0Sibirien oder Eintritt\u00a0in die neu\u00a0entstandene polnische Armee\u00a0in Russland. \u201eDa hat mein\u00a0Onkel \u00fcberlegt und\u00a0gesagt, die Armee hat\u00a0mehr Aussichten auf\u00a0ein \u00dcberleben gehabt\u00a0als das andere.\u201c<\/p>\n<p>Zum dritten Mal\u00a0trug er eine\u00a0andere Uniform.<\/p>\n<p>\u201eDa war er wieder in polnischer\u00a0Uniform.\u201c<\/p>\n<h2>Jahre im Versteck<\/h2>\n<p>Doch auch nach\u00a0dem Krieg war\u00a0seine Geschichte nicht\u00a0vorbei. Nach einer\u00a0Schlacht bei Kolberg\u00a0verschwand der Onkel\u00a0und\u00a0lebte jahrelang versteckt.<\/p>\n<p>\u201eDie ganze Geschichte\u00a0war irgendwie suspekt\u201c, erkl\u00e4rt Kwapis. \u201eVielleicht\u00a0hat er in\u00a0stalinistischen Zeiten\u00a0Angst gehabt.\u201c<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter\u00a0konnte er sich\u00a0wieder offiziell anmelden. Er \u00fcberlebte den\u00a0Krieg, die Gefangenschaft\u00a0und die politischen\u00a0Umbr\u00fcche. Sein\u00a0Tod kam schlie\u00dflich\u00a0unter v\u00f6llig anderen\u00a0Umst\u00e4nden.<\/p>\n<p>\u201eDann hat er\u00a0ein Dach von\u00a0einem Ger\u00e4teschuppen geteert, ist\u00a0runtergefallen, hat sich\u00a0ein Bein gebrochen\u00a0und zwei Tage\u00a0sp\u00e4ter, mit 56, ist er gestorben,\u00a0wahrscheinlich durch eine\u00a0Lungenembolie.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Kwapis ist\u00a0gerade dieser Gegensatz\u00a0ersch\u00fctternd. \u201eDas ist nat\u00fcrlich\u00a0Hammer, solche Sachen\u00a0in der Familie. Wo solche Gefahren, wie der Onkel\u00a0Johann oder die\u00a0anderen, die sind\u00a0lebend und wo\u00a0kaum fast einer\u00a0\u00fcberlebt h\u00e4tte. Die\u00a0haben das alles\u00a0\u00fcberlebt und bei\u00a0so banalen Sachen\u00a0hat das Leben\u00a0relativ jung geendet.\u201c<\/p>\n<h2>Der Mann, der\u00a0eine Kugel durch\u00a0den Mund \u00fcberlebte<\/h2>\n<p>Auch die Geschichte\u00a0seines Onkels G\u00fcnther\u00a0klingt beinahe unglaublich. Er kam mit\u00a0der Wehrmacht nach\u00a0Russland. W\u00e4hrend des\u00a0Winters liefen die\u00a0Soldaten auf Schlittschuhen. Am Dnjepr brach pl\u00f6tzlich das\u00a0Eis.<\/p>\n<p>\u201eEr kam unter\u00a0Eis, hat ihn\u00a0der Fluss gezogen. Die Kameraden haben\u00a0ihn rausgefischt, wiederbelebt\u00a0und zur\u00fcck an\u00a0die Front.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde er\u00a0durch einen Schuss\u00a0schwer verletzt. W\u00e4hrend\u00a0er auf einem\u00a0Feld-WC sa\u00df, fiel pl\u00f6tzlich ein\u00a0Soldat um. G\u00fcnther\u00a0bemerkte einen Scharfsch\u00fctzen\u00a0auf einem Kirchturm.<\/p>\n<p>\u201eUnd er hat\u00a0zu den anderen\u00a0gerufen: DA! In dem\u00a0Moment, im ge\u00f6ffneten\u00a0Mund,\u00a0hat er eine\u00a0Kugel gekriegt. Und\u00a0die ist rausgegangen\u00a0am Hals, ohne\u00a0die Wirbels\u00e4ule zu\u00a0besch\u00e4digen.\u201c<\/p>\n<p>Der Arzt glaubte, er werde innerhalb\u00a0weniger Minuten sterben. Doch auch diese\u00a0Prognose erf\u00fcllte sich\u00a0nicht.<\/p>\n<p>\u201eNein, der hat\u00a0sich berrappelt. Zur\u00fcck an\u00a0die Front.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter folgten sowjetische\u00a0Gefangenschaft und jahrelange\u00a0Arbeit in\u00a0einem Steinbruch. Abgemagert\u00a0bis zum Skelett\u00a0kam er schlie\u00dflich\u00a0mit einem Transport\u00a0in die DDR.<\/p>\n<div id=\"attachment_85904\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85904\" class=\"size-full wp-image-85904\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1928\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-300x226.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-768x578.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-1536x1157.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260902_091754084.MP_-2048x1542.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-85904\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Kwapis hat seine Familiengeschichte f\u00fcr die n\u00e4chste Generation dokumentiert. Foto: Mika Ballhausen<\/p><\/div>\n<p>Doch auch bei\u00a0ihm sollte das\u00a0Leben Jahrzehnte sp\u00e4ter\u00a0auf eine geradezu\u00a0absurde Weise enden.