{"id":85639,"date":"2026-09-05T05:00:43","date_gmt":"2026-09-05T03:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=85639"},"modified":"2026-09-04T16:44:39","modified_gmt":"2026-09-04T14:44:39","slug":"goldene-fruechte-des-alten-kurortes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/goldene-fruechte-des-alten-kurortes\/","title":{"rendered":"Goldene Fr\u00fcchte des alten Kurortes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Pflanze zwischen Kurpark, Beskiden und K\u00fcche<\/strong><\/p>\n<p><strong>Es gibt Pflanzen, die fest in die Landschaft eines Ortes geh\u00f6ren, auch wenn ihre Anwesenheit \u00e4lter ist als der kulinarische Trend, der sie heute neu entdeckt. Eine von ihnen ist der Sanddorn \u2013 ein Strauch mit silbrig schimmernden Bl\u00e4ttern und intensiv orangefarbenen Fr\u00fcchten, die im Sp\u00e4tsommer und Herbst an den Zweigen beinahe zu leuchten scheinen. In Jaworze, dem ehemaligen Bad Ernsdorf, hat der Sanddorn jedoch eine weitaus interessantere Geschichte als die heutige Bezeichnung als \u201eSuperfrucht\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In den 1860er Jahren verwandelte die aus Flandern stammende Adelsfamilie Saint Genois d\u2019Anneaucourt Bad Ernsdorf in einen mond\u00e4nen Kurort. Der weitl\u00e4ufige Schlosspark, die Villen f\u00fcr die Kurg\u00e4ste, Spazierwege, eine \u00fcberdachte Wandelbahn, Aussichtspunkte und die N\u00e4he zu den Beskidenw\u00e4ldern schufen einen Ort, an dem sich Kur und Erholung miteinander verbinden lie\u00dfen.<\/p>\n<div id=\"attachment_85642\" style=\"width: 950px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85642\" class=\"size-full wp-image-85642\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Ernsdorf.png\" alt=\"\" width=\"940\" height=\"788\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Ernsdorf.png 940w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Ernsdorf-300x251.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Ernsdorf-768x644.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><p id=\"caption-attachment-85642\" class=\"wp-caption-text\">Eine Collage mit historischen Zeitungsanzeigen und Postkarten, erstellt mit Canva.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Ein Reisef\u00fchrer durch die Beskiden aus dem 19. Jahrhundert pries vor allem die reine Wald- und Gebirgsluft sowie das Fehlen von Industrie in der n\u00e4heren Umgebung. Den Kurg\u00e4sten wurden Kuren unter \u00e4rztlicher Betreuung, warme B\u00e4der, im Sommer ein Freibad mit Gebirgswasser, Milch und Schafmolke, Massagen, Inhalationen sowie Spazierg\u00e4nge im Wald und in den Bergen angeboten. Im damaligen Kurhaus konnte man Zeitungen und Zeitschriften lesen, Klavier spielen oder eine Partie Billard spielen; im selben Geb\u00e4ude befand sich auch ein Restaurant.<\/p>\n<div id=\"attachment_85653\" style=\"width: 1283px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85653\" class=\"size-full wp-image-85653\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Villa-Langer-Postkarte-1911-col.png\" alt=\"\" width=\"1273\" height=\"832\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Villa-Langer-Postkarte-1911-col.png 1273w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Villa-Langer-Postkarte-1911-col-300x196.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Villa-Langer-Postkarte-1911-col-1024x669.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/SBC-Villa-Langer-Postkarte-1911-col-768x502.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1273px) 100vw, 1273px\" \/><p id=\"caption-attachment-85653\" class=\"wp-caption-text\">Postkarte mit Blick auf die Villa Langer, 1911.