{"id":85280,"date":"2026-08-29T05:00:03","date_gmt":"2026-08-29T03:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/?p=85280"},"modified":"2026-08-28T15:03:45","modified_gmt":"2026-08-28T13:03:45","slug":"nicht-nur-wein-eine-kulinarische-reise-durch-die-gruenberger-gegend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/de\/nicht-nur-wein-eine-kulinarische-reise-durch-die-gruenberger-gegend\/","title":{"rendered":"Nicht nur Wein. Eine kulinarische Reise durch die Gr\u00fcnberger Gegend"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zielona G\u00f3ra, der n\u00f6rdlichste Zipfel des ehemaligen Niederschlesien, ging mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf. Im Leben geschieht nichts zuf\u00e4llig, und wahrscheinlich sollte es so sein, dass ich mich ein weiteres Mal einer inneren Revision unterziehe \u2013 einerseits, indem ich mich der reizvollen Natur aussetze und nach lokalen Geschm\u00e4ckern suche, an die man sich heute nicht mehr so recht erinnern m\u00f6chte, und andererseits, indem ich die eingefangenen schlesischen Bilder gewisserma\u00dfen verdaue.<\/strong><!--more--><\/p>\n<h2>Drentkau: Ein Dorf und seine K\u00fcche<\/h2>\n<p>Im Vordergrund meiner Reise standen zun\u00e4chst zwei ruhige Winkel: Drzonk\u00f3w und Zatonie. Einst eigenst\u00e4ndige D\u00f6rfer, heute Vororte von Zielona G\u00f3ra. Auf einer gefundenen alten Postkarte entdeckte ich vier Ansichten, versehen mit dem Text \u201eGru\u00df aus Drentkau\u201c: der Gasthof von H. Bock, die Schule, das Gutshaus und die zum Gut geh\u00f6rende Dampfziegelei. Im Adressbuch von 1914\/15 erscheint Hugo Bock als Schankwirt und Kaufmann. Neben ihm werden der Fleischer Gustav Fechner, der M\u00fcller August Jobke und der B\u00e4cker Emil Scholz genannt. Diese Zusammenstellung der Berufe ist \u00fcbrigens h\u00f6chst aufschlussreich. Das Dorf hatte offenbar alles, was es brauchte, um seine Bewohner zu versorgen: Die M\u00fchle lieferte das Mehl, der B\u00e4cker buk das Brot, der Fleischer lieferte das Fleisch, und der Gasthof verwandelte diese Erzeugnisse in Mahlzeiten f\u00fcr seine G\u00e4ste.<\/p>\n<div id=\"attachment_85281\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85281\" class=\"size-large wp-image-85281\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912-1024x662.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"662\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912-1024x662.jpg 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912-300x194.jpg 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912-768x496.jpg 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912-1536x992.jpg 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MNWR-Dorf-Drentkau-bei-Gruengerg-in-Schlesien-vor-1912.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-85281\" class=\"wp-caption-text\">Vier Dorfansichten: das Gasthaus von Hugo Bock; die Schule; das eingeschossige Gutshaus; die zum Gut geh\u00f6rende Dampfziegelei, in der Ziegel aus heimischem Rohstoff hergestellt wurden.<br \/>Stempeldatum: 1.9.13.<br \/>Quelle: Sammlung des Nationalmuseums in Wroc\u0142aw (MNWR)<\/p><\/div>\n<p>Vor dem Eingang steht ein Pferd, vor einen Wagen gespannt, daneben die Bewohner in ihrer Alltagskleidung, und \u00fcber allem liegt eine ruhige d\u00f6rfliche Stra\u00dfe. Ich tr\u00e4umte davon, aus einer Kutsche zu steigen, den Wirt zu begr\u00fc\u00dfen und die Gaststube zu betreten. Meine Reise war zwar nicht weit, aber wie immer interessierte mich vor allem die Frage, was man hier wohl essen konnte. Eine mit Eigelb legierte Biersuppe? Bratwurst mit Sauerkraut? Vielleicht auch \u00fcberbackene Kartoffeln mit Sahne? Hugo Bock pries ein Tagesgericht an: Birnensuppe mit Kl\u00f6\u00dfchen. Wahrscheinlich hatte die K\u00f6chin daf\u00fcr bereits nachgereifte Wildbirnen verwendet. Einem solchen Angebot kann man wohl kaum widerstehen.