<\/p>\n<p>\u201eEr war in\u00a0Rente,\u00a0Sommer, irgendwas im\u00a0Garten machen. Er\u00a0hat Kirschen gepflegt. Und eine Sprosse\u00a0von der Leiter\u00a0ist gebrochen. Er\u00a0ist gefallen,\u00a0vielleicht nur anderthalb\u00a0Meter. Hat sich\u00a0aber einen Arm\u00a0gebrochen, hat Sepsis\u00a0gekriegt und zwei\u00a0Tage sp\u00e4ter ist\u00a0er gestorben.\u201c<\/p>\n<p>Kwapis\u00a0h\u00e4lt kurz inne. Dann sagt er:<\/p>\n<p>\u201eDer hat\u00a0alles \u00fcberlebt \u2013 die\u00a0russische Gefangenschaft, den Schuss\u00a0durch den Mund. Und h\u00e4tte er\u00a0den Mund zugehabt, dann h\u00e4tten die\u00a0Z\u00e4hne alles, h\u00e4tte\u00a0ihm wahrscheinlich das\u00a0ganze Gesicht zerrissen. Aber durch den\u00a0ge\u00f6ffneten Mund kam\u00a0die Kugel hier\u00a0durch.\u201c<\/p>\n<h2>Warum die Geschichten\u00a0bleiben sollen<\/h2>\n<p>Es\u00a0sind solche Geschichten, die Kwapis schlie\u00dflich\u00a0dazu brachten, seine\u00a0Familiengeschichte aufzuschreiben. Nicht nur f\u00fcr\u00a0sich selbst, sondern\u00a0vor allem f\u00fcr\u00a0die n\u00e4chste Generation: \u201eDas hat mich\u00a0motiviert, das aufzuschreiben. F\u00fcr die Enkelkinder.\u201c<\/p>\n<p>Seine Enkel seien heute noch jung. Vielleicht w\u00fcrden sie sich im Moment nicht besonders f\u00fcr die Geschichten interessieren. Aber irgendwann, glaubt Kwapis, k\u00f6nnten sie verstehen, welchen Schatz sie in diesen Erinnerungen haben. \u201eVielleicht\u00a0nicht jetzt,\u00a0aber irgendwann. Jetzt\u00a0haben sie da\u00a0kein gro\u00dfes Interesse, sind Teenager und\u00a0noch kleiner, die\u00a0Enkelkinder.\u201c<\/p>\n<p>Denn hinter den\u00a0einzelnen Geschichten steckt\u00a0f\u00fcr ihn mehr\u00a0als eine Familienchronik. Sie erz\u00e4hlen davon, was es bedeutet, in Oberschlesien geboren\u00a0zu sein, wo\u00a0sich Grenzen, Staaten\u00a0und politische Systeme\u00a0mehrfach ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re schade, wenn das verloren\u00a0gehen w\u00fcrde\u201c, sagt\u00a0Kwapis.<\/p>\n<p>Und so\u00a0wird aus der\u00a0Geschichte einer Familie\u00a0zugleich ein St\u00fcck\u00a0oberschlesischer Geschichte: drei\u00a0Generationen, drei Armeen\u00a0und Menschen, die\u00a0oft nicht selbst\u00a0bestimmen konnten, welche\u00a0Uniform sie tragen\u00a0mussten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie f\u00fchlt es\u00a0sich an, wenn\u00a0sich Grenzen ver\u00e4ndern, ohne dass man\u00a0selbst seinen Wohnort\u00a0ver\u00e4ndert? Johannes Kwapis\u00a0hat\u00a0im Oppelner Dokumentations- und Ausstellungszentrum\u00a0der Deutschen in\u00a0Polen (DAZ) aus\u00a0seiner Familiengeschichte\u00a0erz\u00e4hlt. Drei Generationen, drei Armeen und\u00a0drei verschiedene politische\u00a0Systeme zeigen, wie\u00a0kompliziert die Identit\u00e4t\u00a0der Oberschlesier sein\u00a0konnte \u2013 und wie\u00a0oft sie sich\u00a0nicht freiwillig f\u00fcr eine\u00a0Seite entscheiden konnten.<\/p>\n","protected":false},"author":261,"featured_media":85900,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[4224],"tags":[10133,6216,7144,10131,10132,6784,9914,10130,6815,10006],"redaktor":[6054],"class_list":["post-85898","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte-de","tag-centrum-dokumentacyjno-wystawiennicze-niemcow-w-polsce-de","tag-daz-de","tag-deutsche-minderheit-de","tag-familiengeschichte-de","tag-generationen-de","tag-identitaet-de","tag-johannes-kwapis","tag-oberschlesische-identitaet","tag-schlesien-de","tag-tradition-im-dialog","redaktor-manuela-leibig-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/261"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=85898"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":85906,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/85898\/revisions\/85906"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/85900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=85898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=85898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=85898"},{"taxonomy":"redaktor","embeddable":true,"href":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/wp-json\/wp\/v2\/redaktor?post=85898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}