<br \/>Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<p>Es war also keineswegs ein Dorf, in das man ausschlie\u00dflich wegen der Ruhe kam. Bad Ernsdorf verf\u00fcgte \u00fcber die gesamte Infrastruktur eines Kurortes, und auch das gesellschaftliche Leben hatte seine kulinarische Seite. Ein \u00fcberlieferter Veranstaltungskalender aus dem Jahr 1860 lud unter anderem zu Sonntags-T\u00e4nzen beim Bierbrauer Bergmann, zu einem Wurstpicknick bei Jakob sowie zu einem Konzert der Kapelle Schippe ein.<\/p>\n<h2>Sanddorn \u2013 eine Pflanze mit preu\u00dfischer Vergangenheit<\/h2>\n<p>In den Materialien \u00fcber Jaworze findet sich auch eine interessante Geschichte des Sanddorns. Einer \u00fcberlieferten Notiz zufolge sollen die Bewohner der neu erworbenen Gebiete w\u00e4hrend der preu\u00dfischen Zeit verpflichtet worden sein, Sanddorn auf kargen B\u00f6den anzupflanzen, um diese zu rekultivieren. Auf diese Weise konnte der Strauch, der auch mit n\u00e4hrstoffarmen B\u00f6den gut zurechtkommt, zu einem Bestandteil der \u00f6rtlichen Landschaft werden. Diese Information zeigt sehr anschaulich, wie sich die Wahrnehmung von Pflanzen ver\u00e4ndern kann. Was einst vor allem eine praktische M\u00f6glichkeit zur Bewirtschaftung unfruchtbarer Fl\u00e4chen gewesen sein mag, gilt heute als \u00e4u\u00dferst wertvoller kulinarischer Rohstoff. Und auch gerade hier kann man wild wachsende Sanddornstr\u00e4ucher finden, w\u00e4hrend man in anderen Orten nach dem Ende der preu\u00dfischen Herrschaft die mit jener Zeit verbundenen Pflanzen eher entfernte.<\/p>\n<div id=\"attachment_85644\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85644\" class=\"size-full wp-image-85644\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-768x768.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/IMG_20260828_182233-1-2048x2048.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><p id=\"caption-attachment-85644\" class=\"wp-caption-text\">Sanddorn wurde einst zur Rekultivierung von Brachfl\u00e4chen und zur Bepflanzung neu angelegter Stadtparks verwendet.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<\/p><\/div>\n<p>Die orangefarbenen Sanddornfr\u00fcchte fallen tats\u00e4chlich sofort ins Auge. Sie erinnern ein wenig an die Fr\u00fcchte der Eberesche, doch ihr Geschmack ist ganz anders \u2013 deutlich s\u00e4uerlich, herb, frisch und ausgesprochen aromatisch. Kein Wunder, dass man sie wegen ihres Gehalts an Vitamin C und anderen wertvollen N\u00e4hrstoffen sch\u00e4tzte. Im Jahr 1911 wurden die wild wachsenden Fr\u00fcchte sogar saisonal angekauft: F\u00fcr ein Kilogramm Fr\u00fcchte samt Zweigen konnte man 40 Pfennig erhalten.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWas einst vor allem eine praktische M\u00f6glichkeit zur Bewirtschaftung unfruchtbarer Fl\u00e4chen gewesen sein mag, gilt heute als \u00e4u\u00dferst wertvoller kulinarischer Rohstoff.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Heute f\u00e4llt es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass der Sanddorn seiner Zeit voraus war. Aus den s\u00e4uerlichen Fr\u00fcchten lassen sich Konfit\u00fcren, Marmeladen, Mus, Sirup oder Lik\u00f6re herstellen. In der heimischen K\u00fcche eignet er sich jedoch besonders gut f\u00fcr Getr\u00e4nke. Seine S\u00e4ure bildet einen wunderbaren Ausgleich zur S\u00fc\u00dfe des Honigs, und zus<\/p>\n<p>ammen mit Gew\u00fcrzen und anderen Fr\u00fcchten entsteht ein Getr\u00e4nk, das etwas von einem alten Kr\u00e4uteraufguss und zugleich etwas von einem modernen kulinarischen Experiment