<\/p>\n<h2>Von der Birnensuppe zum Gr\u00fcnberger Bier<\/h2>\n<p>Der zarte Duft von Birnen und die auf der Zunge zergehenden Kl\u00f6\u00dfchen verschwanden pl\u00f6tzlich irgendwo. Und ich fand mich in Zatonie, dem ehemaligen G\u00fcnthersdorf. Hier befand sich das Schloss der F\u00fcrstin Dorothea de Talleyrand-P\u00e9rigord, umgeben von einer weitl\u00e4ufigen Parkanlage. Zum Gut geh\u00f6rten au\u00dferdem eine Dampfbrennerei und eine Brauerei, deren Gr\u00fcnder Wilhelm Br\u00fcssel war. Im Jahr 1875 begann er mit der Bierproduktion \u2013 zun\u00e4chst vor allem f\u00fcr den Bedarf seiner eigenen Gastwirtschaft. Gebraut wurden helles und dunkles Bier. Nach Wilhelms Tod \u00fcbernahmen seine S\u00f6hne den Betrieb; im Jahr 1915 wurde schlie\u00dflich nur noch Paul Br\u00fcssel als Besitzer genannt.<\/p>\n<div id=\"attachment_85283\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85283\" class=\"size-large wp-image-85283\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten-1024x382.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten-1024x382.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten-300x112.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten-768x287.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten-1536x573.png 1536w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PBC-Rzeszow-Dr.-Oetkers-Schul-Kochbuch-1929-Suelzkoteletten.png 1672w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-85283\" class=\"wp-caption-text\">S\u00fclzkoteletten, eines der vielen Gerichte, die auf Gr\u00fcnberger Tischen serviert wurden. Der Ser-viervorschlag stammt aus dem \u201eDr. Oetkers Schul-Kochbuch\u201c (1927).<br \/>Quelle: Digitale Bibliothek von Karpatenvorland<\/p><\/div>\n<p>Heute gibt es an der Stelle des ehemaligen Gasthofs ein kleines Gesch\u00e4ft \u201eDelikatessen der F\u00fcrstin\u201c. Ich ging hinein, sah mich um und bestellte einen Kaffee. Der Becher trug eine passende Aufschrift, und das hei\u00dfe Getr\u00e4nk schmeckte durchaus anst\u00e4ndig. Ich kam mit einem jungen Verk\u00e4ufer ins Gespr\u00e4ch und fragte ihn nach dem Geb\u00e4ude im hinteren Teil, \u00fcber dem ein hoher Schornstein aufragte. Vom ehemaligen Brauhaus wusste er aber nichts.<\/p>\n<h2>Der Gasthof als Dorf-Salon<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend ich meinen Kaffee trank, lie\u00df ich einen Blick \u00fcber das heutige Bierangebot schweifen. Schlie\u00dflich war Bier ein wichtiger Bestandteil der schlesischen Tafel, und das historische Gr\u00fcnberg hatte durchaus seine eigene Bierkultur. Eine Verbindung, die vielleicht nicht auf den ersten Blick naheliegt, denn bis heute ist die Stadt vor allem f\u00fcr ihren Weinbau bekannt. Ein im ehemaligen Gasthof getrunkener Krug Bier bedeutete jedoch weit mehr als nur das Getr\u00e4nk selbst: Er war eine Pause nach der Feldarbeit, Teil eines Treffens zwischen M\u00fcller und G\u00e4rtner, zwischen B\u00e4cker und F\u00f6rster und manchmal auch ein Zwischenstopp f\u00fcr Reisende, die von Gr\u00fcnberg weiter nach S\u00fcden unterwegs waren.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGerade in solchen kleinen Orten entsteht die wertvollste kulinarische Geschichte \u2013 nicht festgehalten in gro\u00dfen Speisekarten, sondern verborgen in Adressb\u00fcchern, alten Postkarten und einfachen Speisepl\u00e4nen gew\u00f6hnlicher Menschen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Gasthof war der Dorf-Salon, Nachrichtenb\u00f6rse und wahrscheinlich auch der Ort, an dem man \u00fcber Getreidepreise, das Wetter und die bevorstehende Ernte sprach. Beim Krug setzte man sich zusammen und redete, und zur Mittagszeit oder am Abend st\u00e4rkte man sich mit einer kr\u00e4ftigen Suppe, gekocht mit dem f\u00fcr die Region typischen dunklen Bier, dem Gr\u00fcnberger Porter.<\/p>\n<h2>Spuren einer vergangenen Welt<\/h2>\n<p>Viele der alten Geb\u00e4ude in Drzonk\u00f3w und Zatonie haben ihre Funktion ver\u00e4ndert. Dennoch l\u00e4sst die Struktur des alten Ortes noch immer Spuren jener Welt erkennen: der Gasthof an der Brauerei in Zatonie, Gutshaus und Vorwerk in Drzonk\u00f3w, die d\u00f6rflichen Wege, die zum Gasthof oder zur B\u00e4ckerei f\u00fchrten, wo jahrzehntelang der Duft von frischem Brot in der Luft lag.<\/p>\n<div id=\"attachment_85285\" style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85285\" class=\"size-full wp-image-85285\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Canva-Zatonie-i-Guenthersdorf.png\" alt=\"\" width=\"544\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Canva-Zatonie-i-Guenthersdorf.png 544w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Canva-Zatonie-i-Guenthersdorf-300x290.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 544px) 100vw, 544px\" \/><p id=\"caption-attachment-85285\" class=\"wp-caption-text\">Oben eine Postkarte mit Blick auf die Brauerei und das Gasthaus der Familie Br\u00fcssel (Ende des 19. Jahrhunderts), unten eine zeitgen\u00f6ssische Aufnahme.<br \/>Foto: Ma\u0142gorzata Janik<br \/>Quelle: niederschlesien.info<\/p><\/div>\n<p>Gerade in solchen kleinen Orten entsteht die wertvollste kulinarische Geschichte \u2013 nicht festgehalten in gro\u00dfen Speisekarten, sondern verborgen in Adressb\u00fcchern, alten Postkarten und einfachen Speisepl\u00e4nen gew\u00f6hnlicher Menschen. Und solange Menschen danach suchen, wird diese Geschichte weiterleben. Denn wir selbst sind die Tr\u00e4ger der Kultur des Landes, auf dem zu leben uns gegeben ist.<\/p>\n<h2>Souvenirs f\u00fcr K\u00f6rper und Seele<\/h2>\n<p>Nach Hause kehrte ich mit einem Kopf voller Gedanken und \u2026 einem mit allerlei Kostbarkeiten beladenen Auto zur\u00fcck. Die Souvenirs dieser Reise waren duftende Fr\u00fcchte aus den Gr\u00fcnberger Obstg\u00e4rten, Wein vom Weingut MI\u0141OSZ sowie S\u0141ONE, lokale Biere, Honig, Lik\u00f6re, Wildbret und B\u00fccher. Etwas f\u00fcr den K\u00f6rper und etwas f\u00fcr die Seele. Pilze habe ich im Wald zwar keine gefunden, daf\u00fcr stie\u00df ich auf eine ganz andere Geschichte, die mich tief ber\u00fchrt hat. Aber davon bald mehr.<\/p>\n<h2>Zum Abschluss: ein schlesisches Gurkenrezept<\/h2>\n<p>Diese sommerliche Schlesienreise m\u00f6chte ich mit einem Originalrezept f\u00fcr aromatische und geschmacksintensive Gurken abrunden. Sie werden den waldigen Charakter des Wildbrets ganz hervorragend unterstreichen:<\/p>\n<div id=\"attachment_85289\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-85289\" class=\"size-large wp-image-85289\" src=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ZBC-Henriette-Pelz-Senfgurken-1024x531.png\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"531\" srcset=\"https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ZBC-Henriette-Pelz-Senfgurken-1024x531.png 1024w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ZBC-Henriette-Pelz-Senfgurken-300x155.png 300w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ZBC-Henriette-Pelz-Senfgurken-768x398.png 768w, https:\/\/neueswochenblatt.pl\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/ZBC-Henriette-Pelz-Senfgurken.png 1420w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><p id=\"caption-attachment-85289\" class=\"wp-caption-text\">Originalrezept nach dem \u201eSchlesischen Kochbuch\u201c von Henriette Pelz, herausgegeben in Breslau im W. G. Korn Verlag (1918).<br \/>Quelle: Gr\u00fcnberger Digitale Bibliothek<\/p><\/div>\n<h3>Senfgurken<\/h3>\n<p>Gelbe Schlangengurken werden gesch\u00e4lt, der L\u00e4nge nach je nach Gr\u00f6\u00dfe in mehrere Teile geteilt, von den Kernen befreit und in fingerlange St\u00fccke geschnitten. Diese vermischt man mit Salz (auf 500 g Gurkenst\u00fccke 25 g Salz) und l\u00e4sst sie 24 Stunden so stehen.<\/p>\n<p>Danach trocknet man sie ab und schichtet sie abwechselnd mit Senfk\u00f6rnern, Meerrettichw\u00fcrfeln, abgesch\u00e4lten Perlzwiebeln und hin und wieder einer Pimentschote in einen Steintopf. Dann kocht man so viel Essig, wie man zum \u00dcbergie\u00dfen der Gurken zu brauchen glaubt, mit etwas Salz und Zucker auf (auf 1 l Essig 10 g Zucker und 10 g Salz) und gie\u00dft ihn, nachdem er erkaltet ist, \u00fcber die Gurken. Die T\u00f6pfe werden mit Papier zugebunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zielona G\u00f3ra, der n\u00f6rdlichste Zipfel des ehemaligen Niederschlesien, ging mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf. 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