in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<h2>\u201eHei\u00dfer Sanddorn\u201c f\u00fcr Herbsttage<\/h2>\n<p>\u201eHei\u00dfer Sanddorn\u201c k\u00f6nnte ein Getr\u00e4nk sein, das man nach einem Herbstspaziergang im ehemaligen Kurpark serviert. Auf der einen Seite der s\u00e4uerliche, goldene Sanddorn, auf der anderen die s\u00fc\u00dfe Birne und der Honig, dazwischen die w\u00fcrzigen Noten von Zimt, Anis und Ingwer. Ein Geschmack, der sehr gut zu Jaworze passt \u2013 einem Ort an der Schnittstelle von Kurgeschichte, Beskidennatur und allt\u00e4glicher K\u00fcche.<\/p>\n<p><strong>Zutaten f\u00fcr 1 Tasse:<\/strong><\/p>\n<p>1 Teel\u00f6ffel einer Mischung aus Sanddornbeeren, ger\u00f6steten Birnenst\u00fcckchen, Ingwer, Zimt und Anis<\/p>\n<p>kochendes Wasser<\/p>\n<p>Honig nach Geschmack.<\/p>\n<p><strong>Zubereitung:<\/strong><\/p>\n<p>Die Mischung in eine Tasse geben, mit kochendem Wasser \u00fcbergie\u00dfen und zugedeckt 5\u201310 Minuten ziehen lassen. Anschlie\u00dfend nach Belieben mit Honig s\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Dem Aufguss kann man auch einige frische oder tiefgek\u00fchlte Sanddornbeeren sowie eine d\u00fcnne Birnenscheibe hinzuf\u00fcgen. Den Honig gibt man am besten erst dazu, wenn das Getr\u00e4nk etwas abgek\u00fchlt ist.<\/p>\n<h2>Vom Kurpark auf den K\u00fcchentisch<\/h2>\n<p>Und vielleicht liegt genau darin der Reiz des Sanddorns. Er braucht keine aufwendige Inszenierung. Eine Tasse hei\u00dfes Getr\u00e4nk, s\u00e4uerliche goldene Fr\u00fcchte und das Bewusstsein, dass irgendwo zwischen dem ehemaligen Kurpark, dem Kurrestaurant und den Beskidenwegen eine Pflanze w\u00e4chst, die \u00fcber viele Jahre ein ganz gew\u00f6hnlicher Bestandteil der Landschaft war und heute wieder ihren Weg auf unsere Tische findet.<\/p>\n<div id=\"attachment_85646\" style=\"width: 954px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85646\" class=\"size-full wp-image-85646\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Wikimedia_Ernsdorf._\u2013_Schlosspark.png\" alt=\"\" width=\"944\" height=\"606\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Wikimedia_Ernsdorf._\u2013_Schlosspark.png 944w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Wikimedia_Ernsdorf._\u2013_Schlosspark-300x193.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Wikimedia_Ernsdorf._\u2013_Schlosspark-768x493.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 944px) 100vw, 944px\" \/><p id=\"caption-attachment-85646\" class=\"wp-caption-text\">Der Park am Schloss der Familie Saint Genois d\u2019Anneaucourt, dank derer die Ortschaft zu einem beliebten Kurort wurde.<br \/>Quelle: Wikimedia<\/p><\/div>\n<p>Bad Ernsdorf hatte seine Quellen, B\u00e4der, den Park und die Bergluft. Und der Sanddorn? Vielleicht war er einer jener unscheinbaren Sch\u00e4tze, die auf ihre kulinarische Zeit gewartet haben.<\/p>\n<p>In unserem Garten haben wir zwei Sanddornstr\u00e4ucher. Die Fr\u00fcchte sammle ich ziemlich lange, einen Teil davon verarbeite ich zu einer k\u00f6stlichen Konfit\u00fcre, einen Teil friere ich f\u00fcr den Winter ein, und der Rest dient uns zum direkten Verzehr \u2013 als Beigabe mit Honig zum abendlichen Tee oder f\u00fcr einen K\u00e4sekuchen, der mit einem Zuckerguss und frischem Sanddornsaft vollendet wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Pflanze zwischen Kurpark, Beskiden und K\u00fcche Es gibt Pflanzen, die fest in die Landschaft eines Ortes geh\u00f6ren, auch wenn ihre Anwesenheit \u00e4lter ist als der kulinarische Trend, der sie heute neu entdeckt. 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